Das Prinzip der kontrollierten Schludrigkeit (Max Delbrück)

Auf einer Tagung, die im Sommer 1949 im amerikanischen Oak Ridge stattfand, führte Delbrück sein Prinzip der kontrollierten Schludrigkeit ein, um verständlich zu machen, warum die Genetiker so lange gebraucht haben, um den Effekt der Photoreaktivierung zu bemerken. Unzählige Menschen – so Delbrück damals – hätten Überlebensraten gemessen, und alle hätten sicher gedacht, ihre Versuche unter kontrollierten Bedingungen ausgeführt zu haben. Sie hätten sich aber geirrt. Erst als ein paar Menschen ihrer Schludrigkeit Grenzen gesetzt hätten, wäre daraus ein Erfolg geworden. Einem ersten wäre aufgefallen, dass bei gestapelten Platten die Ausbeute oben (bei Licht) durchweg höher lag als unten. Und ein zweiter hätte bemerkt, dass eine Lampe im Wasserbad einen systematischen Unterschied ergibt.

In einem Brief an Luria (Salvatore Luria) hat Delbrück dann elegant formuliert, wie sein Prinzip zu verstehen ist: “Die Photoreaktivierung ist ein Schock. Ein Wunder, dass man den Effekt vorher nicht gefunden hat. Er zeigt, dass viele zu lässig gearbeitet haben, um es zu bemerken, und dass Du zu genau warst, um ihm zu begegnen. Es ist das alte Prinzip der gemäßigten Schlampigkeit, das Entdeckungen ermöglicht”. Mit anderen Worten, “wenn Du nur schlampig bist, gibt es keine reproduzierbaren Ergebnisse; und man kann nichts erkennen. Wenn Du aber ein wenig nachlässig bist und dabei etwas Auffälliges bemerkst – dann versuche es zu fassen”.

Quelle: Ernst Peter Fischer. Schrödingers Katze auf dem Mandelbrotbaum

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