Der „Marsh for Science“ in den Medien

Von Ralf Keuper

Der March for Science löste in der Medienwelt ein eher geteiltes Echo aus. Längst nicht alle Kommentatoren sehen in einer stärkeren Förderung der Wissenschaft die Lösung des Problems; einige halten die Wissenschaft gar für Teil des Problems. Auch Wissenschaftler sind nicht unfehlbar und neigen zuweilen zu totalitären, fatalistischen Anschauungen. Auch ist der Wissenschaftsbetrieb, wie u.a. Thomas Kuhn und Ludwik Fleck gezeigt haben, keinesfalls unempfänglich für politisch-ökonomische Machtkämpfe, bei denen das Streben nach Wahrheit immer wieder mal auf der Strecke bleibt. Der Zustand des deutschen Wissenschaftsbetriebs ist, was die absoluten Zahlen angeht, bestens; der Befund ändert sich jedoch, wenn man die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse unter die Lupe nimmt.

Hier eine Auswahl von Beiträgen:

 

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„Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt“ von Benjamin R. Barber

Von Ralf Keuper

Vor wenigen Tagen verstarb der Soziologe Benjamin Barber, der u.a. als Berater der Clinton-Regierung tätig war. In seinem Nachruf Grimmiger Kritiker in der Frankfurter Rundschau hebt Harry Nutt die Bedeutung Barbers für das Geistesleben der USA wie auch die seiner Forschungen hervor.

Als sein bekanntestes Buch gilt Consumed!: Wie der Markt Kinder, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt. Darin macht der den seiner Meinung nach zunehmenden Sittenverfall bzw. für die wachsende Verblödung die Infantilsierung weiter Teile der Bevölkerung verantwortlich. Dem hält er das Bild eines Kapitalismus entgegen, der sich vor allem auf die Prinzipien der protestantischen Ethik, wie sie von Max Weber entwickelt wurde, beruft. In deren Zentrum stehen Fleiß und Sparsamkeit oder, wie Weber es auch genannt hat, die „innerweltliche Askese“. Demnach untergräbt ein Kapitalismus, der auf reinen Konsumismus abzielt und die Konsumenten daher in einem Stadium relativer Unreife belassen bzw. halten muss, den Kapitalismus selbst, da nur noch auf schnelle und möglichst bequeme Zielerreichung Wert gelegt wird und daher alles, was Aufschub und lange Lernphasen bedeutet, meidet, da nicht mehr nötig und überspitzt formuliert: wachstumsverhindernd.

Auszug:

Der Kapitalismus als solcher ist wieder an seinem Ausgangspunkt angekommen. Aus einem ungewöhnlichen Zusammenwirken von Egoismus und Altruismus, zwischen Profit und Produktivität entstanden, erlaubte er einst energischen und unternehmerischen Risikoträgern, davon zu profitieren, dass sie dem Wachstum und der Wohlfhart aufstrebender Nationen dienten. Er könnte sich dabei auf das protestantische Ethos stützen, das Arbeitsfleiß, Weitblick bei der Kapitalanlage und asketische Selbstverleugnung mit moralischer Bedeutung versah, genau jene Eigenschaften, die der produktivistische Kapitalismus für seine Entfaltung benötigte. Heute übersteigt seine Produktionsfähigkeit bei weitem die Bedürfnisse, denen er einst diente, während er in seiner Verteilungsfähigkeit durch die wachsende globale Ungleichheit, die er selbsts beschleunigt hat, gelähmt wird. Für seinen Erfolg nich länger auf Produktivität, sondern auf Konsumismus angewiesen, hat er ein Ethos der Infantilisierung erzeugt, dass genau jene Eigenschaften schätzt, die vom protestantischen Ethos verurteilt wurden. Während er sich buchstäblich selbst zerstört, ist die Demokratie in Gefahr und das Schicksal der Bürger ungewiß. Wahrend er vorgibt, die Freiheit zu schätzen und zu erweitern, bleibt unklar, was Freiheit bedeutet in einer Zeit, in der Freiheit sich überzeugender im Kaufen als im Abstimmen manifestiert und das, was wir als einzelne im Einkaufszentrum tun, unser Schicksal stärker prägt als das, was wir gemeinsam auf dem öffentlichen Versammlungsplatz tun.

