Jean Paul Sartre, die Last der Freiheit?

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Niklas Luhmann Gibt es in unserer Gesellschaft noch unverzichtbare Normen ?

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Bitcoin und die Provokation der “Blockchain-Economy”

Von Ralf Keuper

Unter den zahlreichen Beiträgen, die sich mit dem Potenzial der Blockchain und der digitalen Währungen auseinandersetzen, sind nur wenige, die von Soziologen verfasst wurden. Dabei ist das Thema eigentlich prädestiniert für Großtheorien wie der Systemtheorie oder Spezialdisziplinen wie der Finanz- oder Techniksoziologie.

Da leistet der Beitrag Bitcoin und die Provokation der “Blockchain-Economy”  Abhilfe, der von Michael Paetau verfasst wurde, der am Internationalen Zentrum für Soziokybernetische Studien in Bonn forscht. Nach Paetau stellen digitale Währungen unser Verständnis dessen, was Geld ist, auf den Kopf.

Ein Blick in die Geschichte zeige, dass das Geld und seine Funktion nicht ohne die jeweilige Gesellschaftsstruktur und das darin vorherrschenden Produktions und Distributionssystem verstanden werden kann. Beispielhaft dafür ist das alte Griechenland:

Bei Aristoteles ist dies ganz klar formuliert, wenn er den Zusammenhang der freien Bürger der Polis auf den Warentausch gründet und dem Geld die Funktion zuspricht, diese Gemeinschaftsleistung zu garantieren.Was die Einheit der Gemeinschaft erzeugt, ist der Bedarf an Produkten, die andere zur Verfügung stellen. Auf dem Markt, aber »als eine Art austauschbarer Stellvertreter des Bedarfs ist das Geld geschaffen worden, aufgrund gegenseitiger Übereinkunft. Und es trägt den Namen ›Geld‹ (nomisma), weil es sein Dasein nicht der Natur verdankt, sondern weil man es als ›geltend‹ gesetzt (nomos) hat und es bei uns steht, ob wir es ändern oder außer Kurs setzen wollen«. Letztlich ist Geld also »jenes Ding, das als Wertmesser durch ein gemeinsames Maß und somit Gleichheit schafft«.

Als Gegenbeispiel führt Paetau das Geldsystem der Sumerer an, das lange vor dem der alten Griechen bestand:

Ein Blick auf ältere Gesellschaften im Osten des antiken Griechenlands, vor allem in Sumer der Uruk-Zeit (ca. 3000 v.u.Z.) zeigt, dass hier in einer Gesellschaft, in der der gesellschaftliche Reichtum nicht über Warentausch sondern durch ein komplexes System der von Tempelbürokratien verwalteten Produktion, Lagerung und Verteilung der Güter geregelt wurde, eine andere Form von Geld benötigt wurde, nämlich eine Form der gegenseitigen Aufrechnung von Schulden und Forderungen, dokumentiert mit einer für diesen Zweck geeigneten Schrift und Arithmetik, verwaltet in einem Buchhaltungssystem auf Tontafeln gespeichert. Also, wie man heute unter entwickelteren Verhältnissen des Finanzwesens erkennt, eine Art von virtuellem Geld, die das vorwegnimmt, was viele tausend Jahre später in Europa, in einem auf Münzgeld aufbauendem System als schrittweise Ablösung des Geldes von seiner angeblich primordialen Form beschrieben wird. Nämlich als im 16. Jahrhundert, mit der Verbreitung von Wechseln, der Einführung des »Scudo de Marchi«, und anschließender Verbreitung von Banknoten, Schecks, Kreditkarten bis hin zum digitalen Geld sich eine schrittweise Ablösung des Geldes von einer irgendwie gearteten materiellen Substanz durchsetzte.

