Edmund Husserl: Neuaufbruch der Philosophie

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Es gibt keine reinen eindeutigen Geschichtstendenzen in unserer Welt (Golo Mann)

Es gibt keine reinen eindeutigen Geschichtstendenzen in unserer Welt, unserem Geist, und wenn es sie gäbe, so würden sie sich doch nie ganz durchsetzen, sondern von andern durchkreuzt werden; und wenn selbst keine andern, fremden da wären, so würden sie doch aus ihnen selbst sich entwickeln. Keine Epoche gehorcht einem einzigen Nenner. Keine Macht, kein Volk, keine Idee monopolisiert die Weltgeschichte für länger als einen kurzen, scheinbaren Augenblick.

Quelle: Friedrich von Gentz. Gegenspieler Napoleons – Vordenker Europas

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Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #36

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

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Alle Erkenntnis ist theoriegetränkt (Karl R. Popper)

Da all unsere Dispositionen in gewissem Sinne Anpassungen an konstante oder sich langsam verändernde Umweltbedingungen sind, kann man sie als theoriegetränkt bezeichnen, wobei der Ausdruck “Theorie” in einem genügend weiten Sinne zu nehmen ist. Ich meine, dass sich jede Beobachtung auf bestimmte typische Situationen – Regelmäßigkeiten – bezieht, zwischen denen sie entscheiden möchte. Und ich denke, wir können sogar noch mehr behaupten: Es gibt kein Sinnesorgan, in das nicht antizipierende Theorien genetisch eingebaut wären. Das Auge einer Katze reagiert in bestimmter Weise auf eine Anzahl typischer Situationen, für die vorbereitete Mechanismen in seine Struktur eingebaut sind: Sie entsprechen den biologisch wichtigen Situationen, zwischen denen unterschieden werden muss. Die Disposition, zwischen diesen Situationen zu unterscheiden, ist also in das Sinnesorgan eingebaut, und damit die Theorie, dass genau diese die bedeutsamen Situationen sind, zu deren Unterscheidung das Auge zu verwenden ist.

Die Tatsache, dass alle unsere Sinne in dieser Weise theoriegetränkt sind, demonstriert sehr klar das völlige Versagen der Kübeltheorie und mit ihr aller jener Theorien, die unsere Erkenntnis auf Beobachtungen zurückführen möchten, auf die Eingabegrößen für die Organismen. Im Gegenteil: Was als bedeutsame Eingabegröße aufgenommen wird und was als irrelevant übergangen wird, das hängt völlig von der angeborenen Struktur (dem “Programm”) des Organismus ab.

Quelle: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf

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“Metternich. Stratege und Visionär. Eine Biografie” von Wolfram Siemann

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Metternich. Stratege und Visionär. Eine Biografie beabsichtigt Wolfram Siemann das Bild des Staatsmannes, das sich über die letzten 150 Jahre verfestigt hat, zu korrigieren. Metternich taucht darin als ein in europäischen Dimensionen denkender und handelnder Staatsmann auf. Die französische Revolution erlebte Metternich in seiner Studienzeit in Straßburg aus nächster Nähe. Was sich dort ereignete, war in seinen Augen ein Rück- und kein Fortschritt. Metternich war sich der Schwächen des Ancien Régime durchaus bewusst; jedoch war er der Ansicht, dass kein radikaler Wechsel, sondern ein eher schrittweiser Wandel, behutsame Reformen auf lange Sicht die bessere Lösung für die bestehenden gesellschaftlichen Probleme seien. Die Erfahrungen aus seiner Studienzeit sollten den Staatsmann zeitlebens prägen:

Die Prägungen, die Metternich während seiner Studienzeit am Ende des Anicen Régime erhielt, standen mithin im Horizont der europäischen Aufklärung. Sie machten Metternich zum Exponenten einer Generation, die sich noch als Teil einer europäischen Community verstand. Der Adel war dabei neben den Schriftgelehrten der prädestinierte Stand, denn er wurde am spätesten nationalisiert. Die “Generation Metternich” beherzigte die hier dargestellten Werte. Diese um 1770 Geborenen vereinte die Idee der alteuropäischen Rechtsordnung, welche nicht als feudalistisches Repressivsystem begriffen wurde, sondern als eine Ordnung, in der auch den Mindermächtigen ein Recht zukam. Im Horizont der späten Reichspublizistik werden sie auch der “Generation Pütter” zugeordnet. Es lohnt sich zu erwägen, ob die erwähnte “Generation Bonaparte” ihr nicht durch einen Zeithorizont, sondern auch durch eine verwandte Verständnisfähigkeit verbunden war, obwohl ihr selbst das kaum bewusst gewesen sein mag. .. Diese Art, europäisch oder gar universell zu denken, teilte der Minister auch mit seinen späteren britischen Gesinnungsgenossen, welche durch die gleiche Generationserfahrung geprägt waren, unter ihnen Politiker wie Wellington oder Castlereagh. Auf dem Fundament einer gleichgerichteten Revolutionserfahrung und -abwehr sowie gemeinsamer europäischer Normen betrieb Metternich ab 1815 seine vermeintlich “restaurative” Politik. Man vergisst leicht, dass dahinter ein kosmopolitischer Impetus stand.

Weitere Informationen / Rezensionen:

Biografie eines europäischen Staatsmannes. Der wahre Fürst von Metternich

Wir müssen den Reaktionär als guten Menschen sehen

Rezension Sehepunkte

Fürst von MetternichGerechtigkeit für ein Genie

Review Symposium: W. Siemann: Metternich

 

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Aufstand der Denkcomputer

Weitere Informationen:

Aufstand der Denkcomputer. Roman

Computer mit Hirn, Gefühl und Körper: Der Physiker Richard M. Weiner entwirft in seinem zweiten Roman eine Zukunft, der die Gegenwart schon ganz nahe gerückt ist

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Herausforderungen und Chancen der integrativen Taxonomie für Forschung und Gesellschaft

Die Beschreibung und Klassifikation der uns umgebenden Vielfalt der Arten stehen am Beginn der wissenschaftlichen Erforschung des Lebendigen. Als Carl von Linné 1735 seine Schrift Systema Naturae veröffentlichte, löste er mit seinen Ideen für eine neuartige Ordnung der Natur eine Revolution aus, die insbesondere die Biologie lange Zeit prägte. Knapp 280 Jahre später liefert die Taxonomie, also die Lehre von der Erfassung, Beschreibung und Klassifikation der biologischen Vielfalt, wichtige Grundlagen für nahezu alle lebenswissenschaftlichen Forschungsbereiche.

Die Taxonomie erlebt heutzutage erneut tiefgreifende Veränderungen. Sie setzt moderne Hochdurchsatzanalysen für molekulare Informationen ein und erweitert dadurch in einem nie dagewesenen Maße das Verständnis bisher verborgener komplexer Zusammenhänge in unserer Umwelt. Eine moderne taxonomische Wissenschaft ist im Entstehen begriffen, die mehr als je zuvor einen integrativen Charakter hat. Diese Veränderungen bringen allerdings auch große Herausforderungen mit sich, denen sich Wissenschaft und Gesellschaft stellen müssen, um das vorhandene Potenzial der modernen taxonomischen Forschung voll auszuschöpfen. …

Quelle / Link: Herausforderungen und Chancen der integrativen Taxonomie für Forschung und Gesellschaft

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Die effiziente Scheinintelligenz der Maschinen und das letzte Refugium menschlicher Intelligenz

Von Ralf Keuper

In dem Beitrag Das letzte Refugium menschlicher Intelligenz in der FAZ vom 27.06.2018 berichtet Oliver Jungen von der Antrittsvorlegung, die Douglas Hofstadter in Köln in seiner Eigenschaft als vierzehnter Albertus Magnus – Gastprofessor hielt. Am Bespiel der Übersetzung von Romanen und Gedichten (Puschkin, Wang Wei) machte Hofstadter deutlich, dass es ohne Hintergrund- und Kontextwissen unmöglich sei, die Texte mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (Textübersetzungsprogramme) angemessen zu übertragen. Eine gelungene Übersetzung benötigt zahlreiche Entscheidungen auf emotionaler Ebene. Diese sei Computern noch nicht zugänglich.

