Seit dem Mittelalter hatten die Deutschen, als Nation, ihr Gewicht gegenüber anderen Nationen nie völlig eingesetzt (Golo Mann)

Seit dem Mittelalter hatten die Deutschen, als Nation, ihr Gewicht gegenüber anderen Nationen nie völlig eingesetzt. Teils, weil sie durch ihnen fremde diplomatische Künste paralysiert wurden, teils, weil ihre eigenen Regenten sie zu mäßigen verstanden. Das zweite, nicht das erste, wollte Gentz. Ein deutscher Politiker musste für ihn zugleich ein europäischer sein, verantwortlich für die Freiheit Europas von jeder, auch von deutscher Überzeugung. Ein solcher Politiker war er selber, seiner Überzeugung und seinem Typ nach. In seiner Bildung, seiner Sprache selbst mischten sich deutsche und westliche Elemente. Wie aber, wenn die Deutschen diese übernationale Mäßigung nun plötzlich als Hochverrat empfanden? Wenn sie so “deutsch” wurden, wie Louis XIV. französisch gewesen war, und das, was Napoleon mit ihnen gemacht hatte, bei besserer Erfolgschance mit Europa zu machen begannen? Wenn die brutale Begeisterung für das, was sie selber waren, an Stelle der europäischen Bildung trat? Wenn sie ihren Angriff auf die bestehende Ordnung noch obendrein mit der Sache der Demokratie, des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu verbinden täuschend vorgaben?

Quelle: Golo Mann: Friedrich von Gentz. Gegenspieler Napoleons – Vordenker Europas

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Anton Zeilinger: Naturwissenschaft und Religion – Ein Scheinkonflikt

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Die Logik der Sozialwelt – Günter Dux im Gespräch mit Ulrich Bröckling und Axel T. Paul

Günter Dux ist Begründer der historisch-genetischen Theorie der Gesellschaft, die er seit Ende der 1960er-Jahre systematisch ausgearbeitet hat. Sein im Hinblick auf Anspruch und Reichweite mit Niklas Luhmanns Systemtheorie und Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns vergleichbares Forschungsprogramm umfasst zum einen eine Konstitutionstheorie des Sozialen, welche die Entstehung von Bewusstsein, Sinn und Kultur im Anschluss an naturale Bedingungen rekonstruiert. Zum anderen expliziert es eine Theorie der Geschichte, in der praktisch-soziale Anforderungen an die Lebensführung die Subjekte einerseits zur Fortentwicklung ihrer Denkformen nötigen und diese Denkformen andererseits den Rahmen ihres Welt- und Selbstverständnisses abstecken. Die von Dux behandelten Themen reichen von der Hominisation bis zur modernen Demokratie, von der neolithischen Ausbildung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bis zu den Glaubenskämpfen der Gegenwart, von der Genese des Zeitbegriffs bis zur historischen Entwicklung moralischer Kategorien. Mit der für 2018 geplanten Veröffentlichung der letzten Bände der Gesammelten Schriften (bei Springer VS) liegen die Monografien sowie die wichtigsten Aufsätze Dux’ erneut in gebündelter Form vor. …

Quelle / Link: Die Logik der Sozialwelt – Günter Dux im Gespräch mit Ulrich Bröckling und Axel T. Paul

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“KL – Künstliches Leben aus dem Computer” von Steven Levy

Von Ralf Keuper

Die Wissenschaft vom Künstlichen Leben steht im Schatten ihrer “Schwester”, der Künstlichen Intelligenz. Einer der Wegbereiter des Künstlichen Lebens war der “Vater” der Digitalisierung, John von Neumann, so Steven Levy in seinem Buch KL – Künstliches Leben aus dem Computer. Von Neumann machte sich in den 1940er Jahren daran, einen Zellularautomaten zu entwerfen, der berechnungs- und konstruktionsuniversell war. Dieser Automat sollte sich auf die Probleme biologischer Organisation, Selbstreproduktion und der Evolution von Komplexität anwenden lassen.