Für unsere Zeit stellt Paetau fest:

Es lässt sich also festhalten, dass wir heute aus einer Situation des entwickelten kapitalistischen Finanzwesens heraus behaupten können, dass wir den Geldbegriff abstrakter fassen müssen, als es im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften geschieht, indem wir anerkennen, dass Geld zunächst ein System von Kreditkonten und ihrer Verrechnungen ist, und dann erst eine bestimmte Form als Münze, Wechsel, Banknote oder eben Bitcoin annehmen kann.

Bereits im Jahr 1970 wagte der Bankhistoriker Volkmar Muthesius die Prognose:

Demnächst werden wir es vielleicht erleben, dass das Buchgeld in seiner heutigen Form seinerseits gewissermaßen abstirbt und ersetzt wird durch Datenspeicher, durch elektronische Vorgänge in Speichergeräten, womit ein weiteres Stadium der Entstofflichung, also einer speziellen Art von Abstraktion sich vollziehen wird – wer vermöchte zu sagen, ob es das letzte sein wird? (Quelle: Bankhistorische Fundstücke – Volkmar Muthesius)

Ähnlich weitsichtig war Marshall McLuhan, der von einer neuen Informationsbewegung des Geldes sprach:

Heute stellt die Technik der Elektrizität den Geldbegriff selbst in Frage, da die neue Dynamik menschlicher gegenseitiger Abhängigkeit von zerlegenden Medien wie etwa dem Buchdruck auf allumfassende oder Massenmedien wie den Telegrafen übergeht (in: Die magischen Kanäle).

Heute ist die Blockchain das neue zerlegende und – das ist ein neues Phänomen – wieder verbindende Medium – als Blockkette.

Insofern erscheinen digitale Währungen als ein fast schon natürliches Phänomen; als nächster Schritt der gesellschaftlichen Evolution, oder Transformation, womit es aus seiner rein technischen Betrachtung gelöst und als Teil eines übergreifenden sozialen Prozesses zu sehen ist:

Als »Medium« besitzt es (das Geld, RK) die Eigenschaft, lange Ketten von sozialen Handlungen dadurch zu beeinflussen, dass einzelne Entscheidungen durch das Medium selbst prädisponiert sind, beispielsweise ob man etwas kaufen möchte oder nicht. Welche Form dieses Medium annimmt, ist immer das Resultat eines komplexen Zusammenwirkens unterschiedlicher Faktoren, seien sie geographischer, technologischer oder auch interessengeleiteter Art. Sie ist immer eingebettet in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um adäquate Formen der Steuerung des ökonomischen Systems, um die Steuerung der Produktion, der Akkumulation, der Administration, der Verteilung und des Austausches des gesellschaftlichen Reichtums. Und selbstverständlich ist das beim Thema Cryptocurrency nicht anders.

Wenn sich der Charakter des Geldes in der beschriebenen Weise ändert, Währungen also noch digitaler und abstrakter werden, bleibt das nicht ohne Einfluss auf die jeweiligen Institutionen, die bislang für die Verteilung des Geldes zuständig waren und seinen Wert garantierten, wie Banken und Nationalbanken.

Wir werden sehen.

Ein ausgesprochen wichtiger Beitrag.

Crosspot von Bankstil

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Moderne Wissenschaftskommunikation an Hochschulen: Interview mit Prof. Dr. Jürgen Krahl

Prof. Dr. Jürgen Krahl, Präsident der Hochschule Ostwestfalen-Lippe

In der Bevölkerung lösen Themen wie Industrie 4.0 und Robotik häufig Ängste aus. Die Wissenschaftskommunikation ist heute daher wichtiger denn je. Im Interview mit Denkstil erläutert der Präsident der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Prof. Dr. Jürgen Krahl (Foto), warum die Vermittlung verwertbaren Wissens alleine nicht ausreicht, weshalb eine Hochschule den Dialog mit den unterschiedlichen Interessengruppen suchen muss und
welches Ziel das Institut für Wissenschaftsdialog (IWD) verfolgt.

  • Herr Prof. Dr. Krahl, auf welchen Feldern wird an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe geforscht und gelehrt?

