Die Grundposition des Menschen ist nicht rational, sondern ästhetisch bedingt (Franz Werfel)

Es gibt einen einzigen Geist, aber tausend verschiedenartige Intellekte, wie es eine einzige absolute Bewegung in der Natur gibt, aber tausend relativ bewegte Beobachtungspunkte, die sie verhüllen. Das bedeutetet: Die Grundposition des Menschen ist nicht rational, sondern ästhetisch bedingt. Der einzelne Mensch ist der gefühlsmäßige Vertreter seiner körperlichen Konstitutionsart, seiner familiären, sozialen, nationalen Erbmasse und hundert anderer Relativitäten. Die Überwindung dessen kann nur einem ganz seltenen religiös-sittlichen Akt entspringen, niemals aber dem intellektuellen Entschluss. Denn der Intellekt ist nur die mehr oder minder vergiftete Waffe der ästhetischen Grundposition des Menschen gegen andere feindliche Grundpositionen. Wer ihn vergottet, macht die Fehlerquelle zum Erkenntnisziel.

Quelle: “Leben heisst sich mitteilen”. Betrachtungen, Reden, Aphorismen.

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Goodness of Fit (Christopher Alexander)

In the case of a real design problem, even our conviction that there is such thing as fit to be achieved is curiously flimsy and insubstantial. We are searching for some kind of harmony between two intangibles: a form which we have not yet designed, and a context which we cannot properly describe. The only reason we have for thinking that there must be some kind of fit to be achieved between them is that we can detect incongruities, or negativ instances of it. The incongruities in an ensemble are the primary data of experience. If we agree to treat fit as the absence of misfits, and to use a list of those potential misfits which are most likely to occur as our criterion for fit, our theory will at least have the same nature as our intuitive conviction that there is a problem to be solved.

Quelle: Notes on The Synthesis of Form

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Es kann keine reine Wahrnehmung und keine reinen Daten geben (Karl R. Popper)

Die klassische Erkenntnistheorie, die unsere Sinneswahrnehmungen als “gegeben” nimmt, als “Daten”, aus denen unsere Theorien durch einen Induktionsvorgang zu konstruieren sind, kann nur als vordarwinistisch gekennzeichnet werden. Sie übersieht, dass die angeblichen Daten in Wirklichkeit Anpassungsreaktionen und daher Interpretationen sind, die Theorien und Vorurteile einschließen und, wie Theorien, mit vermuteten Erwartungen durchsetzt sind; sie übersieht, dass es keine reine Wahrnehmung, keine reinen Daten geben kann; ebensowenig wie es eine reine Beobachtungssprache geben kann, da alle Sprachen von Theorien und Mythen durchsetzt sind. Wie unsere Augen blind gegenüber dem Unvorhergesehenen oder Unerwarteten sind, so sind unsere Sprachen nicht imstande, es zu beschreiben.

Quelle: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf

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Die Landtage waren das Forum und die Schule des deutschen Liberalismus (Thomas Nipperdey)

Die Landtage waren das Forum und die Schule des deutschen Liberalismus; in ihnen haben sich Programm und Argumentation der Liberalen allmählich konkretisiert, haben sich Richtungen und Flügel ausdifferenziert, ist der Liberalismus aus einer Idee zur Partei und über die öffentliche Resonanz zur Volksbewegung geworden. Die Erfahrung, die die Liberalen machten, war die einer Opposition, war die des Konfliktes; alle inhaltlichen Fragen mündeten immer wieder in die Verfassungsfragen nach dem Gewicht und der Rolle von Parlament und Regierung. Insofern hatten alle Auseinandersetzungen etwas Grundsätzliches; jede Frage gewann die Dimension eines Weltproblems – trotz der kleinstaatlichen Wirklichkeit, in der sich all das abspielte: diese Diskrepanz gehört zu den Eigenarten der Anfänge des deutschen Parlamentslebens. Diese Situation – und die Oppositionsrolle zumal – hat die Neigung zum Doktrinarismus, zur Politik der rechten Lehre tief in unsere entstehende politische Kultur eingeprägt. Und die Liberalen interpretierten diese Erfahrung im Lichte ihrer Lehre vom Dualismus und fühlten sich darin bestätigt: das Gegenüber von Regierung und Volksvertretung, das war offenbar das zentrale Faktum; und die Liberalen hielten an ihrem Selbstverständnis fest, Opposition, Verteidiger der Volksrechte, kontrollierendes Gegenüber zur Regierung zu sein. Die Rolle der regierenden Partei beanspruchten sie nicht.

