Consciousness & the Brain: John Searle at TEDxCERN

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Karl Jaspers – Kleine Schule des philosophischen Denkens

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Die Logik des Lebenden (Francois Jacob)

Die biologische Vererbung wird heute mit den Begriffen Information, Botschaft und Code umschrieben. Die Reproduktion eines Organismus wird auf die der ihn aufbauenden Moleküle zurückgeführt. Das bedeutet aber nicht, dass jede chemische Verbindung die Fähigkeit besitzt, getreue Kopien ihrer selbst zu bilden, sondern dass die Struktur der Makromoleküle bis ins Detail durch die Sequenzen von vier chemischen, in der Erbsubstanz enthaltenen Radikalen festgelegt ist. Von Generation zu Generation weitergegeben werden die “Vorschriften”, welche die molekularen Strukturen bestimmen, die Baupläne des zukünftigen Organismus sowie auch die Mittel, vermöge derer diese Pläne ausgeführt und die verschiedenen Aktivitäten des Systems aufeinander abgestimmt werden. Jedes Ei enthält in den von den Eltern erhaltenen Chromosomen seine ganze Zukunft, die Etappen seiner Entwicklung, die Form und die Eigenschaften des Wesens, das aus ihm hervorgehen wird. So wird im Organismus ein von der Vererbung vorgeschriebenes Programm verwirklicht. An die Stelle der Absicht einer anima tritt von nun an die Überzeugung einer Botschaft. Das Lebewesen stellt wohl die Ausführung eines Entwurfs dar, doch wurde dieser nicht von der Weltvernunft geschaffen. Es strebt nach einem Ziel, doch wurde dieses von keinem Willen bestimmt. Dieses Ziel besteht darin, für die folgende Generation ein völlig gleiches Programm vorzubereiten; und das heisst sich zu reproduzieren. …

In allen Fällen wirkt die Reproduktion als Hauptprogrammierer der lebenden Welt. Einerseits setzt sie jedem Organismus ein Ziel, andererseits gibt sie der Geschichte der Organismen, ohne dass diese ein Ziel hätte, eine Richtung. Lange verhielt sich der Biologe zur Teleologie wie zu einer Frau, auf die er nicht verzichten kann, aber in deren Gesellschaft er nicht öffentlich gesehen werden möchte. Dieser heimlichen Liasion gibt jetzt die Vorstellung des Programms ein legales Status.

Quelle: Die Logik des Lebenden. Eine Geschichte der Vererbung

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Die Erfindung des Lasers

Weitere Informationen:

The Nobel prize-winning inventor of the laser dies at 99

Das leuchtende Zeitalter beginnt

Zum Tod von Charles Townes: Ein Leben für die Wissenschaft

Die Intuition des Charles H. Townes

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SPD: Eher ab- als vorwärts

Von Ralf Keuper

Mit dem Zustand der SPD beschäftigen sich momentan ganz Heerscharen von Journalisten und Politikwissenschaftler. Aus der Vielzahl der Veröffentlichungen ragt für mich der Beitrag Vorwärts und nicht vergessen des Politikwissenschaftlers Franz Walter in der FAZ vom 2.01.18 heraus.

Auszüge aus seine Diagnose:

1998 waren die Sozialdemokraten mit der Parole angetreten, die “Gerechtigkeitslücke” zu schließen. Nach sechs Jahren sozialdemokratischer Regierungsführung haben nahezu drei Viertel der Bevölkerung kund, dass die “Gerechtigkeiteslücke” während der Schröder-Fischer-Jahre nicht kleiner geworden, sondern weiter gewachsen sei. …

Diejenigen, die mit den geringsten Ressourcen ausgestattet sind, können am wenigsten intakter Vertrauensverhältnisse entbehren. Wird ihr Vertrauen missbraucht, stehen sie gänzlich entkleidet da. Sie besitzen keine oder nur wenige materielle und psychische Reserven, um den Verlust noch auszugleichen. Daher war die Verbitterung über die SPD bei ihnen am größten.

