Desorientierung und Überinformation im Wissenschaftsbetrieb (Robert Spaemann)

Wo immer der Fortschritt die durch die natürliche Organisation vorgezeichneten Grenzen des Menschen sprengt, hört er auf, Fortschritt zu sein. So gibt es z.B. ein Tempo gesellschaftlichen Wandels, das als solches eine Verschlechterung der menschlichen Lebensqualität bedeutet, nämlich jenes Tempo, das es Menschen unmöglich macht, sich aufs Älterwerden zu freuen, weil sie in der zweiten Lebenshälfte “die Welt nicht mehr verstehen”, also praktisch entmündigt und auf bloßen Konsumentenstatus herabgedrückt werden. Es ist wahrscheinlich, dass die Wissensakkumulation in den nächsten Jahren ebenfalls eine Grenze überschreitet, die durch die natürliche Organisation des Menschen vorgezeichnet ist. Wenn das bisherige exponentielle Wachstum des wissenschaftlichen Wissens nicht aus materiellen Gründen gestoppt wird, dann wird dieses Wachstum bald Ausmaße erreichen, bei denen es niemandem mehr möglich ist, auf irgendeinem Wissenschaftsgebiet irgend so etwas wie “einen Stand der Wissenschaft” festzustellen und sich anzueignen. Auch die perfekteste, mit allen Mitteln der Datenspeicherung ausgestattete bibliografische Institution kann ja nicht das Lesen selbst ersetzen. Wenn es aber nicht mehr möglich ist, wirklich zu wissen, was “man” weiß, d.h. was an potenziellem Wissen zur Verfügung steht, dann ändert dies den Wissenschaftsbetrieb qualitativ. Er wird vermutlich wieder dezentralisiert. “Die Wissenschaft”, das einzige Substrat eines eindeutigen linearen Fortschritts, wird zerfallen. Niemand kann mehr das Bewusstsein haben, “die Wissenschaft” zu fördern. Was er fördert, das ist in erster Linie sich selbst, seine Freunde oder seine Auftraggeber. Ein solcher dezentralisierter, reprivatisierter Wissenschaftsbetrieb aber wird dann auch gegenüber der Öffentlichkeit nicht mehr mit dem einschüchternden Nimbus auftreten können, mit dem er heute noch auftritt.

Quelle: Philosophische Essays

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Anatomie des Bewussteins (Israel Rosenfield)

Von Ralf Keuper

Anders als die gängige Lehrmeinung, ist der Neurologe Israel Rosenfield der Ansicht, dass neurologische Krankheiten oder Gesundheit nicht ohne Bezug zum ständig wechselnden Körperbild, zum Bewusstsein, zum Sein des Organismus nicht verstanden werden können. Seine Position hat Rosenfield in seinem Buch Das Fremde, das Vertraute und das Vergessene zusammengefasst.

Am Beispiel des Gedächtnisverlusts verdeutlicht Rosenfield seinen Standpunkt:

Der Gedächtnisverlust eines hirngeschädigten Patienten ist nicht der Verlust eines “Bildes” oder einer “Gedächtnisspur” im Gehirn, sondern vielmehr ein Hinweis auf eine Umstrukturierung seiner Beziehung zu seiner Umgebung. Das Gehirn besitzt Meschanismen, mit denen es solche Beziehungen herstellt – das ist letztlich die tiefere Bedeutung der pathologischen Indizien -, und die wichtigste Auswirkung dieser Mechanismen ist das Bewusstsein. Bein einem Hirnschaden verändert sich die Funktion: Bestimmte Hirnprozesse sind nicht mehr möglich, und infolgedessen verändert sich auch das Bewusstsein.

Seine Kernthese:

Kernpunkt meiner Theorie ist die Behauptung, dass die Subjektivität des Wissens – mein Bewusstsein, das Gedanken, Erinnerungen und die sie begleitenden Gefühle mir gehören und dass ich sie zwar ansatzweise beschreiben, aber einem anderen nie wirklich mitteilen kann – durch neurologische Mechanismen entsteht, deren Existenz durch klinische Studien deutlich geworden ist und die von Wissenschaftlern und Neurologen dennoch bis heute nicht zur Kenntnis genommen wurden.

Eine besondere Bedeutung hat der “Selbstbezug”:

Das Bewusstsein entsteht durch den subjektiven Charakter der Reaktionen. Und Subjektivität stammt nach neurologischen Befunden aus der Beziehung zwischen dem dynamischen Körperbild (das selbst eine Reihe einheitlicher Reaktionen ist) und dem dynamischen Fortschreiten einheitlicher Reaktionen auf neue Reize: Diese Selbstbezugsmechanismen sind die Grundlage des bewussten Fühlens und des individuellen Wissens. Sind bestimmte Teile des Selbstbezugs durch einen Gehirnschaden zerstört, dann verändert sich die Struktur des Bewusstseins und damit auch das Wissen.  …

Ein bewusstes Bild, ob es nun durch Erkennen oder Erinnern entsteht, ist demnach das Ergebnis komplizierter europhysiologischer Wechselwirkungen; es vereinigt in sich vergangene und gegenwärtige Erlebnisse einer Person, und sein eigentliches Wesen ist die subjektive, selbstbezogene Qualität. Die auftauchenden und sich ständig entwickelnden Verallgemeinerungen sind ein charakteristisches Kennzeichen der menschlichen Psychologie. Was wir Erfahrung oder Geschichte nennen, ist die endlos fortschreitende Strukturierung von Ereignissen. Wir schreiben die Geschichte um und revidieren die Wahrnehmung unserer Erlebnisse, indem wir unsere Gedanken über Menschen und Ereignisse in unserer Vergangenheit neu strukturieren.

