Der unscheinbare Beginn des Denkens

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Ein Paradigma begibt sich der Sinologe Jean François Billeter zu den Anfängen des Denkens. Der Verlag schreibt:

In seiner langjährigen Auseinandersetzung mit der Sprache, dem Denken und der Geistesgeschichte Chinas stellte sich dem Sinologen Jean François Billeter mehr und mehr die Frage, was uns befähigen könnte, sowohl das Gemeinsame als auch das Verschiedene beider Welten deutlicher zu sehen und zu verstehen. Er fragt sich unter anderem, ob sich eine Auffassung des menschlichen Subjektes finden ließe, die den gemeinsamen Grund, auf dem beide Traditionen notwendigerweise stehen, zugänglich machen könnte. Ein Paradigma ist ein erster Versuch, eine solche Auffassung des Subjektes nicht nur als hermeneutisches Hilfsmittel zur Erkundung Chinas zu nutzen, sondern als einen selbstständigen philosophischen Ansatz darzulegen.

„Die Entstehung der Gedanken aus einem bestimmten körperlichen Zustand der Leere“ die Billeter bei sich beobachtet, verkörpert für ihn in besonderer Weise die Lehre des Zhuangzi.  In seiner Besprechung Wie unscheinbar doch das Denken beginnt in der FAZ vom 19.05.17 geht Mark Siemons näher darauf ein:

Von Zhuangzi stammt die folgenreiche Forderung, sich mit dem „unendlich Nahen und fast Unmittelbaren“ zu beschäftigen, das den meisten Denkern entgehe, und auch die Weigerung, das Bewusstsein und den Intellekt vom Körper zu isolieren – eine in Zeiten des wachsenden Vertrauens auf künstliche Intelligenz vielleicht besonders wertvolle Perspektive. En passant gelingt dem Sinologen so der Nachweis, dass auch Einsichten aus den nicht-westlichen Kulturkreis universell sein können und dass es nicht des Umwegs des Kulturvergleichs oder der Kultursynthese bedarf, um das zu zeigen.

In der Vergangenheit haben viele Philosophen und Denker auf die nahe Verwandschaft zwischen dem fern-östlichen Denken und dem der Mystiker, allen voran Meister Eckhart und in neuerer Zeit Hugo Makibi Ennomiya-Lassalle, hingewiesen.

Dass Denken nicht nur mit Anstrengung verbunden ist, sondern auch der Kontemplation, der inneren Sammlung bedarf, stand für Josef Pieper außer Frage:

Nicht in der denkerischen Anstrengung liegt das Eigentliche der Erkenntnis, sondern darin, dass sie die seienden Dinge in den Griff bekommt, dass sie Wirklichkeit enthüllt.

Und wie im Bereich des Guten gerade die größte Tugend nichts Schweres kennt, so auch wird die höchste Form des Erkennens – der blitzhafte geniale Einfall, die echte Kontemplation – dem Menschen zuteil wie ein Geschenk; sie ist mühelos und ohne Beschwer. … Gewiss mag solcher höchsten Verwirklichung von Erkenntnis eine äußerste Denkanstrengung voraufgegangen sein. Vielleicht muss sie voraufgegangen sein; jedenfalls aber ist dann die Anstrengung nicht Ursache, sondern Bedingung (in: Muße und Kult)

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Karl Jaspers über seine Beziehung zu Martin Heidegger

War Heidegger zu Besuch bei uns, so pflegten wir beide zu arbeiten. Im Laufe des Tages trafen wir uns mehrmals zu Unterhaltungen. Schon die ersten Gespräche zwischen uns beflügelten mich. Man kann sich die Befriedigung kaum vorstellen, die ich darüber empfand, wenigstens mit einem Einzigen in der Philosophenzunft ernsthaft reden zu können. Worin aber lag das Gemeinsame? Wenn wir uns für eine kurze Zeit auf dem gleichen Wege fühlten, so war das, von später her gesehen, vielleicht ein Irrtum.  .. Klar war die gemeinsame Opposition gegen die traditionelle Professorenphilosophie. Unklar, aber in der Tiefe bewegend war die unbestimmte Gewißheit, dass im Rahmen der Professorenphilosophie, in den wir beide eintraten mit dem Willen zur Lehre und Wirkung, etwas wie eine Umkehr nötig sei. Eine Erneuerung nicht etwa der Philosophie, sondern der damals in den Universitäten vorgefundenen Gestalt der Philosophie fühlten wir beide als Aufgabe. Gemeinsam war die Ergriffenheit von Kierkegaard. …