Die alte Sozialdemokratie hat das aus eigener biografischer Betroffenheit ihrer Akteure gewusst und nach diesem Erfahrungsmaßstab politisch gehandelt. Die seit den 1990er Jahren dominierenden Sozialdemokraten feierten stattdessen in der rot-grünen Regierungszeit die Entsicherung und Entgrenzung schutzversprechender Strukturen als befreiende Modernität, die den Wohlstand der Nationen mehren werde. …

Einst hatten Sozialdemokraten, wenngleich zweifelsohne dem Fortschritt programmatisch zugetan, noch über die lebensgeschichtlich gesättigte Erfahrung verfügt, dass Progessivität auch Substanz und Ligaturen vertilgt. Sie wussten auch, dass Fortschritt den einen Vorzüge bringt, den anderen aber Nachteile beschert. Warum also sollten nun diejenigen, die mit der Optionsvirtuosität des oberen Drittels nicht überreich gesegnet waren, Freude oder Begeisterung empfinden? Weshalb sollten sie Schutz und Sicherheit als gering erachten, ihren Bedarf an haltgebenden Organisationen und Institutionen gar als verächtlich, als vorgestrig denunziert sehen wollen? …

Die Sozialdemokratie wird eine von mehreren Parteien irgendwo in der weit gestreuten Mitte der Republik sein, nunmher ohne Ethos und die historische Aura von ehedem, aber eine Interessenpartei gemäßigt sozial, moderat kosmopolitisch, gebremst ökologisch, behutsam partizipatorisch eingestellter Bürger. Eine besondere historische Mission kann sie nicht mehr reklamieren. Um nicht vollends zu trivialisieren, muss sie mehr denn je strahlungskräftige Ideen hervorbringen. Vielleicht zum Trost: Dergleichen gelingt mitunter in kleineren Formationen besser als in Großorganisationen.

Weitere Informationen:

Vorwärts oder abwärts? – Zur Transformation der Sozialdemokratie

Einige Anmerkungen zur SPD

Franz Walter im Interview“Die SPD wird nie wieder Volkspartei”

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Die Geschichte der Monumenta Germaniae Historica

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Kierkegaard – Gefährliche Gedanken

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Im Datenrausch

Von Ralf Keuper

Der Glaube, mit der Erschließung großer Datenmengen könnten viele bislang noch ungelöste Probleme in der Gesellschaft und Wissenschaft gelöst werden, ist seit dem Aufkommen Big Data weit verbreitet. Prominentes Beispiel für diese Denkhaltung, die man durchaus als Datentotalitarismus bezeichnen kann,  ist der Beitrag The end of theory von Chris Anderson.

At the petabyte scale, information is not a matter of simple three- and four-dimensional taxonomy and order but of dimensionally agnostic statistics. It calls for an entirely different approach, one that requires us to lose the tether of data as something that can be visualized in its totality. It forces us to view data mathematically first and establish a context for it later. For instance, Google conquered the advertising world with nothing more than applied mathematics. It didn’t pretend to know anything about the culture and conventions of advertising — it just assumed that better data, with better analytical tools, would win the day. And Google was right.

Die Prinzipien der empirischen Wissenschaft, bestehend aus der Formulierung der Thesen und der Überprüfung ihrer Vorhersagen in der Praxis, seien obsolet:

But faced with massive data, this approach to science — hypothesize, model, test — is becoming obsolete. Consider physics: Newtonian models were crude approximations of the truth (wrong at the atomic level, but still useful). A hundred years ago, statistically based quantum mechanics offered a better picture — but quantum mechanics is yet another model, and as such it, too, is flawed, no doubt a caricature of a more complex underlying reality. The reason physics has drifted into theoretical speculation about n-dimensional grand unified models over the past few decades (the “beautiful story” phase of a discipline starved of data) is that we don’t know how to run the experiments that would falsify the hypotheses — the energies are too high, the accelerators too expensive, and so on.

In dem aktuellen Beitrag Die Medizin im Datenrausch in der FAZ vom 2.01.2018 kritisiert Gerd Antes diese Datengläubigkeit bzw. diesen Datenpositivismus. Er schreibt:

Das .. von Big Data entwickelte Modell ist schnell beschrieben: Die enormen technischen Möglichkeiten in der Datenwelt machen die mühsame Suche nach nützlichen Effekten überflüssig. Wir haben die Ära der Kausalität verlassen und befinden uns bereits mitten im Zeitalter der Korrelation. Das alte Paradigma, dass Theorie und Daten zur Generierung von Hypothesen führen, die wiederum empirisch durch Studien bestätigt werden müssen, gilt nicht mehr. Korrelationen führen aufgrund beliebig erweiterbarer Datenmengen nicht mehr zu Hypothesen, sondern zu bestätigtem Wissen.

Die fundamentalen Defizite von Big Data treten besonders deutlich beim Umgang mit Fehlern hervor.

