Paul von Hindenburg: Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler – Gespräch mit Wolfram Pyta

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Erneut Weimarer Verhältnisse?

Von Ralf Keuper

Mit Blick auf das Scheitern der ersten deutschen Demokratie werden derzeit gerne Parallelen zur aktuellen politischen Entwicklung gezogen. Erneut stehe die Demokratie – nicht nicht nur Deutschland – vor einer Bewährungsprobe. Als größte Bedrohungen gelten die Wahlerfolge von Parteien am rechten Rand sowie das schwindende Vertrauen in die Eliten und Institutionen. Eine weitere Parallele ist für viele Kommentatoren die Verrohung der Sprache.

All das lasse jedoch nach Ansicht einiger Historiker nicht den Schluss zu, dass sich die Ereignisse von 1918 bis 1933 vor unseren Augen erneut abspielen. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Die Erklärungskraft von Analogien kommt hier rasch an ihre Grenzen. Schnell betreibt man das Geschäft des Historizismus.

In seinem Buch Kaisersturz geht Lothar Machtan auf die Parallelen des Untergangs der deutschen Monarchie im November 1918 mit der heutigen Situation ein:

Was an den politischen Vorgängen, die zum 9. November führten, ist mit Blick auf den politischen Diskurs von heute besonders erinnerungswürdig? … Auch heute sind die Protagonisten des etablierten Politikbetriebs verunsichert. Sie spüren, dass die Politik ganz neue Antworten braucht auf die Fragen, die die rasanten Veränderungen unserer Welt aufwerfen. Zumal niemand behaupten kann, dass die operative Politik, wie wir sie in den letzten zehn Jahren erlebt haben, konzeptionell gut durchdacht gewesen sei. Und immer noch wird zu viel Zeit mit Passivität und Ankündigungs-Rhetorik vertan, statt konkrete Lösungsmodelle durchzuspielen und große öffentliche Debatten zu initiieren.

Allerdings:

Die etablierte Welt stürzt voran, doch wahrscheinlich nicht in den Abgrund; denn schließlich werden wir durch das, was jetzt (ver)schwindet, eher reicher als ärmer. So richtig schlecht ist es um die Substanz jedenfalls der westlichen Demokratie wohl nicht bestellt. Denn ob sich unsere Gesellschaft in ihrer großen Freiheit, die sie bis heute besitzt, noch einmal beschneiden lässt, ist unwahrscheinlich. Steht doch die demokratische Lebensform als zivilisatorische Errungenschaft für die übergroße Mehrheit unserer Gesellschaft außer Frage. Wie sind deshalb gut beraten, der sich unter unseren Augen vollziehenden Umbruchphase einen anderen historischen Sinn abzugewinnen als den einer auffälligen Übereinstimmung mit der Signatur jener Zeit, die dem Epochenwechsel von 1918 eingeschrieben war.

Weiterhin:

Digitaler Kapitalismus und Neonationalismus beschwören wesentlich andere Gefahren herauf, als dies der autoritäre Monarchismus des deutschen Kaiserreichs mit seiner Bereitschaft zum Weltkrieg getan hat. Als Projektionsfläche zeitgenössischer politischer Sinnsuche ist dieser “deutsche Herbst” denkbar ungeeignet. Insofern sollten wir der damaligen Zeitenwende ihre Einzigartigkeit lassen.

Nah an dieser Position bewegt sich der Historiker Jörn Leonhard. Angesprochen auf die Erfolge der AfD und die zunehmende rechtsextreme Gewalt, die von vielen Kommentaren als Vorboten neuer Weimarer Verhältnisse interpretiert werden, antwortete Leonhard in einem Interview:

Wer heute vor “Weimarer Verhältnissen” warnt, dem ist Aufmerksamkeit gewiss. Tatsächlich sind wir aber bei allen Veränderungen weit von “Weimarer Verhältnissen” entfernt: Es gibt in Berlin keine offenen Straßenschlachten zwischen Teilen der extremen Rechten und extremen Linken, wir haben keine Massenverelendung großer Teile der Gesellschaft. Genauso wenig ist der Mittelstand durch Hyperinflation und Wirtschaftskrise ruiniert, dazu hat Deutschland keine schwerwiegenden territorialen Konflikte mit seinen Nachbarstaaten.

