Universitäten: Zwischen Innovation und Tradition (Peter Burke)

Die Universitäten mochten ihre traditionelle Funktion als Lehranstalten auch weiterhin effizient ausüben, doch im allgemeinen waren es nicht diese Stätten, aus denen heraus sich neue Ideen entwickelten. Sie litten sozusagen unter institutioneller Inertie: Sie hielten krampfhaft an ihren körperschaftlichen Traditionen fest und isolierten sich damit selbst von neuen Entwicklungen.

Unter der Perspektive der longue durée betrachtet haben wir es mit Innovationszyklen zu tun, denen Phasen der, wie Max Weber es nannte, „Veralltäglichung“ oder, wie Thomas Kuhn es beschrieb, der „normalen Wissenschaft“ folgten. In Europa setzten diese Zyklen im 12. Jahrhundert ein, als neue Institutionen, die sogenannten Universitäten, die Klöster als Stätten der Gelehrsamkeit ablösten, und ziehen sich bis in die Gegenwart hinein. Ans den kreativen, marginalen und informellen Gruppen einer bestimmten Periode werden mit schöner Regelmäßigkeit die steifen, konventionellen, konservativen Organisationen der nächsten oder übernächsten Generation. Dies soll nicht unbedingt heißen, dass die Reform oder Erneuerung traditioneller Organisationen unmöglich wäre. Die innovative Rolle, die eine sehr alte Institution, das Benediktinerkloster im 18. Jahrhundert spielte, beweist das Gegenteil. Ähnliches ereignete sich auch bei der Neuorganisation der Forschung im 19. Jahrhundert. Hier waren es die Universitäten, wie vor allem in Deutschland, die die Initiative ergriffen und die Akademien überflügeln sollten.

Quelle: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft

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Philosophie – Was spricht gegen Populismus?

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Vernunft gegen Unvernunft (Rudolf Eucken)

Vergessen wir nie, dass wir uns nicht in einer Welt reiner Vernunft, sondern in einer Welt befinden, wo die Vernunft einen harten Kampf gegen die Unvernunft zu führen hat.

Quelle: Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt

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Richard Feynman – The Uncertainty Of Knowledge

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Stringtheorie: Nur drei von der Physik zugelassene Möglichkeiten (Lee Smolin)

  1. Die Stringtheorie ist richtig, und das zufällige Multiversum ist richtig, dann müssen wir die Regeln, die die wissenschaftliche Arbeit bestimmen, entsprechend verändern, weil wir nach dem geltenden wissenschaftlichen Ethos nicht an eine Theorie glauben dürfen, die keine eindeutigen Vorhersagen macht, die sich bestätigen oder widerlegen lassen.
  2. Irgendwann wird schließlich eine Möglichkeit gefunden, um wirklich eindeutige und überprüfbare Vorhersagen aus der Stringtheorie abzuleiten. Das könnte entweder der Beweis sein, dass es wirklich eine eindeutige Theorie gibt, oder die Entwicklung einer nichtzufälligen Multiversumstheorie, die zu echten, überprüfbaren Vorhersagen führt.
  3. Die Stringtheorie ist nicht die richtige Theorie der Natur. Die Natur lässt sich am besten durch eine andere Theorie beschreiben, die noch entdeckt oder akzeptiert werden muss und die zu echten, von Experimenten irgendwann bestätigten Vorhersagen führt.

Quelle: Die Zukunft der Physik. Probleme der Stringtheorie und wie es weitergeht

Weitere Informationen:

String-Theorie und Multiversum: Wissenschaft oder pure Spekulation?

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„Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert“ von James Webb

Von Ralf Keuper

Die Vernunft hat derzeit keinen leichten Stand – Schlagwörter bzw. Begriffe wie Fake News, Verschwörungstheorien oder Postfaktisch sind dafür Indizien. Angesichts dessen könnte man zu dem Schluss kommen, dass wir in einem Zeitalter des Irrationalen leben. Die Vernunft befindet sich auf der Flucht – so argumentiert James Webb in seinem Buch Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert.

