David Chalmers: Bin ich mein Gehirn?

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Wandlungen im politischen Selbstverständnis der Deutschen (Wolfgang J. Mommsen)

Die schroffen und die vielfach äußerst illiberalen Reaktionen auf abweichende Meinungen oder Tendenzen, wie sie im Zusammenhang der Auseinandersetzung mit der studentischen Linken sichtbar sind, geben zu einiger Besorgnis Anlass. Gleiches gilt allerdings auch von den gereizten Reaktionen der Intelligenz auf die Artikulierung besitzbürgerlicher Instinkte durch Teile der deutschen Öffentlichkeit. Ebenso bedenklich sind die jüngst wieder vermehrt auftretenden Tendenzen, den Meinungen und Aktivitäten marginaler Gruppen der Gesellschaft, sei es linker, sei es “grüner” Observanz, mit einer Mischung aus Dogmatismus und administrativem Patriarchalismus gegenüberzutreten, statt auf die Absorptionskraft des demokratischen Konsensus zu vertrauen. Noch sind wir um einiges von einem wirklichen demokratischen Konsens entfernt, der nicht nur auf materiellen – und daher den Wechselfällen der Zeit unterworfenen -, sondern auch auf gesicherten ideellen Grundlagen beruht.

Quelle: Stichworte zur geistigen Situation der Zeit, 1. Band: Nation und Republik, hrsg. von Jürgen Habermas (1979)

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Politik und Wirtschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Die Digitale Diktatur | Harald Lesch | SWR Tele-Akademie

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Politik und Wirtschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Andreas Reckwitz: Digitalisierung und Gesellschaft der Singularitäten

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Soziologie | Hinterlasse einen Kommentar

Das psychsoziale Moratorium der Jugend (Erik H. Erikson)

Vielleicht lernen wir am meisten, wenn wir uns bewusst machen, wie der soziale Wandel sich auf unsere Theorien über die Jugend auswirkt. Zum Beispiel habe ich einmal den Begriff eines, im Jugendstadium eintretenden, psychosozialen Moratoriums geprägt – einer Phase, da der junge Mensch teils jugendliche, teils erwachsende Verhaltensformen ausleben oder jedenfalls experimentell erproben und schließlich doch zu einer großartigen Übereinstimmung mit traditionellen Idealen oder neuen ideologischen Tendenzen finden kann. Ein echtes Moratorium befreit natürlich vom Zeitdruck, wie es auch Spielraum für zeitlose Werte gibt. Da es per definitionem einmal zu Ende gehen muss, erwarten wir, dass darauf eine Zeit energischer, zielgerichteter Aktivität folgt. Früher beklagten die Erwachsenen das Ende dieses Moratoriums oft als unwiederbringlichen Verlust potentieller Identitäten, die den Anforderungen des Lebens geopfert werden mussten. Heute erklären die Wortführer der Jugend in Rede und Liedern, die Welt jenseits der Jugend sei leer und gesichtslos.

Quelle: Lebensgeschichte und historischer Augenblick

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Die Geheimnisse des Parthenons | Doku | ARTE

Veröffentlicht unter Ästhetik und Kunst | Hinterlasse einen Kommentar

Desorientierung und Überinformation im Wissenschaftsbetrieb (Robert Spaemann)

Wo immer der Fortschritt die durch die natürliche Organisation vorgezeichneten Grenzen des Menschen sprengt, hört er auf, Fortschritt zu sein. So gibt es z.B. ein Tempo gesellschaftlichen Wandels, das als solches eine Verschlechterung der menschlichen Lebensqualität bedeutet, nämlich jenes Tempo, das es Menschen unmöglich macht, sich aufs Älterwerden zu freuen, weil sie in der zweiten Lebenshälfte “die Welt nicht mehr verstehen”, also praktisch entmündigt und auf bloßen Konsumentenstatus herabgedrückt werden. Es ist wahrscheinlich, dass die Wissensakkumulation in den nächsten Jahren ebenfalls eine Grenze überschreitet, die durch die natürliche Organisation des Menschen vorgezeichnet ist. Wenn das bisherige exponentielle Wachstum des wissenschaftlichen Wissens nicht aus materiellen Gründen gestoppt wird, dann wird dieses Wachstum bald Ausmaße erreichen, bei denen es niemandem mehr möglich ist, auf irgendeinem Wissenschaftsgebiet irgend so etwas wie “einen Stand der Wissenschaft” festzustellen und sich anzueignen. Auch die perfekteste, mit allen Mitteln der Datenspeicherung ausgestattete bibliografische Institution kann ja nicht das Lesen selbst ersetzen. Wenn es aber nicht mehr möglich ist, wirklich zu wissen, was “man” weiß, d.h. was an potenziellem Wissen zur Verfügung steht, dann ändert dies den Wissenschaftsbetrieb qualitativ. Er wird vermutlich wieder dezentralisiert. “Die Wissenschaft”, das einzige Substrat eines eindeutigen linearen Fortschritts, wird zerfallen. Niemand kann mehr das Bewusstsein haben, “die Wissenschaft” zu fördern. Was er fördert, das ist in erster Linie sich selbst, seine Freunde oder seine Auftraggeber. Ein solcher dezentralisierter, reprivatisierter Wissenschaftsbetrieb aber wird dann auch gegenüber der Öffentlichkeit nicht mehr mit dem einschüchternden Nimbus auftreten können, mit dem er heute noch auftritt.