Im weiteren Verlauf versucht Barber seine These mit historischen wie auch aktuellen Beispielen zu belegen u.a. anhand der Schilderung der Lebensläufe von Persönlichkeiten wie Jakob Fugger, John D. Rockefeller bis hin zu Bill Gates. Dabei gerät seine Argumentation m.E. immer holzschnittartiger und wirkt zuletzt konstruiert. Sein eigentliches Ziel ist m.E. die Wiederherstellung des guten alten Kapitalismus protestantischer Prägung, wie er von Max Weber als >eine< Triebfeder des Kapitalismus beschrieben wurde, was dann doch etwas einfallslos ist.

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Das späte Mittelalter war in keiner Weise ein dunkles Zeitalter (Carl-Friedrich von Weizsäcker)

Das späte Mittelalter war in keiner Weise ein dunkles Zeitalter; es war eine Zeit hoher Kultur, von gedanklicher Energie sprühend. Jene Zeit übernahm die Philosophie des Aristoteles, weil er sich mehr als irgend ein Anderer der sinnlichen Wirklichkeit annahm. Aber die Hauptschwäche des Aristoteles war, dass er zu empirisch war. Deshalb brachte er es nicht zu einer mathematischen Theorie der Natur. Galilei tat seinen großen Schritt, indem er wagte, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. Er stellte Gesetze auf, die in der Form, in der er sie aussprach, niemals in der wirklichen Erfahrung gelten und die darum niemals durch irgendeine einzelne Beobachtung bestätigt werden können, die aber dafür mathematisch einfach sind. So öffnete er den Weg für eine mathematische Analyse, die die Komplexität der wirklichen Erscheinungen in einzelne Elemente zerlegt. Das wissenschaftliche Experiment unterscheidet sich von der Alltagserfahrung dadurch, dass es von einer mathematischen Theorie geleitet ist, die eine Frage stellt und fähig ist, die Antwort zu deuten. So verwandelt es die gegebene „Natur“ in eine manipulierbare „Realität“. Aristoteles wollte die Natur bewahren, die Erscheinungen retten, sein Fehler ist, dass er dem gesunden Menschenverstand zu oft Recht gibt. Galilei zerlegt die Natur, lehrt uns, neue Erscheinungen willentlich hervorzubringen, und den gesunden Menschenverstand durch Mathematik zu widerlegen.

Quelle: Die Tragweite der Wissenschaft

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Die Doppel-Helix. Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Strutur (James D. Watson)

Von Ralf Keuper
Die Entdeckung der Doppel-Helix durch James D. Watson und Francis Crick gehört zu den Höhepunkten der naturwissenschaftlichen Forschung des vergangenen Jahrhunderts. Der Weg, der die beiden Forscher zu dem Modell der Doppel-Helix führte, entspricht eigentlich gar nicht so sehr den Vorstellungen, die Außenstehende sich häufig von der Arbeit im Labor machen. 
Eine wichtige Inspirationsquelle bei ihren Überlegungen und Experimenten war die Entdeckung der Alpha-Spirale durch Linus Pauling. In Die Doppel-Helix. Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Struktur schreibt James D. Watson:

Ich kam bald dahinter, dass Paulings Leistung ein Produkt des gesunden Menschenverstandes und nicht das Ergebnis komplizierter mathematischer Überlegungen war. Hier und da hatte sich eine Gleichung in seine Beweisführung verirrt, aber in den meisten Fällen hätten Worte es auch getan. Der Schlüssel zu Paulings Erfolg war sein Vertrauen auf die einfachen Gesetze der Strukturchemie. Die Alpha-Spirale war nicht etwa durch ewiges Anstarren von Röntgenaufnahmen gefunden worden. Der entscheidende Trick bestand darin, sich zu fragen, welche Atome gern nebeneinander sitzen. Statt Bleistift und Papier war das wichtigste Werkzeug dieser Arbeit ein Satz von Molekülmodellen, die auf den ersten Blick dem Spielzeug der Kindergarten glichen. 