Lehre, Forschung und Transfer leben wir vornehmlich in vier Profilbereichen: Industrie 4.0, Life Science, Umwelt&Ressourcen sowie Raum&Kultur. Diese Wachstumskerne werden jeweils von mehreren unserer neun Fachbereiche inhaltlich befruchtet.

  • Bei der Hochschule Ostwestfalen-Lippe hat die Praxisorientierung naturgemäß einen besonderen Stellenwert – besteht da nicht die Gefahr, die Wissensvermittlung zu sehr auf die Nützlichkeit und Verwertbarkeit auszulegen?

Als Fachhochschule orientieren wir uns natürlich sehr genau an den Anforderungen der Arbeitswelt – das bedeutet sowohl, dass wir bedarfsgerecht ausbilden als auch, dass wir zum Beispiel in Forschungsprojekten eng mit der Industrie kooperieren. Gleichzeitig fördern und fordern wir von unseren Studierenden den Blick über den fachlichen Tellerrand hinaus. Das stellt sich etwa in der Unterstützung von Auslandsaufenthalten während des Studiums dar. Hinzu kommen beispielsweise die Angebote unseres neuen Instituts für Wissenschaftsdialog, kurz IWD.

Der Praxisbezug von Forschung und Lehre bedeutet nicht, dass wir die Studierenden nur zu Nützlingen ausbilden. Gerade das IWD soll den Studierenden den überfachlichen Horizont öffnen und sie befähigen, die Bedeutung ihres Wissens zu erkennen und darüber hinaus interdisziplinäre Schnittstellen zu besetzen.

  • Was war der Anlass für die Umbenennung des Instituts für Kompetenzentwicklung in Institut für Wissenschaftsdialog und welche Aufgaben soll das Institut übernehmen?

Es handelt sich hier nicht nur um eine Umbenennung, sondern um eine konzeptionelle Weiterentwicklung: Das Institut für Wissenschaftsdialog baut sehr intensiv auf dem Institut für Kompetenzentwicklung auf – personell wie auch inhaltlich und thematisch. Darüber hinaus bietet das IWD neue Entwicklungsfelder, die direkt mit der Lehre der Fachbereiche sowie mit Forschung und Transfer verbunden sind. Das IWD kann und soll Freiräume bieten, um neue Themen und Handlungsweisen auszuprobieren – sowohl in der grundständigen Lehre, als auch im Zusammenspiel mit Studienanfängern und Graduierten, auf Konferenzen, Symposien und Foren. Eine weitere, sehr wichtige Aufgabe des IWD ist der von uns so genannte Bereich „Forum“, in dem Wissenschaft in die Gesellschaft transferiert wird. Dazu gehört auch unser neues FabLab.

  • In der Öffentlichkeit sind technische Themen häufig angstbesetzt – beispielhaft dafür sind die Genetik, die Robotik wie auch die Industrie 4.0 – wie kann eine Hochschule hier für mehr Versachlichung sorgen, wo sind die Grenzen?

Wir haben als Hochschule nicht nur Verantwortung in Lehre und Forschung, sondern auch im Transfer – in diesem Fall im Transfer von Wissen aus der Wissenschaft in die Gesellschaft. Ein schönes Beispiel dafür ist die SmartFactoryOWL. Als gemeinsame Einrichtung der Hochschule OWL und des Fraunhofer IOSB-INA hat die Forschungs- und Demonstrationsfabrik im April 2016 auf dem Lemgoer Campus ihre Türen geöffnet und ist seitdem ein wichtiger Impulsgeber für die Entwicklung der Industrie 4.0. Aber hier verschanzt sich die Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm: Die SmartFactoryOWL ist eine offene Einrichtung – das zeigen wir in Veranstaltungen wie dem „Living Lab“ im Oktober 2017. Zielgruppe dieses für die Zukunft regelmäßig geplanten Formates war die allgemeine Öffentlichkeit. Bürgerinnen und Bürger waren eingeladen, an der Technologieentwicklung mitzuwirken und bisherige Ergebnisse zu bewerten. Denn in der SmartFactoryOWL steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht die Technik. Deshalb wollen wir auch die späteren Anwender früh in die Entwicklungsprozesse einbinden – das beugt der von Ihnen beschriebenen Angstbesetzung vor. Im Juni 2017 ist die SmartFactoryOWL in das europäische Netzwerk ENoLL – kurz für „European Network of Living Labs“ – aufgenommen worden – eine Bestärkung für den interaktiven Ansatz und eine Möglichkeit zum internationalen und interdisziplinären Austausch mit anderen Innovationslaboren.