Quelle: Philosophische Essays

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Wissenschaftsmanagement | Hinterlasse einen Kommentar

Anatomie des Bewussteins (Israel Rosenfield)

Von Ralf Keuper

Anders als die gängige Lehrmeinung, ist der Neurologe Israel Rosenfield der Ansicht, dass neurologische Krankheiten oder Gesundheit nicht ohne Bezug zum ständig wechselnden Körperbild, zum Bewusstsein, zum Sein des Organismus nicht verstanden werden können. Seine Position hat Rosenfield in seinem Buch Das Fremde, das Vertraute und das Vergessene zusammengefasst.

Am Beispiel des Gedächtnisverlusts verdeutlicht Rosenfield seinen Standpunkt:

Der Gedächtnisverlust eines hirngeschädigten Patienten ist nicht der Verlust eines “Bildes” oder einer “Gedächtnisspur” im Gehirn, sondern vielmehr ein Hinweis auf eine Umstrukturierung seiner Beziehung zu seiner Umgebung. Das Gehirn besitzt Meschanismen, mit denen es solche Beziehungen herstellt – das ist letztlich die tiefere Bedeutung der pathologischen Indizien -, und die wichtigste Auswirkung dieser Mechanismen ist das Bewusstsein. Bein einem Hirnschaden verändert sich die Funktion: Bestimmte Hirnprozesse sind nicht mehr möglich, und infolgedessen verändert sich auch das Bewusstsein.

Seine Kernthese:

Kernpunkt meiner Theorie ist die Behauptung, dass die Subjektivität des Wissens – mein Bewusstsein, das Gedanken, Erinnerungen und die sie begleitenden Gefühle mir gehören und dass ich sie zwar ansatzweise beschreiben, aber einem anderen nie wirklich mitteilen kann – durch neurologische Mechanismen entsteht, deren Existenz durch klinische Studien deutlich geworden ist und die von Wissenschaftlern und Neurologen dennoch bis heute nicht zur Kenntnis genommen wurden.

Eine besondere Bedeutung hat der “Selbstbezug”:

Das Bewusstsein entsteht durch den subjektiven Charakter der Reaktionen. Und Subjektivität stammt nach neurologischen Befunden aus der Beziehung zwischen dem dynamischen Körperbild (das selbst eine Reihe einheitlicher Reaktionen ist) und dem dynamischen Fortschreiten einheitlicher Reaktionen auf neue Reize: Diese Selbstbezugsmechanismen sind die Grundlage des bewussten Fühlens und des individuellen Wissens. Sind bestimmte Teile des Selbstbezugs durch einen Gehirnschaden zerstört, dann verändert sich die Struktur des Bewusstseins und damit auch das Wissen.  …

Ein bewusstes Bild, ob es nun durch Erkennen oder Erinnern entsteht, ist demnach das Ergebnis komplizierter europhysiologischer Wechselwirkungen; es vereinigt in sich vergangene und gegenwärtige Erlebnisse einer Person, und sein eigentliches Wesen ist die subjektive, selbstbezogene Qualität. Die auftauchenden und sich ständig entwickelnden Verallgemeinerungen sind ein charakteristisches Kennzeichen der menschlichen Psychologie. Was wir Erfahrung oder Geschichte nennen, ist die endlos fortschreitende Strukturierung von Ereignissen. Wir schreiben die Geschichte um und revidieren die Wahrnehmung unserer Erlebnisse, indem wir unsere Gedanken über Menschen und Ereignisse in unserer Vergangenheit neu strukturieren.