Außerdem:

.. dass es ruppiger und ungemütlicher wird, bedeutet nicht automatisch eine Krise der Demokratie, ein Versagen demokratischer Institutionen, gar eine Staatskrise.  …

Wir können die Entscheidung, wie wir uns heute politisch verhalten, auch nicht an die Geschichte delegieren. Aber wir brauchen Analogien, um zu erkennen, worin sich Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden. Beim Blick auf die Geschichte wird man bei vielen heutigen Entwicklungen wesentlich nüchterner, weniger alarmistisch urteilen. Und das ist genau das, was uns augenblicklich Not tut: Nicht mit unzulässigen Analogien eine Existenzkrise der Demokratie herbeireden, die es trotz aller Belastungen und Konflikte so noch nicht gibt.

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Franz Walter über Intellektuelle und politische Parteien

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Die Anmaßung der Volkswirtschaftslehre, eine exakte Wissenschaft zu sein (John Kenneth Galbraith)

Objektivität und die als Rechtfertigung derselben dienende Verpflichtung auf wissenschaftliche Gültigkeit statt auf soziale Anliegen machen sich gerade heute besonders stark bemerkbar. Wenn der Fachmann auftritt, diskutiert der Ökonom nicht über Gerechtigkeit oder Güte des klassischen oder neo-klassischen Systems; er würde damit zeigen, dass es ihm an wissenschaftlicher Motivation fehlt. Von wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, wirtschaftlichem Versagen zu sprechen, Werturteile über die Wirtschaftsleistung zu fällen oder zu freimütig Vorschläge zu deren Verbesserung zu machen, ist wissenschaftlich gesprochen schlichtweg verboten.

Vielleicht ist es auch vom praktischen Standpunkt ganz gut, dass nicht alle Ökonomen sich  mit sozialen oder moralischen Anliegen befassen oder sich auf praktische Fragen einlassen. Das Ergebnis könnte ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr sein. Aber um der historischen Wahrheit willen muss gesagt sein: Die Anmaßung der Volkswirtschaftslehre, eine exakte Wissenschaft zu sein, rührt ganz entschieden aus der Notwendigkeit her, sich aus der Verantwortung für die Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten des Systems, das die große klassische Tradition errichtet hatte zu entziehen. Sie dient auch heute noch als Rechtfertigung eines stillen, ungestörten Berufslebens.

Quelle: Die Entmythologisierung der Wirtschaft. Grundvoraussetzungen ökonomischen Denkens

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Werner Schmidbauer trifft Richard David Precht

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Das anthropzentrische Vermessen (Hoimar von Ditfurth)

In der Tat, alles spricht dafür, dass wir der wahren Beschaffenheit der Welt nähergekommen sind durch die wissenschaftliche Entdeckung der unserer Intuition widersprechenden nichteuklidischen Struktur des Raums oder der Abhängigkeit der Zeit vom Bewegungszustand des Beobachters oder der Ungültigkeit unseres Materiebegriffs im Bereich subatomarer Dimensionen. Aber sollte nicht trotzdem der Verdacht ernst genommen werden, dass es ein anthropozentrisches “Vermessen” wäre …, wenn wir daraus den Schluss zögen, dass unserer wissenschaftlichen Erkenntnis, nachdem sie einmal die Grenze unserer Anschauung überschritten hat, nunmehr sozusagen die ganze Welt offenstehe? Oder andersherum: Ist die Annahme, dass das Ausmaß des auch für uns noch in einer unerreichbaren Transzendenz liegenden Teils der objektiven Realität entscheidend kleiner sei als bei allen anderen uns in der bisherigen Evolutionsgeschichte vorangegangenen vormenschlichen Weltbilder, ist diese Annahme etwa nicht typisch “anthropozentrisch”? Schlösse sie nicht die absurde Unterstellung ein, dass der seit rund 13 Milliarden Jahren in kosmischem Rahmen ablaufende Evolutionsprozess zumindest hinsichtlich der Hervorbringung und Optimierung weltabbildender neurophysiologischer Mechanismen hier auf der Erde und jetzt in unserem Kopf an seinem nicht überbietbaren Endpunkt angelangt oder ihm doch zumindest nahegekommen ist?