Doch was ist eigentlich Künstliches Leben aus dem Computer?

Künstliches Leben (KL) widmet sich der Gestaltung und Erforschung lebensähnlicher Organismen und Systeme, die von Menschen geschaffen wurden. Die Natur dieses Materials ist anorganisch, ihr Kern ist Information, und Computer sind die Brutkästen, die diese neuen Organismen hervorbringen. Ebenso wie die medizinische Forschung es geschafft hat, Lebensvorgänge teilweise in Reagenzgläsern ablaufen zu lassen, so hoffen Biologen und Computerspezialisten, Leben in Siliciumchips zu erschaffen.

Die wichtigsten Impulse bei der Erforschung des Künstlichen Lebens stammen von dem Biologen Christopher Langton.

Langton versuchte, eine allgemeine Qualität des Lebendigen zu bestimmen, die Bereiche aufzuzeigen, in denen Leben gut gedeihen kann. Er konzentrierte sich auf Universen von Zellularautomaten und machte Tausende von Experimenten, um den Grenzbereich exakt zu bestimmen, in dem sie noch in der Lage waren, Informationen zu verbreiten. Warum war nun diese Fähigkeit wichtig? Nach Langtons Auffassung gehörte die Weiterleitung und das Speichern von Informationen zu den unabdingbaren Merkmalen des Lebens.

“Es ist unzweifelhaft, dass die meisten lebenden Dinge, die wir kennen, physikalische Verkörperungen von Information tragenden Wesen sind”, erklärte er später. “Ein großer Teil dessen, was sie tun, basiert auf der Weiterleitung von Informationen, also nicht nur auf der Weiterleitung von Materialien oder von Energie, sondern von Informationen. Lebende Organismen benutzen Informationen, um sich zu erneuern, um Futter zu orten, also ihre Lebensvorgänge durch Beibehaltung der inneren Struktur aufrecht zu erhalten … und diese Struktur selbst ist Information. Man muss daraus schließen, dass in lebenden Systemen die Informationsauswertung tatsächlich die Kontrolle übernommen hat und über den Einsatz der Energie bestimmt”.

Ein weiterer Pionier war Steen Rasmussen, der auf der zweiten KL-Konferenz mit seiner Abhandlung Aspects of Information, Life, Reality, and Physics für Aufsehen sorgte.

Seine Thesen:

  1. A universal computer at the Turing machine level can simulate any physical process (Physical Church-Turing thesis).
  2. Life is a physical process.
  3. There exist criteria by which we are able to distinguish living from non-living objects.
  4. An artificial organism must perceive a reality R2, which, for it, is just as real as our “real” reality, R1, is for us (R1 and R2 may be the same).
  5. R1 and R2 have the same ontological status.
  6. It is possible to learn something about the fundamental properties of realities in general, and of R1 in particular, by studying the details of different R2’s. An example of such a property is the physics of a reality.

Ein weiterer Meilenstein war die Einführung Genetischer Algorithmen und sog. complex adaptive systems (cas) durch John Holland.

Ein Algorithmus ist eine Art Formel, ein Rezept oder ein Schlüssel zur Lösung eines Problems. Hollands Algorithmus beruhte auf genetischen Prinzipien. Dieser GA bedeutete in zweierlei Hinsicht einen wertvollen Durchbruch: Zunächst einmal bediente er sich der Evolution, um optimierte Funktionen im Computer zu entwicklen. Außerdem ermöglichte der GA einen Einblick in die Arbeitsweise der Evolution, und eröffnete die Möglichkeit, natürliche Phänomene zu untersuchen. Er lehnte sich an natürliche Prinzipien an und verkörperte die hauptsächlichen Merkmale der Evolution.  …

Der genetische Algorithmus übersetzt diesen Prozess (Mutation) in den Bereich reiner Logik und Mathematik, wobei das Genom als Kette binärer Zahlen wiedergegeben wird. Diese Kette kann im übertragenen Sinne als Chromosom angesehen werden, auf dem die Gene an bestimmten Orten oder Loci angesiedelt sind. Die unterschiedlichen Variationen dieser Gene werden Allele genannt. Bei einem GA kann jede markierte Stelle auf den Ketten als Gen betrachtet werden, wobei die Allele Sätze von binären Alternativen wären, also Pakete von Einsen und Nullen, die an bestimmten Orten auf den einzelnen Ketten liegen würden.