Der Umgang mit Fehlern hat zentrale Bedeutung für die wissenschaftliche Bedeutung von medizinischer Forschung und Diagnostik, Therapie und Prognose. Die Unvermeidbarkeit von Fehlern erfordert einen sauberen statistischen Umgang mit Daten, um zu validen Aussagen zu gelangen, die jedoch nie über den Status von Wahrscheinlichkeitsaussagen hinauskommen können. Dass damit untrennbar ein gewisses Maß an Unsicherheit verbunden ist, missfällt Ärzten, Patienten und Politikern, ist jedoch unvermeidlich. Höchste Anforderungen an Qualität in allen Phasen der Erkenntnisgewinnung sind Voraussetzung für einen möglichst fehlerfreien Kausalitätsnachweis. Diese Anforderungen, die heute Standard im Wissenschaftsprozess sind, spielen für Big Data-Verfahren jedoch an keiner Stelle eine Rolle. Durch das Wegdefinieren der Kausalität scheinen auch alle damit verbundenen Anforderungen überflüssig.

Eine Diskussion über die Chancen und Risiken von Big Data ist überfällig:

Die Schadens-Risiko-Diskussion ist beschränkt auf die Benutzung von Daten und damit auf die ethische und rechtliche Seite. Eine ernsthafte Diskussion über das Risiko von Big Data ist überfällig, denn die zentrale Begründung für die Versprechungen durch Big Data ist falsch: Mehr Daten bedeuten nicht automatisch mehr Wissen. Im Gegenteil, dieser Tatbestand bedeutet, dass selbst die Hinzunahme weiterer korrekter Daten die Erkenntnissituation verschlechtern kann. Damit ist die Konstruktion, den Wissenszuwachs und damit die Handlungsgrundlage auf wachsende Datenmengen zu gründen, mehr als fragil. Wenn mit zunehmender Datenmenge das störende Rauschen zunimmt, sind echte Effekte weniger leicht zu finden, also der Anteil der falsch identifizierten, also unechten Effekte nimmt zu. Diese Falsch-Positiven sind eines der zentralen Probleme der empirischen Forschung und können durch den Big Data – Ansatz über die Korrelationen zu völler Blüte gelangen.

In seinen diversen Veröffentlichungen, u.a. in Simple Heurisitcs That Make Us Smart, vertritt Gerd Gigerenzer eine ähnliche Position wie Antes.

Ein weiterer Kritiker von Big Data ist Stephen Few, der im Februar sein neues Buch Big Data, Big Dupe veröffentlichen wird.

Big Data, Big Dupe is a little book about a big bunch of nonsense. The story of David and Goliath inspires us to hope that something little, when armed with truth, can topple something big that is a lie. This is the author’s hope. While others have written about the dangers of Big Data, Stephen Few reveals the deceit that belies its illusory nature. If “data is the new oil,” Big Data is the new snake oil. It isn’t real. It’s a marketing campaign that has distracted us for years from the real and important work of deriving value from data.

Update 14.01.17:

In seiner Replik Medizin im Datenrausch? in der FAZ vom 9.01.17 weist Philip Grätzel von Grätz auf die Vorteile von Big Data in der medizinischen Forschung hin. Big Data könne das Erfahrungswissen der Ärzte sinnvoll ergänzen:

Big Data kann hier helfen, indem dem tradierten Erkenntnisprozess eine Dimension hinzugefügt wird – die Möglichkeit des Vergleichs von Krankheitsverläufen unterschiedlicher Patienten anhand realer Versorgungsdaten. .. Mindestens genauso relevant ist, dass Big Data in Verbindung mit Maschinenlernen empirisches Spezialistenwissen breiter verfügbar machen kann.

Über das Korrelations-Bingo:

Während “Big Data als Methode” die traditionelle hyptohesengetriebene medizinische Forschung unterstützt beziehungsweise unter modernen Bedingungen überhaupt erst sinnvoll ermöglicht, nimmt “Big Data als Erkenntnisprinzip” bei der Generierung von Wissen quasi eine Abkürzung und korreliert unterschiedlichste Phänomene miteinander in der Hoffnung, Kausalitäten zu identifzieren und damit Ansatzpunkte für neue Therapien zu finden.

Von Grätzel geht auch auf das Thema Datenschutz bzw. Datensouveränität ein:

Die Frage lautet, wie es jedem Einzelnen ermöglicht werden kann, Entscheidungen über die Verwendung der eigenen medizinischen Daten überhaupt erst praktisch zu treffen, in einer Zeit, in der Forschung wesentlich auf langfristig digital dokumentierten Krankheitsverläufe und Biomaterialsammlungen angewiesen ist.