Ausgangsthese:

Im gegenwärtigen Jahrhundert existieren sowohl physische als auch intellektuelle Konflikte, die es hinsichtlich des vergossenen Blutes und er verspritzten Tinte mit jenen der vergangenen Jahrhunderte aufnehmen können. Die Historiker der Zukunft werden entscheiden müssen, ob sich die Bedeutung der offensichtlicheren Ausbrüche dieser Konflikte in sich selbst erschöpft, oder ob sie Aspekte eines größeren Prozesses sind, der sie alle miteinander in Beziehung bringt. Das vorliegende Buch unternimmt den Versuch, dem Urteil der Geschichte vorzugreifen, indem es die Behauptung aufstellt, dass eine der größten Schlachten, die im zwanzigsten Jahrhundert geschlagen wurden, die zwischen den Mächten des Rationalismus und jenen der Vernunftlosigkeit war. Das Schlachtfeld ist nicht klar umgrenzt, die Waffen sind unhandlich, und der Ausgang ist unsicher.

In der Tat war es so, dass sich nach dem 1.Weltkrieg ein Denkart durchzusetzen begann, die den Rationalismus ablehnte, wie bei Heidegger oder, noch extremer, bei Alfred Rosenberg.

Gordon Craig schreibt dazu:

Zu der Flut neuer Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung in den ersten Tagen nach Hitlers Machtantritt, den sogenannten „Märzgefallenen – gehörte auch die Mehrzahl der Lehrstuhlinhaber und Intellektuellen, und diese Leute trieben den professoralen Stil in dem Bemühen, das neue Regime zu rechtfertigen und es als in Deutschlands Geschichte und kultureller Tradition wurzelnd darzustellen, auf neue Höhen der Komplexität. Bei dieser Übung spielte der Philosoph Martin Heidegger eine Starrolle, indem er verkündete, Hitler und das deutsche Volk seien durch Fügung aneinander gebunden und „geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags, der das Schicksal des deutschen Volkes in das Gepräge seiner Geschichte zwingt“. … Alfred Rosenberg, der Philosoph der Bewegung wetterte gegen Leute, die „auf rein logischem Wege (fortschreiten), indem sie von Axiomen des Verstandes weiter und weiter schließen“. Man musste den „ganzen blutlosen intellektualistischen Schutthaufen rein schematischer Systeme loswerden“. Damit war Hitler sehr einverstanden. Seiner Ansicht nach war es nicht Pflicht guter Deutscher, Situationen zu analysieren und dann überlegt zu handeln. Sie sollten „fühlen“, „die Stimme des Blutes hören“, den „Schicksalsrausch“ empfinden (ein von Heidegger geprägter Begriff) und dann mit „Härte und „Fanatismus“ handeln, wie ihr Führer es befahl. (in: Über die Deutschen)

Bei seiner Ansprache während der Bücherverbrennung 1933 sagte Joseph Göbbels:

Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist zu Ende gegangen, und die deutsche Revolution hat dem deutschen Wesen wieder die Gasse freigemacht. Diese Revolution kam nicht von oben, sie ist von unten hervorgebrochen. Sie ist deshalb im besten Sinne des Wortes der Vollzug des Volkswillens.

Für Webb befand sich die Vernunft im 20. Jahrhundert auf der ständigen Flucht:

Unsere gegenwärtige Lage ist zum Teil das Ergebnis einer historischen Entwicklung, die ich „die Flucht vor der Vernunft“ genannt habe und die sich während des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Gedanken- und Gesellschaftsmodelle entwickelt hat, die aus dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts hervorgingen. Sozialer und ökonomischer Wandel erzeugten Angst sowohl in den Klassen, die von den weitreichenden Veränderungen in der Gesellschaft profitierten, als auch in jenen, die zu der Verlierern gehörten.

Dennoch ist die Bestimmung des genauen Zeitpunkts schwierig:

Die Flucht vor der Vernunft lässt sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen. Aber man kann sagen, dass von der Niederlage Napoleons bis zum gewaltigen Ausbruch von 1848 der neue Irrationalismus seine ersten Siege feierte. Die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erlebte dann einen schrittweisen Anstieg des Irrationalen, bis es in den Jahren um 1890 zu einer deutlich wahrnehmbaren Hysterie wurde. Es ist sicher, dass es solche Prozesse auch schon früher gegeben hatte und dass sie noch immer ablaufen. Was die Psychologen damals einfach als „Angst“ bezeichneten, ist nun als „Zukunftsschock“ bekannt, der von seinem Entdecker definiert wird, als „das schwindelerregende Gefühl, das durch das vorzeitige Eintreten der Zukunft hervorgerufen wird“. Dieser Ausdruck zeitgenössischer Angst kann genauso für die Bewusstseinskrise des 19. Jahrhunderts wie für die unserer Tage stehen.

