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Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #38

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

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Die Revolution des Spießbürgertums

Das Spießertum ist mithin, und es soll zum wiederholten Male gesagt werden, eine ins uns lauernde Bequemlichkeit, der Verantwortung auszuweichen, den Verstand zu leugnen, die hedonistische Lust über die Arbeit an der Zukunft zu stellen, vor allem aber, in einer nachgestellten Pose zu verharren, die nichts ist als Anpassung an Vordergründlichkeiten, sprachlich, modisch, wissenschaftlich, journalistisch – in jeder Lebenslage und in allen Milieus. Die Männer und Frauen, die es gewagt haben, die die Zukunft gestalteten, die auf den schmalsten Pfaden des Denkbaren gewandert sind und sich über die Geröllhalden von Vorurteilen wagten, sie gaben und sie geben die Optionen vor. …

Die anderen rechnen derweil, was Kinder kosten, was Kinder bringen, dann werden sie als Rentenzahler durchgezählt, sind Statussymbole (wenn es mindestens drei sind), wieder andere degradieren sie, weil es so modisch ist, zu Trägern ihrer Gene, und so ist das erreicht, was unsere Gesellschaft ausmacht: Freudlosigkeit, Kalkulation, betriebswirtschaftliches Denken (return on investment), kein Humor, wenig Lachen.

Quelle: Die Revolution des Spießbürgertums. Wenn Dummheit epidemisch wird, Autor: Holger Rust

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Lob der Redundanz

Von Ralf Keuper

Redundanz hat in einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft und Wirtschaft den Rang eines – bestenfalls – nötigen Übels. Dabei ist die Stabilität sozialer, technischer, ökologischer und wirtschaftlicher Systeme auf Redundanz angewiesen.

Die Sicht des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)[1]Redundanz Modularität Skalierbarkeit:

Das bewährteste und bekannteste Mittel zur Sicherstellung der Verfügbarkeit technischer Einrichtungen ist die Redundanz. Im einfachsten Fall ist damit gemeint, dass einem erforderlichen System ein weiteres zur Seite gestellt wird, das bei Ausfall des ersten Systems dessen Funktion übernimmt.

In einem solchen Fall werden somit zwei Systeme vorgehalten, obwohl für den normalen Betrieb ein System reichen würde. Allein dieses einfache Modell zeigt neben dem Nutzen der verbesserten Verfügbarkeit zugleich den Nachteil von Redundanz auf: Redundanz ist unausweichlich mit der Bereitstellung von Überkapazität verbunden.

Der Anthropologe und Evolutionstheoretiker Gregory Bateson:

.. Redundanz ist zweifellos in biologischen Systemen eher die Regel als die Ausnahme, und das gilt auch für alle anderen Systeme der Organisation, Differenzierung und Kommunikation. In all diesen Systemen ist Redundanz eine wichtige und notwendige Quelle von Stabilität, Voraussagbarkeit und Integration[2]Ökologie des Geistes.

Aus Sicht der Regionalentwicklung:

Das wirksamste evolutorische Gegengift gegen diese Gefahr einer kontinuierlichen Perfektionierung von Unzulänglichkeiten ist der Verzicht auf Maximaleffizienz und Optimalität: Durch die Tolerierung unterschiedlicher (nicht-optimaler) Entwicklungspfade erhöht er die Varianz von Entwicklungsoptionen und erweitert damit sozusagen den genetischen Pool für die Entwicklung neuer Lösungen (Fisher 1930; Mayr 1980). Das Nebeneinander dieser nicht-optimalen Pfade ist der »primary proof that evolution has occurred, since optimal designs erase all signposts of history« (Gould 1987: 14). In diesem Sinne wird Entwicklung nicht durch einen von Knappheit oktroyierten (geradlinigen) »one best way« vorangetrieben als vielmehr durch eine »verschwenderische« Produktion von (kurvenreichen) Entwicklungspfaden, die Optionen offenhalten[3]Lob der Verschwendung Redundanz in der Regionalentwicklung: Ein sozioökonomisches Plädoyer.

Und weiterhin: Resilienz, Raum und Steuerung

Frerenc Biedermann plädiert für die Einführung des Begriffs der “Intentionalen Redundanz”[4]Intentionale Redundanz – Plädoyer für einen Begriff.

Im Falle natürlicher Systeme sind Redundanzen das unbewusste Resultat evolutionärer Auslese. (Systeme, die ihr Bestehen nicht mittels Redundanzen absicherten, sind früher oder später wieder verschwunden.) Der Mensch als vernunftbegabtes Wesen ist jedoch in der Lage, die Vorteile von Redundanz zu erkennen und diese im Alltag und in seinen Schöpfungen gezielt einzusetzen. In diesem Fall kann man von “intentionaler Redundanz” sprechen. Intentionale Redundanz findet sich beispielsweise in Raumfahrzeugen, wo mehrere identische Bordcomputer vorhanden sind für den Fall, dass einer davon ausfällt. Ein weiteres Beispiel sind Notstromaggregate, mit denen sich unter anderem Krankenhäuser gegen die Gefahr eines Stromausfalls wappnen.

