„Creare“ – Kurzfilm zur Geschichte der Kreativität

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„Das Ende der Physik. Vom Mythos der Großen Vereinheitlichten Theorie“ von David Lindley

Von Ralf Keuper

Es ist der Traum vieler Physiker: Die Entdeckung einer vereinheitlichten Theorie, welche die Physik, ja die Naturwissenschaften selbst obsolet macht. Von diesem Projekt, das sich bis in unsere Tage zieht, seiner Geschichte und den Erfolgsaussichten berichtet David Lindley in Das Ende der Physik. Vom Mythos der Großen Vereinheitlichten Theorie.

Ausgangsüberlegungen, die der Vereinheitlichten Theorie zugrunde liegen:

Die theoretischen Physiker haben heute eine gewisse Vorstellung davon, wie man starke und elektroschwache Kräfte kombinieren könnte, und hoffen, auch die Schwerkraft schließlich in eine einzige vereinheitlichte Theorie aller Kräfte einzubinden. „Vereinheitlichung“ bedeutet in diesem Zusammenhang, eine theoretische Struktur in mathematischer Form zu schaffen, um die bisher getrennten Theorien unter einen Hut bringen zu können. Vereinheitlichung ist das eigentliche Thema, das Rückgrat der modernen Physik und für die meisten Physiker bedeutet Vereinheitlichung praktisch die Entdeckung einer geordneten, verständlicheren mathematischen Struktur, die bisher getrennte Phänomene miteinander verknüpft.

Ein durch und durch radikales Programm:

Die Vorstellung aufzugeben, dass sich die Physik letztlich auf einen Satz Elementarteilchen und eine Beschreibung der Art und Weise ihrer Wechselwirkung reduzieren lässt, würde bedeuten, eine intellektuelle Tradition aufzugeben, die auf die allerfrühsten Anfänge der Naturwissenschaften zurückgeht; es würde bedeuten, die Naturwissenschaft an sich aufzugeben.

An Versuchen hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt: Quantentheorie, Quarks, Kosmologie und String-Theorie – allein, dem eigentlichen Ziel, der vereinheitlichten Theorie ist man nicht wirklich näher gekommen – im Gegenteil: Die Modelle werden immer abstrakter und nicht selten nur noch durch das Interesse der Forscher, die zu immer neuen Mitteln, manchmal auch Verfahrenstricks (wie zur Einführung der Kosmologischen Konstanten) greifen müssen, um ihre Hypothesen zu retten, am Leben erhalten. Die Welt ist zu komplex, als dass sie sich auf eine Formel bringen ließe:

Es ist die ehrliche Absicht der Physiker, die einfachste Erklärung für alle Phänomen der natürlichen Welt zu finden, die sie finden können, und es spricht für ihren Einfallsreichtum und für die Komplexität der physikalischen Welt, dass sie zu solchen Extremen der Theoretisierung greifen müssten, aber noch immer keine Theorie gefunden haben, die alles erklärt.

Andererseits ist es das unerbittliche Fortschreiten der Physik aus der Welt, die wir sehen und fühlen können, in eine Welt, die nur mittels riesiger und kostspieliger experimenteller Ausrüstung zugänglich ist, in eine Welt also, die nur durch den Verstand allein erleuchtet wird, ein echtes Alarmzeichen. Selbst innerhalb der Gemeinschaft der Teilchenphysiker gibt es einige, die meinen, dass der Trend zu einer immer stärker werdenden Abstraktion die theoretische Physik in eine l’art pour l’art – Mathematik verwandelt, höchst amüsant für diejenigen, die die Technik des Spiels beherrschen und mitspielen können, doch letztlich bedeutungslos, weil die Objekte der mathematischen Bearbeitung auf ewig dem Zugriff durch Experiment und Messung entzogen bleiben.

Auch die Kooperation zwischen Teilchenphysik und Kosmologie hat nicht die erhofften Resultate, d.h. die Formulierung einer Vereinheitlichten Theorie gebracht. Es bleiben immer noch weiße Flecken, die durch Annahmen ersetzt werden müssen, um ein stimmiges Modell zu ergeben, ohne die Gewissheit zu haben, dass man damit dem Ziel einen Schritt näher gekommen ist:

Alle Versuche einer Allumfassenden Theorie stützen sich gegenwärtig auf eine Vielzahl grundlegender Prinzipien und leiden gleichzeitig unter einem Mangel an Details: Die Theorien müssen mit zusätzlichen, verborgenen Dimensionen erweitert werden, dazu kommen Symmetriebrechungen, um einigen Teilchen Masse zu verleihen, anderen aber nicht, und weitere Symmetriebrechungen, um die verschiedenen Teilchenwechselwirkungen zu unterscheiden usw. . Diese Erweiterungen und Ausschmückungen folgen keineswegs automatisch aus irgendeiner der bisher bekannt gewordenen Allumfassenden Theorien, alles muss „von Hand“ zugegeben werden, damit sich eine Theorie ergibt, wie wir sie uns wünschen. Aber gleichzeitig sind diese Details, diese Abweichungen von der ursprünglichen, perfekten Allumfassenden Theorie das einzige, das wir zu messen hoffen können.