Das Treiben auf den Finanzmärkten ist für den Wirtschaftsnobelpreisträger Robert S. Shiller Beispiel für den Irrationalen Überschwang, der in der Finanzkrise 2007/2008 seinen (vorläufigen) Höhepunkt erreichte. Momentan bewegt sich der Kurswert der Digitalen Währung Bitcoin in astronomische Höhen, obwohl über die Währung kaum Transaktionen abgewickelt werden. Einige Beobachter sehen deutliche Parallelen zur Tulpenmanie im 17. Jahrhundert (Vgl. dazu: Bitcoin und Krypto: Tulpenmanie reloaded).

Weitere Informationen:

Wir treffen viele harmlose Spinner – Seelen ohne Rückfahrkarten: Der Historiker James Webb führt durch die Welt des Irrationalen

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Die Freiheit und das Gehirn (Detlef B. Linke)

Es besteht die Tendenz, dass wir unsere „kulturelle Software“ weitgehend nach den Ergebnissen der Hardware-Interpretationen der Hirnforschung richten, als ob von der Hardware auf die Software zu schließen wäre. Schließlich hatte Kant schon ein hermetisches Verfahren zur Sicherung der Freiheit etabliert, das durch die Zunahme der Kenntnisse der Neurobiologie zwar vermehrt Stürmen ausgeliefert ist, grundsätzlich an seiner hermetischen Struktur aber noch nicht dadurch als beeinträchtigt empfunden werden muss. Ob man sich in diese hermetische Struktur begeben will, hängt eher davon ab, ob man der Meinung ist, dass diese Struktur in der Historie bei allen Prüfungen des ethischen Verhaltens auf vorteilhafte Weise hilfreich war. …

Es wäre eine Verkümmerungsform menschlicher Existenz, sich darauf beschränken zu wollen, alle emotionalen, kognitiven und geistigen Vorgänge nur auf ihre Ichhaftigkeit und Meinhaftigkeit hin zu prüfen und mir eingemeinden zu wollen. Selbstverständlich ist es ein wunderbarer Traum von der schönen Seele, wenn der Mensch an seiner Persönlichkeit arbeiten kann, die unberührt von den Störungen und Reizen der Außenwelt ihre Innenarchitektur gestalten darf. Für das Zusammenleben der Menschen scheint es jedoch von größerer Bedeutung zu sein, unter den Belastungen der Interaktion ein erträgliches Leben zu führen, das für ie Erzeugung einer befriedigenden inneren Seelenökonomie nicht auf die Ausgrenzung anders Konstruierter und sich anders Konstruierender abheben muss. Dies bedeutet, dass wir in der Gefahr stehen, dass dass Konzept der Ichhaftigkeit das Konzept der Freiheit verschluckt.

Quelle: Die Freiheit und das Gehirn. Eine neurophilosophische Ethik

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Ist etwas Wahres an der Dolchstoßlegende?

Von Ralf Keuper

Es gibt Diskussionen, bei denen –  so dache ich jedenfalls – in der Wissenschaft nach 100 Jahren ein Stand erreicht sein sollte, der von den größten Legenden und Mythen befreit ist. Da befand ich mich, wie die aktuelle Kontoverse um den Wahrheitsgehalt der Dolchstoßlegende zeigt, im Irrtum.

Vor einigen Wochen veröffentlichte der in Fachkreisen hoch angesehene Historiker Gerd Krumeich in der FAZ den Beitrag Der Dolchstoß war nich bloß eine Legende. Darin überraschte er viele seiner Berufskollegen mit der kühnen Behauptung, die deutschen Armeen hätten ohne das Störmanöver linker Revolutionäre noch weiter kämpfen und damit einen besseren Frieden aushandeln können.