In der Betriebswirtschaftslehre werden die Vor- und Nachteile der Redundanz unter dem Begriff “Organizational Slack”[5]Das Management des Organizational Slack behandelt. Redundanz kann durchaus zu Innovation führen; muss es aber nicht zwangsläufig[6]Innovationsmanagement: Kann Organizational Slack zur Innovation führen?.

Alles in allem: Redundanz ist bei näherer Betrachtung besser als ihr Ruf.

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Bertelsmann-Stiftung wegen Krankenhaus-Studie erneut in der Kritik

Von Ralf Keuper

Als die Bertelsmann-Stiftung im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlichte, in der die Schließung jedes zweiten Krankenhauses in Deutschland empfohlen wurde, war das Echo schon damals geteilt. Der Vorsitzende der Ärztevereinigung Marburger Bund wandte dagegen ein, Krankenhäuser seien keine Profitcenter[1]Scharfe Kritik an Studie zu Krankenhaus-Schließungen. Die Autoren der Studie wiesen darauf hin, dass größere Krankenhäuser mit besserer Ausstattung und erfahrenden Ärzten bessere Leistungen erbringen, als das heute weitgehend der Fall sei. Dem hielten die Kritiker entgegen, dass auf dem Land schon heute an vielen Stellen eine Unterversorgung mit Krankenhausbetten gegeben sei.

Mit Blick auf die aktuelle Corona-Krise hätte die Befolgung der Ratschläge der Bertelsmann-Stiftung nach Ansicht vieler verheerende Konsequenzen gehabt. Die von der Bertelsmann-Stiftung geforderte Konzentration auf große Krankenhäuser würde die Probleme nicht lösen, ja sie sogar noch verschärfen[2]Corona-Seuche und Krankenhäuser-Zerstörung:

Ein Supergau für die Propaganda-Schimäre “Großkrankenhaus” war der vor einem Jahrzehnt die bayerische Landeshauptstadt erschütternde Hygiene-Skandal des Städtischen Klinikkonzerns. U.a. zeigte es sich, dass unter der Verantwortung des von den Grünen gestellten Dritten Bürgermeisters zwar die Wirtschaftlichkeit des Klinikenbetriebes forciert wurde, damit aber auch beinahe unglaubliche Hygiene-Defizite bewirkt wurden: U.a. kam outgesourct “gereinigtes” OP-Besteck Immer noch verschmutzt in die OP’s zurück. Im Internet findet sich eine reichhaltige Sammlung von Medienberichten zum “Münchner Klinik-Skandal”.

Die Bertelsmann-Stiftung war in der Vergangenheit häufig Gegenstand der Kritik. Vor allem ihre maßgebliche Mitwirkung bei der Einführung von Hartz IV sorgt immer wieder für Unmut[3]Wie eine Stiftung Politik macht. Es entsteht zuweilen der Eindruck, als würde hier Firmenwohl mit Gemeinwohl verwechselt, weshalb die Rufe nach einer Aberkennung der Gemeinnützigkeit der Bertelsmann-Stiftung nicht leiser werden.

Im Gespräch mit der Neuen Westfälischen verteidigte die Bertelsmann-Stiftung vor wenigen Tagen ihre Studie vom vergangenen Jahr[4]Bertelsmann verteidigt umstrittene Studie.  In Zeiten von Corona, so ein Sprecher der Stiftung, sollten die Krankenhäuser “von ambulant erbringbaren Leistungen entlastet werden. Die bloße Zahl an Betten und Beatmungsgeräten sei “nicht entscheidend”.

Damit reagierte die Stiftung auf die Äußerung des gesundheitspolitischen Sprechers der SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag, Josef Neumann. Dieser hatte gesagt: “Wäre NRW dem Vorschlag der Bertelsmann-Stiftung gefolgt, wären die Kliniken jetzt überrannt worden”. Bertelsmann gehe es in erster Linie um Effizienzsteigerung und die Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Große Krankenhäuser würden zu einer großen Arbeitsverdichtung führen, worunter die Qualität leide.

Widerstand gegen die reine Ökonomisierung der Gesundheitsversorgung und die damit verbundenen sozialen Kosten regt sich seit Jahren[5]Die sozialen Kosten der Ökonomisierung von Gesundheit.

