Die Offensichtlichkeit der Gefahren stellt den eingefahrenen Verharmlosungs- und Vertuschungsroutinen immer mehr Widerstände entgegen (Ulrich Beck)

Die Offensichtlichkeit der Gefahren stellt den eingefahrenen Verharmlosungs- und Vertuschungsroutinen immer mehr Widerstände entgegen. Die Modernisierungsagenten – in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik – sehen sich in den unbequemen Zustand eines leugnenden Angeklagten versetzt, den die Indizienkette ganz schön ins Schwitzen bringt.

Man könnte sagen: War alles schon mal da. Nichts Neues. Doch die systematischen Unterschiede stechen ebenso ins Auge. Die Unmittelbarkeit persönlich und sozial erlebten Elends steht heute der Ungreifbarkeit von Zivilisationsgefährdungen gegenüber, die erst im verwissenschaftlichen Wissen bewusst werden und nicht direkt auf Primärerfahrungen zu beziehen sind. Es sind die Gefährdungen, die sich der Sprache chemischer Formeln, biologischer Zusammenhänge und medizinisch-diagnostischer Begriffe bedienen. Diese Wissenskonstitution macht sie allerdings nicht weniger gefährlich. Im Gegenteil: einer großen Bevölkerungsgruppe stehen heute, mit oder ohne Absicht, durch Unfall oder Katastrophen, im Frieden oder Krieg  Verheerungen und Zerstörungen ins Haus, vor denen unsere Sprache versagt, unser Vorstellungsvermögen, jegliche medizinische und moralische Kategorie. …

Damals (19. Jahrhundert) war die Betroffenheit vorgegeben mit dem Klassenschicksal. Man war sie hineingeboren. Sie haftete einem an. Zog sich von der Jugend bis ins Alter. Steckte in allem: wo und was man arbeitete, wie und mit wem man lebte, welche Kollegen und Freunde man hatte und wen man fluchte und gegen wen man, wenn es sein musste, auf die Straße ging.

Quelle: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne

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