Zusammengefasst ist es nicht genug, nur zu forschen und zu wissen. Wir müssen auch erklären und die komplexeren Dinge und Zusammenhänge in den Kontext des Alltags stellen können. Andernfalls bewässern wir den Nährboden der Technikangst.

  • Welche Aufgaben übernimmt das neu geschaffene Vizepräsidentenamt Kommunikation und Profil an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe – wer sind die Hauptadressaten?

Dem Ressort liegt die Aufgabe zugrunde, die Kommunikation an der Hochschule OWL weiterzuentwickeln. Eine gute Hochschulkultur braucht den Austausch und den Kontakt mit anderen. Dabei geht es um eine Kommunikation, die von innen anfängt und auf allen Ebenen stattfindet. Auch eine gute Außenkommunikation kann sich nur entwickeln, wenn sie eine breite Basis hat – wenn sich also ein möglichst großer Teil der Hochschulangehörigen in den Kommunikationsprozessen wiederfinden kann.

  • Herr Prof. Dr. Krahl, vielen Dank für das Gespräch!

Das vollständige Interview erschien zuerst auf Westfalenlob.

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“Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur” von Andreas Bernard

Von Ralf Keuper

Sind wir durch unser Verhalten im Internet – unbewusst – zu Komplizen des Erkennungsdienstes geworden? Wer das Buch Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur liest, gewinnt jedenfalls den Eindruck, dass dem so ist.

Noch in den 1980er Jahren sorgte die Volkszählung in Deutschland für Aufruhr. Es bestand die Befürchtung, einem Überwachungsstaat in die Hände zu arbeiten. Heute geben die Nutzer im Internet freiwillig eine Menge an personenbezogenen Daten preis, die weit über die Datenanforderungen der Volkszählung hinaus gehen. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Woher kommt die “digitale Profilierungssucht”?

Die Kategorie des “Profils” ist für Bernard entscheidend, wenn man den Wandel zur ständigen Selbstvermessung und Verdatung der Nutzer verstehen will.

Das Profil der Mitglieder von LinkedIn, Instagram oder Facebook – der Ort, an dem sie ihre Selbstbeschreibung verfassen, an dem persönliche Daten, Texte, Fotos und Videos versammelt sind – ist der Knotenpunkt der Interaktion.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Begriff “Profil” negativ belegt:

Bis vor 20 oder 25 Jahren waren nur Serienmörder oder Wahnsinnige Gegenstand eines “Profils”. Diese Wissensform, dieses Raster der Menschenbeschreibung hat im letzten Jahrhundert eine so rasante wie tiefgreifende Umwandlung erlebt.

Bernard resümiert:

Was eine kurze Begriffsgeschichte des “Profils” also sofort verdeutlicht, ist der Umstand, dass dieses Format ein knappes Jahrhundert lang Individuen in einer Prüfungs- oder Fahndungssituation beschrieben hat.

Die Datenspuren, die die Nutzer im Netz hinterlassen werden von Google und anderen Internetkonzernen zu Profilen zusammengesetzt und an die Werbeindustrie verkauft – ein Milliardengeschäft.

Bernard zeigt, dass die Sammlung von Daten aus Gründen der Klassifizierung menschlichen Verhaltens eine lange Geschichte hat. Einer der Hauptprotagonisten war Hugo Münsterberg, der vor allem für seine Psychotechnik bekannt wurde (Vgl. dazu: 100. Todestag von Hugo Münsterberg. Der Psychologe des Alltags). Münsterberg lehnte den sog. hermenteutischen Zugang zum Innenleben des Menschen, wie er von Sigmund Freud und Josef Breuer, angewandt wurde, ab.