Das Vorgehen erinnert ein wenig an das seit einigen Jahren so beliebte Rapid-Prototyping.  
Watson und Crick beschlossen daher, den Spuren von Pauling zu folgen:

Alles, was wir zu tun hatten, war, einen Satz Molekülmodelle zu bauen und damit zu spielen – wenn wir ein bißchen Glück hatten, würde die Struktur eine Spirale sein. Jede andere Art der Anordnung würde sich als ungleich komplizierter erweisen. Aber solange die Möglichkeit einer einfachen Lösung nicht ganz auszuschließen war, wäre es ja verrückt gewesen, sich wegen etwaiger Komplikationen Sorgen zu machen. Pauling hatte seien Erfolge auch nicht dadurch erzielt, dass er das Haar in der Suppe suchte. 

Der Fortgang ihrer Experimente zeigte jedoch, dass die Lösung komplizierter war als bei der Entdeckung der Alpha-Spirale:

In der Alpha-Spirale ist eine einzige Polypetidkette (Polypetid = Ansammlung von Aminosäuren) zu einem spiralförmigen Gebilde eingerollt, das durch Wasserstoffbindungen zwischen Gruppen derselben Kette zusammengehalten wird. Aber nach dem, was Maurice Francis erzählt hatte, war der Durchmesser eines DNS-Moleküls größer, als dies der Fall sein würde, wenn nur eine einzige Polynukleotidkette (Polynukleotid = Ansammlung von Nukleotiden) vorhanden war. Das hatte ihn auf den Gedanken gebracht, das DNS-Molekül könne eine mehrsträngige aus mehreren untereinander geschlungenen Polynukleotidketten bestehende Spirale sein. 

Erst nach unzähligen fehlgeschlagenen Versuchen kam Watson die entscheidende Idee:

Plötzlich erkannte ich die möglicherweise ungeheure Tragweite einer DNS-Struktur, in der die Adenin -Reste Wasserstoffverbindungen bildeten, wie sie ganz ähnlich in Kristallen von reinem Adenin vorkamen. Wenn die DNS tatsächlich diese Eigenschaft hatte, dann bildete jeder Adenin-Rest zwei Wasserstoffbindungen mit einem anderen Adenin-Rest, der im Verhältnis zu ihm um 180 Grad gedreht war.  … Trotz des verkorksten Skeletts begann mein Puls schneller zu gehen. Wenn die DNS wirklich so aussah, und ich meine Entdeckung bekannt gab, würde die Nachricht wie eine Bombe einschlagen. Die Existenz zweier verschlungener Ketten mit identischen Basenfolgen konnte kein bloßer Zufall sein. 

An der Entdeckung der Doppel-Helix waren neben Watson und Crick noch andere Forscher – direkt oder indirekt – beteiligt. Neben Pauling waren das Erwin Chargaff, der übrigens kein gutes Haar an Watson und Crick ließ, Maurice Wilkins und vor allem Rosalind Franklin.  Einige halten Franklin für die eigentliche Entdeckerin der Doppel-Helix. Der Beitrag Die vergessene Entdeckerin der Doppelhelix ist dafür stellvertretend. 
Vor einigen Jahren sorgte James Watson für Empörung, als er sich mit der Aussage zitieren ließ, die Intelligenz der verschiedenen Ethnien sei unterschiedlich,  woraufhin ihm das Cold Spring Harbor Laboratory die Position als Kanzler entzog. 
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Wir und die Maschinen, die wir geschaffen haben, bilden ein Kontinuum (Bruce Mazlish)

