Bernhard Korte über die Defizite ökonometrischer Weltmodelle

Man hat natürlich auch geglaubt, man könne das (virtual reality und wirtschaftliche Phänomene, d.V.) mit viel Mathematik und mit noch mehr Computer sehr schön in den Griff bekommen. Ich will es zuerst von der Seite der Mathematik beantworten: Ich würde sagen, es ist zunächst gescheitert. Ökonometrische Weltmodelle mit vielen, vielen Gleichungen, Differentialgleichungen und, und, und, haben sich in der Tat als nicht brauchbar gezeigt. Noch mehr, wenn Sie an das denken, was Klapow gemacht hat. ..

Es wurde ein großes Modell aufgebaut mit vielen, vielen, vielen Differentialgleichungen – ich habe es selbst einmal auf einem Rechner nachvollzogen. Ein Numeriker weiß, wenn sie über hundert Iterationsperioden etwas vorhersagen müssen, das bekommen sie numerisch gar nicht stabil. Das heisst, mit geringfügigen Änderungen an diesem Modell konnten sie zeigen, dass die Welt zugrunde geht, oder im Gegenteil, dass sie boomt. …

Wenn Sie sagen, weil die Interaktion von vielen Millionen von Menschen da ist, von Wirtschaftssubjekten, wie das der Fachmann nennt, dann weiss ich nicht, ob man das mit spieltheoretischen oder auch mit ökonometrischen Modellen machen kann. Ich bin der Meinung, gerade das zeigt die Entwicklung dieses Gebietes, dass eine starke Relativierung eingetreten ist.

Vielleicht hat man nicht einmal die richtige Mathematik. Die Physikermathematik, die genuine physikalische Phänomene beschreiben konnte mit Funktionen und Differntialgleichungen, ob die auf menschliches Verhalten passt, da habe ich so meine Bedenken.

Quelle: Technik-Dialog mit Konrad Zuse. Gespräche über Computerentwicklung, Wirtschaft und Mathematik.

Bernhard Korte 

Bernhard Korte – Der Mathematiker als Weltmann

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Man sollte sich bei jeder Statistik die Frage stellen: Welches Interesse steckt dahinter – und ist sie in diese Richtung schöngefärbt?! (Gerd Bosbach)

Man sollte sich bei jeder Statistik die Frage stellen: Welches Interesse steckt dahinter – und ist sie in diese Richtung schöngefärbt?! Das ist das Einfachste, was man machen kann. Wenn eine Statistik in einer Grafik ausgedrückt ist, bitte kein schneller Blick, um dann zu glauben, man weiß alles, sondern die Grafik mal genauer anschauen! Wenn Sie über Zahlen reden, dann lassen Sie sich die absoluten Zahlen geben: Sagen wir mal, eine Firma hat 5 Milliarden Euro Gewinn. Das sagt Ihnen aber nichts, dann lassen Sie sich auch relative Zahlen geben. Beim Gewinn könnte man zum Beispiel fragen: Wie viel Gewinn ist das pro Mitarbeiter? Nicht einfach glauben, das ist das objektive Bild der Wirklichkeit, weil es zu jedem Thema Hunderte von Zahlen und nochmal mindestens 20 verschiedene Darstellungsmöglichkeiten gibt. Und der, der die Zahl rausgibt, nimmt natürlich die Darstellung, die für ihn am schönsten ist.

Quelle: Gerd Bosbach, Statistik-Professor: Tricksen mit Zahlen

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Erziehung zu selbständigem Denken (Albert Einstein)

Es ist nicht genug, den Menschen ein Spezialfach zu lehren. Dadurch wird er zwar zu einer Art benutzbarer Maschine, aber nicht zu einer vollwertigen Persönlichkeit. Es kommt darauf an, dass er lebendiges Gefühl dafür bekommt, was zu erstreben wert ist. Er muss einen lebendigen Sinn dafür bekommen, was schön und was moralisch gut ist. Sonst gleicht er mit seiner spezialisierten Fachkenntnis mehr einem wohlabgerichteten Hund als einem harmonisch entwickelten Geschöpf. Er muss die Motive der Menschen, deren Illusionen, deren Leiden verstehen lernen, um eine richtige Einstellung zu den einzelnen Mitmenschen und zur Gemeinschaft zu erwerben.