Quelle: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat

Weitere Informationen:

Jens Hacke: “Existenzkrise der Demokratie”

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How not to be ignorant about the world (Hans Rosling)

Weitere Informationen:

Hans Rosling: Der Regisseur der Zahlen

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Swarm Intelligence via the Internet of Things and the Phenomenological Turn

Considering the current advancements in biometric sensors and other related technologies, as well as the use of bio-inspired models for AI improvements, we can infer that the swarm intelligence paradigm can be implemented in human daily spheres through the connectivity between user gadgets connected to the Internet of Things. This is a first step towards a real Ambient Intelligence, but also of a Global Intelligence. This unconscious (by the user) connectivity may alter the way by which we feel the world. Besides, with the arrival of new augmented ways of capturing and providing information or radical new ways of expanding our bodies (through synthetic biology or artificial prosthesis like brain–computer connections), we can be very close to a change which may radically affect our experience of ourselves and of the feeling of collectivity. We call it the techno-phenomenological turn. We show social implications, present challenges, and and open questions for the new kind of swarm intelligence-enhanced society, and provide the taxonomy of the field of study. We will also explore the possible roadmaps of this next possible situation.

Quelle: Swarm Intelligence via the Internet of Things and the Phenomenological Turn, online verfügbar

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“Des Menschen wahre Wahrheit”: Golo Mann im Interview

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“Digitales Wissen, Daten und Überwachung” von Thomas Christian Bächle

Von Ralf Keuper

Sprechen Daten für sich, wie neutral sind Algorithmen, reichen Korrelationen aus, um zu validen Schlussfolgerungen zu gelangen? Diese Fragen sowie weitere greift Thomas Bächle in seinem Buch Digitales Wissen, Daten und Überwachung auf.

In den letzten Jahren konnte der Eindruck entstehen, als bräuchten wir nur die Menge der auswertbaren Daten erhöhen, um daraus ein vollständiges Bild der Realität zu erhalten. Der Glaube hält sich bis heute. Ein Mehr an Daten ist jedoch nicht zwangsläufig mit einer besseren Entscheidungsqualität verbunden, worauf u.a. das Phänomen des Overfitting hinweist. Auch sind Daten nicht neutral; sie können es gar nicht sein, da in ihre Interpretation Annahmen einfließen, die von der Kultur, den eigesetzten Methoden und Technologien, dem Sprachgebrauch wie überhaupt dem jeweiligen Zeitgeist abhängig sind. Gleiches gilt für Algorithmen. Das jedoch hält die verschiedenen Protagonisten nicht davon ab, mit immer neuen Versprechen vor das Publikum zu treten, wenngleich die Mathematik den Bemühungen fundamentale Grenzen setzt:

Es gibt Problemstellungen und Aufgaben, die ganz grundsätzlich nicht als mathematisches Problem übersetzbar, nicht computerisierbar und deshalb auch nicht für eine künstliche Intelligenz lösbar sind. Die Annahme intelligenter, intentional agierender autonomer Algorithmen widerspricht ihrer mathematischen Logik prinzipiell. Es ist deshalb viel sinnvoller, Algorithmen – und insbesondere ihre ideologische Überhöhung zu Superintelligenzen – als Teil und Ausdruck sozialer Praktiken zu bewerten. Eine solche Überhöhung ist weit mehr in kulturellen Projektionen und verbreiteten Formen der Anthropomorophisierung (“neuronale Netze”) begründet als in den mathematischen Eigenschaften des Algorithmus. Dieser wird zum Mythos überhöht.

Zur Medialität des Wissens bzw. zur Prägekraft des Mediums:

Wissen lässt sich .. nie außerhalb seiner performativen Konstruktion denken. Medialität strukturiert die Möglichkeiten der Erkenntnis und vereinheitlich ihre Repräsentation. Sie ist dabei aber selbst nicht Teil des durch und in den Medien (zu denen auch die Sprache zählt) gewonnen Wissens. Jede Wahrnehmung und jedes Wissen folgt damit seiner spezifischen Medialität, die im Erkenntnisprozess jedoch verborgen bleiben muss. …

Die durch Medien hervorgebrachte Bedeutung kann nie ein reines Objekt des Wissens sein, sondern wird stets durch jemanden erfahren, dabei mitkonstruiert und erst durch das Medium sichtbar. …

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Medien weder neutrale Überträger von Bedeutung sind (Medien als Träger der Information) noch jede Wahrnehmung, jedes Wissen, jede Bedeutung determinieren (Medium als Botschaft). Der dargestellte Zusammenhang von Medialität und Wissen zeigt vielmehr, dass ein Medium eben keine Bedeutungen sichtbar macht, die ohne das Medium schon vorhanden wären. Diese entstehen – in sozialen Prozessen (der Wahrnehmung oder Kommunikation) – erst mit dem Medium, so dass Medien nie als isolierbare Objekte betrachtet werden können.