Disziplinen wie die experimentelle Psychologie und die daraus hervorgehenden Schulen der Psychotechnik und des Behaviorismus interessieren sich weniger für den sprachlichen Zugang zum Menschen oder die biografischen Ursprünge von Störungen, sondern befassen sich mit der Hervorbringung körperlicher Oberflächenäußerungen. Anstelle der Introspektion des Patienten steht die Vermessung, anstelle der Produktion von Erinnerungen und Worten die Produktion von Körperströmen und Daten, anstelle des verzögerten Ausbruchs latenter Komplexe die sofortige Reaktion auf Reize.

Prominentestes Beispiel dieser Wissenschaftsdisziplin auf technologischem Gebiet ist die sog. Quantified Self-Bewegung.

„The Quantified Self“ ist ein Netzwerk aus Anwendern und Anbietern von Methoden sowie Hard- und Softwarelösungen, mit deren Hilfe sie z. B. umwelt- und personenbezogene Daten aufzeichnen, analysieren und auswerten. Ein zentrales Ziel stellt dabei der Erkenntnisgewinn u. a. zu persönlichen, gesundheitlichen und sportlichen, aber auch gewohnheitsspezifischen Fragestellungen dar (Quelle: Wikipedia).

Bernard kommentiert:

Die Bezüge aktueller Quantified-Self-Verfahren auf psychotechnische und behavioristische Perspektiven fallen hier klar ins Auge. Sprache ist auch den heutigen Selbstvermessern ein unzulängliches Medium für die Erkenntnis des Menschen; die Fitnessarmbänder, Smart Watches oder die Apps zur Quantifizierung der eigenen Stimmung sollen Auskünfte über den Nutzer durch die Daten seiner Körperäußerungen geben.

Während der Behaviorismus keinen Platz für Selbst als Urheber seines Handelns hat, zielt die Quantified-Self-Bewegung gerade auf das autonom entscheidende Individuum ab. Hier widersprechen sich Behaviorismus und Quantified-Self-Bewegung:

Die ist eine auffällige Paradoxie der Self-Tracking-Kultur: Sie übernimmt die erkenntnistheoretischen Grundsätze der Psychotechnik und des Behaviorismus, betrachtet den Menschen als Produzenten von Oberflächendaten, dessen Inneres unergründet bleiben muss, aber zieht aus ihren Praktiken ganz andere Schlüsse für den Status des Subjekts. Das “Quantified Self”- indem es seine Blutdruck-, Puls- und Bewegungsschreiber selbst anlegt und verwaltet – soll mit besonderer Emphase zu jenem “Urheber und Initiator seines Handelns werden, den Skinner verabschiedet hat. Es zeigt sich hier genau dieselbe Diskontinuität, die auch die Transformation der elektronischen Fussfessel zum GPS-fähigen Smartphone kennzeichnet: Das technische Ensemble ist beinahe identisch, die Grundfunktion der Erfassung bleibt bestehen, aber die ehemaligen Kontrollinstrumente haben sich in Werkzeuge der Selbstermächtigung verwandelt.

Obwohl die Messgenauigkeit sowie die Aussagekraft der Daten unzulänglich sind, wie Bernard am Beispiel der Schlafforschung zeigt, ist die Nachfrage an Self-Tracking-Tools ungebrochen:

Es scheint eine allgemeine Erfassungssehnsucht in der digitalen Kultur zu bestehen, eine Tendenz der Selbsttaylorisierung, die das Wissen um die fragile Verlässlichkeit der Messwerte übertrumpft.

In der Sharing Economy haben sich die Begriffe gewandelt. Gegensätze haben sich aufgelöst. Die Marktwirtschaft alter Prägung scheint obsolet geworden. Einst mächtige Institutionen, wie der Staat oder Banken, stehen vor der “Disruption”.