Quelle: Evolution und Transzendenz, Autor: Hoimar von Ditfurth

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Max Planck über das Glück des Forschers

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Lothar Machtan ›Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht 1918‹

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Das Wissen um uns selbst vollzieht sich in Sinnzusammenhängen

Der vollständig vollzogene Zeichenprozess besitzt eine systematische und normative Einheit, die ihn von seinen Elementen formal unabhängig macht. Er besitzt eine prozessuale Struktur, auch wenn seine Elemente unabhängig von der Zeichenbeziehung existieren und bestimmt sind. Diese relationale Unabhängigkeit des Sinns der Prozesse hat eine wichtige Konsequenz: Die Semiotik wie der Pragmatismus können auf der Grundlage dieser These davon ausgehen, dass sich zeichenbestimmte Prozesse der Verständigung und des Handelns so vollziehen, dass der Sinnzusammenhang der Zeichen nicht nur nachträglich rekonstruiert werden kann, sondern dass er in den entscheidenden Arten von Fällen diese Prozesse unmittelbar bestimmt und in ihnen gegenwärtig ist. Das Wissen um uns selbst, insofern wir nachdenken, uns erinnern, planen, vollzieht sich in Sinnzusammenhängen, die niemals auf einzelne innere Tatsachen und Ereignisse reduzierbar sind: Die intensionale Struktur der Prozesse greift über das einzelne innere oder äußere Ereignis hinaus. Wir wissen mithin unmittelbar nur, was es heisst etwas zu denken und zu erwägen, weil unser gegenwärtiges Denken eine konkrete, uns gegenwärtige Gestalt hat, die es als Teil eines umfassenden Gefüges von Prozessen hervorhebt.

Quelle: Der dramatische Reichtum der konkreten Welt. Der Ursprung des Pragmatismus im Denken von Charles S. Peirce und William James, Autor: Helmut Pape

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Die Geschichte der Begabung ist die Geschichte der schlechten Schüler (Carl von Ossietzky)

Heute nicht anders als früher wird die Scheidewand gegen den Nichtakademiker künstlich aufrecht erhalten. Kastengeist und Herrendünkel werden den Kunden als verhängnisvoller Ballast mitgegeben. Die Persönlichkeit wird dem Ritus des Wissens geopfert; der Mensch ist gar nichts, das Endziel alles. Das Endziel aber ist das Examen. Es schlägt die Brücke ins bürgerliche Leben. Wer es nicht passiert, läuft in Gefahr, ewig ein Heimatloser, Entwurzelter, Paria zu bleiben. Das Examen ist von der Mittelmäßigkeit für die Mittelmäßigkeit geschaffen. Gerade die starke, die überdurchschnittliche Begabung, mit ihren menschlichen Hemmungen, ihren unterirdischen Erschütterungen, ihrer qualvollen Unsicherheit am Selbst, ist diesem kaudänischen Joch nicht gewachsen. Die Geschichte der Begabung ist die Geschichte der schlechten Schüler, der versagenden, verlotterten Studenten. Ein beamteter Repräsentant der Wissenschaft sollte etwas vorsichtiger von verkrachten Existenzen reden. Was wären eigentlich die Wissenschaften, die Künste ohne eine Reihe von – im Sinne der guten akademischen Normen – verkrachten Existenzen? Nicht jeder, der in den Strudel geriet, findet endlich seinen Ararat, aber wer ihm entronnen, der ist auch reif für die spätere Leistung. Doch für den Herrn Professor erlischt das Interesse, wenn der Scholar den Boden verloren, zu torkeln beginnt. Heinrich Heine, der bummelige Jurist, Gerhart Hauptmann, der schlechte Akademiker, der sich vor dem Examen davonschleicht, labile Existenzen, nicht wahr?

Gleicht nicht der Weg eines begabten jungen Menschen zu Zeiten dem Ritt übern Bodensee? Er träumt vor sich hin, Melodien im Kopf, nicht Thesen und Formeln und Paragraphen, und eine dünne Eisdecke nur trennt ihn von dem unermeßlichen Grab.

Quelle: Carl von Ossietzky Lesebuch. Der Zeit den Spiegel vorhalten

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