Die Geschichte der Begabung ist die Geschichte der schlechten Schüler (Carl von Ossietzky)

Heute nicht anders als früher wird die Scheidewand gegen den Nichtakademiker künstlich aufrecht erhalten. Kastengeist und Herrendünkel werden den Kunden als verhängnisvoller Ballast mitgegeben. Die Persönlichkeit wird dem Ritus des Wissens geopfert; der Mensch ist gar nichts, das Endziel alles. Das Endziel aber ist das Examen. Es schlägt die Brücke ins bürgerliche Leben. Wer es nicht passiert, läuft in Gefahr, ewig ein Heimatloser, Entwurzelter, Paria zu bleiben. Das Examen ist von der Mittelmäßigkeit für die Mittelmäßigkeit geschaffen. Gerade die starke, die überdurchschnittliche Begabung, mit ihren menschlichen Hemmungen, ihren unterirdischen Erschütterungen, ihrer qualvollen Unsicherheit am Selbst, ist diesem kaudänischen Joch nicht gewachsen. Die Geschichte der Begabung ist die Geschichte der schlechten Schüler, der versagenden, verlotterten Studenten. Ein beamteter Repräsentant der Wissenschaft sollte etwas vorsichtiger von verkrachten Existenzen reden. Was wären eigentlich die Wissenschaften, die Künste ohne eine Reihe von – im Sinne der guten akademischen Normen – verkrachten Existenzen? Nicht jeder, der in den Strudel geriet, findet endlich seinen Ararat, aber wer ihm entronnen, der ist auch reif für die spätere Leistung. Doch für den Herrn Professor erlischt das Interesse, wenn der Scholar den Boden verloren, zu torkeln beginnt. Heinrich Heine, der bummelige Jurist, Gerhart Hauptmann, der schlechte Akademiker, der sich vor dem Examen davonschleicht, labile Existenzen, nicht wahr?

Gleicht nicht der Weg eines begabten jungen Menschen zu Zeiten dem Ritt übern Bodensee? Er träumt vor sich hin, Melodien im Kopf, nicht Thesen und Formeln und Paragraphen, und eine dünne Eisdecke nur trennt ihn von dem unermeßlichen Grab.

Quelle: Carl von Ossietzky Lesebuch. Der Zeit den Spiegel vorhalten

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Künstliche Intelligenz – Sind die Maschinen bald schlauer als wir? (arte – Filmdokumentation)

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Archäologie mal anders. Mit Hightech auf der Spur der Vergangenheit

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Der Demokratie ist oft der Prozess gemacht worden, von der Linken und von der Rechten (Octavio Paz)

Der Demokratie ist oft der Prozess gemacht worden, von der Linken und von der Rechten. Beide stimmen darin überein, dass die Demokratie nicht wirklich demokratisch ist, das heisst, dass sie Betrug ist. Man kann jedoch auf ganz einfache Weise feststellen, ob ein Land demokratisch ist oder nicht: demokratisch sind jene Nationen, in denen, gleich welche Ungerechtigkeiten und Missbräuche herrschen, die Menschen sich noch frei versammeln und ohne Furcht ihre Missbilligung und ihren Abscheu äußern können. … Daher der doppelte ständige Kampf der Freunde der Demokratie: einerseits gegen die äußeren Feinde, die barbarischen Diktaturen und die totalitären Ideokratien; andererseits gegen jene, die ihr im Innern, fast immer unter dem Vorwand, sie zu verteidigen, Gewalt antun, sie entstellten und sie beschneiden wollen.

Quelle: Der menschenfreundliche Menschenfresser. Geschichte und Politik 1971 – 1980

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Das Informationsparadoxon Schwarzer Löcher

Von Ralf Keuper

In den 1980er Jahren sorgte Stephen Hawking mit seiner Behauptung, dass Information bei der Verdunstung eines Schwarzen Loches vollständig verloren geht, unter Physikern für reichlich Diskussionsstoff. Einige, wie Leonard Susskind, fühlten sich zum Widerspruch aufgefordert. In seinem Buch Der Krieg um das Schwarze Loch. Wie ich mit Stephen Hawking um die Rettung der Quantenmechanik rang zeichnet Susskind den Disput nach.