Von Anfang an hatte unsere Beziehung keinen Zug von Enthusiasmus. Sie war nicht eine aus der Tiefe des Wesens sich gründende Freundschaft. Durch äußere Umstände wie durch Verhalten und Worte war etwas Distanzierendes beigemischt. So war die Stimmung zwischen uns nicht eindeutig, nur in schönen Augenblicken der Gespräche wurde sie für Stunden rein und rückhaltlos. …

Ich sah seine Tiefe und konnte etwas anderes, Unbestimmtes schwer ertragen. Er schien ein Freund, der einen verriet, wenn man abwesend war, der aber in Augenblicken, die als solche folgenlos blieben, unvergeßlich nah war. …

Das Erscheinen von Heideggers „Sein und Zeit“ brachte, ohne dass ich es damals recht bemerkte, keine Vertiefung, sondern eher eine Veräußerlichung unserer Beziehung. … Trotz des Glanzes seiner kraftvollen Analyse erschien es mir aber doch für das, was ich philosophisch begehrte unergiebig. Ich freute mich über die Leistung des mir verbundenen Mannes, war aber unlustig, sie zu lesen, bliebt bald stecken, weil Stil, Gehalt, Denkungsart mich nicht ansprachen. …

Diese Haltung zu Heidegger, meine stets wieder suspendierte Auffassung von ihm und seinem Denken, meine Bereitschaft, über Entgleisungen hinwegzusehen, meine Lässigkeit, mit die ich eine wirkliche Kritik unterließ und verschob, das alles konnte ich nicht fortsetzen, als 1933 unser aller Dasein sich ganz und gar veränderte und bis heute Antwort von jedem verlangt und damit Klarheit dessen, was und wofür er denken und wirken will. …

Ich sagte ihm, man habe erwartet, dass er für unsere Universität und ihre große Überlieferung sich einsetzen würde. Keine Antwort. Ich sprach über die Judenfrage, über den bösartigen Unsinn von den Weisen von Zion, worauf er: „Es gibt doch eine gefährliche internationale Verbindung der Juden“. Bei Tisch sagte er in etwas wütigem Ton, dass es so viele Philosophieprofessoren gäbe, sein ein Unfug. Man solle in ganz Deutschland nur zwei oder drei behalten. „Welche denn?“ fragte ich. Keine Antwort. „Wie soll ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren?“ – „Bildung ist ganz gleichgültig“, antwortete er, „sehen Sie nur seine wunderbaren Hände an!“. …

Nun wurde mir die Frage notwendig, die ich mir bis dahin nie gestellt hatte, ob in Heideggers Denken etwas wirksam ist, das mir als Feind der Wahrheit erscheinen muss, die mir zugänglich wurde. Früher hatte ich mich mit ihm, wenn auch nicht im Grunde verbunden, doch auf verwandten Wegen gefühlt. Jetzt musste ich bei der Untrennbarkeit des Denkens von der Praxis des Denkens erwarten, dass auch seine Philosophie dem, was ich versuche, gegnerisch sein werde. Doch das war nicht immer eindeutig klar. Die Fragen wurden vielmehr brennend und blieben unbeantwortet: kann es Philosophie geben, die als Werk wahr ist, während ihre Funktion in der Faktizität des Denkenden unwahr ist? Wie verhält sich Denken zur Praxis? Was ist und was tut Heidegger eigentlich?

 

Quelle: Karl Jaspers. Philosophische Autobiographie

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Haben Maschinen ein Bewusstsein? (Carl Friedrich von Weizsäcker)

Eine Maschine hat kein Bewusstsein, werden Sie sagen.Woher wissen Sie das? Ich gebe die Behauptung zu, aber ich gebe sie zu, weil ein Vergleich mit Tieren und mit dem menschlichen Gehirn es sehr unwahrscheinlich macht, dass die Prozesse, die in den heutigen Maschinen ablaufen, irgendeine engere Ähnlichkeit mit solchen Vorgängen in Nervensystemen haben, die mit dem verbunden sind, was wir Bewusstsein nennen. Aber solange wir das Problem des Zusammenhangs zwischen Materie und Bewusstsein nicht gelöst haben, wie können wir da wissen, dass Maschinen kein Bewusstsein haben können?