Interessant auch seine Gedanken zur Künstlichen Intelligenz:

Es werden also nicht irgendwo im Gehirn irgendwelche Bilder gespeichert, wie Wernicke vermutet hatte und wie viele Untersuchungen zur Künstlichen Intelligenz auch noch heute annehmen. Im Gehirn gibt es keine Stelle, an der ein festes Bild von Mary, John oder Jane abgelegt ist, und wenn wir an Menschen denken oder uns an sie erinnern, dann geschieht das tatsächlich nie in Form festgelegter Bilder. Man hat behauptet, wenn es schon keine festgelegten Gedächtnisbilder gebe, dann müssten wenigstens die Kategorien des Wissens, die Methoden der Verallgemeinerung fixiert sein, das Gehirn müsse also angeborene Programme enthalten. Wäre diese Annahme richtig, dann würden sich die einzelnen Funktionen oder Programme bei bestimmten Hirnschäden zeigen – und tatsächlich glauben viele Wissenschaftler und Neurologen, sie würden genau das beobachten. Aber Bauds “letzter Samstag” weist nicht auf eine bestimmte Wissenskategorie hin; wir haben keine genaue Vorstellung davon, was er mit diesen beiden Worten gemeint hat. Sie zeigen vielmehr eine allgemeinere Form der Gehirntätigkeit, aus der Bedeutung entsteht, und diese Aktivität – die Wechselwirkung von Reizen im Hinblick auf den Bezugsrahmen des Körperbildes – war beim ihm schwer gestört.

Weitere Informationen:

Israel Rosenfield: Wie die Zeit entsteht. Aspekte der Wahrnehmung

The Science of Perception by Israel Rosenfield

Das Fremde, das Vertraute und das Vergessene. Anatomie des Bewußtseins

Werden Roboter uns ersetzen?

The New York Review of Books

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Hirnforschung | Hinterlasse einen Kommentar

Philosophie erklärt: Ockhams Rasiermesser / von Dr. Christian Weilmeier

Weitere Informationen:

Die Großen Denker • Wilhelm von Ockham | Lesch & Vossenkuhl

Veröffentlicht unter Einige interessante Beiträge aus Philosophie und Wissenschaft, Wissenschaftsgeschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Wissenschaft ohne Muße

Einer weitverbreiteten Meinung zufolge ist das Ideal des Wissenschaftlers, das sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland durchgesetzt hat, auch heute noch vorherrschend. Im Hinblick auf Europa mag dies teilweise (wenn auch mit großen Einschränkungen) zutreffen, in bezug auf die Vereinigten Staaten lässt sich dies jedoch keinesfalls behaupten. Dort dominiert der Wissenschaftler, den der “ehrliche Jim” verkörpert. Und dieser Typus beginnt sich nicht nur in Europa, sondern weltweit – zunehmend durchzusetzen.

In den USA erfuhr der Beruf des Wissenschaftlers seine vorläufig letzte Wandlung: Hier büßte er sein Recht auf Muße ein, das Recht, Gegenstand und Ansatz der Forschung autonom und frei zu wählen, ohne Verpflichtung, auf im voraus festgelegte Ziele hinarbeiten zu müssen. Politiker und Militärs übernahmen mit dem Manhattan Projekt, das zum Bau der ersten Atombombe führte, die Kontrolle über die Arbeit der Wissenschaftler, deren Tätigkeit zunehmend bis ins einzelne geplant und gelenkt wurde. Häufig wird behauptet, die Militärs trügen allein die Schuld daran, dass die amerikanischen Wissenschaftler ihre Autonomie verloren haben. Größeres Gewicht hatte aber die Tatsache, dass die Forschung selbst nach den Kriterien der pragmatischen Effizienz- und Managerlogik organisiert wurde, wie sie für die amerikanische Gesellschaft typisch ist. Diese Logik war unvereinbar mit der Idee wissenschaftlicher Autonomie. In Amerika hatte der Wissenschaftler keine Möglichkeit, ein “Müßiggänger” zu sein. Thomas Alva Edison brachte dies in einem Interview zum Ausdruck, das 1893 in der Zeitschrift Scientific America wiederveröffentlicht wurde: “Ich betreibe Wissenschaft nicht, nur um die Wahrheit zu erkennen, wie dies Newton, Kepler, Faraday und Henry getan haben. Ich bin ein professioneller Erfinder. Meine Studien und meine Experimente habe ich mit dem alleinigen Ziel durchgeführt, etwas zu erfinden, das kommerziellen Nutzen bringt”.

Quelle: Der grosse Schwindel. Betrug und Fälschung in der Wissenschaft, Autor: Federico Di Trocchio

Veröffentlicht unter Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftsmanagement | Hinterlasse einen Kommentar