Universitäten: Zwischen Innovation und Tradition (Peter Burke)

Die Universitäten mochten ihre traditionelle Funktion als Lehranstalten auch weiterhin effizient ausüben, doch im allgemeinen waren es nicht diese Stätten, aus denen heraus sich neue Ideen entwickelten. Sie litten sozusagen unter institutioneller Inertie: Sie hielten krampfhaft an ihren körperschaftlichen Traditionen fest und isolierten sich damit selbst von neuen Entwicklungen.

Unter der Perspektive der longue durée betrachtet haben wir es mit Innovationszyklen zu tun, denen Phasen der, wie Max Weber es nannte, “Veralltäglichung” oder, wie Thomas Kuhn es beschrieb, der “normalen Wissenschaft” folgten. In Europa setzten diese Zyklen im 12. Jahrhundert ein, als neue Institutionen, die sogenannten Universitäten, die Klöster als Stätten der Gelehrsamkeit ablösten, und ziehen sich bis in die Gegenwart hinein. Ans den kreativen, marginalen und informellen Gruppen einer bestimmten Periode werden mit schöner Regelmäßigkeit die steifen, konventionellen, konservativen Organisationen der nächsten oder übernächsten Generation. Dies soll nicht unbedingt heißen, dass die Reform oder Erneuerung traditioneller Organisationen unmöglich wäre. Die innovative Rolle, die eine sehr alte Institution, das Benediktinerkloster im 18. Jahrhundert spielte, beweist das Gegenteil. Ähnliches ereignete sich auch bei der Neuorganisation der Forschung im 19. Jahrhundert. Hier waren es die Universitäten, wie vor allem in Deutschland, die die Initiative ergriffen und die Akademien überflügeln sollten.

Quelle: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaftsgeschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.