Es ist ein alter Traum, einen Menschen zu machen. Ich sehe nicht, dass unser heutiges Wissen beweist, dass das unmöglich ist. Könnten wir es eines Tages, so wäre es wahrscheinlich schrecklich, es zu tun. Es könnte wohl die letzte Gotteslästerung sein und verderbliche Folgen haben. Vielleicht fürchten wir uns also mit Recht davor, und vielleicht nimmt unsere Furcht die Gestalt der Meinung an, es sein unmöglich. Viele unsere Überzeugungen sind wohl verhüllte Ängste. In der Tat glaube ich auch hier, dass es nicht möglich sein wird. Aber der Grund dafür ist vielleicht nur, dass man Geschichte braucht, um einen Menschen zu machen; vielleicht braucht man vier Milliarden Jahre dazu. ..

Um das Problem besser zu verstehen, müssten wir zunächst unsere Bedeutungsanalyse fortsetzen. Ich sagte unter den Aspekten der Physik könnte man uns mit physikalischen Maschinen vergleichen. Was sind „die Aspekte der Physik“? Wissen wir, was wir unter den Gesetzen der Physik verstehen sollen, von denen wir vorausgesetzt haben, dass sie in unserem Körper gelten? Damit sind wir erst auf die Kernfrage gestoßen.

Quelle: Die Tragweite der Wissenschaft

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Alchemie – eine große Kunst?

Von Ralf Keuper

An der Alchemie scheiden sich die Geister. Handelt es sich dabei um eine Art Wissenschaft, um Große Kunst, wie eine aktuelle Ausstellung in Berlin suggeriert, oder schlicht nur um Hokuspokus.

Auf der Internet-Seite zur Ausstellung steht:

In Europa wurde die Alchemie im Mittelalter als Ars Magna, die Große Kunst, bezeichnet und ihre Praxis diente künstlerischem Schaffen. Die auf Albertus Magnus zurückgehende These, dass die Kunst der Alchemie die Natur am besten nachahmen kann, wurde an den Universitäten von Paris und Oxford von Gelehrten wie Thomas von Aquin oder Roger Bacon diskutiert. Entgegen dem landläufigen Missverständnis, dass das Anliegen der Alchemisten vornehmlich Chrysopoeia – die Herstellung von künstlichem Gold – gewesen war, intendierten zahlreiche Adepten tatsächlich nichts Geringeres als die Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes selbst: Ein Ziel, das sie dazu anspornte, die Natur nicht nur zu imitieren, sondern durch ihre Kreativität letztlich sogar übertreffen zu wollen. Dieser innere Antrieb, Materie als Teil der natürlichen Schöpfung in ein künstlerisches Elaborat zu transmutieren, führte dazu, dass Künstlerinnen und Künstler bis heute – gerade auch in der zeitgenössischen Kunst – die prozessuale Verwandlung des Materials als integralen Bestandteil ihrer Arbeit verstehen.

Angetan von der Ausstellung zeigt sich Tilman Spreckelsen in Aus alt mach immer wieder neu  in der FAZ vom 7.04.17. Der Ruf der Alchemie leidet bis heute darunter, dass sie mit okkulten Praktiken in Verbindung gebracht wird. Die Suche nach der Ursubstanz, das unedle Metalle in Gold verwandeln kann, aus dem sich wiederum – in Wein aufgelöst –  ein Allheilmittel gewinnen lässt, überschattet die Geschichte dieser Wissenschaft.

Spreckelsen zitiert den Chemiehistoriker Claus Priesner:

Alchemie basiert im Kern auf naturkundlichem Wissen und ist daher fundamental etwa vom Schamanismus und anderen Disziplinen der Magie geschieden.

In zahlreichen Illustrationen ist über die Jahrhunderte versucht worden, die ganzheitliche Wirkungsweise der Alchemie zu veranschaulichen.

Im 18. Jahrhundert schlägt die Forschung, so Spreckelsen, eine andere Richtung ein:

… an die Stelle von Spekulation treten nun endgültig das Experiment und die Anschauung, und was seither mit Alchemie verbunden wird, ist eine Mischung aus Wahn und Trug.