Wie so oft, ging es in diesem Streit um Dogmen bzw. Prinzipien – in gewisser Weise ein Glaubensstreit:

Es war offenkundig – Hawking hatte es selbst gesagt -, dass das Äquivalenzprinzip und die Quantenmechanik auf Kollisionskurs waren. Entweder brachte der Widerspruch das ganze Gebäude zum Einsturz, oder man gewann, indem man sie miteinander versöhnte, tiefe neue Einsichten in beide.

Bei mir erzeugte der Zusammenprall einen unerträglichen Juckreiz, der aber nicht ansteckend war. Stephen schien die Schlussfolgerung, dass Information verlorengeht, nicht zu stören, und auch sonst schien sich kaum jemand an dem Paradoxon zu reiben. Diese Selbstzufriedenheit machte mir den zehn Jahren von 1983 bis 1993 sehr zu schaffen. Ich konnte nicht verstehen, dass niemand – allen voran Stephen – begriff, dass die Versöhnung der Prinzipien der Quantenmechanik mit denen der Relativität das große Problem unserer Generation war – die große Chance, es den Leistungen Plancks, Einsteins, Heisenbergs und der anderen Helden der Vergangenheit gleichzutun. Stephen war meinem Eindruck nach vernagelt, weil er die Tiefe seiner eigenen Frage nicht begriff. Es wurde für mich fast zu einer Obsession, Stephen und die anderen davon zu überzeugen, dass es nicht darum ging, die Quantenmechanik aufzugeben, sondern sie mit der Theorie der Schwarzen Löcher zu versöhnen.

Die Lösung fand Susskind in der Verbindung aus dem Holografischen Prinzip, der String Theorie, dem AdS-Raum und den Horizonten Schwarzer Löcher.

Die Quantenfeldtheorie ist ein Sonderfall der Quantenmechanik, und in der Quantenmechanik kann Information nie zerstört werden. Gleichgültig, was Maldacena und Witten sonst noch geleistet haben mochten – sie hatten zweifelsfrei bewiesen, dass Information niemals hinter dem Horizont eines Schwarzen Lochs verloren gehen würde. Die Stringtheoretiker begriffen das sofort, die Relativisten brauchten dazu länger. Aber der Krieg war vorbei.

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“Wissenschaft denkt nicht”. Heidegger über das Schicksal des Denkens

Weitere Informationen:

Die amerikanischen Techno-Euphoriker verehren den deutschen Technik-Verächter Martin Heidegger: Eine Spurensuche in Kalifornien

Metaphysik der Nerds

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Georg Simmels Philosophie

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Geist und Tat (Heinrich Mann)

Niemand hat gesehen, dass hier (Deutschland), wo so viel gedacht ward, die Kraft der Nation je gesammelt worden wäre, um Erkenntnisse zur Tat zu machen. Die Abschaffung ungerechter Gewalt hat keine Hand bewegt. Man denkt weiter als irgendwer, man denkt bis zum Nichts: und im Lande herrscht Gottes Gnade und die Faust. Wozu etwas ändern. Was anderswo geschaffen, hat man in Theorien schon überholt. Man lebt langsam und schwer, man ist nicht bildnerisch genug begabt, um durchaus das Leben formen zu müssen nach dem Geist. Mögen neben und über den Dingen die Ideen ihre Spiele aufführen. Wenn sie hinuntergelangten und eingriffen, sie würden Unordnung und etwas nicht Absehbares stiften. Man klammert sich an Lügen und Ungerechtigkeit, als ahnte man hinter der Wahrheit einen Abgrund. Das Mißtrauen gegen den Geist ist Mißtrauen gegen den Menschen selbst, ist Mangel an Selbstvertrauen. Da jeder einzelne sich lieber beschirmt und dienend sieht, wie sollte er an die Demokratie glauben, an ein Volk von Herren. Die angestammten und bewährten Herren mögen machmal, unbeleckt wie sie sind, der hochgebildeten Nation auf die Nerven fallen: mit ihnen ist sie gewiss, zu leben, sicherer zu leben als die, die nur der Geist führt. Auch beherrschen sich diese Herren und werden schwerlich der Überspannung und Gewalt verfallen, die Explosionen schafft. Das extrem Tyrannische ist hier so unwahrscheinlich wie die Gleichheit. Keine Grausamkeit, aber auch keine Liebe. .. Man liebt einander nicht und liebt auch nicht die Menschen. Die Monarchie, der Herrenstaat ist eine Organisation der Menschenfeindschaft und ihre Schule. Die Masse der Kleinen, die hier wie überall die größere Wärme des Geschlechts enthält, wird zu entlegenen Hoffnungen verdammt und verdorben für die tätige Verbrüderung, die ein Volk groß macht. Kein großes Volk: nur große Männer. Was es hat an Liebe und allen Ehrgeiz, alles Selbstbewusstsein setzt dies Volk in seine großen Männer. …