Wie heikel das Thema ist, zeigt die Behandlung sensibler Daten im Bereich neuro-psychiatrischer Krankheiten, wie in Neurowissenschaftler wollen umfassenden Daten-Schutz für Infos aus dem Hirn berichtet wird:

Das internationale Forscherteam hat Vorschläge dazu unterbreitet, welche Themenkomplexe in der Diskussion über Hirn-Computer-Schnittstellen und Künstliche Intelligenz ihrer Ansicht nach unbedingt berücksichtigt werden müssen (Nature 2017; 551: 159–163). Einziger Forscher in dieser Gruppe aus Deutschland ist der Neurologe Dr. Philipp Kellmeyer vom Medizinischen Zentrum der Uni Freiburg. “Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte, wie Hirndaten genutzt werden dürfen, bevor die Konzerne Fakten schaffen”, wird er in einer Mitteilung der Universität zitiert. Es geht in diesem Aufruf nicht nur um Datenschutz bei der Anwendung solcher Schnittstellen, also um ein Verbot des Handels solcher Daten, sondern etwa auch um das Thema Verantwortung und Identität.

Dass große Datenmengen nicht zwangsläufig zu einer Zunahme des Erkenntnisvermögens  führen und Algorithmen keineswegs unfehlbar sind, zeigen u.a. die Defizite bildgebender Verfahren in der Hirnforschung (Vgl. dazu: Die Defizite bildgebender Verfahren am Beispiel der Hirnforschung)

Weitere Informationen:

Machen Daten uns frei?

Big Data im Risikomanagement nur von begrenztem Nutzen

Aberglaube: Von der Korrelation zur Kausalität

Von Störchen und Babys: die partielle Korrelation

Understanding Causality and Big Data: Complexities, Challenges, and Tradeoffs

KI-Forschung: Die Privatisierung der Intelligenz – Kolumne

Medizin im Datenrausch

Die Medizin am Tropf der Industrie

Medizin im Rausch der Daten

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“Echte” Quantensprünge

Für die Quantensprünge gilt auf jeden Fall: Wenn Wirtschaftsbosse und andere Führungskräfte unserer Gesellschaft davon reden, dann weisen sie neben ihrer Flexibilität auch nach, dass sie nicht ahnen, was mit dem Konzept ursprünglich gemeint war und was sein Verständnis zwar schwierig, aber zugleich auch lohnenswert machte (und macht). Wenn Manager oder andere Macher von Quantensprüngen in der Entwicklung reden, dann meinen sie einen plötzlich eintretenden riesenhaften Sprung nach vorne bzw. nach oben, an dessen Ende das von ihnen geleitete Unternehmen mit großartigen Umsatzsteigerungen prunken kann. …

Übergänge gehen in der Quantenwelt völlig anders vonstatten als in der Geschäftswelt .. . Quantensprünge taugen also nur bedingt (wenn überhaupt) als Vorbild für ein erträumtes Wirtschaftswachstum, .. . Quantensprünge gehen nämlich zum einen meist nach unten in einen Grundzustand, in dem dann alles faul herumliegt und nichts weiter passiert, und sie stellen zum anderen die kleinste Änderung dar, die in der Natur möglich ist. Nur wenn nichts passiert, passiert weniger, und man könnte sich fragen, wie der Quantensprung unter diesen Vorgaben seine Karriere bis in die höchsten Etagen der Wirtschaft machen konnte.

Quelle: Ernst Peter Fischer: Schrödingers Katze auf dem Mandelbrotbaum – Durch die Hintertür zur Wissenschaft

 

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Weltmacht USA – Ein Nachruf (Emmanuel Todd)

Von Ralf Keuper

Als Emmanuel Todd sein Buch Weltmacht USA – Ein Nachruf veröffentlichte, waren die USA noch die unangefochtene Weltmacht. Die Meinungen über die Gültigkeit der darin formulierten Hauptthese, wonach die USA ihre Kräfte überdehnen und über kurz oder lang das Schicksal anderer Weltreiche teilen werden, wie das des Römischen Reiches oder des britischen Empire, gehen bis heute auseinander. Nach Todd haben weitere Autoren die nachlassende Bedeutung der USA als führende Nation der Welt thematisiert, wie Fareed Zakira in Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter.

Insofern handelt es sich um kein neues Phänomen. Es steht in keinem ursächlichen Zusammenhang mit dem Amtsantritt von Donald Trump. Davon unbenommen ist, ob sich diese Entwicklung unter Trump noch beschleunigen wird.

