LTI – Die Sprache des Dritten Reiches Victor Klemperer

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Ereigniszeit und Uhrzeit

Heute ist es die Regel, dass nicht gemessen wird, wie lange ein Ereignis wirklich dauert, sondern dass die Dauer dem Ereignis selbst vorgegeben wird. Es wird nicht gesagt: Diese Arbeit soll getan werden, und wenn sie fertig ist, kann man im Nachhinein messen, wie lange sie gedauert hat (Das wäre Ereigniszeit). Es wird vielmehr gesagt, die Arbeit soll in zwei Stunden fertig sein, wobei jedoch offenbleibt, ob diese Arbeit wirklich in den zwei Stunden abzuschließen ist oder ob nicht eher vier Stunden dafür benötigt werden. Wenn sie dennoch in zwei Stunden abgeschlossen werden muss, entsteht Stress, kreative Alternativen können nicht mehr ausprobiert werden, nötige Informationen waren nicht eingeholt und auch Pausen können nicht mehr gemacht werden. Vielleicht wird die Arbeit auf diese Weise wirklich in zwei Stunden fertig, doch die Qualität dieser Arbeit und das Ergebnis lassen wahrscheinlich zu wünschen übrig. Im Umgang mit der Natur und anderen Lebewesen gilt dasselbe: Früher wurde ein Schwein geschlachtet, wenn es zwei Zentner wog. Das konnte je nach Rahmenbedingungen nach einem Jahr oder nach eineinhalb Jahren der Fall sein. Das war Ereigniszeit. Heute wird dem Schwein vorgeschrieben, in fünf Monaten zwei Zentner zu wiegen. Das Schwein wird gedopt, mit Hormonen gespritzt und an der freien Bewegung gehindert, damit das Ereignis innerhalb der vorgeschriebenen Zeit stattfindet.

Quelle: Zeit als Lebenskunst, Autor: Olaf Georg Klein

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Hans Jonas – Verantwortung neu denken

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Humanismus: Erziehung zur Freiheit oder Optimierung des Menschen?

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Berufung aufs Heile verstärkt unmittelbar das Unheil (Theodor W. Adorno)

Keine Dialektik des Fortschritts genügt, einen geistigen Zustand zu legitimieren, der nur darum sich für heil hält, weil noch nicht in seine Winkel drang, wozu die Objektivität sich entfaltete, in die auch er selber verflochten ist, und die dafür sorgt, dass Berufung aufs Heile unmittelbar das Unheil verstärkt.

Quelle: Theodor Adorno, in: Eingriffe. Neun kritische Modelle

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Einige Beiträge zur Künstlichen Intelligenz abseits vom Mainstream

Von Ralf Keuper

Der Grundtenor der Berichterstattung über die Künstliche Intelligenz ist, dass wir nun endgültig vor einem Durchbruch stehen, ein weiterer “AI Winter” daher nicht mehr zu erwarten sei. Kurzum: Die KI wird massentauglich.

Da gehen Beiträge, die ein anderes Licht auf die aktuelle Situation werfen, unter. Aus diesem Grund hier nun einige Beiträge abseits vom Mainstream, was nicht bedeutet, dass die Autoren die KI ablehnen oder die erzielten Fortschritte in Abrede stellen:

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KI als Denkmodell (Markus Gabriel)

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Warnt vor Künstlicher Intelligenz | Physiker Christoph von der Malsburg | SWR1 Leute

Weitere Informationen:

Was macht uns künftig noch einzigartig?

Künstliche Intelligenz: Wie wir das Gehirn verstehen können

Das Märchen vom Gehirn als Computer

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Wissenschaft auf Abwegen? Theoriebildung unter sozialem Druck

Weitere Informationen:

Sabine Hossenfelder: „Das hässliche Universum“Gegen die schöne Wissenschaft

Ist das Universum hässlich? Die Suche nach Schönheit eine Sackgasse der Physik? Physikerin Sabine Hossenfelder beschäftigt sich in ihrem Buch mit beidem. Daniel Finkernagel im Samstagsgespräch mit Sabine Hossenfelder.