Unsere Hybris, die nach Freuds Einsichten in die Tiefe der Seele erneut (nach Darwin) erschüttert worden ist, könnte noch weiter schwinden mit der Erkenntnis, dass wir und die Maschinen, die wir geschaffen haben, ein Kontinuum bilden, selbst wenn dieses Kontinuum ein anderes ist, als das, was uns mit den Tieren verbindet. Die Kontinuität, von der ich spreche, entsteht mit der Anerkennung der biologisch-kulturellen Evolution der Menschheit, die uns zu dem Bewusstsein zwingt, dass Werkzeuge und Maschinen von unserem, nach Entwicklung drängenden Wesen nicht zu trennen sind. Durch die im Computer gipfelnde technische Entwicklung ist unübersehbar geworden, dass die Erklärungsmodelle der Mechanik auch dem Verständnis des menschlichen Tieres dienen – und umgekehrt, insofern unsere Einsichten in das menschliche Gehirn Licht werfen auf die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Dieser Blick auf die Koevolution von Mensch und Maschine hat nun seinerseits etwas Erhabenes, bei allen Gefahren, die auch in Zukunft auf uns lauern. Nur handelt es sich diesmal um Gefahren, die wir uns selbst geschaffen haben.

Quelle: Faustkeil und Elektronenrechner. Die Annäherung von Mensch und Maschine 
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Gerald Hüther: Worauf es ankommt – Die Macht der inneren Bilder

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Der Wert der wissenschaftlichen Entdeckung bemisst sich nicht nach ihrer bürgerlichen Nützlichkeit (Franz Marc)

Der Wert der wissenschaftlichen Entdeckungen bemisst sich nicht nach ihrer zufälligen und ihnen heimlich abgelockten, bürgerlichen Nützlichkeit, sondern durchaus nach dem Grade, mit dem sich unser geistiges Auge neu orientiert. Alle Entdeckungen sind nur rein geistige Wandlungen und Verschiebungen der Erkenntnisbasis.

Wir zerlegen heute die keusche, spröde, immer täuschende Natur und fügen sie nach unserem Willen wieder zusammen. Wir blicken durch die Materie und der Tag wird nicht ferne sein, an dem wir durch ihre Schwingungsmasse hindurchgreifen werden wie durch Luft.

Stoff ist etwas, das der Mensch höchstens noch duldet, aber nicht anerkennt. Wir müssen verlernen, in diesen Dingen nur glänzende Tricks und Exzentriks unseres praktischen Wissens zu sehn statt Geist, révélation, Offenbarung.

Stoff und Raum verlieren für uns ihre Grenzen, ihre gotische Begrenztheit.

Alles ist für unser Auge neu figuriert. 

Quelle: Franz Marc Schriften, hrsg. von Klaus Lankheit

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Wirtschaftliche Einigung Europas (Raymond Aron)

Die Schaffung regional ausgeglichener Wirtschaftsräume ist die Antwort auf den Zusammenbruch der freien Weltwirtschaft. Sie wurde von Theoretikern und Wirtschaftsplanern erfunden, die ihre gedachte und errechnete Ordnung nicht mehr im Rahmen einer nationalen Wirtschaft unterbringen konnten und deshalb in Wirtschaftszonen zu denken begannen. So wurde Europa kurzerhand aus politischen und moralisch-sentimentalen Gesichtspunkten zur Wirtschaftszone erklärt, ohne dass man die Frage genau studiert hätte. Dei natürlichen Gegebenheiten stehen dem Zusammenschluss Europas nicht im Wege, sie sind aber auch nicht solcher Art, dass sie den Zusammenschluss gebieterisch fordern müssen. Die Vorteile eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses Europas sind aber wenigstens für die nahe Zukunft denen der nationalen Einheiten nicht wesentlich überlegen. Vor allem sieht man nicht, welchen Vorteil Großbritannien aus dem Zusammenschluss ziehen sollte. Die Frage, die von Sachverständigen, wenn nicht öffentlich, so doch in privaten Gesprächen immer wieder gestellt wird, ist deshalb verständlich: Lohnt es sich, eine Zwischenzone Europa zu schaffen, die zwischen den Nationen und einer Weltordnung steht?