Weiterer Höhepunkt war die “Entdeckung” der ersten Computerviren, wie der Brain-Virus. Die Ähnlichkeit zwischen natürlichen und künstlichen Viren ist auffallend:

Beide teilen das Schicksal, unvollständige Organismen zu sein, die ihre Bestimmung nur durch Ausbeutung eines Wirtsmechanismus erfüllen können. Beide sind reine Überlebensmechanismen mit der Aufgabe, ihre Substanz, ein Stück Information, zu erhalten. Sie tun die gleichen Dinge aus den gleichen Gründen: Sie infizieren, replizieren sich und infizieren danach erneut, nur um diese kostbaren Daten zu erhalten.

Das Beispiel der Computerviren zeigt, dass KL außer Kontrolle geraten kann:

Im Kielwasser der Viren werden zweifellos andere autonome Organismen entwickelt werden. Durch die Verwendung biologischer Mechanismen, die es dem natürlichen Leben gestatten, sich nach eigenen Regeln der Tauglichkeit zu entwickeln, schafft man unweigerlich Organismen, die sich nach ihren eigenen Bedürfnissen verhalten, gleichgültig, ob das mit den Zielen des Konstrukteurs im Einklang steht oder nicht. Diese Eigenschaft erlaubt es künstlichen Organismen, ständig innovative Lösungen zu den Problemen zu finden, mit denen die Wissenschaftler sie konfrontieren. Wie beinhaltet aber auch das Risiko, dass die Organismen in einer Weise mutieren, die sie vielleicht in die Lage versetzt, sich zu fragen, warum sie sich eigentlich um das kümmern sollten, was der Forscher von ihnen verlangt.

Das führt zu einem echten Dilemma:

Unser Interesse und unsere Fähigkeit, andersartige Nachfolger zu erschaffen, könnte nicht so sehr eine Komponente irgendeiner universellen Harmonie sein, sondern vielmehr ein fataler genetischer Defekt, eine schlecht konzipierte evolutionäre Einbahnstraße, die zur Schaffung von KL-Organismen führt, die nichts Eiligeres zu tun haben, als uns auszurotten. Wäre das der Fall, würden diejenigen, die das Künstliche Leben als Kreation von autonomen, entwicklungsfähigen Organismen steuern, die Nachfolge der Romanfigur Victor Frankenstein antreten, der nicht so sehr durch seine eigene Kreation zugrunde gerichtet wurde als vielmehr durch seine Leidenschaft, mit dem zu Recht Verbotenen herumzuhantieren.

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Prominentenwahn (Holger Rust)

Ein anderes Ritual des Spießers ist sein Prominentenwahn. Normalerweise ist ja Prominenz etwas Erworbenes, etwas, das mit außergewöhnlicher Leistung zu tun hat. Beim Prominentenwahn ist das nicht mehr so. Da werden die Auserwählten am Fließband produziert. Denn in einem sich „explosionsartig ausbreitenden Medienuniversum“ – in den „Nullmedien“ – fordert der Konkurrenzkampf ständig das neue Sensationelle. Und das behält dennoch immer seine alten Inhalte. Die stets alten und neuen Prominenten werden zu den Exhibitionisten, zu „Hunderten von nichtssagenden Komparsen und Komparsinnen“, die als „Stars auf den Seiten einer aufgekratzten Journaille“ konkurrieren: die Models und Moderatoren und die Politiker – Claudia Schiffer, Verona Feldbusch, Hiltrud (Hillu) Schröder, Birgit Schrowange, Arabella Kiesbauer und Nina Ruge, um nur einige der wechselnden Berühmtheiten zu nennen. Das Publikum, der Voyeur, ist begeistert. Das Leben ist eine „Klatschrunde“.