Diese wertvollen Dinge werden der jungen Generation durch den persönlichen Kontakt mit den Lehrenden, nicht – oder wenigstens nicht in der Hauptsache – durch Textbücher vermittelt. Dies ist es, was Kultur in erster Linie ausmacht und erhält. Diese habe ich im Auge, wenn ich die “humanities” als wichtig empfehle, nicht einfach trockenes Fachwissen auf geschichtlichem und philosophischem Gebiet.

Überbetonung des kompetetiven Systems und frühzeitiges Spezialisieren unter dem Gesichtspunkt der unmittelbaren Nützlichkeit töten den Geist, von dem alles kulturelle Leben und damit schließlich auch die Blüte der Spezialwissenschaften abhängig ist.

Zum Wesen einer wertvollen Erziehung gehört es ferner, dass das selbständige kritische Denken an jungen Menschen entwickelt wird, eine Entwicklung, die weitgehend durch Überbürdung mit Stoff gefährdet wird (Punktsystem). Überbürdung führt notwendig zu Oberflächlichkeit und Kulturlosigkeit. Das Lehren soll so sein, dass das Dargebotene als wertvolles Geschenk und nicht als saure Pflicht empfunden wird.

Quelle: Albert Einstein. Mein Weltbild

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Harald Lesch fordert Konsequenzen aus dem Wissen um den Klimawandel zu ziehen

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Science & Pseudoscience (Lakatos in 1973)

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Zeichnen als Erkenntnis

Es geht im Wesentlichen um die Frage, ob der Tätigkeit des zeichnerischen Entwerfens eine spezifische Erkenntnisform inhärent ist, oder ob diese Tätigkeit auf ein Feld an (Körper)Techniken zurückgeführt werden kann, wo unterschiedliche Wissensformen wirken. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt dabei der Zusammenhang von mentalen Repräsentationen und zeichnerischen Externalisierungen. Die Beiträge werfen eher grundlegende Fragen auf, von denen hier nur jene zum Thema Erkenntnis angeführt sind: “Verstehen Zeichnerinnen und Zeichner Dinge, die sie zeichnen besser?”, “Zu welcher Erkenntnis kann man durch die zeichnerische Auseinandersetzung mit einem Gegenstand gelangen?”, “Welchen Erkenntnisgewinn suchen, erhoffen, vermuten wir bei welchem Zeichnen?” , “Wie lässt sich Erkenntnis im Zeichnen in den Künsten, in der Kunstvermittlung und in den Wissenschaften beschreiben?” und “Was heißt es, auf Erkenntnis gerichtete Potenziale der zeichnerischen Praxis fördern zu wollen?”

Neben der Kunstgeschichte als zentralem Wissenschaftsfeld spielt die Handzeichnung als Forschungsgegenstand in den Bereichen Architekturtheorie, Diagrammatik, Design Studies, Kognitionsforschung, Technikgeschichte, Wissenschaftstheorie, Laboratory Studies und der Kulturtechnikforschung eine Rolle. Der operative Charakter des manuellen Skizzierens innerhalb von Forschungs- und Entwurfsprozessen gewinnt innerhalb dieser Felder immer stärker an Relevanz, obwohl Handzeichnen mehr und mehr von der Digitalisierung überschattet wird.

Quelle: Gert Hasenhütl: Rezension von: Barbara Lutz-Sterzenbach / Johannes Kirschenmann (Hgg.): Zeichnen als Erkenntnis. Beiträge aus Kunst, Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik, München: kopaed 2014, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 9 [15.09.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/09/28010.html

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Lob des Laien (Erwin Chargaff)

Es ist seltsam, aber die meisten Leute, die die Welt zwecks Ausübung der Weisheit engagiert hat, also die Philosophen vom Fach, machen auf mich keineswegs den Eindruck besonderer Weisheit. Ihr Name verkündet zwar, dass sie Weisheit lieben, aber ist das gegenseitig? Was der Laie an der Philosophie wichtig findet, ist fast immer aphoristisch. Nur aus den Schriften derjenigen Philosophen, welche die Zunft nicht ganz anerkennt – ich nenne sie die Claire-obscur-Philosophen – , wird er manches für ihn Gültige herauslesen können. Dazu gehören z.B. St. Augustinus, Meister Eckart, Montaigne, Nietzsche, Wittgenstein, Schopenhauer, Simon Weil. Fachlich-philosophisch betrachtet, waren die meisten der hier Genannten Laien; auch insofern, als sie hervorragende Schriftsteller waren. …