Über die Analogie Gehirn – Computer:

Eine völlige Überwindung der Grenze des Denkens und Wahrnehmens und ihre Externalisierung in Medientechnologien sind folglich weder medientechnisch möglich noch medienästhetisch erwünscht. Zugleich ist der Zusammenhang zwischen Kognition und Technik keine Problemstellung, die sich erst mit den digitalen Technologien ergibt, sondern hat eine lange Entwicklungsgeschichte. Während also außer Frage steht, dass es einen Zusammenhang zwischen Denken und medialer Umwelt gibt, kann dieser keineswegs mit einseitig deterministischen Annahmen untermauert oder gar mit einer funktional-informationsbasierten Verwandschaft von Gehirn und Computer oder gar der Möglichkeit des wechselseitigen Anschlusses begründet werden. Jedes Interface hat Grenzen. Die sich unseren Gehirnen bietenden Medienumgebungen sind vor allem audiovisuell. Eine virtuelle Welt ist in erster Linie eine visuelle Welt. Körperlich-materielle Präsenz, ein leibliches Wahrnehmen, Fühlen und Spüren, bleibt hingegen ein Nicht-Darstellbares.

Daten = Wirklichkeit?

Daten existieren nur als Konsequenz einer klassifikatorischen Positionierung. Um Farben als Phänomene zu erfassen, müssen zunächst Farbwerte definiert werden, und es muss festgelegt werden, wie sie sich im Farbspektrum von anderen Farbwerten abgrenzen. Gleiches gilt für soziale Gruppen oder die Vermessung von Subjekten. Der klassifikatorischen Anlage des interpretatorischen Fundaments der Daten wohn damit stets ein politisches Moment inne, eine Codifizierung von Macht.

Mehr Daten = höhere Qualität?

Ein Mehr an Daten ist nicht gleichzusetzen mit einer höheren Qualität dieser Daten. Big Data entbindet keinesfalls von der Notwendigkeit einer sorgfältigen Methodenreflexion, einer nachvollziehbaren Systematisierung der erhobenen Daten und einer Standardisierung des Untersuchungsdesigns- den traditionellen Gütemaßstäben für eine quantitativ orientierte empirische Sozialforschung. Beispielsweise verführt die leichte Verfügbarkeit von Daten in sozialen Netzwerken dazu, eine Vielzahl von Datenmustern zu untersuchen. Trotz einer Sensibilität “für die begrenzte Aussagekraft dieser Daten” konzentrieren sich die Forschung und “der öffentliche Diskurs tendenziell auf die schiere Anzahl” der ausgewerteten Daten (Boyd/Crawford 2013, 199)

Korrelation vs. Kausalität / Zerrbild “Datenreichtum”

.. sind korrelative Einsichten wirklich neutral und frei vom mitunder tendenziösen Charakter kausaler Vorannahmen? Sprechen Datenmuster für sich selbst? Mit Sicherheit nicht, denn auch diese Abstraktion basiert auf einer Konstruktionsleistung. Daten bewegen sich immer in einem Zusammenhang erklärender Rahmung und sind damit prinzipiell geprägt durch Vorannahmen, die häufig eine subtile Kausalität in sich tragen. Nicht nur kausale Wirkungszusammenhänge, sondern auch korrelative Aussagen verknüpfen (mindestens) zwei Variablen miteinander und setzen diese zueinander in Beziehung. Variablen sind dabei nie neutral, sondern stets konstruierbare Kategorien, in denen die Postulierung (pseudo-)kausaler Zusammenhänge bereits angelegt sein kann. In diesem Sinne wiederholt sich in der Bewertung von Big Data der Schulenstreit zwischen quantiativen und qualitativen Verfahren wissenschaftlicher Forschung. Während quantitative Verfahren tendenziell von der Möglichkeit einer Messbarkeit sozialer Realtiät ausgehen und nach einer statistisch begründeten Objektivität streben, weisen qualitative Verfahren ausdrücklich auf den subjektiven Beitrag bei der Konstruktion von Wissen hin.

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Wittgenstein, Neurath und Tarski über Wahrheit

Mit Wittgenstein (gemeint ist hier der frühe Wittgenstein des Tractatus), Neurath und Tarski werden gemeinhin drei verschiedene Wahrheitsbegriffe in Verbindung gebracht: mit Wittgenstein der korrespondenztheoretische, mit Neurath der kohärenztheoretische und mit Tarski schließlich der semantische Wahrheitsbegriff. Ich will im folgenden dreierlei zu zeigen versuchen: 1. daß man schon den Wahrheitsbegriff im Tractatus besser als einen semantischen Wahrheitsbegriff auffaßt, 2. welche Probleme Neurath mit dem Wittgensteinschen und verwandten Wahrheitsbegriffen hatte und 3. wie es Tarski auf der einen Seite gelang, die Grundidee eines semantischen Wahrheitsbegriffs zum ersten Mal präzise zu formulieren, wie er – beeinflußt von Neurath und anderen – auf der anderen Seite aber versuchte, den semantischen Aspekt seiner Wahrheitsdefinition sofort wieder zu eliminieren. Beginnen möchte ich jedoch mit einigen allgemeinen Bemerkungen zu den verschiedenen Wahrheitsbegriffen.

Quelle / Link: Wittgenstein, Neurath und Tarski über Wahrheit

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Philosophie heute – Die Innenseite des Glücks – Robert Spaemann 1992

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