Die Bertelsmann-Stiftung argumentiert in Richtung Zentralisierung. In Gütersloh scheint noch nicht aufgefallen zu sein, dass der Trend in Europa bzw. im Internet (z.B. Blockchain, GAIA-X) in Richtung Dezentralisierung geht, d.h. die Verteilung der Kapazitäten auf mehrere Knoten, um zu verhindern, dass der Ausfall eines Knotens das Gesamtsystem  gefährdet. Die Lernkurven- und Skaleneffekte, d.h. die Größenvorteile großer Organisationen, sind nicht unbegrenzt; sie kehren sich irgendwann ins Gegenteil (Systemrisiko). Ein Umsteuern ist dann kaum noch möglich, da die Abhängigkeit von der mitgewachsenen Mono-Infrastruktur zu groß geworden ist. In Zeiten, in denen es verstärkt um Resilienz gehen muss (Stichwort: Schwarzer Schwan), ist Zentralisierung kontraproduktiv und Zeichen eines veralteten, eindimensionalen Denkstils.

Weitere Informationen:

Bertelsmann und Co.: Was ist los im Gesundheitssystem? | Die Anstalt

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Was ist ein gutes Leben?

Gut ist ein Leben, wenn es uns gibt, was wir von einem Leben in möglichst aufgeklärter Weise wollen, was immer es sei, und wenn wir das Glück haben, dass sich das so weit aufgeklärte Wollen mit dem Wollen deckt, das wir hätten, wenn wir alle nötigen Informationen hätten. – Natürlich bleibt es richtig, dass die Menschen verschiedene Dinge vom Leben wollen; und sie würden, einfach, weil sie verschieden sind und in verschiedenen Verhältnissen leben, auch dann verschiedene Dinge vom Leben wollen, wenn sie besser über sich und die Welt Bescheid wüssten. Aus diesem Grunde gibt es nicht nur ein Kriterium (oder ein Kriterienbündel) für das Gutsein eines Lebens, es gibt verschiedene. Das unterschiedliche Wollen der Menschen kreiert verschiedene Kriterien, so dass ohne Zweifel verschiedene Weisen zu leben, gut sind.

Quelle: Was es heisst, ein gutes Leben zu führen, Autor: Peter Stemmer, in: Was ist ein gutes Leben? Philosophische Reflexionen. Herausgegeben von Holmer Steinfarth

 

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Durkheims individualistische Theorie der sozialen Arbeitsteilung

In Durkheims Frühwerk Über soziale Arbeitsteilung lässt sich der Ansatz zu einer individualistischen Theorie von Moral und sozialer Solidarität erkennen, die sich grundsätzlich von den Theorien unterscheidet, die Durkheim in seinen späteren Werken entwickeln sollte. In der Arbeitsteilung versucht Durkheim, die Entstehung von moralischen Normen und der Motivation zu einem solidarischen Handeln aus der Natur der sozialen Beziehungen zu erklären, die Individuen in arbeitsteiligen Gesellschaften eingehen. Dabei zeigt sich Durkheim nicht nur als “versteckter” methologischer Individualist. Er erweist sich auch als ein Vertreter der optimistischen Sichtweise, die der modernen Gesellschaft zutraut, aus eigener Kraft die für ihren Bestand notwendige Moral und Solidarität sicherzustellen. Durkheims spätere anti-individualistische Wende hat so auch die Folge, dass er sich in die Reihe derjenigen eingliedert, die mit der modernen Gesellschaft eher eine moralische Krise als einen moralischen Aufbruch verbinden. In dem Aufsatz wird Durkheims individualistischer Ansatz in der Arbeitsteilung rekonstruiert und der Frage nachgegangen, ob dieser Ansatz vielleicht tragfähiger war, als Durkheim selber im Nachhinein geglaubt hat.

Quelle / Link: Durkheims individualistische Theorie der sozialen Arbeitsteilung

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Der Bevölkerung ein neues, der gesellschaftlichen Dimension aufgeschlossenes Zukunftsbewusstsein vermitteln (Alvin Toffler)

In einer Welt, die sich immer schneller ändert, liegt uns das nächste Jahr näher als in einer beschaulichen Ära der nächste Monat. Diese radikal veränderte Lebenstatsache muss von den Menschen, die in der Industrie, in der Regierung und Verwaltung Entscheidungen fällen, berücksichtigt werden. Sie müssen ihren Zeithorizont erweitern.

Für die entferntere Zukunft zu planen, bedeutet nicht, sich an dogmatische Programme zu binden. Pläne können provisorisch, elastisch und ständiger Revision unterworfen sein. Flexibilität heisst aber nicht Kurzsichtigkeit. Damit wir die Technokratie hinter uns lassen, müssen unsere gesellschaftsbezogenen Zeithorizonte Jahrzehnte, ja Generationen in die Zukunft erstrecken. Das verlangt mehr als eine Verlängerung der formellen Planung. Es bedeutet, dass der gesamten Bevölkerung ein neues, der gesellschaftlichen Dimension aufgeschlossenes Zukunftsbewusstsein vermittelt werden muss.

Quelle: Der Zukunftsschock

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Corona aus Sicht der Sozialwissenschaften

Von Ralf Keuper

Anbei eine Aufstellung von Beiträgen aus den Sozialwissenschaften, die sich mit den Auswirkungen von Corona auf die Gesellschaft beschäftigen:

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Corona ökonomisch betrachtet

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