In seiner Antwort auf Krumeichs Beitrag bezieht Mark Jones ebenfalls in der FAZ in Es waren ganz einfach keine Soldaten mehr in Reserve Stellung:

Krumeichs Argumentation ist fehlerhaft, sein Artikel auf konsternierende Weise irreführend. An keiner Stelle findet sich der Hinweis, dass die Ereigniskette, die zu den Waffenstillstandsverhandlungen führte, von der der Obersten Heeresleitung (OHL) in Gang gesetzt wurde. Es waren Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die Ende September 1918 erklärten, Deutschland brauche sofort einen Waffenstillstand, und die massiven Druck auf den neu ernannten Reichskanzler Prinz Max von Baden ausübten, unverzüglich einen solchen herbeizuführen.

Dass nicht nur an der Heimatfront die Zweifel wuchsen, den Krieg mit einem „Siegfrieden“ zu beenden, belegt die Tatsache, dass deutsche Soldaten in Scharen zum Gegner überliefen. Sie hatten als diejenigen, die mit der wahren Situation jeden Tag konfrontiert wurden, erkannt, dass sie in jeder Hinsicht, nach allen Kriterien, die man wiegen und messen konnte, unterlegen waren (Vgl. dazu: Statistik: Truppenstärke zu Beginn des 1. Weltkrieges, Truppenstärken im 1. Weltkrieg und Ökonomie des Krieges)

Im Spätsommer und Herbst 1918 wurden deutsche Soldaten nicht nur in großer Zahl von ihren Kriegsgegnern gefangen genommen, sondern ergaben sich auch en masse: Ganze Einheiten liefen, in manchen Fällen unter Führung ihrer eigenen Offiziere und Unteroffiziere, zu den feindlichen Linien über. Sie streckten die Waffen, weil der Gegner mehr Truppen hatte, mehr Kanonen, mehr Flugzeuge, mehr Panzer – und, noch beeindruckender, mehr und bessere Verpflegung.

In dieser Konstellation hätte eine Fortführung der Kampfhandlungen mit großer Wahrscheinlichkeit dazu geführt, dass weitere Zehntausende Soldaten gefallen und sich, wie Jones schreibt,

in den gegnerischen Ländern eine noch größere Wut auf die deutsche Kriegsführung angestaut hätte. Zu großzügigeren Friedensbedingungen für Deutschland hätte das wohl kaum geführt.

In seinem Buch Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg geht Sebastian Haffner intensiv auf die Dolchstoßlegende ein. In dem Kapitel Der wirkliche Dolchstoß schreibt Haffner mit Blick auf die nachlassende Kampfkraft der deutschen Armee und das Eintreffen amerikanischer Truppenkontingente auf den Schlachtfeldern:

Außerdem kamen nun die Amerikaner an, und zwar ab April rund eine Viertelmillion: frische, unverbrauchte, siegessichere Truppen, wie sie die europäischen Kriegsschauplätze schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Ein Ende der amerikanischen Sturmflut war auf lange Sicht nicht abzusehen. Im Oktober 1918 standen anderthalb Millionen Amerikaner in Frankreich. Für das Frühjahr 1919 rechnete man mit drei Millionen. Diese jetzt ständig und reißend wachsende Übermacht musste früher oder später jeden Widerstand an der Westfront erdrücken; besonders, da die Alliierten jetzt auch noch eine neue Waffe hatten, die zum erstenmal im Ersten Weltkrieg dem Angriff eine taktische Überlegenheit über die Verteidigung gab: den Tank.

Über die Rolle der Novemberrevolution schreibt Haffner:

Statt dessen erleichterte die „Novemberrevolution“ einen Vorgang, der schon vorher eingesetzt hatte und der die letzte und schlimmste Pointe in der Geschichte der deutschen Niederlage bildet: das lautlose Verschwinden der Verantwortlichen und das Verwischen der Verantwortung. Deutschland und die deutsche Niederlage wechselten in der Zeit vom 29. September bis zum 11. November 1918 sozusagen ständig den Inhaber, die Niederlage wurde von einem zum anderen geschoben. Niemand wollte etwas damit zu tun haben. Das kaiserliche Deutschland und seine Führer handelten wie ein verfolgter Dieb, der im Weglaufen den gestohlenen Gegenstand einem Passanten in die Tasche praktiziert.