Quelle: Im Kampf gegen die modernen Tyranneien. Ein Raymond Aron-Brevier

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Der Konformitätsdruck im Wissenschaftsbetrieb

Von Ralf Keuper
In einem Leserbrief in der FAZ (An den Alphatieren kommt niemand vorbei) vom 4.04.17 nimmt Urich Weißer den Konformitätsdruck im heutigen Wissenschaftsbetrieb ins Visier. Dabei erwähnt er u.a. Ludwik Fleck, der mit seinen Veröffentlichungen zum Denkstil bzw. Denkkollektiven das Phänomen des Gruppendenkens bereits vor einigen Jahrzehnten beschrieben hat. Ludwig Fleck ist nebenbei auch der Namensgeber dieses Blogs – Denkstil. 
Hier ein Auszug:

In der Universität verläuft die Karriere über Diplom, Promotion, Habilitation. Diese haben nicht etwa den Zweck, zu prüfen, ob jemand eigenständig wissenschaftlich arbeiten kann. Es wird geprüft, ob sich jemand im gewohnten Rahmen hält und ausgiebig die anerkannten Autoritäten zitiert. In jeder Wissenschaft gibt es die Multifunktionäre, die auf jeder Tagung das Eingangsreferat halten, die in der Berufungskommission bestimmen, wer Professor wird und die als Mitherausgeber der Zeitschrift bestimmen, was veröffentlich wird. Kurz: An diesen Alphatieren kommt keiner vorbei.Seit Ludwik Fleck und Thomas S. Kuhn .. wissen wir, dass es in jedem Fach Paradigmen gibt, die als selbstverständliche und unbezweifelbare Grundlage gelten und innerhalb der Gemeinschaft der Wissenschaftler bestimmen, was und vor allem mit welcher Methode erforscht wird. …

Als Beispiel nennt Weißer die Wirtschaftswissenschaften, die hartnäckig an überholten Modellen festhalten, wie am nutzenmaximierenden Homo Oeconomicus:

Als Nutzen gilt jeweils das, wonach sie streben. Der Satz „Alle Verbraucher streben nach Nutzenmaximierung“ ist entsprechend Karl Popper .. kein wissenschaftlicher Satz, weil keine Beobachtung angeben werden kann, die diesen Satz falsizifizieren könnte. Es steht logisch auf derselben Stufe wie „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist“. Aus den offensichtlich unzutreffenden oder immer zutreffenden und daher belanglosen Obersätzen werden in der Wirtschaftstheorie kunstvolle Schlüsse gezogen, die aber lediglich auf ihre interne Widerspruchslosigkeit geprüft werden und nicht auf ihre Relevanz. 

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Unsere Zukunft und Goethe (Karl Jaspers)

Von Ralf Keuper
Mit seiner Rede Unsere Zukunft und Goethe aus Anlass der Überreichung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, sorgte Karl Jaspers im Jahr 1947 für einige Irritation im deutschen Bildungsbürgertum, worüber damals u.a. die Zeit in Karl Jaspers über Goethe berichtete. Darin schreibt Robert Strobel: 

Goethe – darin gipfelt Jaspers Deutung – war vielleicht der einzige Mensch. der sich in solcher Vollständigkeit verwirklicht hat und durch Selbstdarstellung zum Bild wurde, Er ist uns kein Mythos, sein Leben ist keine Legende. Wir können mit ihm leben und damit vielleicht erst eigentlich zum Deutschen und zum Menschen werden. Aber wir dürfen Goethe auch nicht übersteigern. Seine schöpferische Gestaltung, der Naturanschauung ist unbestritten, aber diese gesamte Erkenntnis hat nichts zu tun mit dem eigentümlichen Aspekt der modernen Naturwissenschaft. Goethes geradezu leidenschaftliche Ablehnung Newtons verrät seine heimliche Furcht vor der heraufkommenden, auf der gewaltigen Abstraktion der modernen Naturbeherrschung beruhenden Welt, von der er ahnte, daß sie die Werte, die ihm teuer wären, in Gefahr bringen werde. Die Aufgabe, in dieser neuen Welt einen Weg zu finden, erklärte er nicht, sondern blieb in Bildern und Kategorien der alten Welt befangen, die für uns unzureichend sind. Uns ist die technische Welt Schicksal. Wir müssen – Goethe zum Trotz – diese Aufgabe ergreifen, wenn wir leben wollen.

