Die höfische Gesellschaft (Norbert Elias)

Von Ralf Keuper

Mit seinem Buch Die höfische Gesellschaft legte der bekannte Kultursoziologe Norbert Elias eine Gesellschaftsanalyse vor, die nur auf den ersten Blick für eine bestimmte Epoche, die er als die höfische bezeichnet, gültige Aussagen liefert.

Dabei legt Elias für seine Analyse die Figuration als zentralen Begriff zugrunde:

Die Tatsache, dass sich Figurationen, die Menschen miteinander bilden, oft weit langsamer ändern als die Menschen, die sie jeweils bilden, und dass dementsprechend jüngere Menschen in die gleichen Positionen eintreten können, die ältere verlassen haben, die Tatsache kurzum, dass gleiche oder ähnliche Figurationen oft genug geraume Zeit hindurch von verschiedenen Individuen gebildet werden können, läßt es so erscheinen, als ob die Figurationen eine Art von >>Existenz<< außerhalb von Individuen haben. Mit dieser Augentäuschung hängt der verfehlte Gebrauch der Begriffe >>Gesellschaft<< und >>Individuum<< zusammen, der es so erscheinen lässt, als ob es sich hier um zwei getrennte Gegenstände mit verschiedener Substanz handle.

Damit hat Elias die Richtung für die weitere Untersuchung festgelegt und erteilt allen Analysen, die unabhängig von Einzelmenschen glauben agieren zu können, wie >>Systemen<<, eine Absage.

Historisch steht die lange Herrschaftszeit Ludgwigs XIV im Zentrum der Betrachtung. Für Elias ist die Regentschaft des Sonnenkönigs ein Präzendenzfall dafür, wie sehr die Interdependenzen der Gruppen einer Gesellschaft untereinander das Verhalten bzw. den Habitus ihrer Mitglieder über mehrere Generationen hinweg determinieren können. Obschon die Zeit Ludwigs XIV bereits geraume Zeit zurückliegt, ist Elias der Ansicht, dass die Beschäftigung mit ihr sehr wohl auch für unsere Zeit wertvolle Hinweise liefern kann:

Was hier über die höfische Gesellschaft gesagt wurde, kann den Zugang zum Verständnis der Zusammenhänge von Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen und Werthaltungen erleichtern. Wenn man in einer Gesellschaft aufwächst, in der der Besitz des Adelstitels höher rangiert als der Besitz erworbener Reichtümer, und in der die Zugehörigkeit zum Hofe des Königs oder gar das Privileg des Zutritts zur Person des Königs – entsprechend der existierenden Machtstruktur – als Lebenschance in der Skala der gesellschaftlichen Wertsetzungen und Normen ausrichten und an dem Konkurrenzkampf um solche Chancen zu beteiligen, sofern die soziale Position der eigenen Familie und die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten die Möglichkeit dazu gibt. … Diese Wertinterdependenz verringert mit anderen Worten die Möglichkeit, dass ein einzelner Mensch heranwächst, ohne dass solche gesellschaftlichen Werthaltungen ein Teil seiner selbst werden.

Man braucht sich eigentlich nur die Werthaltungen unserer Gesellschaft bezogen auf die Arbeitswelt, wie Flexibilität, Mobilität, Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit, Offenheit für andere Kulturen usw. vor Augen zu führen, um zu verstehen, was er damit gemeint hat.

Dennoch ist Elias weit davon entfernt, in die Rolle des Zynikers zu schlüpfen, sieht er doch in all den Bemühungen um gesellschaftliche Anerkennung der Invididuen eine Entwicklung, in deren Verlauf neben den flüchtigen Werten auch dauerhaftere die Chance haben, sich zu etablieren, was neue Einsichten ermöglicht.