Die Allumfassende Theorie bleibt wohl ein unerreichbares, idealistisches Ziel – ein Mythos.

Um des deutlich zu sagen: Die Allumfassende Theorie ist ein Mythos. Ein Mythos ist eine Weltsicht, die innerhalb ihres Bezugsystems sinnvoll ist und für alles rund um uns herum eine Erklärung liefert, die sich jedoch weder überprüfen noch widerlegen lässt. Ein Mythos ist eine Erklärung, mit der jedermann übereinstimmt, weil es bequemer ist, nicht etwa, weil man ihre Wahrheit beweisen kann. Die Allumfassende Theorie, dieser Mythos, bedeutet tatsächlich das Ende der Physik – nicht etwa, weil die Physik endlich in der Lage wäre, alles im Universum zu erklären, sondern, weil die Physik am Ende all dessen angekommen ist, was sie erklären kann.

Weitere Informationen:

Higgs: Das Ende der Physik?

Die Physik steckt in der Krise: Der Traum von der Weltformel ist geplatzt, die neuen Theorien sind kaum mehr überprüfbar. Geht es in der Kosmologie überhaupt noch um Wissenschaft?

Das Ende der Physik – Vom Mythos der Großen Vereinheitlichten Theorie

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Amerikanische Wechselbäder. Beobachtungen und Kommentare aus vier Jahrzehnten (Marion Gräfin Dönhoff)

Von Ralf Keuper

Die amerikanische Politik ist für Europäer, insbesondere für Deutsche, nur schwer zu verstehen bzw. zu akzeptieren. Viele glauben, mit Trump sei der Untergang des Abendlandes nahe. Da ist es irgendwie beruhigend,  Amerikanische Wechselbäder. Beobachtungen und Kommentare aus vier Jahrzehnten zu lesen, welche die ehemalige Herausgeberin der ZEIT, Marion Gräfin Dönhoff, zwischen 1951 und 1983 anfertigte. So neu ist die derzeitige Situation dann doch nicht; die Herausforderungen in der Vergangenheit, man denke an Kennedy/Chrustschow, waren gewiss nicht geringer als heute.

Hier einige charakteristische Passagen:

Juni 1962: Über das angespannte deutsch-amerikanische Verhältnis zu der Zeit:

„Ihr benehmt euch wie eine Frau, die einen immer wieder von neuem fragt: „Liebst du mich auch wirklich?“, meinte James Reston von der New York Times. Und im State Department hieß es bitter: „Was eigentlich berechtigt die Deutschen dazu, unsere Vertrauenswürdigkeit immer wieder in Zweifel zu ziehen? Kann man so miteinander umgehen? Muss das nicht auf Dauer jede Partnerschaft kaputt machen?

Dezember 1968: Die Amerikaner zweifeln an sich selbst. Ratlosigkeit unter den liberalen Intellektuellen

Mir schien, dass die kritische Selbsterforschung, die intellektuelle Ratlosigkeit, der plötzlich entwickelte Sinn für das Tragische, Amerika ganz neue Perspektiven erschlossen hat. Und ich glaube, dass die Verzweiflung, die man in vielen Gesprächen spürt, nicht Schwäche bedeutet, sondern dass ganz im Gegenteil dieses Volk, das so viel Idealismus und so viel ungebrochene Kraft besitzt, um eine Dimension reicher werden wird.

Dezember 1971: Eine Weltmacht wird müde. Die Amerikaner sind es leid, die Last aller anderen zu tragen

Europa und der Nahe Osten werden weiterhin als Interessengebiete erster Ordnung betrachtet; wieweit auch anderwärts der Rückzug gehen mag, sie werden davon nicht betroffen sein. Die Allianz in Europa wird weiter gepflegt. Doch werden die Europäer – das ist das Neue – nun zum erstenmal ihr Schicksal selber in die Hand nehmen müssen. Amerika ist bereit, jeden Vorschlag, der aus Europa kommt, zu prüfen, und es ist auch bereit zu helfen, nur Führung dürfen wir derzeit von Washington nicht erwarten. Amerika ist müde, ist desillusioniert und ohne Vision.

März 1983: Wenn Hysterie die Vernunft übermannt

Wann immer in Amerika wieder eimal die ideologische Phase beginnt, läuft es vielen Europäern kalt den Rücken herunter, weil man nie weiß, wohin dies führt. Aber man sollte einen Trost nicht vergessen: Der Wechsel kommt sicher, und die nächste Phase ist dann wieder von Pragmatismus bestimmt – nur weiß man nie, wie lange es dauert bis dahin.

