Betrug statt Wissenschaft – Wenn Forscher schummeln | Quarks

Veröffentlicht unter Politik und Wirtschaft, Wissenschaftsmanagement | Hinterlasse einen Kommentar

Weil die kulturellen Kompetenzen innerhalb von sozialen Feldern erworben werden … (Pierre Bourdieu)

Weil die kulturellen Kompetenzen innerhalb von sozialen Feldern erworben werden, die zugleich als Märkte fungieren und ihnen einen Preis zuteilen, bleiben sie abhängig von diesem Markt; deswegen geht es bei allen Auseinandersetzungen über kulturelle und Bildungsfragen darum, den Absolventen einer bestimmten Klasse von Erwerbsbedingungen (d.h. eines bestimmtes Marktes), deren Herkunft an einem “Stil” ablesbar ist, den profitabelsten Markt zu eröffnen. In diesem Sinne könnte es sich bei dem, was heute “Gegenkultur” heisst, um das Resultat der Bemühungen von neuartigen Autodidakten handeln, sich von den Gesetzen des schulischen Marktes (denen sich die Autodidakten alten Schlages, weniger selbstsicher, weiterhin unterwerfen, nicht ohne doch deren Folgen im voraus zu verdammen) in der Weise zu befreien, dass sie einen Markt mit eigenen Sanktionierungsinstanzen schaffen, der ganz wie der mondäne und der intellektuelle Markt fähig wäre, die Schulinstitution praktisch infrage zu stellen, wenn sie sich anmaßt, den Markt der Kulturgüter vollkommen zu vereinheitlichen und hier die Kriterien durchzusetzen, nach denen Kompetenzen und Verhalten in der Schule oder jedenfalls in den “verschuldetsten” Sektoren des Bildungsmarktes bewertet werden.

Quelle: Die feinen Unterschiede

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Soziologie | Hinterlasse einen Kommentar

Delacroix and the Rise of Modern Art: Julian Bell at the National Gallery

Veröffentlicht unter Ästhetik und Kunst | Hinterlasse einen Kommentar

Jeder Künstler, der die Gabe hat, die Formen zu verallgemeinern … (Auguste Rodin)

Gibt nicht auch der Bildhauer ein Zeugnis von Verehrung, wenn er den großzügigen Charakter der Formen, die er studiert, wahrnimmt, wenn er aus dem Durcheinander flüchtiger Linien den ewigen Typus eines jeden Wesens herauszuarbeiten weiss, wenn er sogar im Schoß der Göttlichkeit die unveränderlichen Vorbilder zu erkennen scheint, wonach alle Kreaturen geschaffen sind? Betrachten Sie zum Beispiel die Meisterwerke der ägyptischen Bildhauerkunst, menschliche Figuren oder Tiere, und sagen Sie dann selbst, ob die Betonung der Hauptkonturen nicht den sinnenverwirrenden Eindruck einer heiligen Hymne gibt.

Jeder Künstler, der die Gabe hat, die Formen zu verallgemeinern, das heisst ihre Konsequenzen herauszuarbeiten, ohne ihnen ihre lebendige Realität zu nehmen, ruft dasselbe religiöse Gefühl bevor; denn er vermittelt uns den hehren Schauder, den er selbst vor den unsterblichen Wahrheiten erfahren hat.

Quelle: Rodin. Die Kunst

Veröffentlicht unter Ästhetik und Kunst, Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Metrologie: Die heimliche Leitwissenschaft

Von Ralf Keuper

Die Definition und Anwendung einheitlicher Maße ist ein unscheinbares Geschäft. Was kümmert es den Normalverbraucher, wie schwer das Urkilo wirklich ist? Dennoch ist diese Frage von nicht zu unterschätzender Bedeutung für unseren Lebensalltag. Künftig wird das Urkilo, wie u.a. in Was wiegt ein Kilo? berichtet wird, durch eine abstrakte Naturkonstante, das Plancksche Wirkungsquantum, ersetzt. Eine neue Zeit bringt es mit sich, dass die Maßeinheiten den veränderten Realitäten angepasst werden:

Die Welt der Normen ist zurechtgezimmert; aber sie hält, solange jeder gleich viel gewinnt und verliert, was auch mit dem neuen Maß so bleiben wird. Das Urkilogramm war seit 1889 in Realitätsanker für alle Sinnesmenschen. Es war da, wenn man es brauchte, und man brauchte es ständig, viel hing von ihm ab.

Neben dem Ur-Kilogramm wurden auch 4 weitere SI-Einheiten neu definiert, wie in Revolution der Metrologie zu erfahren ist. Die Einführung der  SI-Einheiten (das internationale System der Maßeinheiten) erfolgte im Jahr 1960, als die Generalkonferenz für Maß und Gewicht tagte. Felix Martin bezeichnet diesen Vorgang in seinem Buch Geld, die wahre Geschichte als Ergebnis eines Prozesses, der sich über Jahrhunderte hinzog:

Die Schaffung des Internationalen Einheitensystems war daher die sichtbare und materielle Manifestation einer tiefgreifenden, aber unsichtbaren Wandlung in der Geschichte der menschlichen Ideen. Dieser Prozess dauerte Jahrhundert – vermutlich sogar Jahrtausende.