Für Helmut Gebelein besteht der Unterschied zwischen Alchemie und Chemie in ihren unterschiedlichen Denkansätzen, Denkstilen:

Ihre (Alchemie) Betrachtungsweise wird heute als magisches Weltbild oder als partizipierendes Bewusstsein bezeichnet. Auch ein magisches Weltbild geht davon aus, das die Welt gesetzmäßig ist, die Gesetze sind nur andere als die, die wir derzeit akzeptieren. Ein magisches Weltbild ist nicht übersinnlichen, sondern anderssinnlich. Unter Magie ist dabei das Ausnützen von naturgegebenen Kräften zu verstehen, die in unserem naturwissenschaftlichen Weltbild keinen Platz haben (Alchemie. Die Magie des Stofflichen)

Gebelein benennt sieben hermetische Prinzipien der Alchemie:

  1. Das Prinzip der Geistigkeit
  2. Das Prinzip der Entsprechung
  3. Das Prinzip der Schwingung
  4. Das Prinzip der Polarität
  5. Das Prinzip des Rhythmus
  6. Das Prinzip von Ursache und Wirkung
  7. Das Prinzip des Geschlechts

Als Erfinder der Alchemie und Namensgeber der Hermetik gilt Hermes Trismegistos. Auf Wikipedia steht:

Als Hermetik im engeren Sinn bezeichnet man die Strömungen, die in unmittelbarer Tradition der antiken Hermetik stehen. Im weiteren Sinn ist „Hermetik“ ein Synonym für Alchemie und okkultesoterische Lehren überhaupt. Die Hermetik beeinflusste das naturwissenschaftliche Weltbild bis in das 17. Jahrhundert hinein und prägte den abendländischen Okkultismus.

Der Hermetik bzw. des Hermetismus zugerechnet wird u.a. Giordano Bruno. Selbst Galilei stand im Verdacht, dem Hermetismus anzuhängen.

Laut Gebelein stehe die Alchemie allen Interessierten offen:

Die Alchemie ist eine Lehre, die von niemanden Unterwerfung unter Dogmen verlangt. Sie verlangt allerdings viel Arbeit und Geduld und die Kenntnis der zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten. Jeder, der sich mit Alchemie ernsthaft beschäftigt, weiss, wieviel er mitteilen kann. Geheimwissenschaft bedeutet nicht, dass Wissen geheimgehalten werden muss, dies kann ein Aspekt sein. Das Wissen ist auch geheim, weil es nur durch eigene Arbeit erhalten und deshalb auch nicht einfach weitergegeben werden kann.

Karl Popper würde das wohl als Immunisierung bezeichnen. Wenn es in der Alchemie Gesetzmäßigkeiten gib, dann müssen sie sich doch irgendwann in einem Regelwerk, einem Kanon niederlegen lassen, der neuesten Erkenntnissen angepasst werden kann. Anderenfalls handelt es sich um eine Art Innenschau, um Mystik, um Offenbarungswissen.

Auf dieses Dilemma spielt m.E. Erwin Chargaff an:

Unsere Wissenschaften sind dazu verurteilt, den Teil für das Ganze zu nehmen, denn für dieses haben sie kein Organ. Sie können summieren, nicht integrieren. Sie sind sehr genau, wo sie beiläufig sein dürften, und beiläufig, wo eine geradezu religiöse, höchste Genauigkeit am Platze wäre. Daher muss der Mystiker vor ihnen verzagen, ebenso wie der analytische Chemiker versagen muss vor der Entstehung des Lebens. Ich fürchte, auf diesem Weg wird die ersehnte Brücke niemals erreicht werden (in: Warnungstafeln. Die Vergangenheit spricht zur Gegenwart)

Über die enge Beziehung zwischen Kunst und Alchemie schreibt Gebelein:

Die Alchemie und die Kunst haben das gleiche Ziel: der Frage nach dem Sinn der Schöpfung nachzugehen. Darin liegt die tiefere Begründung für die Bezeichnung der Alchemie als Kunst bis in unsere Zeit.

Daraus erklärt sich wohl das nicht nachlassende Interesse der Künstler an der Alchemie; in der Literatur (Goethe, Shakespeare, Breton), Malerei (Magritte, Hieronymus Bosch, Rembrandt) und Musik (Monteverdi, Mozart, Haydn)

Weitere Informationen:

Ausstellung „Alchemie. Die große Kunst“ im Berliner Kulturforum

Der Traum vom Dreck, der zu Gold wird

 

 

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Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms: Ein steiniger Weg

Von Ralf Keuper

In der Wissenschaft geht es, anders als in der Wirtschaft oder der Politik, einzig darum, der Wahrheit bzw. der besten Methode uneigennützig zum Durchbruch zu verhelfen. Interessen Einzelner, von Unternehmen oder Institutionen haben keine Chance, die Forschungsergebnisse zu beeinflussen. Experimente sind reproduzierbar, die Methoden haben sich in der Praxis bewährt, so dass eine objektive Bewertung der Ergebnisse möglich ist. An diesem Ideal haben in der Vergangenheit u.a. Thomas S. Kuhn, Ludwik Fleck, Imre Lakatos und Paul Feyerabend gerüttelt. Demzufolge spielen persönliche Interessen, Eitelkeiten und politische Motive eine wichtige Rolle im Wissenschaftsbetrieb.