Interessant auch seine Gedanken zur Künstlichen Intelligenz:

Es werden also nicht irgendwo im Gehirn irgendwelche Bilder gespeichert, wie Wernicke vermutet hatte und wie viele Untersuchungen zur Künstlichen Intelligenz auch noch heute annehmen. Im Gehirn gibt es keine Stelle, an der ein festes Bild von Mary, John oder Jane abgelegt ist, und wenn wir an Menschen denken oder uns an sie erinnern, dann geschieht das tatsächlich nie in Form festgelegter Bilder. Man hat behauptet, wenn es schon keine festgelegten Gedächtnisbilder gebe, dann müssten wenigstens die Kategorien des Wissens, die Methoden der Verallgemeinerung fixiert sein, das Gehirn müsse also angeborene Programme enthalten. Wäre diese Annahme richtig, dann würden sich die einzelnen Funktionen oder Programme bei bestimmten Hirnschäden zeigen – und tatsächlich glauben viele Wissenschaftler und Neurologen, sie würden genau das beobachten. Aber Bauds “letzter Samstag” weist nicht auf eine bestimmte Wissenskategorie hin; wir haben keine genaue Vorstellung davon, was er mit diesen beiden Worten gemeint hat. Sie zeigen vielmehr eine allgemeinere Form der Gehirntätigkeit, aus der Bedeutung entsteht, und diese Aktivität – die Wechselwirkung von Reizen im Hinblick auf den Bezugsrahmen des Körperbildes – war beim ihm schwer gestört.

Weitere Informationen:

Israel Rosenfield: Wie die Zeit entsteht. Aspekte der Wahrnehmung

The Science of Perception by Israel Rosenfield

Das Fremde, das Vertraute und das Vergessene. Anatomie des Bewußtseins

Werden Roboter uns ersetzen?

The New York Review of Books

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Philosophie erklärt: Ockhams Rasiermesser / von Dr. Christian Weilmeier

Weitere Informationen:

Die Großen Denker • Wilhelm von Ockham | Lesch & Vossenkuhl

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Wissenschaft ohne Muße

Einer weitverbreiteten Meinung zufolge ist das Ideal des Wissenschaftlers, das sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland durchgesetzt hat, auch heute noch vorherrschend. Im Hinblick auf Europa mag dies teilweise (wenn auch mit großen Einschränkungen) zutreffen, in bezug auf die Vereinigten Staaten lässt sich dies jedoch keinesfalls behaupten. Dort dominiert der Wissenschaftler, den der “ehrliche Jim” verkörpert. Und dieser Typus beginnt sich nicht nur in Europa, sondern weltweit – zunehmend durchzusetzen.

In den USA erfuhr der Beruf des Wissenschaftlers seine vorläufig letzte Wandlung: Hier büßte er sein Recht auf Muße ein, das Recht, Gegenstand und Ansatz der Forschung autonom und frei zu wählen, ohne Verpflichtung, auf im voraus festgelegte Ziele hinarbeiten zu müssen. Politiker und Militärs übernahmen mit dem Manhattan Projekt, das zum Bau der ersten Atombombe führte, die Kontrolle über die Arbeit der Wissenschaftler, deren Tätigkeit zunehmend bis ins einzelne geplant und gelenkt wurde. Häufig wird behauptet, die Militärs trügen allein die Schuld daran, dass die amerikanischen Wissenschaftler ihre Autonomie verloren haben. Größeres Gewicht hatte aber die Tatsache, dass die Forschung selbst nach den Kriterien der pragmatischen Effizienz- und Managerlogik organisiert wurde, wie sie für die amerikanische Gesellschaft typisch ist. Diese Logik war unvereinbar mit der Idee wissenschaftlicher Autonomie. In Amerika hatte der Wissenschaftler keine Möglichkeit, ein “Müßiggänger” zu sein. Thomas Alva Edison brachte dies in einem Interview zum Ausdruck, das 1893 in der Zeitschrift Scientific America wiederveröffentlicht wurde: “Ich betreibe Wissenschaft nicht, nur um die Wahrheit zu erkennen, wie dies Newton, Kepler, Faraday und Henry getan haben. Ich bin ein professioneller Erfinder. Meine Studien und meine Experimente habe ich mit dem alleinigen Ziel durchgeführt, etwas zu erfinden, das kommerziellen Nutzen bringt”.