Daraus einige Passagen:

Wir haben keine Veranlassung, Amerika zu beneiden. Frankreich ist in dieser Hinsicht fast genau so weit fortgeschritten. Es sind seltsame “Demokratien”, diese politischen Systeme, in denen sich elitäres Denken und Populismus gegenüberstehen, in denen das allgemeine Wahlrecht gilt, aber die rechten und die linken Eliten gemeinsam jegliche Neuorientierung der Wirtschaftspolitik blockieren, die eine Verringerung der Ungleichheit bewirken würde. Es ist eine verrückte Welt, in der vor der Wahl Titanenkämpfe geführt werden und nach der Wahl alles beim alten bleibt. Das Einvernehmen innerhalb der Eliten, so etwas wie ein höheres Gesetz, verbietet, dass das bestehende politische System sich auflöst, selbst wenn der Ausgang der allgemeinen Wahlen auf eine Krise hindeutet.

Hauptthese:

Ich werde in dem vorliegenden Essay ein in seiner Form paradoxes Erklärungsmodell entwickeln, dessen Kern sich ganz kurz zusammenfassen lässt: In dem Augenblick, da die Welt die Demokratie entdeckt und feststellt, dass sie politisch auf Amerika verzichten kann, verliert Amerika nach und nach seine demokratischen Züge und stellt fest, dass es ökonomisch auf die Welt nicht verzichten kann.

Die Welt steht damit vor einer doppelten Umkehrung der Verhältnisse: Die wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern kehren sich um, und die Dynamik der demokratischen Entwicklung kehrt sich um, in Eurasien erleben wir einen Zuwachs von Demokratie, in Amerika einen Rückgang.

Vor dem Hintergrund dieser schwerwiegenden Veränderungen ist nachzuvollziehen, warum manche Handlungen Amerikas so unverständlich erscheinen. Den Vereinigten Staaten ist nicht mehr daran gelegen, die liberaldemokratische Ordnung zu verteidigen, denn in Amerika selbst verliert sie immer mehr von ihrer Substanz. Vorrangiges Anliegen ist nun die Versorgung mit verschiedenen Gütern und Kapital: Das fundamentale strategische Ziel der Vereinigten Staaten ist die weltweite politische Kontrolle über die Ressourcen des Planten.

Jedoch können die Vereinigten Staaten wegen ihres ökonomischen, militärischen und ideologischen Machtverlustes die Welt, die zu groß geworden ist, zu bevölkerungsreich, zu gebildet, zu demokratisch, nicht mehr so effektiv lenken wie in der Vergangenheit.  ..

Amerika muss zumindest symbolisch im Zentrum der Welt bleiben, und darum muss es seine Macht, .., demonstrieren. Wir werden Zeugen, wie ein theatralischer Militarismus entsteht, der drei wesentliche Merkmale aufweist:

  • Ein Problem wird nie endgültig gelöst, denn so kann die “einzige Supermacht”, die auf der Welt verblieben ist, beliebige militärische Aktionen rechtfertigen.
  • Man konzentriert sich auf Kleinstmächte – Irak, Iran, Nordkorea, Kuba usw. Der einige Weg, politisch im Zentrum der Welt zu bleiben, besteht darin, kleinen Akteuren “entgegenzutreten”. Das stärkt die Macht Amerikas und verhindert und verzögert zumindest bei den großen Mächten die Erkenntnis, dass sie aufgerufen sind, die Weltherrschaft mit den USA zu teilen: Das gilt mitttelfristig für Europa, Japan und Russland und längerfristig für China.
  • Es werden neue Waffen entwickelt, die den Vereinigten Staaten einen großen “Vorsprung” im Rüstungswettlauf geben, der niemals aufhören darf.

Diese Strategie macht aus Amerika ohne Zweifel ein neues und unerwartetes Hindernis für den Frieden in der Welt, aber sie hat noch keine bedrohlichen Ausmaße erreicht. Wieviele und welche Staaten ins Visier Amerikas geraten, hängt von seiner objektiven Macht ab, allenfalls ist Amerika in der Lage, den Irak, Iran, Nordkorea oder Kuba anzugreifen. Es gibt keinen Grund, die Nerven zu verlieren und sorgenvoll davon zu sprechen, dass ein amerikanisches Imperium im Entstehen begriffen sei, denn in Wahrheit befindet es sich ein Jahrzehnt nach dem Zerfall des sowjetischen Imperiums im Niedergang.

Eine solche Sicht auf die Kräfteverhältnisse weltweit führt natürlich zu einigen strategischen Folgerungen, nicht mit dem Ziel, die Gewinne dieses oder jenes Landes zu vergrößern, sondern mit dem Ziel, den Niedergang Amerikas im Interesse aller so gut wie möglich zu meistern.

Alles in allem: Auch gut fünfzehn Jahre nach seiner Erstveröffentlichung regt das Buch zum Nachdenken an.

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