Beispielhaft dafür sind die Erfahrungen, von denen der Entdecker des menschlichen Genoms, Craig Venter, in seiner Autobiografie Entschlüsselt. Mein Genom. Mein Leben berichtet.

Venter machte immer wieder die Beobachtung, dass Wissenschaftler zunächst einmal daran interessiert sind, ihre eigene Position zu sichern:

Eines sollte ich .. immer und immer wieder lernen: Eine erstaunlich große Zahl von Humangenetikern sorgt sich mehr darum, selbst den Wettlauf um die Entdeckung eines krankheitsassoziierten Gens zu gewinnen, als um die möglichst schnelle Beendigung des Wettlaufs. .. Wenn sie das Verdienst nicht für sich verbuchen konnten, würden sie neuen Methoden, die unabhängig von ihnen zur schnellen Isolierung des Gens führen konnten, den Rücken wenden.

In dem Wettlauf bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms zeigte sich auch, wie wichtig inzwischen leistungsfähige Apparate (Sequenzierautomaten) Rechner und Algorithmen sind:

Wir mussten einen der größten Computer aller Zeiten bauen – vielleicht sogar den größten überhaupt. … Unsere Fragestellung weckte sehr schnell das Interesse und die Aufmerksamkeit der Computerbranche. .. Alle wollten uns davon überzeugen, dass ihre Computer als einzige die Aufgabe bewältigen könnten, und alle wollten den Computer liefern, der das Genom des Menschen zusammensetzte.

Ebenso so groß wie an die Hardware waren die Anforderungen an die Software:

Um die gesamte, drei Milliarden Buchstaben lange Genom des Menschen abzudecken, musste die Software in der Lage sein, 30 Millionen Fragmente zu handhaben. Es war gewissermaßen die Mutter – und der Vater – aller Puzzlespieler, und wenig später stellten wir ein hochkarätiges Team zusammen, das den erforderlichen Algorithmus entwickeln sollte.

Um Anträge konkurrierender Forschergruppen, wie im Fall der Genomforschung zwischen der staatlichen NSH und dem privaten Institut von Venter (Celera), galant zu sabotieren, stehen bewährte Verfahren zur Verfügung:

Damit ein Antrag scheitert, ist häufig nicht mehr erforderlich, als dass einer der mehr als zwölf Gutachter das Fachgebiet, den Antragsteller, die Institution oder die Methodik nicht mag. Ein Gutachter bewundert vielleicht den Wissenschaftler, der den Antrag gestellt hat, und respektiert auch seine Forschungsarbeiten, aber in einem stark von Konkurrenz geprägten Fachgebiet kann die Blockade eines Konkurrenzprojektes dazu führen,  dass die Finanzierungsaussichten für das eigene Institut des Gutachters wachsen. Ebenso kann es hilfreich sein, wenn eine neue Methodik, die im Institut des Gutachters nicht angewandt wird oder als unbrauchbar abgeschrieben wurde, möglichst wenig eingesetzt wird. Offene   Feindseligkeit oder Gehässigkeit sind gar nicht nötig, um den Finanzierungsantrag eines Rivalen erfolgreich zu Fall zu bringen; man braucht sich nur lauwarm zu äußern oder zu schwaches Lob spenden.

Venter und sein Team wählten für ihre Forschungen die Drosophila. Zu dieser Gattung zählen Essigfliegen, Weinfliegen, Gärfliegen und Taufliegen; insgesamt umfasst sie 2.600 Arten. Gedanke dabei war, von den Genen der Fliegen auf mögliche Funktionen ähnlicher menschlicher Gene zu schließen.

Ein großer Streitpunkt zwischen Venters Gruppe und den staatlichen Institutionen war die Frage nach der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse bzw. der Daten.