Der Beschluss war der vorläufige Höhepunkt für die fortschreitende Abstraktion in Wirtschaft und Gesellschaft, so Martin:

Er war Ausdruck des Erfolgs einer schrittweisen Abstraktion im Lauf der Geschichte nicht nur, zum Beispiel von den getrennten Konzepten der Höhe von Pferden und der Größe ihrer Reiter zur Idee der Höhe im Allgemeinen, sondern von den allgemeinen Ideen der Höhe und Länge und Tiefe zum Allgemeinbegriff der linearen Ausdehnung. Er markierte nichts weniger als deinen fundamentalen Wandel der Begriffe, die die Menschheit verwendet, um die physikalische Welt zu quantifizieren.

Die Neudefinition der SI-Einheiten mittels Naturkonstanten hat vor allem für die Wissenschaft und Technik große Bedeutung:

So wird das Eichen von Messgeräten sehr viel präziser – und damit sind verlässlichere Messungen möglich. Das erleichtert nicht nur die Arbeit von Physikern, Astronomen und Ingenieuren. Auch Zukunftstechnologien wie die Quantenoptik oder Nanotechnologie profitieren davon.

Über den (Um-)Weg der Wissenschaft und Forschungen zu Zukunftstechnologien wirken sich die neu definierten Maße irgendwann auch auf das Leben der Menschen aus.

Das Messen ist eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass Menschen untereinander Waren austauschen können.

Solange die Menschen der Vorzeit nur für ihren eigenen Bedarf jagten, fischten oder Früchte sammelten, bestand für sie kein Anlass, sich über Begriffe wie Länge und Zeit, Gewicht und Volumen zu verständigen. Erst als er Mensch zu tauschen und zu handeln begann, gewannen definierte Maße und Gewichtseinheiten an Bedeutung. Eine Übereinkunft zwischen Käufer und Verkäufer über die zugrunde gelegte Maßeinheit war eine unumgänglich Voraussetzung für den friedlichen Warenaustausch (in: Maßmenschen. Von Ampère und Becquerel bis Watt und Weber. Wer den internationalen Maßeinheiten den Namen gab).

Die zunehmende Digitalisierung, d.h. die Vernetzung von Mensch und Maschine mittels Datenübertragung in Echtzeit, stellt die Metrologie vor neue Herausforderungen. In Deutschland ist die Physikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig die oberste Instanz bei allen Fragen des Messens. Neben dem  NIST in den USA und dem NPLin Großbritannien zählt die PTB laut Wikipedia zu den führenden Instituten der Metrologie.

In Metrologie für die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft hat die PTB ihre Digitalisierungsstrategie beschrieben. Warum sich die PTB dazu veranlasst sah, geht aus den folgenden Zeilen hervor:

Messwerte, Daten, Algorithmen, mathematische und statistische Verfahren sowie Kommunikations- und Sicherheitsarchitekturen bilden die Grundlage der digitalen Erweiterung und Transformation. Somit ist die digitale Ertüchtigung der Qualitätsinfrastruktur (QI) – dem Dreiklang aus Metrologie, Normung und Akkreditierung – sowie des gesetzlichen Messwesens mit Konformitätsbewertung, Eichwesen und Marktüberwachung zentrale Voraussetzung für das Gelingen der digitalen Transformation zu einer vernetzten Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft. Der Physikalisch-Tech- nischen Bundesanstalt (PTB) als dem nationalen Metrologieinstitut obliegt dabei eine Schlüssel- rolle mit vielfältigen Zuständigkeiten und Kompetenzen.

Die Metrologie sei überdies ein Mittel, um die Martkdominanz der großen Plattform-Unternehmen aus den USA und Asien zu begrenzen.

Die Beherrschung von Schlüsselkompetenzen in den Bereichen der Kalibrierung, IT- Sicherheit, Messtechnik und Datenanalyse ist .. die Grundlage für eine bedarfsorientierte Standardisierung. .. In den Expertendiskussionen an der PTB wurde ebenso mehrfach vor einem sogenannten „Plattformkapitalismus“ gewarnt, der durch die Marktdominanz einzelner Unternehmen entstehen kann und der nicht zuletzt KMU ganz wesentlich bedroht. Dem kann nur mit einer flexiblen und verlässlichen Normensetzung und Standardisierung begegnet werden. Dies ist insbesondere in einer globalisierten Wirtschaft von großer Bedeutung, um die Handlungsmöglichkeiten deutscher und europäischer Unternehmen nicht durch andere globale Wettbewerber begrenzen zu lassen.

Alles in allem also eine Wissenschaft, deren Bedeutung man nicht unterschätzen sollte.