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Die Aufhebung der Ökonomie (Georges Bataille)

Von Ralf Keuper

In der Ökonomie hat Verschwendung – zumindest in der Lehre – keinen Platz bzw. keinen guten Stand, geht es doch um die effiziente Nutzung der Ressourcen, um daraus einen Ertrag erzielen zu können. In Die Aufhebung der Ökonomie argumentiert Georges Bataille genau anders herum: Für ihn bildet die Verschwendung die Basis der Ökonomie. Er schreibt:

Dass Produktion und Erwerb sekundär sind gegenüber der Verausgabung, tritt am klarsten bei den ökonomischen Einrichtungen der Primitiven zutage, weil der Tausch hier noch als kostspieliger Verlust der abgetretenen Gegenstände empfunden wird: er hat seine Grundlage in einem Verschwendungsprozess, aus dem sich dann ein Erwerbsprozess entwickelt hat. Die klassische Nationalökonomie hat sich den primitiven Tausch immer nur als Tauschhandel vorstellen können, denn sie hatte keinen Grund zu der Annahme, ein Erwerbsmittel wie der Tausch hätte seinen Ursprung nicht im Erwerbsbedürfnis haben können, das er heute befriedigt, sondern in dem entgegengesetzten Bedürfnis nach Zerstörung. Die herkömmliche Auffassung von den Ursprüngen der Ökonomie wurde erst unlängst widerlegt, und zwar vor so kurzer Zeit, dass viele Wirtschaftswissenschaftler den Tauschhandel ungerechtfertigterweise weiter als Vorläufer des Handels hinstellen.

Bataille bezieht sich dabei vor allem auf das Buch Die Gabe von Marcel Mauss. Darin hebt Mauss die Bedeutung des Potlatsch hervor. Auf Wikipedia heisst es dazu:

Bei ihm werden in ritueller Weise Geschenke verteilt oder ausgetauscht. Je wertvoller und erlesener die gereichten Gaben ausfallen, desto bedeutender gilt die Position und Abstammungslinie dessen, der die Geschenke vergeben hat.

Das paradoxe Prinzip des Potlatsch, was die Zuschreibung von Reichtum und Macht betrifft, hebt sich für Bataille bei näherer Betrachtung auf:

Da aber die Früchte des Potlatsch sozusagen schon im voraus für einen neuen Potlatsch vorgesehen sind, ist das archaische Prinzip des Reichtums frei von jenen Abschwächungen, die von der später entstandenen Habgier herrühren: Reichtum ist ein Erwerb, insofern der Reiche Macht erwirbt, aber er ist vollständig für den Verlust bestimmt, insofern diese Macht eine Macht des Verlustes ist. Nur durch den Verlust sind Ruhm und Ehre mit ihm verbunden.

Problematisch an der herkömmlichen Ökonomie sei, so Bataille, dass sie sich auf die Zusammensetzung von Einzeloperationen beschränke, statt das Gesamtphänomen in den Blick zu nehmen:

Der Mensch reduziert in der Wissenschaft ebenso wie im Leben die ökonomischen Aktivitäten auf eine Gegebenheit, die dem Typ der partikularen Systeme entspricht. Die ökonomische Tätigkeit als Ganzes wird in eine Einzeloperation mit begrenztem Zweck gesehen. Man verallgemeinert, indem man einfach das Gesamtphänomen aus den Einzeloperationen zusammensetzt: Die Wirtschaftswissenschaft begnügt sich damit, ein isoliertes Phänomen zu generalisieren, sie beschränkt ihren Gegenstand auf Tätigkeiten, die zu einem bestimmten Nutzen unternommen werden, nämlich zum Nutzen des homo oeconomicus; sie zieht niemals das Kräftespiel der Energie in Betracht, das von keinem partikularen Zweck begrenzt wird: das Spiel der lebenden Materie insgesamt, das von der Bewegung des Sonnenlichts abhängt, dessen Wirkung sie ist. Für die lebende Materie insgesamt ist die Energie auf dem Erdball immer überschüssig, hier muss immer in den Begriffen des Luxus gedacht werden, jeder Unterschied ist immer nur ein Unterschied in der Art der Verschwendung von Reichtümern.

In dem Kapitel Der Krieg als katastrophische Verausgabung der überschüssigen Energie geht Bataille noch einen Schritt weiter:

Diese Überschüsse an lebendiger Kraft, die selbst noch in den armseligsten Wirtschaftsformen zu örtlichen Stauungen führen, sind nämlich die gefährlichsten Faktoren des Untergangs. Daher suchte man zu allen Zeiten, wenn auch unbewusst, fieberhaft nach Möglichkeiten der Entstauung. Die antiken Gesellschaften fanden diese Möglichkeit in den Festen; manche errichteten erstaunliche Monumente, die keinerlei Nutzen hatten; wir verwenden den Überschuss zur Vermehrung der „Dienstleistungen“, die das Leben einebnen, und wir neigen dazu, einen Teil davon in der zunehmenden Freizeit zu absorbieren. Aber diese Ablenkungsmöglichkeiten sind immer unzureichend gewesen: es blieb trotz allem ein gewisses Maß überschießenden Potentials übrig, das zu allen Zeiten Menschenmassen und große Mengen von nützlichen Gütern den Zerstörungen der Kriege ausgesetzt hat.