Im Bereich des Maschinenlernens, wo es um Effizienz und nicht um Sinn gehe, wird die Maschine den Menschen überholen. Das letzte Refugium der menschlichen Intelligenz könnten Sprache und Literatur sein; Gebiete, bei denen der Kontext und der Sinn im Zentrum stehen, wo es also um hermeneutisches Verstehen geht.

In seinem, zusammen mit Emmanuel Sander veröffentlichten Buch Die Analogie. Das Herz des Denkens schrieb Hofstadter, dass ein Computer ohne die Fähigkeit Kategorien zu bilden und Analogien herzustellen, dem Menschen unterlegen bleibe:

Wenn es also zwei Kreaturen gäbe, von denen die eine (ein erwachsener Mensch) die Welt mit Hilfe der Kategorisierung durch Analogiebildung wahrnimmt, während der andere (ein Computer) nicht über einen solch hilfreichen Mechanismus verfügt, dann gliche ihr Wettbewerb im Weltverstehen einem Wettlauf zwischen einer Person und einem Roboter, die beide auf ein hohes Dach klettern müssen, wobei das Menschenwesen eine bereits bestehende Treppe benutzen darf, wohingegen der Roboter sich seine Treppe von Grund auf selbst bauen muss.

Dass es auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz häufig noch zu Phänomenen kommt, die an die hochfliegenden Pläne der Alchemisten erinnern, wird in Wissen sie überhaupt, was sie tun? thematisiert. Häufig stützen sich die Verfahren der Künstlichen Intelligenz noch auf Algorithmen, deren Entscheidungskriterien im Dunkeln liegen. Der Beitrag erwähnt die provokante Äußerung von Ali Rahimi, KI-Forscher bei Google:

Man drehe so lange an den Parametern, bis der Algorithmus das gewünschte Ergebnis hervorbringe. Kürzlich legte Rahimi auf einer Konferenz in Vancouver noch einmal nach und bezeichnete die ganze KI-Forschung als Alien-Technologie. Die Branche wisse nicht, warum sie den einen Algorithmus dem anderen vorziehe. Sie tue es einfach und schaue, wie weit sie damit komme.

Das führt zu der Forderung nach der Einrichtung eines Prüfsystems für Algorithmen. Initiativen wie Algorithm Watch und das Projekt Algorithmen für das Gemeinwohl wollen ebenfalls für mehr Transparenz sorgen.

Weitere Informationen:

Pionierarbeit für Maschinelles Lernen – DFKI-Forscherteam erhält “NVIDIA Pioneer Award”

Google researchers created an amazing scene-rendering AI

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Martin Rees – Posthuman Era

Weitere Informationen:

Geht die Menschheit und die Wissenschaft unter? Interview mit Martin Rees

Martin Rees

Martin Rees (Englisch)

Mein Kosmos. Martin Rees erklärt die Astrophysik und spekuliert über Gott

Unsere letzte Stunde

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Eine zu detaillierte Ausführung braucht der Wirkung auf die Phantasie nicht zu schaden (Eugène Delacroix)

Es ist also für den Künstler viel wichtiger, dem Ideal, das er in sich trägt und das ihm eigen ist, nahe zu kommen, als das vergängliche Ideal, das die Natur darbieten kann, festzuhalten. Gerade darin, dass nur ein bestimmter Mensch und nicht das Gros der Menschen die Natur auf eine ideale Weise sieht, liegt der Beweis, dass seine Phantasie das Schöne hervorbringt, genau deshalb, weil er seinem Genie folgt. Diese Arbeit der Idealisierung stellt sich bei mir fast ohne mein Wissen ein, sobald eine Komposition, die aus meinem Hirn hervorgegangen ist, wieder durchpause. Die zweite Version ist immer verbessert und nähert sich mehr einem notwendigen Ideal. So tritt ein scheinbarer Widerspruch ein, der die Erklärung bietet, wieso eine zu detaillierte Ausführung, wie die von Rubens z.B., der Wirkung auf die Phantasie nicht zu schaden braucht.

Quelle: Eine Auswahl aus den Tagebüchern. Hrsg. von Hans Platschek

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