Sowohl die neue Wirtschaftsmentalität als auch die Cyberspace-Utopien setzen auf Selbstregulierung statt Fremdregierung, freien Wettbewerb statt übermäßiges staatliches Reglement, und ein Vokabular, das um 1968 zunächst von dezidiert linker politischer Seite kam – Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, flache Hierarchien – , hat sich in den netzwerkhaften Dotcom-Unternehmen und Startups seit Mitte der neuziger Jahre in die Lehre der New Economy eingefügt. .. Marktwirtschaft und kritisches Engagement, Profitstreben und vorbildliche Ethik gehen eine stolze Allianz ein. Ihre Galionsfigur ist der “Social Entrepreneur”, der die Verbindung von Sozialem und Ökonomischen schon im Namen trägt. Ihre Praxis ist die “Sharing Economy”, in der die vielleicht letzten Lebensbereiche, die dem Modernisierungsimpuls entzogen waren – das eigene Bett, der eigene Kleiderschrank, der eigene Beifahrersitz -, zu einer lukrativen Einkommensquelle geworden sind.

Ende offen.

Ein wichtiges Buch.

 

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Benjamin und Brecht. Denken in Extremen

Die Beziehung zwischen Walter Benjamin (1892–1940) und Bertolt Brecht (1898–1956) ist eine außergewöhnliche Konstellation: Kritiker und Dichter, Kommentator und Autor, Kunsttheoretiker und Regisseur, Wissenschaftler und Künstler, Metaphysiker und Rationalist. In ihren Konflikten wie im Produktiven, in der erstaunlichen Fähigkeit, Widersprüchliches gelten lassen zu können, in ihrem Zusammenklang wie im Verstörenden spiegelt die Beziehung zwischen Benjamin und Brecht das Jahrhundert der Extreme. Vieles, was sie umgetrieben hat, wirkt heute bestürzend aktuell: Was ist radikale Kunst? Wie begegnet man einer gesellschaftlichen Krise? Wer schreibt Geschichte? (Link: Benjamin und Brecht. Denken in Extremen).

Weitere Informationen:

Ausstellung in Berlin zeigt Brecht und Benjamin

Ausstellung “Denken in Extremen”Die außergewöhnliche Freundschaft von Brecht und Benjamin

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Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #33

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

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Das schöpferische Spiel der Gedanken (Konrad Lorenz)

Im Erkennen des Menschen spielt sich Analoges ab, wie in seinem Können. Kognitive Leistungen verschiedener Art, alle jene, aus deren Integration das begriffliche Denken einst erwuchs, und viele neue besonderer Art treten miteinander in eine vielfache Wechselwirkung, die in engerem Sinn als die, in der Manfred Eigen das Weltgeschehen als solches bezeichnet, ein Spiel genannt zu werden verdient. Getrieben von der Neugier, von der Hauptmotivation des Spiels in seinem ursprünglichsten und speziellsten Sinn, die schon bei Tieren eine wesentliche Rolle spielt und die entscheidend zur Entstehung des begrifflichen Denkens beigetragen hat, erblüht im denkenden Menschen ein Spiel der Gedanken, das merkwürdig ähnlichen Regeln gehorcht wie das große Spiel der Wechselwirkungen, das den Menschen geschaffen hat. So schöpferisch wie in diesem wirken Zufall und Gesetz auch in dem Spiel des Erkenntnisstrebens zusammen, die Regeln, denen es folgt, sind ähnlich. Das Prinzip von Versuch und Irrtum, das im stammesgeschichtlichen Werden die Form von Erbänderung und Selektion annimmt, findet sich auf der höheren Integrationsebene des menschlichen Erkenntnisstrebens als Hypothesenbildung und Falsifikation wieder. Vor allem aber ist der Modus, in dem neue Gedanken, neue Erkenntnisse entstehen, prinzipiell identisch mit jenem, der im Evolutionsgeschehen Niedagewesenes entstehen lässt. Fast immer entsteht die neue Erkenntnis daraus, dass zwei existente Gedankengänge zu einer Einheit integriert werden, die neue Systemeigenschaften besitzt. Die Ausdrücke der gewachsenen Sprache, wie “Gedankenblitz” oder “es ist mir ein Licht aufgegangen”, sind, wie ich nachträglich festgestellt habe, meinem mühsam gesuchten Terminus “Fulguration” sehr ähnlich.