Die Ausdehnung des Wachstums erfordere, so Bataille, die Umkehrung aller ökonomischen Grundsätze:

Der Übergang von den Perspektiven einer beschränkten zu denen einer allgemeinen Ökonomie wäre in der Tat eine kopernikanische Wende: die Umkehrung des Denkens und der Moral. Wenn von vornherein ein pauschal abzuschätzender Teil der Reichtümer dem Verlust preisgegeben werden muss oder einer unproduktiven Verwendung, die keinen Profit ermöglicht, dann es es notwendig und sogar unvermeidlich, dass Waren ohne Gegenleistung abgetreten werden.

Moderne Gesellschaften bedürften eines Spielraums für nicht profitbringende Operationen. Versuche, die kosmische Energie mit den Mitteln unsere Gesetze und Theorien einzuhegen, gehen am Ziel vorbei. Bateille gibt den Rat:

Weh dem, der darauf beharrt, einer Bewegung, die ihn überschreitet, Herr werden zu können mit dem engstirnigen Vorstellungen eines Mechanikers, der ein Rad wechselt.

In dem lesenswerten Beitrag Der Nutzen der Verschwendung aus dem Jahr 1975 ging Marianne Kesting der Frage nach der Aktualität des Werkes, das im Jahr 1967 erschien, nach. Im Jahr 2010 führte Gerhard Mersmann in Ein seltsam anmutender Paradigmenwechsel in der Ökonomie einen weiteren Aktualitätscheck durch. Verstand man in den 1970er Jahren unter Verschwendung die typischen Merkmale der Wegwerfgesellschaft ist seit der Finanzkrise ein neues Phänomen hinzugekommen. Momentan ist das Geld auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten, wovon in den letzten Jahren vor allem Startups profitiert haben und noch z.T. profitieren. Neue Technologien, wie die Blockchain und Künstliche Intelligenz, versprechen großes (Wachstums-)Potenzial.

Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft hätte es, wenn sich die Künstliche Intelligenz tatsächlich so in unserem Alltag durchsetzten sollte, wie derzeit prognostiziert? Wo bliebe dann die überschüssige Energie, von der Bataille spricht? Wie kann sie sich entstauen, ohne große Krisen herbeizuführen?

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Das neue Versprechen der Künstlichen Intelligenz: Diesmal ist alles anders

Von Ralf Keuper

Der Hype, den das Schlagwort der Künstlichen Intelligenz derzeit auslöst, erinnert ein wenig an den Glaubenssatz einiger Ökonomen, die, wenn die ersten Warnsignale auf das bald bevorstehende Platzen einer Spekulationsblase auftauchen, zu sagen pflegen: Diesmal ist alles anders.

Im Forschungsgebiet der Künstlichen Intelligenz folgten auf Hochphasen bislang immer sog. AI-Winter. Diesmal aber, so der Tenor, sei es anders. In Computer so schlau wie wir in der FAZ vom 13.06.17 schreibt Alexander Armbruster:

Die führenden KI-Fachleute auf der Welt, wie Yann LeChun, Yoshua Bengio oder Geoffrey Hinton versuchen in ihren Vorträgen gleichwohl immer auch, übertriebene Erwartungen einzuhegen. Denn die Künstliche Intelligenz erlebte schon mehrere Hochphasen, die abgelöst wurden von sog. AI-Wintern, von Stagnation. Allerdings überwiegt momentan sicherlich die Hoffnung. Denn die Fortschritte der vergangenen Jahre bestätigen, dass die derzeitige Phase nur ein Anfang von etwas Großem sein kann.

Also erst der Hinweis darauf, dass in der Vergangenheit die hochgesteckten Erwartungen nicht oder jedenfalls nicht wie ursprünglich erhofft in Erfüllung gingen, dann jedoch die keinen Zweifel mehr zulassende Aussage, „dass die derzeitige Phase nur ein Anfang von etwas Großem sein kann“. Dieser Satz ist kaum zu widerlegen – da es durchaus sein kann, dass wir oder nachfolgende Generationen sagen können, damals um das Jahr 2017 war die Startphase für eine neue Zeit. Die Erfahrung mahnt hier jedoch zu etwas mehr Zurückhaltung.

Keine Frage: Die Erfolge, die der Künstlichen Intelligenz in der letzten Zeit gelungen sind, können sich sehen lassen, was auf diesem Blog in Künstliche Intelligenz erobert asiatische Brettspiel Go thematisiert wurde. Zu Beginn des Jahres, so ist in dem erwähnten FAZ-Beitrag zu erfahren, gelang ein weiterer spektakulärer Erfolg, als eine Software mit dem Namen Libratus die vier besten Pokerspieler der Welt besiegte. Armbruster schreibt:

Das Programm konnte offenkundig unvollkommene oder irreführende Informationen wie Bluff sehr korrekt interpretieren – darin unterschied sich dieser Computer-Erfolg von den zuvor erzielten Leistungen in Schach und Go. In diesen beiden Spielen gibt es keine „versteckten Informationen“. „Wir erklärten Libratus nicht, wie man Poker spielt. Wir statteten es mit den Regeln aus und sagten dann: „Bring es dir selbst bei“, kommentierte Noam Brown, einer der beiden Erschaffer von „Libratus“.