Weiterhin:

Es gibt eine Grenze des Menschen, um die Goethe weiß, vor der er aber zurückweicht aus Furcht, er könnte an ihr zerbrechen. Er wehrt sich gegen Kants Wissen um das Radikal-Böse. Das ist die zweite Grenze, an der er stehen blieb, während uns das Schicksal weit über sie hinausgetragen hat. Aber es gibt noch eine dritte. Goethe hatte; wie ihm Kierkegaard vorwarf, kein Pathos. Wenn eine Situation für ihn kritisch wird, springt er ab, er dichtet sie.

Zu guter letzt:

Vor uns steht, wenn wir geistig weiterleben wollen, die Notwendigkeit einer Revolution auch der Goethe-Aneignung. Diese bedeutet, Wahrhaftigkeit zeigen, keinen Menschen vergöttern, keinen Kult treiben.

Die Rede blieb nicht ohne Widerspruch. In Goethe oder Jaspers äußerte sich der Romanist Ernst Robert Curtius kritisch zu den Aussagen Japsers‘. 

Ich glaube nicht der einzige Bewohner des deutschen Sprachgebietes zu sein, der die überhebliche Abkanzelung Goethes durch einen Jaspers als Mißton im deutschen Geisterkonzert empfunden hat.

Kritik an Goethe zu üben war gewiss nicht nur für Curtius ein Fall von Majestätsbeleidigung. Ob Curtius in dieser Frage als Instanz sprechen konnte, darf nach der Lektüre von Ernst Robert Curtius und die Romanistik während der Nazizeit bezweifelt werden. 
Nah bei der Position von Karl Jaspers liegt Denis de Rougemont, unter Berufung auf Kierkegaard,  in seinem Journal aus Deutschland 1935-1936:

Sollte dieser unruhige, aber äußerst geschickte Humanist (Goethe) ein ernsthaftes Hindernis für das Werk der Verherrlichung der menschlichen, rein menschlichen Kräfte darstellen, die das Hitlertum verkörpert? Würde er nicht zwanzig Gründe finden, genau wie so viele Angehörige des Bürgertums, eine vermeintlich vorübergehende Tyrannei hinzunehmen, aus der vielleicht ein neuer Mensch, ein neues Glück, ein besser begründetes Glück entstehen wird? Goethe war der erste, der uns lehrte, unser Leben in der biographischen und historischen Dauer zu betrachten, vor der sich der einzelne Augenblick relativiert. Auf diese Weise verlieren die letzten Entscheidungen ihre absolute Dringlichkeit. 

In seinem Buch Die großen Philosophen schreibt Jaspers unter dem Abschnitt Gegen die Menschenvergötterung:

Ehrfurcht vor der Größe ist nicht Menschenvergötterung. Jeder Mensch, auch der größte, seltenste, kostbarste, bleibt Mensch. Er ist von unserer eigenen Art. Nicht Kult ist ihm angemessen, sondern das Sehen seiner Wirklichkeit in ihrer Schleierlosigkeit, in der die Größe erst gewiss wird. Nicht in der Myhtisierung ist das Große zu bewahren, sondern im Erblicken der gesamten Realität des großen Menschen. 

Wenige Seiten zuvor schrieb Jaspers:

Größe ist für uns noch nicht da, wenn wir Quantitatives bestaunen, wenn wir etwa am Maß unserer Ohnmacht die Macht derer wahrnehmen, die uns beherrschen. Wir sehen auch noch nicht die menschliche Größe, wenn unser Drang zur Unterwerfung uns die Verantwortung abnimmt, wenn diese Lust am Sklavensein unseren Blick trübt und einen Menschen übersteigert. 

Heftig am Goethe-Mythos rüttelte Tilmann Jens in Goethe und seine Opfer! Eine Schmähschrift.  
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