Im Geist des Menschen spielen sich also echt schöpferische Vorgänge ab, die genausowenig final determiniert sind wie die im kosmischen Geschehen sich vollziehenden. Nichts von “finaler Determination”! Finis bedeutet Ende, determinare beendigen, jedes Ende aber würde Verzweiflung sein!

Das Schöpferische im Menschengeist ist nicht nur wesensverwandt mit dem großen organischen Werden, es ist ein spezieller Fall von ihm, doch erhebt es sich auf eine kategorial höhere Ebene dadurch, dass es reflektiert wird. “Im Menschen wird sich die Evolution ihrer selbst bewusst” – so lautet die schöne Formulierung, die Hans Tuppy für diese Erkenntnis gefunden hat. Erst mit diesem Bewusstsein erwacht, als Vorrecht und Verpflichtung des Menschen, die Sinngebung: Es entsteht für ihn die Welt der Werte. Gleichzeitig aber bürdet sich auf seine Schultern die Last der Verantwortung, nicht nur für seine Spezies oder gar für seine Person, sondern für das gesamte organische Geschehen im Gesamtbereich seiner gefährlich groß gewordenen Macht.

Quelle: Die Vorstellung einer zweckgerichteten Ordnung, in: Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen

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Denkstil und Sprachstil

Thesen zum Sprachstil (soweit sie in Beziehung stehen zu Flecks ‚Denkstil’)

  1. Sprachstil ist Gestaltetheit. Er ist unentbehrlich und unvermeidbar, weil jede gedankliche Hervorbringung, um wahrnehmbar zu sein, eine Form, eine Gestalt haben muss. Alles, was wir inhaltlich erfassen, mitteilen und rezipieren wollen, bedarf der sinnlich wahrnehmbaren Darbietung. Dieser Tatsache entsprechen die Kategorien ‚Denkstil’ und ‚Sprachstil’.
  2. Stil ist nicht Hülle, sondern an der Gestalt sichtbar gemachter sozialer und/oder ästhetischer Sinn. Durch seine Wahrnehmbarkeit schon vermittelt er Inhalt. Er ist insofern „sinnhaft“ (Sandig 1986: 14), als auch die Form eines Artefakts uns etwas mitteilt. Wir gehen über die Gestalt eines Textes nicht uninformiert hinweg zum „eigentlichen“ Inhalt, sondern wissen – ganz im Gegenteil –, dass auch die Form für unser Verstehen von Bedeutung ist. Im Fall wissenschaftlicher Texte besteht die Bedeutung darin, Denkstile und Denkwege wahrnehmbar zu machen.
  3. Stil steuert die Rezeption. Er gibt Hinweise darauf, wie man einen Text zu lesen hat, welcher Gattung/Textsorte er zuzuordnen, in welchem Licht er zu rezipieren ist. Je nach Form des Textes stellen wir uns auf bestimmte Rezeptionsweisen ein: literarische, alltägliche, fachliche. Ein Wissenschaftsstil erfordert „wissenschaftliches“ Lesen – und Denken.
  4. Stil ist intendiert. Er ist die spezifische Art von Textgestalt, die ein Textproduzent bzw. ein Kollektiv von Textproduzenten hervorbringen, um bei Adressaten eine bestimmte Wirkung zu erreichen. Aus pragmatischer Perspektive ist Stilbilden als intentionale Handlung zu betrachten. Hier ist die Intention, Denkwege zu eröffnen und begehbar zu machen.

Quelle: Uta Fix: Denkstil und Sprache Die Funktion von ‚Sinn-Sehen’ und ‚Sinn-Bildern’ für die ‚Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache’ 

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Gregory Bateson on ‘stability’

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