Quelle: Die Revolution des Spießertums.Wenn Dummheit epidemisch wird

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Die Neigung, die grossen Staatshandlungen gutzuheissen und zu bewundern (Johan Huizinga)

Handlungen gegenüber, die durch den Staat oder im Namen des Staates verrichtet werden, verschwindet beim großen Publikum immer mehr jede sittliche Beurteilung. Ausgenommen natürlich den Fall, wenn der handelnde fremde Staat oder die handelnde Partei im eigenen Staat zum vornherein als Feind betrachtet wird. Doch die Neigung, die grossen Staatshandlungen gutzuheissen und zu bewundern, gilt nicht allein für den eigenen Staat. Die Anbetung des Erfolgs, die schon wirtschaftliche Verfehlungen gegenüber die Verurteilung zu mildern pflegt, ist imstande, im politischen Urteil die Missbilligung beinahe vollständig zu verdrängen. Dies geht so weit, dass viele bereit sind, selbst ein politisches Ergebnis, das sich auf Lehrsätze beruft, die man verabscheut, in dem Masse gutzuheißen, als das verfolgte Ziel dabei erreicht scheint. Ohne imstande zu sein, die Art des Zieles, des Strebens und der Mittel oder den Grad wirklicher Realisierung des Ideals zu beurteilen, freut sich der Zuschauer an äußeren Zeichen des Erfolgs, die für den Zeitungsleser und Reisenden in seinem Beobachtungsbereich liegen. So wird er ein politisches System, das er anfänglich verachten, dann fürchten zu müssen glaubte, allmählich mit Ehrerbietung zu begrüssen beginnen und endlich als heilsam anerkennen und bewundern.

Quelle: Im Schatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Leidens unserer Zeit (1935)

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Kleiner liberaler Katechismus (Karl-Hermann Flach)

Der Liberalismus weiß, daß der Mensch nicht im Besitz letzter Wahrheiten ist. Er glaubt ihn nur auf der Suche danach. Er weiß, daß der Weg der Erkenntnis mit Irrtümern gepflastert ist und die Wahrheit von heute den Irrtum von morgen umschließt. Auch liberale Dialektik geht davon aus, daß Thesen und Antithesen einander gegenüberstehen, sich zu Synthesen vereinigen und damit neue Thesen bilden, denen gegenüber neue Antithesen entstehen müssen und werden. Doch im Gegensatz zu zeitgenössischen Spielarten des dialektischen Materialismus hört für den Liberalen die Dialektik nicht auf. Es gibt nach seiner Auffassung weder politische Endlösungen noch gesellschaftliche Endzustände. Die menschlichen und gesellschaftlichen Widersprüche werden nicht aufgehoben, sondern erhalten bestenfalls eine neue Qualität. Insofern ist Liberalismus eine politische Relativitätstheorie.

Der Liberalismus kennt daher keine Tabus. Für ihn ist jeder Tatbestand der Erörterung offen und jede Meinung der Diskussion würdig. Der Liberalismus entheiligt daher zwangsläufig alle Zonen, die mit vorgeschobenen Argumenten übergeordneter Art aus meist interessenbedingten Gründen für die allgemeine Debatte gesperrt werden sollen.

Da der Liberalismus keine letzten menschlichen Wahrheiten und politischen Endlösungen anerkennt, sind geistige Freiheit und Schutz der Minderheiten die Kernstücke seines Programms. Jede politische und gesellschaftliche Fortentwicklung beginnt als Abweichung von der herrschenden Lehre. Wer abweichende Ideen als Häresie verbietet und kritisches Leugnen des Gültigen als Ketzerei verfolgt, behindert nach liberaler Auffassung den gesellschaftlichen und politischen Fortschritt. Niemand weiß, welche Minderheiten von heute die Mehrheiten von morgen sein werden. Wer Minderheiten in ihren Rechten einschränkt, zwängt die Gesellschaft in Formen der Erstarrung. Geistige Freiheit und Minderheitenschutz sind daher für die Entwicklung der Gesellschaft unverzichtbar. Ihre Voraussetzung ist Toleranz. Auch nach den liberalen Erfahrungen kann selbst Toleranz repressiv wirken, doch das beeinträchtigt nicht ihren Grundwert, sondern umschreibt ihre gelegentliche Ohnmacht. Es kann nicht um die Denunziation von Toleranz gehen, der Liberalismus ringt um die Wiederherstellung ihrer Funktionsfähigkeit.