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, Wissenschaftsgeschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Die Zukunft kann nicht aus der Vergangenheit extrapoliert werden (Arnold Toynbee)

Die Zukunft ist dunkel, ihre Möglichkeiten sind unendlich, und deshalb kann sie nicht aus der Vergangenheit extrapoliert werden. Zweifellos kann alles, was in der Vergangenheit geschah, wiederkehren, wenn die Bedingungen die gleichen bleiben. Aber vergangenes Geschehen muss sich nicht wiederholen; dies ist nur eine von zahllosen Möglichkeiten, von denen die meisten unvorhersehbar sind, weil man ihre Präzedenzfälle nicht kennt. Es gibt keinen Präzedenzfall für die Macht, die der Mensch in den letzten zweihundert Jahren über die Biosphäre erlangt hat. Unter diesen verwirrenden Umständen kann nur eine Voraussage mit Gewissheit gemacht werden: Der Mensch, das Kind der Mutter Erde, würde das Verbrechen des Muttermordes nicht überleben.

Quelle: Menschheit und Mutter Erde. Die Geschichte der großen Zivilisationen

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Geschichtswissenschaften | Hinterlasse einen Kommentar

Der kluge Bauch – Unser zweites Gehirn | Doku |ARTE

Veröffentlicht unter Denken, Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Eine Geschichtswissenschaft, die mit der Naturwissenschaft vergleichbar wäre, gibt es nicht und kann es nicht geben (Sebastian Haffner)

Eine Geschichtswissenschaft, die mit der Naturwissenschaft vergleichbar wäre, gibt es nicht und kann es nicht geben, aus einem sehr einfachen Grunde: Die Natur ist Gegenwart, die Geschichte aber befasst sich mit Vergangenheit. Gegenwart ist real, konkret erforschlich. Vergangenheit aber ist eben nicht mehr real, sie ist irreal geworden. Die Zeit hat sie uns entrückt, es gibt sie nicht mehr, daher kann man sie auch nicht mehr erforschen. Im Grunde beruht alle Geschichtswissenschaft auf einer simplen Begriffsverwechslung, einer Verwechslung der Begriffe Vergangenheit und Geschichte. Vergangenheit nämlich gibt es genug oder vielmehr: es hat sie gegeben. Könnten wir die Zeit zurückdrehen und alles Vergangene nach Bedarf wieder gegenwärtig machen, um es dann zu durchforschen, um zu sehen, wie es eigentlich gewesen ist, dann allerdings wäre Geschichte eine Wissenschaft. Dann würden wir vielleicht auch ihre Gesetzlichkeit entdecken können, falls sie eine hat. Aber die menschliche Vergangenheit ist und bleibt nun einmal zum allergrößten Teil unbekannt.

Quelle: Historische Variationen

Veröffentlicht unter Geschichtswissenschaften | Hinterlasse einen Kommentar

Stefan Zweig: Vor der Morgenröte

Veröffentlicht unter Ästhetik und Kunst | Hinterlasse einen Kommentar

100 Jahre Diskussion um die Schuld am Krieg: Poltik und Wissenschaft 1914 bis 2013

Meine Folgerungen aus den Akten der Beteiligten, aus ihren Handlungen und Unterlassungen, sind eindeutig: Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn haben sich auf ein Vabanquespiel eingelassen, das den Schritt in den Großen Krieg nicht scheute, um die Balance in der europäischen Politik zu ihren Gunsten zu wenden. Das Attentat von Sarajewo wurde entschlossen benutzt, um Österreich-Ungarn vom Druck Serbiens zu befreien und um herauszufinden, ob und wieweit Russland kriegswillig und kriegsbereit war. Unisono war man in der Führung des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns der Auffassung, dass die seit längerem als bedrohlich empfundene “russische Gefahr” inzwischen so drückend geworden sei, dass ein solcher Test notwendig wurde, um die Position Deutschlands und der Donaumonarchie im europäischen “Konzert” der Mächte zu behaupten. .. Die Befürchtungen vor einer möglichen Aggression Russlands mit seinem Verbündeten Frankreich ließen den Gedanken nahezu zum Allgemeingut der wilhelminischen Führung werden, dass es “besser jetzt als später” zum Kriege kommen sollte, wenn dieser ohnehin bevorstand.

Es ist dieses fatalistische Denken, das die “Mittelmächte” zutiefst beherrschte und mit dem “Sprung ins Dunkle” – so Reichskanzler Bethmann-Hollweg in der Julikrise – glaubte man, den Weg an ein rettendes Ufer doch noch finden zu können.

Nicht Weltmachtambition oder Kalkül imperialer Vorherrschaft waren also die Triebkräfte für die Entscheidungen des Juli 1914, sondern eine ausgeprägte Zukunftsangst.

Quelle: Juli 1914. Eine Bilanz, Autor: Gerd Krumeich

Veröffentlicht unter Geschichtswissenschaften | Hinterlasse einen Kommentar