Das größte Problem der Künstlichen Intelligenz besteht derzeit darin, das Wissen aus einem Bereich auf einen anderen zu übertragen, wie dem Podcast Künstliche Intelligenz in all ihren Spielarten zu entnehmen ist:

Bei rund 90 Prozent der derzeitigen Lösungen der Künstlichen Intelligenz kann nur von Narrow Artificial Intelligence gesprochen werden, d.h. das Programm ist nur für ein bestimmtes Problem, eine bestimmte Domäne geeignet, worin es besser ist als der Mensch, wie im Schach. Wenn ein AI-Milestone, wie im Go, umfällt, dann so, dass die Menschen sich nicht mehr bewerben müssen, d.h. das Thema wird von der KI bestmöglich abgedeckt. Was diesen Anwendungen jedoch fehlt, ist das Transferwissen, d.h. die Fähigkeit, etwas komplett Neues zu lernen.

Die Frage ist nun, ob Libratus als neuer Meilenstein in dem Sinne gelten kann, dass hier etwas völlig Neues gelernt wurde, da ja die Regeln vorgegeben waren.

Yuan LeCun, der KI-Forschungschef von Facebook, erläutert in einem Interview mit der FAZ in der bereits genannten Ausgabe, warum er der Ansicht ist, dass diesmal alles anders ist:

Der Unterschied zu früheren Hochphasen der künstlichen Intelligenz besteht darin, dass es jetzt eine große Zahl sehr erfolgreicher Anwendungen gibt und ein sehr großes unternehmerisches Geschäft rund um Deep Learning und künstliche Intelligenz. Während der derzeitige Hype, der dieses umfängt, sicher kleiner werden wird, glaube ich daher nicht, dass wir abermals einen „AI-Winter“ erleben werden in der Art, wie wir das in der Vergangenheit taten.

Das klingt plausibel.

Dennoch: Ein Blick in die Vergangenheit, in die Anfänge der Künstlichen Intelligenz, kann einem „irrationalen Überschwang“ entgegenwirken. Im Jahr 1948 berichtete der britische Herald enthusiastisch über eine Maschine, die der Psychiater Ross Ashby über Jahre entwickelt hatte:

Am 13. Dezember 1948 brachte der Herald eine Titelgeschichte mit der Überschrift  The Clicking Brain Is Cleverer Than Man’s. Der Erfinder der Maschine, berichtete die Zeitung, sei zuversichtlich, dass die Maschine eines Tages zu einem künstlichen Gehirn weiterentwickelt werde, „das leistungsfähiger als jeder menschlicher Intellekt“ und dazu in der Lage sei, die schwierigsten politischen und ökonomischen Probleme der Welt in Angriff zu nehmen. (in: maschinendämmerung. ein kurze geschichte der kybernetik, von thomas rid)

Gemessen daran, sind die Ambitionen der heutigen KI-Forscher geradezu bescheiden 😉

Weitere Informationen:

Salesforce’s chief scientist says AI winters are over

Noam Chomsky on Where Artificial Intelligence Went Wrong

AI is still several breakthroughs away from reality

John Brockmans Buch über Denkmaschinen: Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?

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Jacques Derrida on American Attitude

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Heisenbergs Unbestimmtheitsprinzip

Es besagt im Grunde folgendes: Je genauer man versucht, etwas zu messen, desto stärker mischt man sich in das ein, was man gerade misst. Es wäre denkbar, dass sich diese Unbestimmtheit eliminieren ließe, indem man theoretische Vorgaben für die Kollision macht, doch dabei übersieht man, dass der Zusammenstoß den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unterliegt. Der Stoß eines Elektrons mit einem Photon ist nicht mit dem klassischen Stoß zwischen zwei Billardbällen zu vergleichen, den man präzise voraussagen kann, wenn man beide Geschwindigkeiten und Bahnen genau kennt. Beide, Photon und Elektron, werden durch Wellen beschrieben, die eine gewisse räumliche Ausdehnung haben, und wenn diese beiden Wellen in Wechselwirkung treten, kann man nur die Wahrscheinlichkeit für das eine oder andere Ergebnis berechnen. Heisenbergs Unbestimmtheitsprinzip beschränkt keineswegs die Möglichkeit des Wissenschaftlers, die exakte Position des Elektrons herauszufinden; mit Photonen von sehr hoher Energie lässt sie sich so genau wie gewünscht bestimmen. Doch je höher die Energie des eingesetzten Photons ist, desto unsicherer wird das Ergebnis der Kollision. Nachdem das Elektron von einem hochenergetischen Photon getroffen worden ist, kann es mit fast gleicher Wahrscheinlichkeit mit beliebiger Geschwindigkeit in alle möglichen Richtungen davonschießen – das Wissen um die Position des Elektrons wurde auf Kosten des Wissens um seine Geschwindigkeit gewonnen.