Backreaction

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Beratung als Mittel zur Selbstvergewisserung und Symbolpolitik von Unternehmen und Regierungen

Von Ralf Keuper

Deutschland war und ist einer der weltweit lukrativsten Märkte für Beratungsgesellschaften. Das trifft in besonderer Weise auf die sog. “Lords of Strategy“, die Strategieberatungen zu, wie McKinsey, Boston Consulting, Bain, Accenture und Roland Berger. Insofern überrascht es nicht, wenn die Unternehmensberatungen auch für dieses Jahr von einem deutlichen Umsatzplus ausgehen. McKinsey plant für 2019 die Einstellung von 500 neuen Mitarbeitern (Vgl. dazu: McKinsey stellt 500 Berater ein). Der Bedarf an Beratungsleistungen ist demnach ungebrochen, vor allem in der Bundesregierung. Dort geriet Bundesverteidigungsministerin von der Leyen wegen der Beraterhonorare in ihrem Haus in die Kritik (Vgl. dazu: Verteidigungsministerium: Von der Leyens teure Berater). Spitzenreiter ist allerdings das Bundesinnenministerium, das pro Jahr immerhin 533 Millionen Euro für Beratungsleistungen ausgibt. Das Umweltministerium kommt dagegen nur auf 90.000 Euro pro Jahr (Vgl. dazu: Ranking der Ministerien: So viel wird für externe Berater ausgegeben). Die Regierung betreibe mit Hilfe der Berater Symbolpolitik, so Prof. Marco Althaus (Vgl. dazu: Expertise von außen: Schlecht beraten?). Viele Kommentatoren sehen daher Deutschland auf dem Weg in eine Beraterrepublik, wie bereist im Jahr 2004  Jochen Bittner und Elisabeth Niejahr in Die Berater-Republik.

Anscheinend verfügen die Ministerien nicht über genügend eigene Expertise, um sich ein Urteil bilden und darauf aufbauend Maßnahmen und Gesetzesvorschläge einleiten zu können. Von den Befürwortern wird gerne auf die Expertise und hohe Qualität der Beratungsleistungen verwiesen. Es sei immer noch günstiger einen Experten als einen Amateur um Rat zu fragen. Was die Beratungsqualität, vornehmlich der Strategieberater, betrifft, lassen die Ergebnisse nicht unbedingt darauf schließen, es hier mit einer “Reflexionselite” (Christoph Deutschmann) zu tun zu haben, wie u.a. Thomas Leif in “beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater” feststellte. Auch Walter Kiechel, der Branche durchaus zugetan, kommt in seinen Buch Lords of Strategy zu dem Befund, dass die Innovationsfähigkeit und Kreativität der Strategieberatungen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich nachgelassen habe (Vgl. dazu: “The Lords of Strategy” von Walter Kiechel). Der Reputation nicht zuträglich waren überdies verschiedene Skandale, in welche die großen Beratungshäuser in letzter Zeit verwickelt waren, wie der Fall des ehemaligen McKinsey-Chefs Rajat Gupta (Vgl. dazu: McKinsey auf Abwegen?).

Der Bedarf an Beratung bzw. Beratern auf Regierungsseite bzw. bei den Mächtigen ist kein neues Phänomen, worauf Thomas Macho in Zur Ideengeschichte der Beratung hinweist. Die Liste der gescheiterten und häufig auch mit dem Tode bedrohten Berater, wie Francis Bacon und Seneca, ist lang.

