Wissenschaft ist keine Ideologie

Von Ralf Keuper

Die Wissenschaft steht im Verdacht, sich von den Mächtigen für ihre Zwecke instrumentalisieren zu lassen. Sie sei letztlich nichts anderes als eine Ideologie der Herrschenden, was vor allem auf die Naturwissenschaften zutreffe.

In dem Sammelband Technik und Wissenschaft als Ideologie aus Anlass des 70. Geburtstages von Herbert Marcuse, stellte Jürgen Habermas darin fest, dass die wachsende Interdependenz von Forschung und Technik die Wissenschaft zur ersten Produktivkraft gemacht habe; ein Grund, weshalb der Begriff des Klassenkampfes nach Karl Marx überholt sei. “Die gesamte Forschung sei auf technisch verwertbares Wissen hin orientiert, ohne noch selbstbestimmt der Frage nach dem Sinn fähig zu sein. Der Fortschritt rase zusehends aber auf ein Ziel zu, das niemanden mehr zugänglich sei”. Kurzum: Wissenschaft ist rein zweck-rational. Die Technokratie gibt den Takt vor; die Gesellschaft hat demgegenüber keine Möglichkeit, auf demokratischem Weg Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen.

In der Folge machte die These die Runde, wonach die Wissenschaft eine well entrenched ideology sei. Vertreten wurde sie u.a. von Thomas S. Kuhn, Paul Feyerabend und Herbert Marcuse. Die Position von Habermas sei dagegen schwer zu bestimmen, so Hans Albert in einem Briefwechsel mit Karl Popper: “Er hat zwar einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel Wissenschaft und Technik als Ideologie .. , aber aus diesem Aufsatz ist kaum etwas Eindeutiges zu entnehmen. Allerdings vertritt Habermas eine bestimmte Form instrumentalistischer Deutung der Naturwissenschaften und schreibt ihr insofern einen beschränkten Erkenntniswert zu, während er Geisteswissenschaft und Geschichtsphilosophie in dieser Hinsicht höher stellt. Er hat also eine Rangordnung der Wissenschaften festgesetzt, in der die Naturwissenschaft an unterster Stelle steht, weil in ihr angeblich nur ein technisches Eigeninteresse vorwaltet .. . Sicherlich würde er ein “Bewusstsein”, das nicht in der Lage ist, diesen Zusammenhang .. zu durchschauen, als ideologisch getrübt ansehen, sodass wir – als Verfechter einer kritisch-rationalen Deutung – natürlich insofern nur Ideologen sein können[1]Hans Albert Karl Popper. Briefwechsel 1958-1994. Karl Popper antwortete darauf per Brief: “Der Instrumentalismus von Habermas scheint gerade der zu sein, den ich .. in Three Views concerning Human Knowledge bekämpft habe und (mehr oder weniger) widerlegt habe. Feyerabend lese sich schon lange nicht mehr; ich weiß, dass er Objective Knowledge kritisiert hat .., aber ich habe das nicht gelesen. Aber ich habe mir ausgerechnet, dass er .. die These vertritt, dass die Wissenschaft auch nur eine Ideologie ist. Heute ist er Anarchist; morgen ist der Fascist“.

Oder in den Worten von Hans Mohr: “Es wäre fatal für unsere Zukunft, wenn die Mehrzahl der Menschen die Struktur und die Bedeutung der Wissenschaft nicht begreifen lernte, sondern im Gestrüpp der Ideologien verhaftet bliebe[2]Wissenschaft und Ideologie.

References

References
1 Hans Albert Karl Popper. Briefwechsel 1958-1994
2 Wissenschaft und Ideologie
Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftstheorie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.