Das Unbestimmtheitsprinzip besagt im Grunde, dass man das Wissen um eine Eigenschaft mit dem Nichtwissen um eine andere Eigenschaft bezahlt. 

Quelle: Das Ende der Physik. Vom Mythos der Großen Vereinheitlichten Theorie, von David Lindley

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Die Menschen geben sich in Miete (Montaigne)

Die Menschen geben sich in Miete. Ihre Kräfte gehören nicht mehr ihnen, sondern denen, zu deren Sklaven sich sich machen: Nun sind ihre Vermieter bei ihnen zu Hause, nicht sie. Diese allgemeine Bereitschaft zur Selbstaufgabe mißfällt mir. Wir sollten mit der Freiheit unsrer Seele achtsam umgehen und sie bloß in berechtigten Fällen verpfänden; von solchen aber gibt es, recht betrachtet, äußerst wenige.

Seht doch nur, wie die Leute darauf abgerichtet sind, sich vereinnahmen und mitreißen zu lassen! Das geschieht überall, in kleinen Dingen wie in großen; ob es sie selbst betrifft oder nicht, unterschiedslos springen sie ein, wo immer eine Arbeit oder Aufgabe zu erledigen ist – fehlt ihnen diese hektische Betriebsamkeit, sind sie ohne Leben. Sie beschäftigen sich um der Beschäftigung willen, dies aber weniger, als sie nicht stehenbleiben können: wie ein im Fallen befindlicher Stein etwa, der auch auch nicht vorm Aufschlagen einhält.

Für bestimmte Leute ist Geschäftigkeit das Kennzeichen von Kompetenz und Geltung. Ihr Geist sucht seine Ruhe im ständigen Hin und Her – wie Säuglinge die ihre im Schaukeln der Wiege. Sie können von sich sagen, ihren Freunden gleichermaßen dienlich wie sich selber undienlich zu sein. Sein Geld verschleudert niemand an andre, jeder aber seine Zeit und sein Leben. Mit nichts geht man so freigiebig um wie mit diesen – den einzigen Dingen, mit denen zu geizen lobenswert und uns nützlich wäre. 

Quelle: Essais

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Vom Einfluss der Religion auf die Wirtschaft

Von Ralf Keuper

Obwohl der Einfluss der Religion auf Wirtschaft und Gesellschaft in Europa heutzutage nicht mehr so spürbar ist wie im Mittelalter, handelt es sich doch immer noch um ein Thema, das in Wissenschaft und Medien die Gemüter bewegt. Fast ausnahmslos entzünden sich die Diskussionen an dem epochalen Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus von Max Weber, worin er einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg des Kapitalismus und der Verbreitung des protestantischen Glaubens herstellte. In erster Linie zielte Weber jedoch auf den Calvinismus und Pietismus als Varianten des Protestantismus.

Seit ihrer Veröffentlichung ist die Webersche These heftig kritisiert und häufig auch missverstanden bzw. überinterpretiert worden. Bis heute stehen sich die verschiedenen Positionen gegenüber. Während Heinz Steinert in seinem Buch Max Webers unwiderlegbare Fehlkonstruktionen. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus keinen direkten Zusammenhang zwischen Protestantismus und Kapitalismus erkennen kann, ist der amerikanische Wirtschaftshistoriker David Landes in seinem Buch Wohlstand und Armut der Nationen der gegenteiligen Auffassung.

Der große französische Historiker Fernand Braudel brachte seine Ablehnung gegenüber der Weberschen These in seinem Buch Die Dynamik des Kapitalismus so zum Ausdruck:

Für Max Weber war der Kapitalismus im modernen Sinne des Wortes nicht mehr und nicht weniger als ein Werk des Protestantismus oder, genauer gesagt, des Puritanismus. Alle Historiker lehnen diese These heute ab, obwohl es ihnen nicht gelungen ist sie ein für allemal zu entkräften. Und dennoch ist sie ganz offensichtlich falsch. Denn die nordeuropäischen Länder haben lediglich die Rolle übernommen, die vorher lange Zeit und auf sehr brillante Weise von den alten kapitalistischen Zentren des Mittelmeeres ausgeübt wurde. Sie haben nichts erfunden, weder im Bereich der Technik noch in der Ausführung von Geschäften. Amsterdam ahme ebenso Venedig nach wie später dann London Amsterdam oder noch später New York London nachahmte. Worum es jeweils ging, war eine Verschiebung des Schwerpunktes der Weltwirtschaft – und zwar aus >ökonomischen< Gründen, die nichts mit dem geheimen Wesen des Kapitalismus zu tun haben. .. Der Irrtum Max Webers scheint mir letztlich und hauptsächlich darin zu liegen, dass er zunächst die Rolle des Kapitalismus als treibende Kraft der modernen Welt überschätzte. Aber darin liegt nicht das eigentliche Problem. Denn das wirkliche Schicksal des Kapitalismus wurde durch dessen Konfrontation mit den sozialen Hierarchien entschieden.

