Warum ist die Tatsache der Evolution nicht von den großen deutschen Denkern jener Zeit gemacht worden? (Konrad Lorenz)

Warum wohl ist die Tatsache der Evolution, deren Entdeckung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts doch offensichtlich “in der Luft lag”, nicht von den großen deutschen Denkern jener Zeit gemacht worden, warum vor allem hat sie nicht schon ein Jahrhundert früher Goethe erschaut, der größte aller Seher, der mit seinen Gedanken über die Urpflanze und über die Metamorphose, mit seiner Entdeckung des Zwischenkiefers drauf und dran scheint, den entscheidenden Schritt zu tun? Darwin und nicht Goethe ist mein Geistesheros, das wage ich selbst hier in Weimar laut zu sagen, aber ich müßte in dieser meiner Heldenverehrung schön überaus verblendet sein, um nicht zu sehen, wie fußgängerhaft der Weg Darwinscher Gedankenfolgen im Vergleiche zum Gedankenfluge Goethes wirkt. Aber weiter gekommen ist er dennoch auf einem Wege, auf dem der Olympier steckenblieb – und ich glaube zu wissen weshalb: weil Goethe den sogenannten Typus, diesen gefährlichen Abkömmling der platonischen Idee, für etwas Selbständiges, unabhängig von seiner Verkörperung in realen Einzeldingen Existentes gehalten hat. 

Quelle: Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen

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Eine Sprache kann ihre eigene Semantik nicht vollständig wiedergeben (Alfred Tarski)

Die Tatsache, dass die völlig korrekte Verwendung einfacher Umgangssprache zu einem offensichtlichen Widerspruch führt, zeigt, dass eine Sprache wie Deutsch oder Englisch ihre eigene Semantik nicht vollständig wiedergeben kann. Alfred Tarski zeigte schließlich, dass keine logisch konsistente Sprache in dieser Weise semantisch vollständig sein kann. Man kann sich also eine Hierarchie von Sprachen vorstellen, von denen jede widerspruchsfrei ist, keine aber reich genug, ihre gesamte Semantik zu enthalten. Vollständigkeit erfordert eine reichere übergreifende Sprache, die ihrerseits eine weitere braucht, in der sich ihre gesamte Semantik ausdrücken lässt, und so weiter ad infinitum. Diese übergreifenden Sprachen sind Metasprachen der Sprachen, die sie umfassen. …

Alfred Tarski führte Gödels Überlegungen etwas weiter, indem er zeigte, dass logische Systeme auch semantsich unvollständig sind. Er zeigte, dass der Begriff Wahrheit innerhalb eines widerspruchsfreien mathematischen Systems nicht definierbar ist, wobei der Begriff der Wahrheit der Gesamtheit aller wahren Sätze des Systems entspricht. Es gibt also Begriffe, die sich innerhalb des Rahmens einiger formaler Systeme nicht einfach definieren lassen. Das Ergebnis dieser Entdeckung ist, dass logische und mathematische Systeme, die sich genug sind, die Arithmetik zu umfassen, nicht nur in dem Sinn formal unvollständig sind, dass einige ihrer Wahrheiten unter Verwendung der Paraphernalia des Systems unbeweisbar sind; vielmehr sind sie auch semantisch unvollständig in dem Sinn, dass einige ihrer Begriffe sich unter Benutzung der Sprache und Begriffe des Systems nicht definieren lassen. Man kann sie immer definieren, wenn man ein größeres System verwendet, aber das geht nur auf Kosten der Erschaffung weiterer undefinierbarer Begriffe innerhalb des größeren Systems. Es gibt also kein formales System, in dem sich die Wahrheit aller mathematischen Aussagen entscheiden lässt oder in dem alle mathematischen Begriffe definiert werden können.