Nachdem sich die Verantwortlichen aus der Affäre gezogen hatten, durften auf einmal die Kreise die Führung der Staatsgeschäfte übernehmen, die man bislang so weit wie möglich davon fern gehalten hatte: Die Sozialdemokraten, Linksliberalen und Linkskatholiken, wie Haffner feststellt. Diese übernahmen bereitwillig die Aufgabe und machten sich dabei – ungewollt –  zu nützlichen Deppen:

… die Verantwortung für die Niederlage und die Kapitulation durften sie jetzt übernehmen. Dabei wurde der neuen Regierung noch streng eingeschärft, die Oberste Heeresleitung völlig aus der Sache herauszuhalten: Niemand dürfe erfahren, dass das Waffenstillstandsgesuch auf ihr Verlangen erfolgte. Die braven sozialdemokratischen und linksbürgerlichen Politiker ließen sich darauf ein, bieder, loyal, patriotisch treuherzig bereit, „in die Bresche zu springen“, wohl gar noch ein bißchen geschmeichelt, dass man sie plötzlich regieren ließ! Auf den Gedanken, dass sie in eine Falle gingen, kam keiner.

Ihrer Verantwortung entledigt, setzten die eigentlichen Verursacher der Niederlage – quasi als Dank- noch die Dolchstoßlegende in Umlauf, deren Anziehungskraft noch bis heute anzuhalten scheint:

Bereits im Jahr darauf waren diejenigen, die sich so schäbig aus der Verantwortung herausgestohlen hatten, wieder da – als Ankläger. Jetzt wurden die Sozialdemokraten, denen sie die Niederlage damals in die Hand gespielt hatten, zu „Novemberverbrechern“, die „die siegreiche Front von hinten erdolcht“ und die Niederlage verursacht, ja, gewollt hätten. Und ein großer Teil des Volkes, mit rauher Hand aus jahrelangen Weltmachtträumen und Siegesillusionen gerissen, verwirrt und verstört von der Plötzlichkeit des Absturzes, nicht wissend, wie ihm geschah, saugte das Gift gierig ein.

Statt also dankbar dafür zu sein, dass andere für sie die Kastanien aus dem Feuer holen, sind die nationalistischen Kreise um Ludendorff u.a. ihnen in den Rücken gefallen. Das ist, wie Haffner es nennt, der wahre Dolchstoß.

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Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #32

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

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Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung

Von Ralf Keuper

In der Studie Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung Hintergründe und Beispiele untersucht Silja Graupe den Einfluss, den bloße Behauptungen und die Sprache in der ökonomischen Bildung haben:

Die Studie geht der Frage nach, ob und auf welche Weise Studierende in der ökonomischen Bildung möglicherweise indoktriniert werden. Hierfür untersucht sie anhand von Beispielen den potenziellen Einfluss der ökonomischen Standardbildung an Hochschulen auf grundlegende Denk- und Handlungsweisen. Wie können Studierende zur unkritischen Übernahme nicht nur von Wissen, sondern auch von grundlegenden Weltanschauungen, Wertungen und Selbstbildern verleitet werden?

Zur Methodik bzw. zum Hintergrund der Studie:

Die Studie lässt sich von der kognitionswissenschaftlichen Einsicht leiten, dass ein Großteil menschlicher Wahrnehmungs- und Denkweisen normalerweise unbewusst bleibt. Das überwiegend unbewusste Denken und Handeln prägt den Menschen fundamental, ohne dass er es im Einzelnen wahrnimmt und reflektiert oder gar kontrollieren kann. Es ist stattdessen von gedanklichen Deutungsrahmen, in der Fachsprache der Kognitionswissenschaften frames genannt, geprägt, die ohne unser Bewusstsein Sprache und Erfahrungen miteinander koppeln.

Weiterhin:

Die Studie untersucht an ausgewählten Textbeispielen, wie die ökonomische Standardbildung diese Verarbeitung und Aktivierung beeinflussen kann. Sie bemüht sich hierbei auch um einen interdisziplinären Austausch mit der Ideengeschichte und der Erkenntnistheorie. So soll aus unterschiedlichen Perspektiven sichtbar gemacht werden, welche Stilmittel bzw. rhetorische Figuren, die kaum zu erkennen sind, in den ökonomischen Standardlehrbüchern wirken und Wahrnehmung verändern können.