So will ich denn, gemäß einem meiner zahlreichen Wahlsprüche – semper contumax (“immer trotzig”) -, noch einmal den Lobgesang des Laien anstimmen. Einst war er ein seliger Analphabet; jetzt ist er es nicht mehr, aber das macht nichts. Was er sieht, was er hört, was er liest, kann ihm nicht schaden; meist macht es ihn besser. Sein Gewissen ist stärker als sein Wissen. Er erwartet vom Leben nicht mehr, als was es geben kann. Er ist nur dort skeptisch, wo Zweifel am Platz ist, aber er öffnet sich den Versicherungen seines Herzens. Er ist sirenenfest – ich rede von den lockenden Sirenen, nicht von den gräßlich schreienden in der Nacht. Er ist widerspenstiger als ein Maulesel, wenn man ihn überreden will; er kauft nichts, was man ihm anpreist. Er ist weniger stolz auf das, was er weiß, als auf das, was er nicht weiß. Der Fachmann kann ihm eher seine Wasserleitung reparieren, als seine Weltanschauung. Er ist hartherzig gegenüber professionellen Schnorrern, die ihm kolorierte Broschüren ins Haus schicken und gegenüber Politikern, die das Gleiche tun. Er ist gereizt, wenn man ihm Wissen einzuflößen versucht, das er nicht haben will.

Quelle: Lob des Laien, Universitas 5/1992

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Am Rande der Erkenntnis (Norbert Lossau)

Im modernen Bewusstsein ist fast völlig verdrängt, dass auch unsere ach so leistungsfähige Wissenschaft immer nur auf einer kleinen “Eisscholle der Erkenntnis” treibt, die nirgendwo so recht verankert ist. Diese ist zwar immer schneller gewachsen, und innerhalb ihrer engen Grenzen konnten durchaus viele widerspruchsfreie Theoriegebäude errichtet werden. Doch gleichzeitig mit dem gewachsenen Umfang der “Eisscholle” haben sich auch neue Perspektiven auf das Unverstandene jenseits des Erkenntnishorizonts eröffnet. Die Terra Incognita ist nicht geschrumpft. Wir nehmen nur nicht wahr, dass dies so ist.

Die kleinsten Bausteine der Materie verschwimmen vor den Augen der Wissenschaftler zu einem geometrischen Nirwana, und nach beinahe jeder Mission eines Forschungssatelliten wird die Geschichte des Universums wieder einmal “neu geschrieben”. Wir wissen auch nicht wirklich, wie das Gehirn funktioniert, wie die Artenvielfalt oder überhaupt das Leben entstand. Die Wissenschaft steht vor einem Berg ungelöster Fragen – und der scheint eher zu wachsen, als kleiner zu werden.

Doch die Forscher berichten uns lieber von all den kleinen Erfolgen, die sie bereits errungen haben, als von dem, was sie noch nicht wissen. Dabei ließe sich geradezu durch einen solchen “Schattenwurf der Erkenntnis” das tatsächliche Wissen viel besser darstellen. Überdies würde der Wissenschaftsbetrieb an Menschlichkeit gewinnen, wenn auch Misserfolge, Widersprüche und ungelöste Probleme offen artikuliert würden. Denn Wissenschaft darf weder vergöttert noch verteufelt werden. Doch sie kann auch scheitern und sich irren. Alle scheinbar noch so sicheren Erkenntnisse unterliegen überdies stets dem Vorbehalt der Revision.

Etwas weniger Respekt vor den Erkenntnissen der Wissenschaft würde uns die Augen  für die großen offenen Fragen der Welt öffnen und wieder das Staunen über die Schöpfung lehren.

Quelle: Am Rande der Erkenntnis, in der Welt vom 25.04.1998

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Alain Badiou: Raus aus der Komfortzone! (Sternstunde Philosophie)

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Das philosophische Denken (Albert Einstein)

.. die in unserem Denken und in unseren sprachlichen Äußerungen auftretenden Begriffe sind alle – logisch betrachtet – freie Schöpfungen des Denkens und können nicht aus den Sinnen-Erlebnissen induktiv gewonnen werden. Dies ist nur deshalb nicht so leicht zu bemerken, weil wir gewisse Begriffe und Begriffsverknüpfungen (Aussagen) gewohnheitsmäßig so fest mit gewissen Sinneserlebnissen verbinden, dass wir uns der Kluft nicht bewusst werden, die logisch unüberbrückbar die Welt der sinnlichen Erlebnisse von der Welt der Begriffe und Aussagen trennt. …

Quelle: Mein Weltbild

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