Quelle: Ein Himmel voller Zahlen. Auf den Spuren mathematischer Wahrheit

Semantische Theorie der Wahrheit

 

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Hannah Arendt – Denken und Leidenschaft (Portrait)

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Jede Intelligenz hat ihre natürliche Lebenskurve (Howard Gardner)

Visuell-räumliche Standardtests zeigen bei normalen Erwachsenen mit zunehmendem Alter einen so auffälligen Leistungsabfall, dass man schon vermutete, die rechte Hemisphäre altere schneller. Zugleich schneiden Personen mit hoch entwickelten räumlichen Fähigkeiten bis an ihr Lebensende sehr gut ab. Nach meiner Meinung hat jede Intelligenz ihre natürliche Lebenskurve; während sich das logisch-mathematische Denken bei allen Menschen als altersanfällig erweist und auch die körperlich-kinästhetische Intelligenz gefährdet erscheint, zeigen sich zumindest einige Aspekte des visuellen und räumlichen Wissens widerstandsfähig, besonders bei Personen, die sie ihr ganzes Leben hindurch genutzt haben. Es gibt einen Sinn für das Ganze; eine Sensibilität für die “Gestalt”, die für räumliche Intelligenz eine zentrale Rolle spielt und eine Art Ausgleich für die Verluste im Alter darstellt. Die nicht endende und vielleicht sogar verstärkte Fähigkeit, das Ganze wahrzunehmen; selbst dann noch Muster zu erkennen, wenn bestimmte Details oder Feinheiten verlorengingen. Möglicherweise beruht Weisheit unter anderem auf dieser Sensibilität unter anderem auf dieser Sensibilität für Muster, Formen und Ganzheiten.

Quelle: Abschied vom IQ. Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen

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Max Weber und sein Bruder Alfred: Konkurrenten in Wissenschaft und Liebe

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Akzeptiert ihr das Schlachthaus – oder lehnt ihr es ab?

Akzeptiert ihr das Schlachthaus oder lehnt ihr es ab? Haltet ihr die Intensivzucht von Schlachttieren, die Techniken ihrer Mästung, die Züchtung von Versuchstieren, die medizinischen Experimente am lebenden Tier, die Akkordschlachtungen, die ganze auf dem Leiden und der Vernichtung von Tieren aufgebaute blühende Wirtschaft für erlaubt, für göttlich legitimiert? Haltet ihr das Zusammenleben mit dem öffentlichen Schlachthof für tragbar, das gleichzeitige Nebeneinanderbestehen eurer Gebete mit diesem Ort überhaupt für möglich – mit diesem Ort, an dem Tag für Tag endlose Heerscharen von Tieren in Angst und Entsetzen getrieben, niedergeschlagen und gemetzelt werden?

Quelle: Akzeptiert ihr das Schlachthaus – oder lehnt ihr es ab? Bekenntnisse und Erinnerungen eines Eurovegetariers, Autor: Guido Ceronetti, in: Frankfurter Rundschau Weihnachten 1998, Nr. 299

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Tag- und Nachtwissenschaft (Francois Jacob)

Die Tagwissenschaft ist ein denkerischer Versuch, bei dem die Beweisschritte wie ein Räderwerk ineinandergreifen und die Erkenntnisse die Kraft der Gewissheit haben. Solche majestätische Lehrgebäude sind bewundernswert wie ein Bild Leonardos oder eine Fuge Bachs. Man ergeht sich darin wie in einem französischen Garten. Ihrer Vorgehensweise bewusst, stolz auf ihre Vergangenheit, der Zukunft sicher, schreitet die Tagwissenschaft ruhm- und glanzumwoben voran.