Ein Volk von heute hat kein Recht auf so große Männer. Es hat kein Recht, sich von ihnen der Selbstbestimmung entheben, korrumpieren, gar anstecken zu lassen und sich, Wollwarenfabrikant oder Schmock, ein Übermenschentum einzureden, während noch sein Menschentum rückständig ist.

Quelle: Geist und Tat (1910), in: Macht und Mensch. Essays

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Ray Oldenburg, author of «The Great Good Place»

Weitere Informationen:

„Home away from home“ – Der dritte Ort

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Kausale Revolution dank Big Data?

Von Ralf Keuper

Big Data steht unter dem Verdacht, allzu häufig Korrelationen mit Kausalitäten zu verwechseln (Vgl. dazu: Im Datenrausch). Mehr Daten bedeutet nicht zwangsläufig, dass Kausalbeziehungen leichter aufzufinden sind. Im Gegenteil: Eine große Datenmenge kann zu dem Phänomen des sog. Overfitting führen.

In The Book of Why. The New Science of Cause and Effect ruft der Computerwissenschaftler und Philosoph Judea Pearl eine Kausale Revolution aus. Bereits 2009 publizierte Pearl sein Buch Causality. Dennoch war eine weitere Publikation zu dem Thema nötig, wie es in der Buchbesprechung in der FAZ vom 24.08.18 (Auch Maschinen sollten Ursachen erkennen können) heisst:

Trotz all dieser Arbeiten seien in der Wissenschaft aber bis heute keine Methoden und keine Sprache entwickelt worden, um Kausalität zu fassen, so Pearl. Mit dem Effekt, dass wir das, was wir eigentlich wissen wollen und wissen müssen, um effektiv handeln zu können – Warum ist etwas passiert? Wie hätte man es verhindern können? Was wird als Nächstes geschehen? – wissenschaftlich nicht beantworten können. .. Die Konzentration auf die Korrelation habe dazu geführt, dem wichtigen Kommunikationsinstrument des kausalen Redens das mächtige Instrumentarium der Mathematik vorzuenthalten. Man behelfe sich mit maschinellen Lernverfahren, die immer wieder neu trainiert werden müssen, wenn sich die Datenbasis ändert, statt aus kausalem Verständnis zu entscheiden, ob ein Modell, etwa zur Vorhersage der Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen, weiter verwendet werden kann.

Über das Wesen der Kausalen Revolution, wie Pearl sie versteht:

Der Kern von Pearls kausaler Revolution besteht nun in einem Verfahren, dieses Vorstellen, wie die Welt sein könnte, zu formalisieren. Dazu benutzt der Autor zum einen Pfeildiagramme, die zeigen, welche Faktoren eine Rolle spielen, welche Verbindungen zwischen ihnen angenommen werden und in welche Richtung Kausalität läuft. Diese Verbindungen oder ihr Fehlen stehen für statistisch überprüfbare Annahmen: Verbindet kein Pfeil die Punkte A und D, zeigen die Daten jedoch, dass beide zusammenhängen, muss das Modell überprüft werden.

Pearl fordert die Wissenschaftler dazu auf, die drei Stufen der Leiter der Kausalität zu erklimmen (Vgl. dazu: Review: ‘The Book of Why’ Examines the Science of Cause and Effect). 

  • Stufe 1: Observation – basically looking for regularities in past behavior.
  • Stufe 2: From seeing to doing.
  • Stufe 3: Counterfactual question

In seiner Rezension zieht Jonathan Knee das Fazit:

The sometimes challenging technical aspects of the book should not dissuade anyone interested in the promise of intelligent systems. “The Book of Why” not only delivers a valuable lesson on the history of ideas but provides the conceptual tools needed to judge just what big data can and cannot deliver. Notably, “causal questions can never be answered from data alone.”

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