In Heimliche Manipulateure? in der FAZ vom 1.08.17 kommentiert Jan Grossrath die Studie und ihre wesentlichen Ergebnisse:

Es fehle fast vollständig eine Vermittlung ideengeschichtlicher und geistesgeschichtlicher Zusammenhänge und eine in diesem Sinne einordnende Erklärung der Grenzen und des Sinnes eines mathematisch-objektiven, modellierten Denkens. Eine „Thematisierung sozioökonomischer Zusammenhänge“ suchte Graupe in ihrer kritischen Lektüre der einflussreichsten Werke der „weltweit standardisierten ökonomischen Bildung an Hochschulen“ vergebens. Immer wieder fand sie stattdessen eine Plausibilisierung der Aussagen durch anekdotische Beispiele aus dem Alltag anstatt empirischer Belege.

Trotzdem, so Grossrath, sei die Studie nicht als Kritik an der abstrakt modellierten neoklassische Mikroökonomie zu verstehen, sondern als deren Verteidigung.

Graupe selbst schreibt:

Die neoklassische Theorie verlangt von Ökonom_ innen, ein erfahrungsunabhängiges, also objektives Wissen anzustreben, das keinerlei Spuren des Wissenden (persönlicher oder kultureller Art) mehr trägt und nur noch ein Wissen innerhalb rein formaler, weltferner Strukturen fokussiert. Dieses Wissen stellt ein Ergebnis bewusster, meist mathematischer Denkprozesse dar, die ein hohes Maß an Kontrolle und Können des Verstandes verlangen; einer unbewusst bleibenden Transformation persönlicher Identität bedürfen diese Denkprozesse aber nicht.

Daraus folgt für Graupe:

Es wird aber auch deutlich, dass die neoklassische Theorie aufgrund ihrer Distanzierung zur menschlichen Erfahrung wenig helfen kann, sich über Beeinflussungsformen in der ökonomischen Bildung aufzuklären. Hierfür bräuchte es die Befähigung zu bewussten erfahrungsabhängigen Erkenntnisweisen, welche diese Distanzierung systematisch abbauen und zugleich das vormals Unbewusste auf die Ebene reflektierter Erkenntnis heben können

Zum Ziel der ökonomischen Bildung in der Zukunft:

Zukünftig gilt es, solche Formen der (Selbst-)Aufklärung durch die Erstellung weiterer beispielhafter Analysen und überblicksartiger Zusammenstellungen etc. zu stärken.

So weit so gut. Die Kritik an der Neoklassik und der ihr bewusst und unbewusst zugrunde liegenden Annahmen ist nicht neu. Einer der ersten war der Philosoph und Popper-Schüler Hans Albert, der bei der Gelegenheit vom „Modell-Platonismus“ sprach (Vgl. dazu: Model Platonism: Neoclassical economic thought in critical light und Über Modellplatonismus und andere Gebrechen der Ökonomie). Was die Verwendung der Mathematik in den Wirtschaftswissenschaften betrifft, bescheinigen „echte“ Mathematiker und Physiker den Modellen der Ökonomen eine recht überschaubare Erklärungskraft, wie Lee Smolin.

In einem Leserbrief in der FAZ (An den Alphatieren kommt niemand vorbei) vom 4.04.17 nahm Urich Weißer den wissenschaftliche Gehalt des sog. Homo Oeconomicus aufs Korn:

Als Nutzen gilt jeweils das, wonach sie streben. Der Satz „Alle Verbraucher streben nach Nutzenmaximierung“ ist entsprechend Karl Popper .. kein wissenschaftlicher Satz, weil keine Beobachtung angeben werden kann, die diesen Satz falsizifizieren könnte. Es steht logisch auf derselben Stufe wie „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist“. Aus den offensichtlich unzutreffenden oder immer zutreffenden und daher belanglosen Obersätzen werden in der Wirtschaftstheorie kunstvolle Schlüsse gezogen, die aber lediglich auf ihre interne Widerspruchslosigkeit geprüft werden und nicht auf ihre Relevanz.

Da ist noch einiges an Aufklärungsarbeit zu tun.

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