Bei allem äußeren Glanz des höfischen Lebens unter Ludwig XIV legt die soziologische Analyse den Blick auf ein Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten frei, das die einzelnen Individuen in das Korsett festgelegter Rollen zwängte, aus denen es kein Entrinnen gab, wenn man sich nicht selbst aus dem Spiel um Macht und Ansehen hinauskatapultieren wollte. Insofern entsteht der Eindruck von Marionetten bzw. Gefangenen der Konvention.

Nun ist für Elias an der Zeit, die Verbindungslinie von der höfischen Gesellschaft bis in unsere Tage zu zeichnen:

Wenn man derart einige der >>basic personality characteristics<< oder, wie man zuweilen ausdrückt, den >>Geist<< der höfischen Menschen aus dem Gesellschaftsaufbau, aus der Figuration, aus dem Interdependenzgeflecht, das sie miteinander bilden, hervorgehen sieht, wenn man begreift, wie sie sich und ihre Äußerungen in einer ganz anderen Sphäre, nach einer ganz anderen Richtung, am intensivsten und nuanciertesten durchformten als wir, weil gerade diese Richtung, diese Sphäre der Durchformung für sie lebenswichtig war, wird zugleich etwas von der Entwicklungskurve sichtbar, die von jener Menschengestaltung zu der unseren führt und mit ihr auch das, was wir bei dieser Transformation gewonnen und verloren haben.

Doch damit nicht genug. Ausgehend von der Organisation des Hofes Ludwigs XIV mit seinen Problemen, lassen sich auch Parallelen zu heutigen Großorganisationen ziehen:

Trotz des formalen, auf schriftlichen Verträgen und schrftlichen Unterlagen augebauten Organisationsrahmens, der in der Staatsorganisation Ludwig XIV vorerst noch rudimentär und nur stellenweise entwickelt war, gibt es auch in vielen Großorganisationen unserer Tage, selbst in industriellen und kommerziellen Großorganisationen, Statusrivalitäten, Schwankungen des Spannungsgleichgewichts zwischen Teilgruppen, Ausnutzung interner Rivalitäten durch Übergeordnete und manche andere Erscheinungen, die bei der Untersuchung der höfischen Verflechtungen ins Blickfeld traten. Aber da die Hauptregelung der menschlichen Beziehungen in Großorganisationen formal in höchst umpersönlicher Art festgelegt ist, haben solche Erscheinungen heute gewöhnlich einen mehr oder weniger inoffiziellen oder informalen Charakter. Man findet dementsprechend in der höfischen Gesellschaft noch ganz offen und in großem Maßstabe manche Erscheinungen, denen man heute oft weit versteckter und verdeckter unter der Decke der hochbürokratisierten Organisation begegnet.

Die höfische Gesellschaft war, nachdem sie sich eingespielt hatte, in der Lage, durch einen Formalisierungsprozess, genau die Sitten und Gebräuche „bis in die Art des Sprechens, der Kleidung und selbst der Bewegungen des Körpers beim Gehen und der Gesten bei der Unterhaltung hinein“ hervorzubringen, die den Zutritt für Nicht-Eingweihte deutlich erschwerte, wenn nicht unmöglich machte:

Es wurde schwerer als zuvor für Menschen, die nicht in der Hofluft aufgewachsen waren oder frühzeitig Zutritt zu höfischen Verkehrskreisen erlangten, die persönlichen Charakterzüge in sich auszubilden, durch die sich die aristokratischen Menschen des Hofes von den nicht-höfischen Adligen und den nicht-höfisch Bürgerlichen unterschieden und an denen sie sich gegenseitig erkannten.

Einige der geschilderten Mechanismen wirken auch bis in unsere Tage hinein, wie es beispielsweise Pierre Bourdieu in Die feinen Unterschiede dargelegt hat.

Weitere Informationen:

Norbert Elias und der frühneuzeitliche Hof – Versuch einer Kritik und Weiterführung

“Ich und Karl der Grosse. Das Leben des Höflings Einhard” von Steffen Patzold

Norbert Elias: Vom Außenseiter zum Klassiker

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