In dem Kapitel Das katholische Europa (Mittelalter) aus seinem Buch Geschichte der Volkswirtschaftslehre resümiert Edgar Salin:

Von einer grundsätzlichen Wirtschaftsfeindlichkeit oder auch nur von einer tatsächlichen Wirtschaftsfeindlichkeit der Scholastik zu sprechen, ist also um nichts richtiger, als wenn die gleiche Behauptung gegenüber den antiken Philosophen aufgestellt wird. Feind ist die Scholastik als Hüterin der christlichen Tradition nur dem Erwerben um des Erwerbens willen … Bußprediger mochten die ganze Wirtschaftswelt als Machwerk des Teufels verdammen, – auch die reichen Handelsherren von Florenz waren bereit, zu Zeiten diese Stimmen anzuhören; solange aber nicht eine allgemeine kirchliche Verfemung der neuen Wirtschaft stattfand, wäre jeder der Lächerlichkeit verfallen, der Regeln verkündet und Anweisungen aufgestellt hätte, die widersinnig und praktisch undurchführbar waren.

Lange vor Max Weber untersuchte der Staats- und Völkerrechtler Johann Adam von Ickstatt (1702-1776) den Zusammenhang zwischen religiösen Institutionen, der allgemeinen Staatsverfassung und dem Gewerbefleiss der Bewohner, um dadurch die These zu beweisen, „dass es auch nur die Religion ist, welche den großen Unterschied des Wohlstandes verursacht“

Alfred Heggen, aus dessen Buch Staat und Wirtschaft im Fürstentum Paderborn im 18. Jahrhundert dieses Zitat stammt, überprüfte die Gültigkeit dieser Aussage zusammen mit der Weberschen These der protestantischen Ethik am Beispiel einer katholischen Region par excellence, wobei er zu folgender Schlussfolgerung gelangt:

Max Webers Protestantismus-Kapitalismus-These – sozusagen der Vorwurf dieser Arbeit – war Gegenstand einer Prüfung unter einem besonderen Aspekt: Es sollte analysiert werden, inwiefern der Zusammenhang von Religion und Wirtschaftstätigkeit sich auch in einem geistlichen katholischen Territorium nachweisen ließe. .. Es hat sich herausgestellt bei der Gegenüberstellung zwischen der preußischen Wirtschaftspolitik und den wirtschaftlichen Verhältnissen und der staatlichen Wirtschaftspolitik im Fürstentum Paderborn im 18. Jhd., dass Max Webers Protestantismus-Kapitalismus-These um einen Aspekt erweitert werden muss: der Zusammenhang von Religionszugehörigkeit und Wirtschaftstätigkeit erscheint als historischen Problem eher erfassbar, wenn der Komplex der staatlichen Eingriffe, der staatlichen Gewerbeförderung mitberücksichtigt wird.

Das eigentliche Dilemma katholischer Wirtschaftens im 18. Jahrhundert stellt sich für Heggen so dar:

… die katholische Wirtschaftslehre fußte auch noch in dem behandelten Zeitraum auf den scholastischen Gedanken der „natürlichen“ Wirtschaft. Deren Grundlage bildete die Natural- und Tauschwirtschaft, und jede gewerbliche Unternehmung war mehr oder minder mit dem der katholischen Wirtschaftsethik widersprechenden Odium der Erwerbswirtschaft, der „unnatürlichen“ Chrematistik behaftet. Darin mag ein Grund gesehen werden, warum sich die staatliche Administration gewerblicher Aktivitäten enthielt. Auf der anderen Seite wollte man natürlich nicht die damit verbundenen Einnahmen für die landesherrliche Kasse nicht missen. Und hier lag die wirtschaftspolitische Kurzsichtigkeit, im unüberlegten Fiskalismus von Landesherr und staatlicher Administration: man bedachte nicht, dass eine Gewerbeförderung mit gezielten Investitionen auf lange Sicht eine stärkere Erhöhung der Staatseinnahmen bedeuten würde.

Das Beispiel Paderborn ist auch deshalb so bezeichnend, da Max Weber einen wesentlichen Teil seiner Inspiration für die Protestantische Ethik aus den nur 30 Kilometer Luftlinie entfernten Nachbarorten Bielefeld und Oerlinghausen bezog.

Insgesamt ergibt sich also ein differenzierteres Bild, wenngleich Webers These damit m.E. nicht vollständig widerlegt ist und weitere Forschungen lohnt. Vor allem was seine Beziehung zum Katholizismus betrifft, die inniger ist, als bisher in der Öffentlichkeit bekannt war, wie Peter Hersche in seinem Vortrag Der Romaufenthalt (1901–1903) und Max Webers Verhältnis zum Katholizismus herausgearbeitet hat. Von Peter Hersche stammt auch Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter, das ebenfalls ein differenzierteres Bild liefert.