Nachdem das letzte Fragment des Drosophila-Genoms sequenziert war, nahm Venter 1999 das menschliche Genom ins Visier. Bereits im Juni 2000 war das menschliche Genom entschlüsselt. Hauptverantwortlich für den Erfolg war die von Venter entwickelte EST-Methode.

In einem Interview mit Lindau Nobel Laureate Meetings äußerte sich der Nobelpreisträger Ham Smith zu Venter und der EST-Methode:

Er erfand die EST-Methode, die für die erweiterten Erläuterungen des menschlichen Genoms absolut notwendig ist. Ihm gelang es, eine große Gruppe zu vereinen, um das menschliche Genom zu entschlüsseln. Sein Team entschlüsselte die ersten bakteriellen Gensequenzen.

So gesehen hat sich dann doch die beste Methode durchgesetzt.

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Karl Jaspers: Zur Aktualität seines Denkens

Jaspers‘ Identifizierung von wissenschaftlicher Wahrheit (wenigstens in den methodisch gereinigten Wissenschaften) mit zwingend gewisser, zwingend gültiger oder zwingend einsehbarer Wahrheit war ein folgenschwerer Irrtum, über den ihn Poppers „Logik der Forschung“, die schon 1934 erschienen war, hätte aufklären können.

Im Gegensatz zu Jaspers‘ Auffassung lässt sich kurz folgendermaßen feststellen: Von wissenschaftlichen Wahrheitsansprüchen wird in der Tat verlangt, dass sie intersubjektiv überprüfbar sind. Das ist, mit einigen Qualifikationen versehen, eine notwendige Bedingung, die sie erfüllen müssen. Nachprüfbarkeit ist jedoch nicht dasselbe wie Beweisbarkeit. Empirische Theorien sind nachprüfbar, doch nicht beweisbar; die Nachprüfung kann bestenfalls zu einer Bestätigung in Einzelfällen oder aber zur Widerlegung führen. Zudem handelt es sich um Bestätigung und Widerlegung in einem abgeschwächten Sinn; denn sie vollziehen sich mit Hilfe von Beobachtungs- und experimentellen Ergebnissen, die zwar unter Wissenschaftlern vorläufig als zuverlässig gelten, sich aber früher oder später als zweifelhaft herausstellen können. Noch ein weiterer Umstand muss erwähnt werden, der zu einer Einschränkung des Kriteriums der intersubjektiven Überprüfbarkeit führt. Die empirischen Theorien schließen mitunter Sätze, sogar Grundsätze ein, die man schwerlich als überprüfbar bezeichnen kann (zum Beispiel das Trägheitsgesetz). Selbst in der reinen Mathematik ist das Kriterium der Überprüfbarkeit nur von beschränkter Gültigkeit. Aus den Untersuchungen Gödels ging hervor, dass jede hinreichend komplexe, widerspruchsfreie mathematische Theorie Sätze enthalten muss, die wahr, doch nicht entscheidbar sind.

Quelle: Alfons Grieder. Jaspers und die Möglichkeit von Philosophie im Zeitalter der Technik, in: Karl Jaspers. Zur Aktualität seines Denkens. Von Kurt Salamun (Hrsg.)

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Subjektivität ist nicht die Geschichte eines stabilen, absoluten „Ichs“ (Siri Hustvedt)

Subjektivität ist nicht die Geschichte eines stabilen, absoluten „Ichs“, das durchs Leben marschiert und eine bewusste Entscheidung nach der anderen trifft. Sie ist auch kein körperloses Maschinengehirn, das genetisch darauf programmiert wäre, in festgelegten, vorhersehbaren Weisen zu handeln. Das früher einmal so beliebte Modell des Gehirns als Festplatte, auf die Software aufgespielt wird, hat im Lauf der Zeit an Popularität verloren. Der Computer wurde mit dem Aufkommen der Technologie ein kognitives Modell, und ich finde es abwegig, wenn Wissenschaftler und eine ganze Reihe Philosophen beschließen, eine Maschine sei ein angemessenes Modell für den menschlichen Geist. Zunächst einmal sind Maschinen nicht emotional, und ohne affektive Werte können Menschen Entscheidung treffen. Sie büßen eher als Urteilsvermögen ein, als dass sie es gewönnen. ..

Außerdem ist unsere Subjektivität nicht abgeschottet gegen die Außenwelt, sondern offen. Das ist unstrittig, aber seltsamerweise wird es häufig vergessen, und aufgrund des wissenschaftlichen Faibles für die Hirnfunktion werden diese Prozesse mitunter behandelt, als ereigneten sie sich in einem isolierten körperlosen Organ – ein Haufen Neuronen in einem Behältnis, die ihrem eigenen Geschäft nachgehen.