Die Geschichte der Beratung lässt sich systemtheoretisch als ein Wechselspiel zwischen interner und externer Positionierung  des Ratgebers interpretieren. Das Bedürfnis nach Vertraulichkeit, Intimität und Kontinuität von Konsultationsbeziehungen erzeugt zunehmend eine immer bessere Integration der Ratgeber in das System, das sie beraten sollen – was irgendwann dazu führt, dass die Berater über dieses System nur mehr genausoviel wissen wie ihre ratsuchenden Herren selbst. Sie verlieren das Gefühl für die “blinden Flecken”, für den “sechsten Sinn”, der jene Außenseiter charakterisiert, die aus einer ungewohnten, fremdartigen Perspektive auf einen bestimmten Kontext blicken; plötzlich sind sie ebenso beratungsbedürftig wie ihre Auftraggeber und müssen ihrerseits “Berater der Beratung” engagieren (in: Das Buch von Rat und Tat. Ein Lesebuch aus drei Jahrtausenden).

Im Sinne von Karl Kraus könnte man diesen Zustand auch so interpretieren:

Die Berater sind irgendwann das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgeben.

In modernen Gesellschaften hat sich die Beratung institutionalisiert – und ist damit fester Bestandteil des Lebens geworden:

Beratung kann zu Recht als eine elementare Signatur der Moderne betrachtet werden: Kaum ein System der gegenwärtigen Welt, das nicht seine eigenen Beratungsinstitute unterhält – von der Steuerberatung bis zur Studienberatung, von der Unternehmensberatung bis zur Berufsberatung, von der EDV-Beratung bis zur Mieterberatung … . Wir leben in einem Zeitalter der Beratung, in einer Epoche der metastasierenden Konsultationsbedürfnisse und -angebote (ebd.).

Die “Neue Unübersichtlichkeit” löst einen Beratung- und Orientierungsbedarf aus, auf dessen Befriedigung sich Personen, Unternehmen und Institutionen spezialisiert haben.

Steigende Komplexität erzeugt steigenden Beratungsbedarf, der wiederum zu neuerlichen Komplexitätssteigerungen beiträgt. Die wechselseitige Potenzierung von Orientierungsverlust und Orientierungsangebot erzeugt einen Strudel der Möglichkeiten und alternativen Optionen, der nicht erst seit gestern Beratungen über Beratungen, Gebrauchsanweisungen für Gebrauchsanweisungen erzwingt: eine Vielfalt von Selbstvergewisserungschancen, die einander wechselseitig relativieren und aufzuheben drohen (ebd.).

Die Beratung, so Macho, entziehe sich bislang der Möglichkeit, daraus ein universelles, generisches Modell abzuleiten, das je nach Situation nur noch minimal angepasst werden muss:

In gewisser Hinsicht ähneln die Beratungsprozesse einem Spiel, dessen Regeln noch nicht ganz definiert werden konnten; sie gleichen den “Sprachspielen”, die Wittgenstein gerne mit Wanderungen durch Städte oder Wälder – aber mit ungenaueren Karten – verglichen hat. Zum Ende erreichen nicht wenige Ratschläge, gleichgültig ob in der Wirtschaft oder in einer therapeutischen “talking eure”, den Ort, an dem der Rat wieder zum Rätsel konvertiert.

Aus Sicht der Beratungsgesellschaften wie auch der Auftraggeber hat die Beratung daher mehrere Vorteile: Das Spiel ist nie zu Ende, die Unübersichtlichkeit ist häufig größer, denn  kleiner geworden, kaum jemand, weder die Öffentlichkeit noch interne Stellen, blicken irgendwann noch durch bzw. nehmen das eigentliche Problem noch wahr, woraus wiederum weiterer Beratungsbedarf zur Selbstvergewisserung entsteht usw. Auf alle Fälle kann jede Seite von sich behaupten, das Problem von mehreren Seiten analysiert zu haben und nicht untätig gewesen zu sein.

Weitere Informationen:

Ran an die mit Steuermitteln gefüllten Futtertröge oder: Wir machen auch Flüchtlinge … Die Unternehmensberaterrepublik und ein sich verselbständigendes Staatsversagen

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