Die Nachtwissenschaft hingegen ist ein blindes Irren. Sie zögert, stolpert, stößt an, kommt ins Schwitzen, schreckt auf. An allem zweifelnd, sucht sie sich, befragt sich, setzt unaufhörlich neu an. Sie ist eine Art Werkstätte des Möglichen, in welcher der künftige Baustoff der Wissenschaft ausgearbeitet wird. In der die Hypothesen bloße Ahnungen, dunkle Vorgefühle bleiben. In der die Phänomene erst Einzelerscheinungen sind, unter sich durch nichts verbunden. In der die Entwürfe für Versuchsreihen noch nicht richtig gereift sind. In der das Denken verschlungene Wege geht, windungsreiche Sträßchen, die sich meist als Sackgassen herausstellen. Dem Zufall ausgeliefert, irrt das Denken durch ein Labyrinth, in einer Flut von Hinweisen, auf der Suche nach einem Zeichen, einem Wink, einem unerwarteten Begegnis. Es kreist wie ein Gefangener in einer Zelle, sucht einen Ausgang, einen Lichtschein. Ohne je zum Einhalt zu kommen, schöpft es Hoffnung und wird wieder enttäuscht, gerät von äußerster Erregung erneut in tiefe Melancholie. Nichts lässt darauf schließen, dass die Nachtwissenschaft je das Tagstadium erreichen, dass der Gefangene je aus dem Schatten treten wird. Und geschieht es doch, dann ganz unwillkürlich: ein Zufall. Unvermutet, gleichsam eine Urerzeugung. Irgendwo, irgendwann, wie wenn der Blitz einschlägt. Der Geist wird in diesem Falle nicht durch die Logik geleitet, sondern durch Instinkt, Intuition. Durch das Bedürfnis klar zu sehen. Lebensgier. In dem nicht abreißenden inneren Dialog, unter den unzähligen Vermutungen, Vergleichen, Kombinationen, Assoziationen, die das Denken unaufhörlich beschäftigen, zerreißt zuweilen ein Feuerschein das Dunkel. Taucht plötzlich einen Horizont in blendendes, erschreckendes Licht, stärker als tausend Sonnen. Nach dem ersten Schock beginnt ein hartes Ringen mit den Denkgewohnheiten. Mit dem Begriffskomplex, der unsere Gedankengänge festlegt. Noch rechtfertigt nichts die Annahme, dass die neue Hypothese über ihre Urform des grobschlächtigen Entwurfs hinauskommen und ausgefeilt, vervollkommnet werden wird. Ob sie der Überprüfung durch die Logik standhalten wird. Ob sie von der Tagwissenschaft aufgenommen werden wird.

Quelle: Die innere Statue. Autobiografie des Genbiologen und Nobelpreisträgers

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Unser geheimer 6. Sinn – Propriozetpion | Doku |ARTE

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Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #38

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

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Die Revolution des Spießbürgertums

Das Spießertum ist mithin, und es soll zum wiederholten Male gesagt werden, eine ins uns lauernde Bequemlichkeit, der Verantwortung auszuweichen, den Verstand zu leugnen, die hedonistische Lust über die Arbeit an der Zukunft zu stellen, vor allem aber, in einer nachgestellten Pose zu verharren, die nichts ist als Anpassung an Vordergründlichkeiten, sprachlich, modisch, wissenschaftlich, journalistisch – in jeder Lebenslage und in allen Milieus. Die Männer und Frauen, die es gewagt haben, die die Zukunft gestalteten, die auf den schmalsten Pfaden des Denkbaren gewandert sind und sich über die Geröllhalden von Vorurteilen wagten, sie gaben und sie geben die Optionen vor. …

Die anderen rechnen derweil, was Kinder kosten, was Kinder bringen, dann werden sie als Rentenzahler durchgezählt, sind Statussymbole (wenn es mindestens drei sind), wieder andere degradieren sie, weil es so modisch ist, zu Trägern ihrer Gene, und so ist das erreicht, was unsere Gesellschaft ausmacht: Freudlosigkeit, Kalkulation, betriebswirtschaftliches Denken (return on investment), kein Humor, wenig Lachen.

Quelle: Die Revolution des Spießbürgertums. Wenn Dummheit epidemisch wird, Autor: Holger Rust

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