“Die Niederlage des Denkens” (Alain Finkielkraut)

Von Ralf Keuper

Alain Finkielkraut sorgt in Frankreich immer wieder mit provokanten Aussagen zu Fragen der Einwanderung für Diskussionen, wie unlängst in einem Interview mit dem SPIEGEL.

Bereits im Jahr 1987 setzte Finkielkraut sich kritisch in einem Buch mit den Auswirkungen des Multikulturalismus und des Postmodernen Denkens auseinander, die er für die Grundübel unserer Zeit hält. Ihnen lastet er die “Niederlange des Denkens” an.

Dabei redet Finkielkraut keineswegs dem Nationalismus das Wort. Entschieden grenzt er sich auch von dem Begriff des Volksgeistes ab, wie er u.a. von Frantz Fanon  in die Diskussion gebracht wurde.  Diese Denkweise führe letztlich nur zur Errichtung einer Geschlossenen Gesellschaft. Vielmehr zeichnet sich eine Gesellschaft, in der das Denken noch nicht zum Erliegen gekommen ist, dadurch aus, dass sie an universellen Werten festhält, die an keinen Volksgeist und an keine Nation gebunden sind – Werte, die, wie Finkielkraut schreibt, der menschlichen Intelligenz offen stehen. Die Realität sieht jedoch anders aus:

Dieses Ideal ist heute im Aussterben begriffen. Die Demut vollbringt die Aufgabe, die die nationalistische Arroganz niemals hatte zu Ende führen können, und den Verfechtern der multikulturellen Gesellschaft gelingt das, was die Doktrin “der Erde und der Toten” nicht geschafft hatte: damit der Andere sich selbst ungehindert entfalten kann, begrenzen sie ihre Nation auf deren einzigartigen Geist, definieren sie Frankreich .. durch >seine< Kultur und nicht mehr durch den zentralen Platz, den >die< Kultur dort haben sollte, sprechen ihrem Volk eine Physiognomie zu, die es von anderen unterscheidet, und halten ihm hartnäckig vor, dass es auf diesen Unterschied in keiner Weise stolz sein darf.

Durch die Betonung und Relativierung der eigenen Kultur erreichen die Befürworter des Multikulutralismus für Finkielkraut das genaue Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen:

Erleben wir das Ende sowohl der biblischen Zeiten als auch der Neuzeit? Jedenfalls auf das ruhmreiche und rachsüchtige Auftrumpfen der kulturellen Identität zu antworten “wir sind nur >eine< Kultur” ist kein Gegenschlag, sondern eine Kapitulation. In dem Bemühen, die Alte Welt endlich gastlich zu machen, zerstören die Apostel des Zusammenlebens der Kulturen gewissenhaft den Geist Europas: was diesem allein den Reiz seines Wohlstands lässt.

Bedeutet das nun, dass Neuankömmlinge ihre eigene Kultur und Religion aufgeben müssen, um anerkannte Mitglieder der Gesellschaft zu werden? Keineswegs, so Finkielkraut:

Den Fremden als Individuum zu behandeln, bedeutet nicht, ihn zu verpflichten, alle seine Verhaltensweisen auf die bei den Einheimischen geltenden Lebensformen auszurichten. … Der Geist der europäischen Neuzeit .. findet sich sehr gut mit der Existenz von nationalen oder religiösen Minderheiten ab, unter der Bedingung, dass diese sich nach dem Vorbild der Nation aus gleichen und freien Einzelpersonen zusammensetzen. Eine solche Forderung hat zur Folge, dass alle Bräuche, die die Grundrechte der Person verhöhnen – auch die, deren Wurzeln weit in die Geschichte zurückreichen – als ungesetzlich betrachtet werden.

Das ist zumindest nachdenkenswert.

Finkielkraut nimmt eine dem Kulturrelativismus entgegengesetzte Position ein. Der Kulturrelativismus, der auf Franz Boas zurückgeht, wurde und wird von vielen Seiten kritisiert. Seine unbestreitbare Errungenschaft liegt darin, den Eigenwert der verschiedenen Kulturen, auch die der sog. primitiven Völker, Anerkennung verschafft zu haben.

Andererseits kann Kulturrelativismus, wenn auch unwillentlich, zu geschlossenen Gesellschaften führen, die zusammen unter dem Deckmantel einer Offenen Gesellschaft firmieren, ohne sich jedoch auf bestimmte universelle Werte und Rechte festlegen zu wollen oder zu können.

Bleibt die Frage: Welche Werte können Anspruch darauf erheben, universell zu sein und wie lassen sie sich rechtfertigen? Leszek Kolakowski machte auf dieses Dilemma aufmerksam:

Wir haben keine Gründe zu erwarten, dass irgend etwas in unserer Kultur – sei es die Religion oder , wie die Romantiker hofften, die Kunst  eine synthetisch all-umfassende Kraft hat, die die Spannung zwischen unserer Selbstkonstitution in dem kulturellen Verkehr und unserem Identitätsgefühl aufheben könnte. In der menschlichen Kommunikation ist alles fraglich, alles unsicher, alles provisorisch und sterblich. .. Was wir mit Misstrauen betrachten sollten, sind alle, vielleicht unvermeidlichen, aber gefährlichen Versuche, unsere metaphysischen Gewissheiten in universal gültige Wahrheiten umzuwandeln. (in: Leben trotz Geschichte)

Dagegen könnte man jetzt einwenden, dass es sich bei den Menschenrechten zwar um universelle Werte, nicht jedoch um metaphysische Gewissheiten handelt. Entscheidend ist dann, die beiden Ebenen auseinanderzuhalten. Anderenfalls droht ein Rückfall in einen platten Nationalismus.

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Ein Kommentar zu “Die Niederlage des Denkens” (Alain Finkielkraut)

  1. Pictonkiwi sagt:

    Das ist die beste Zusammenfassung von Finkielkrauts "Niederlage des Denkens", die ich je gelesen habe.

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