Quelle: Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven

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Fortschritt in der Philosophie (Karl Jaspers)

Fortschritt gibt es in der Philosophie dadurch, dass es einen Fortschritt in den Wissenschaften gibt .., und dass dadurch Philosophie selber, im Material ihrer Sprache stets vor neue Aufgaben gestellt, grundsätzlich heller zu werden vermag. Fortschritt in der Philosophie gibt es weiter durch die Entfaltung der Mittel ihrer rationalen Strukturen, der Kategorien, der Bewusstheit ihrer Methoden, vielleicht in der möglichen Reinheit ihrer Verwirklichung.

Beide Weisen des Fortschritts betreffen nicht die Substanz der Philosophie. Der Fortschritt ist aufzufassen und zu eigen zu machen durch uns, die wir die Philosophie beruflich als Lehre vertreten. Er ist aber nur ein Moment unter den geschichtlichen Bedingungen, unter denen der philosophische Gedanke seine je eigentümliche, zeitlich besondere Gestalt annimmt.

Quelle: Philosophie I. Philosophische Weltorientierung

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Anmerkungen zur Leitkultur

Von Ralf Keuper

Die Diskussion um die deutsche Leitkultur ist mal wieder entbrannt. Wie nicht anders zu erwarten, ist man sich weitgehend darin einig, dass man sich uneinig ist, was unter einer typisch deutschen Leitkultur zu verstehen ist bzw. ob so etwas überhaupt existiert.

Braucht eine moderne Offene Gesellschaft eine Leitkultur, die mehr oder weniger unverrückbar ist? Wird das der Realität, den Tatsachen und der Lebenswirklichkeit der Menschen überhaupt noch gerecht?

Kann es sein, dass  die Diskussion um die Leitkultur ihre Wurzeln bei den alten Germanen hat?

In Die Religion der Germanen. Götter, Mythen, Weltbild  zeigt Bernhard Maier, dass die Religion bei den Germanen die Funktion hatte, eine (Stammes-)Gesellschaft zu vereinen und nach außen abzuschließen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist ein Satz des isländischen Historikers Ari Progilsson (1068-1148):

Es scheint mir geraten, dass … wir alle ein Recht und eine Sitte haben, denn das wird sich bewahrheiten: Zerreißen wir das Recht, zerreißen wir auch den Frieden.

Maier schreibt dazu:

Wie im antiken Rom erscheint Religion also auch bei den Germanen weniger als eine Sache der individuellen und privaten Überzeugung als vielmehr des gemeinschaftlich und öffentlich vollzogenen Kults, dessen Wirksamkeit man von der inneren Einstellung der Beteiligten unabhängig glaubte. Beachtung verdient der zitierte Satz aber auch deswegen, weil er die Forderung nach einer allgemeinverbindlichen Einheit von Recht, Religion und Politik zum Ausdruck bringt: Da der Kult gemeinschaftlich und öffentlich vollzogen wird, betrachtet man Abweichungen von der überlieferten Religion zugleich als Gefährdungen der staatlichen und politischen Ordnung.

Wäre es möglich, dass der überspannte Staatsgedanke Hegels, wie ihn u.a. Rudolf Eucken und Karl Popper heftig kritisiert haben (Vgl. dazu: Hegel und der Staat – ein deutsches Verhängnis),  eine späte Folge dieses Denkens ist? Gehört der Glaube an den europäischen Superstaat zur selben Kategorie? Auffallend ist, dass der Glaube, die Hingabe an die staatliche Autorität in Deutschland höchst problematisch sein kann; jedenfalls in der Vergangenheit, wovon auch Religionen, wie der Protestantismus, der ansonsten die innere (Glaubens-)Freiheit gegenüber der kirchlichen Autorität in Schutz nimmt, heimgesucht wurden (Vgl. dazu: Protestantische Frömmigkeit birgt in allem Gewissensernst spezifische Gefährdungspotenziale). Wie stark ist die Untertanen-Mentalität, die Heinrich Mann so eindringlich beschrieben hat, auch nach 68, in den Köpfen verankert, so dass der Wunsch nach einer Leitkultur eine logische Konsequenz ist? Selbst der Glaube an den Rechtsstaat als Institution jenseits der Konflikte, ist, sofern wir Ralf Dahrendorf folgen wollen, überzogen:

Für die Verfassung der Freiheit ist die Herrschaft des Rechts weniger wichtig als die Lebendigkeit des Konfliktes. Die liberale Demokratie wird weniger dadurch gefährdet, dass sich ein Politiker etwas außerhalb der Legalität bewegt, als dadurch, dass die Suche nach vorgeblich überparteilichen Instanzen in der Überschätzung von Kaiser und Präsident, Einheit und Großer Koalition, Verwaltung und Recht institutionelle Gestalt annimmt. Weniger missverständlich formuliert: Ohne rechtsstaatliche Grundlage kann auch die Verfassung der Freiheit nicht wirklich werden; aber die rechtsstaatliche Basis allein gewährt die Verfassung der Freiheit nicht. Für sich genommen kann sie vielmehr zum abstrakten Maß werden, das sich nicht nur jedem Herrn zur Bedienung anbietet, sondern auch dann noch autoritäre Wirkungen entfaltet, wenn niemand mehr Herr sein will. Die Demokratie jedenfalls braucht Liberalität dringender als die Moralität. (in: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland).

Wie immer wir Leitkultur definieren, wenn sie nicht zu der Haltung führt, wie sie Ernest Gellner in Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen als charakteristisch für eine funktionierende Zivilgesellschaft beschreibt, dann ist sie m.E. wertlos:

Eine Gesellschaft, die an eine expandierende Technologie gefesselt ist und folglich an eine expandierende kognitive Grundlage, kann ihre Wahrnehmung der Welt nicht verabsolutieren oder einfrieren. Eine solche Gesellschaft bekommt ein Gespür für die Unabhängigkeit der vernunftgemäßen Wahrheit von der Gesellschaft, und es fällt ihr schwer, die Idee einer eindeutigen und endgültigen Offenbarung ernst zu nehmen. Ihre hochentwickelte Fähigkeit zu alternativen Konzeptualisierungen desselben Gegenstands und ihr Gespür für die Trennbarkeit von Sachverhalten macht es ihr schwer oder unmöglich, sich eine Weltsicht zu eigen zu machen, die eine autoritative Zuweisung von Rechten und Pflichten und zugleich die Rechtfertigung solcher Zuschreibung impliziert.

Und weiter:

Die Gesellschaft braucht Wirtschaftspluralismus für produktive Effizienz, und sie braucht gesellschaftlichen und politischen Pluralismus, um exzessiv zentralistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Vor allem aber macht sie sich gesellschaftlichen und politischen Pluralismus zunutze, aber einer besonderen, modularen, ad hoc Art, die den Individualismus nicht erstickt und zugleich als ein Gegengewicht zum Zentrum wirkt. Das Majoritätsprinzip oder repräsentative Institutionen, die die Gleichheit der Bürger durch das gleiche Wahlrecht symbolisieren, stellen einen wichtigen Beitrag dazu dar, aber sie sind nicht das Wesentliche. Wesentlich ist vielmehr die Abwesenheit sowohl eines ideologischen wie eines institutionellen Monopols. Keine einzige Lehre wird geheiligt und exklusiv mit der Gesellschaftsordnung verbunden. Machtpositionen werden turnusmäßig gewechselt wie alle anderen auch und sind nicht mit unmäßigen oder auch nur besonders hohen Belohnungen verbunden.

 

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Der „Marsh for Science“ in den Medien

Von Ralf Keuper

Der March for Science löste in der Medienwelt ein eher geteiltes Echo aus. Längst nicht alle Kommentatoren sehen in einer stärkeren Förderung der Wissenschaft die Lösung des Problems; einige halten die Wissenschaft gar für Teil des Problems. Auch Wissenschaftler sind nicht unfehlbar und neigen zuweilen zu totalitären, fatalistischen Anschauungen. Auch ist der Wissenschaftsbetrieb, wie u.a. Thomas Kuhn und Ludwik Fleck gezeigt haben, keinesfalls unempfänglich für politisch-ökonomische Machtkämpfe, bei denen das Streben nach Wahrheit immer wieder mal auf der Strecke bleibt. Der Zustand des deutschen Wissenschaftsbetriebs ist, was die absoluten Zahlen angeht, bestens; der Befund ändert sich jedoch, wenn man die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse unter die Lupe nimmt.

Hier eine Auswahl von Beiträgen:

 

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