Weil der Liberalismus erkannt hat, daß der Mensch nicht alles weiß und auch nicht alles und jedes erkennbar und planbar ist, widerspricht er mit aller Kraft der Auffassung, daß der Zweck die Mittel heilige. Für den Liberalen lehrt die Erfahrung, daß auch beim edelsten Zweck bei Anwendung verwerflicher Mittel eine Verselbständigung dieser Mittel eintritt, die den Zweck am Ende erschlägt, überwuchert oder vergessen macht. Die Angemessenheit der Mittel für jede Zweckbestimmung ist daher eine Grundforderung des Liberalismus. Sie ist das Kernstück liberaler Ethik.

Quelle / Link: Kleiner liberaler Katechismus (Karl-Hermann Flach)

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How to be a Conservative-Liberal-Socialist (Leszek Kolakowski)

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Eine wissenschaftlich begründete menschliche Solidarität gibt es nicht (Leszek Kolakowski)

Eine wissenschaftlich begründete menschliche Solidarität gibt es nicht. Gewiss kann ich mich davon überzeugen, dass es nicht in meinem Interesse liegt, zu rauben, zu vergewaltigen oder zu morden, weil das Risiko zu groß ist. Das ist das Hobbes’sche Modell: von der Furcht gezügelte Gier. Doch das soziale Chaos steht im Schatten einer solchen moralischen Anarchie. Wenn eine Gesellschaft aus Umsicht allein an moralischen Normen festhält, ist sie extrem schwach und ihr Stoff reißt bei der kleinsten Krise. In einer solchen Gesellschaft gibt es für persönliche Verantwortung, Barmherzigkeit und Mitleid keine Basis. Nun wird mit dem ökologischen Imperativ ein neues Ethos der Selbsterhaltung diskutiert. Bis zu einem gewissen Maß mag es stimmen, dass wir instinktiv auf Arterhaltung programmiert sind.

Doch die Geschichte des letzten modernen Jahrhunderts hat unmissverständlich gezeigt, dass wir Mitglieder unserer eigenen Spezies ohne große Hemmungen vernichten können. Sollte es tief unten auf biologischer Ebene eine Solidarität der Spezies geben, so hat sie uns davor nicht bewahrt. Also brauchen wir Instrumente menschlicher Solidarität, die sich nicht auf unsere Instinkte, Eigeninteressen oder auf Gewalt gründen. Der kommunistische Versuch, Solidarität zu institutionalisieren, ist in der Katastrophe geendet. (in: “Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes”).

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Eine Gesellschaft, die an eine expandierende Technologie gefesselt ist .. kann ihre Wahrnehmung der Welt nicht verabsolutieren oder einfrieren (Ernest Gellner)

Eine Gesellschaft, die an eine expandierende Technologie gefesselt ist und folglich an eine expandierende kognitive Grundlage, kann ihre Wahrnehmung der Welt nicht verabsolutieren oder einfrieren. Eine solche Gesellschaft bekommt ein Gespür für die Unabhängigkeit der vernunftgemäßen Wahrheit von der Gesellschaft, und es fällt ihr schwer, die Idee einer eindeutigen und endgültigen Offenbarung ernst zu nehmen. Ihre hochentwickelte Fähigkeit zu alternativen Konzeptualisierungen desselben Gegenstands und ihr Gespür für die Trennbarkeit von Sachverhalten macht es ihr schwer oder unmöglich, sich eine Weltsicht zu eigen zu machen, die eine autoritative Zuweisung von Rechten und Pflichten und zugleich die Rechtfertigung solcher Zuschreibung impliziert (in: Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen). 

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