Aktuelle Veröffentlichungen zu dem Thema stammen von Christoph Basten und Frank Betz, die sich in ihrer Untersuchung auf die Westschweiz beschränken.

Neben diesen seriösen, wissenschaftlichen Arbeiten tauchen immer wieder Stimmen auf, die glauben einen Zusammenhang zwischen der Staatsschuldenkrise in den Ländern der „südlichen Peripherie“ und ihrem mehrheitlich katholischen Glauben herstellen zu müssen. Ganz abgesehen von dem schwachen wissenschaftlichen Grund, kann dem entgegengehalten werden, dass ausgerechnet die Paradebeispiele der protestantischen Ethik, die USA und Großbritannien, von ganz ähnlichen Problemen geplagt werden.

In Deutschland könnte man das Beispiel Bayern anführen, das gerne den protestantischen Norden, insbesondere Berlin, darauf aufmerksam macht, inzwischen den Löwenanteil im Länderfinanzausgleich aufzubringen.

Damit dürfte die Geschichte aber noch nicht zu Ende sein …

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Rentner löst eines der größten Mathe-Rätsel am Wissenschaftsbetrieb vorbei

Von Ralf Keuper

Ein Rentner aus dem Taunus hat – einem genialen Einfall folgend – eines der größten Rätsel der Mathematik gelöst, und das quasi am Wissenschaftsbetrieb vorbei.

In den Medien wurde darüber ausgiebig berichtet:

Der „Wunderopa“ heisst mit Namen Thomas Royen. Ihm gelang der Beweis für die Gaußsche Korrelationsungleichung. Auf Wikipedia steht dazu:

Im Sommer 2014 gelang Royen – damals bereits seit vier Jahren im Ruhestand – mit Hilfe der Laplace-Transformation für multivariate Gamma-Verteilungen der Beweis der erstmals 1955 formulierten Gaußschen Korrelationsungleichung (engl.Gaussian correlation inequality, kurz GCI).[3] Er veröffentlichte seinen Beweis auf der Wissenschaftsplattform arXiv[4] und in einer wenig reputablenindischen Fachzeitschrift für Statistik,[5] weswegen der Beitrag zunächst kaum wahrgenommen wurde. Erst als Ende 2015 zwei polnische Mathematiker Royens Arbeit auf arXiv neu präsentierten,[6] erhielt er die Anerkennung seines Fachs.[7] Internationale Medien wurden 2017 durch einen Artikel im Wissenschaftsmagazin Quanta auf ihn aufmerksam.[8]

Grund für die späte Anerkennung seiner Entdeckung durch die Fachwelt war, wie es in dem Wikipedia-Eintrag zur Sprache kommt, dass Royen seinen Beweis nicht in einer der unter Wissenschaftlern respektieren Zeitschriften veröffentlichte.

Royen unternahm den Versuch, seinen Artikel in einer der angesehenen Wissenschaftszeitschrift zu publizieren – dem Journal of Multivariate Analysis. In dem Beitrag/Porträt Der Beweis in der FAZ vom 7.04.2017 schreibt Sibylle Anderl:

Dem Herausgeber gefiel aber laut Royen der Stil des Artikels nicht, er wurde nicht einmal zur Begutachtung weitergeleitet. Royen berichtet, dass ein französischer Kollege ihm daraufhin sagte: „Thomas, du hast noch die alte Art. Du veranstaltest nicht genug Wirbel“.

Da hätte Royen einiges von den Hirnforschern lernen können 😉

Allerdings hatte die Tatsache, dass Royen kein Teil des Establishments bzw. des Denkkollektivs war, auch seine Vorteile.

Dass Royen sich eher am Rande der Mathematiker-Community bewegt, war womöglich sogar von Vorteil. So konnte er das Problem der Gaußschen Korrelationsungleichung unbekümmert angehen. Die Fallstricke der Ungleichung, die andere Mathematiker in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zur Verzweiflung gebracht hatten, waren ihm gar nicht so bewusst (Quelle: Der Wunderopa der Mathematik)

Öfter, als man glaubt, kommen die besten Ideen aus der „Schöpferischen Peripherie“ (Egon Friedell)

Laut Royen ist der Beweis relativ einfach zu verstehen:

Das Verblüffende an seinem Beweis ist, dass er klassische Methoden nutzt, die im Grunde jeder Mathematikstudent verstehen kann. Der Beweis ist nur wenige Seiten lang. „Ein Student braucht vielleicht eine Stunde, um ihn nachzuvollziehen“, meint Royen. Statistiker könnten die Ungleichung beispielsweise nutzen, um Korridore einzugrenzen, in denen sich Preise von Aktien bewegen, erklärt der Mathematiker Richards (ebd.).

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