Quelle: Der grosse Schwindel. Betrug und Fälschung in der Wissenschaft, Autor: Federico Di Trocchio

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Is the universe a hologram? The strange physics of black holes | Michelle Thaller

Weitere Informationen:

Das Informationsparadoxon Schwarzer Löcher

Matrix – Sind wir nur Projektionen? – Das holographische Universum

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Der gute Schriftsteller (Walter Benjamin)

Der gute Schriftsteller sagt nicht mehr, als er denkt. Und darauf kommt viel an. Das Sagen ist nämlich nicht nur der Ausdruck, sondern die Realisierung des Denkens. So ist das Gehen nicht nur Ausdruck des Wunsches, ein Ziel zu erreichen, sondern seine Realisierung. Von welcher Art aber die Realisierung ist: ob sie dem Ziel präzis gerecht wird oder sich geil und unscharf an den Wunsch verliert – das hängt vom Training dessen ab, der unterwegs ist. Je mehr er sich in Zucht hat und die überflüssigen, ausfahrenden und schlenkernden Bewegungen vermeidet, desto mehr tut jede Körperhaltung sich selbst genug, und desto sachgemäßer ist ihr Einsatz. Dem schlechten Schriftsteller fällt vieles ein, worin er sich so auslebt wie der schlechte und ungeschulte Läufer in den schlaffen und schwungvollen Bewegungen der Glieder. Doch eben darum kann er niemals nüchtern das sagen, was er denkt. Es ist die Gabe des guten Schriftstellers, das Schauspiel, das ein geistvoll durchtrainierter Körper bietet, mit seinem Stil dem Denken zu gewähren. Es sagt nie mehr, als er gedacht hat. So kommt sein Schreiben nicht ihm selber, sondern allein dem, was er sagen will, zugute.

Quelle: Denkbilder

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Philosophie ”Die Welt ist eben die Hölle” Schopenhauer

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Wir sollten nicht erwarten, dass sich eine neue Mathematik sofort in klingende Münze umsetzt (Ian Stewart)

Wir sollten nicht erwarten, dass sich eine neue Mathematik sofort in klingende Münze umsetzt. Die Übertragung einer mathematischen Idee in etwas, das in einer Fabrik hergestellt oder zu Hause verwendet werden kann, braucht normalerweise Zeit. Viel Zeit. Ein Jahrhundert ist nicht ungewöhnlich. In .. werden wir sehen, wie das Interesse an den Schwingungen einer Gegensaite im 17. Jahrhundert 300 Jahre später zur Entdeckung der Radiowellen und zur Erfindung von Radio, Radar und Fernsehen führte. Vielleicht hätte all dies schneller erfunden werden können, aber nicht sehr viel schneller. Wenn Sie glauben – wie viele in unserer zunehmend vom Managementgedanken beherrschten Kultur -, dass der Prozess wissenschaftlicher Entdeckungen beschleunigt werden kann, indem man sich auf die Anwendungsmöglichkeiten konzentriert und die Forschung “aus Neugier” vernachlässigt, liegen Sie falsch. In der Tat wurde der Ausdruck “Forschung aus Neugier” erst vor kurzem von phantasielosen Bürokraten als absichtliche Herabsetzung eingeführt. Ihr Wunsch nach überschaubaren Projekten, die kurzfristig Gewinn garantieren, zeugt von schlichtem Denken, denn zielorientierte Forschung kann nur vorhersagbare Ergebnisse liefern. Man muss in der Lage sein, das Ziel bereits vor Augen zu haben, um es anzusteuern. Aber alles, was man selbst sehen kann, sehen die Konkurrenten auch. Nur sichere Forschung zu betreiben, würde uns alle verarmen. Die wirklich bedeutsamen Durchbrüche sind immer unvorhersehbar, und es ist genau diese Unvorhersagbarkeit, die sie wichtig macht: Sie verändern unsere Welt auf eine Weise, die wir so nicht kommen sahen.

Quelle: Die Zahlen der Natur. Mathematik als Fenster zur Welt

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Eine überschätzte Spezies | ARTE

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Ist es besser, nur ein Ding wissen, oder mehrere? (Gotthold Ephraim Lessing)

Ist es besser, nur ein Ding wissen, oder mehrere? Welche Frage! Wenn man nun unter diesen mehreren auch dieses Eine weiß. Es kann überflüssig sein, mehrere zu wissen: aber es wird darum nicht besser, nur Eins zu wissen.

Freilich, wenn es ausgemacht ist, dass man mehrere Dinge unmöglich so gründlich, so fertig wisse kann, als ein Einziges, dem man alle seine Zeit, alle seine Kräfte gewidmet hat. Wenn es ausgemacht ist! Ist das denn aber so ausgemacht, als man annimmt?

Und doch gesetzt, es wäre. Auch alsdann frägt es sich noch, ob es besser sei, nur Ein Ding vollkommen gründlich, vollkommen fertig zu wissen, als mehrere, weniger gründlich, weniger fertig.

Besser? Ja und Nein, Denn besser ist ein Beziehungswort, und der Beziehungen sind  wenigstens hier drei. Es kann besser sein in der einen, und schlimmer in der andern

Für wen besser? Für den Menschen selbst, der da weiß? – oder für das, was er weiß? – oder für die, denen zum besten er wissen soll?

Quelle: Freimaurergespräche und andere ausgewählte Schriften

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