Die Aufhebung der Ökonomie (Georges Bataille)

Von Ralf Keuper

In der Ökonomie hat Verschwendung – zumindest in der Lehre – keinen Platz bzw. keinen guten Stand, geht es doch um die effiziente Nutzung der Ressourcen, um daraus einen Ertrag erzielen zu können. In Die Aufhebung der Ökonomie argumentiert Georges Bataille genau anders herum: Für ihn bildet die Verschwendung die Basis der Ökonomie. Er schreibt:

Dass Produktion und Erwerb sekundär sind gegenüber der Verausgabung, tritt am klarsten bei den ökonomischen Einrichtungen der Primitiven zutage, weil der Tausch hier noch als kostspieliger Verlust der abgetretenen Gegenstände empfunden wird: er hat seine Grundlage in einem Verschwendungsprozess, aus dem sich dann ein Erwerbsprozess entwickelt hat. Die klassische Nationalökonomie hat sich den primitiven Tausch immer nur als Tauschhandel vorstellen können, denn sie hatte keinen Grund zu der Annahme, ein Erwerbsmittel wie der Tausch hätte seinen Ursprung nicht im Erwerbsbedürfnis haben können, das er heute befriedigt, sondern in dem entgegengesetzten Bedürfnis nach Zerstörung. Die herkömmliche Auffassung von den Ursprüngen der Ökonomie wurde erst unlängst widerlegt, und zwar vor so kurzer Zeit, dass viele Wirtschaftswissenschaftler den Tauschhandel ungerechtfertigterweise weiter als Vorläufer des Handels hinstellen.

Bataille bezieht sich dabei vor allem auf das Buch Die Gabe von Marcel Mauss. Darin hebt Mauss die Bedeutung des Potlatsch hervor. Auf Wikipedia heisst es dazu:

Bei ihm werden in ritueller Weise Geschenke verteilt oder ausgetauscht. Je wertvoller und erlesener die gereichten Gaben ausfallen, desto bedeutender gilt die Position und Abstammungslinie dessen, der die Geschenke vergeben hat.

Das paradoxe Prinzip des Potlatsch, was die Zuschreibung von Reichtum und Macht betrifft, hebt sich für Bataille bei näherer Betrachtung auf:

Da aber die Früchte des Potlatsch sozusagen schon im voraus für einen neuen Potlatsch vorgesehen sind, ist das archaische Prinzip des Reichtums frei von jenen Abschwächungen, die von der später entstandenen Habgier herrühren: Reichtum ist ein Erwerb, insofern der Reiche Macht erwirbt, aber er ist vollständig für den Verlust bestimmt, insofern diese Macht eine Macht des Verlustes ist. Nur durch den Verlust sind Ruhm und Ehre mit ihm verbunden.

Problematisch an der herkömmlichen Ökonomie sei, so Bataille, dass sie sich auf die Zusammensetzung von Einzeloperationen beschränke, statt das Gesamtphänomen in den Blick zu nehmen:

Der Mensch reduziert in der Wissenschaft ebenso wie im Leben die ökonomischen Aktivitäten auf eine Gegebenheit, die dem Typ der partikularen Systeme entspricht. Die ökonomische Tätigkeit als Ganzes wird in eine Einzeloperation mit begrenztem Zweck gesehen. Man verallgemeinert, indem man einfach das Gesamtphänomen aus den Einzeloperationen zusammensetzt: Die Wirtschaftswissenschaft begnügt sich damit, ein isoliertes Phänomen zu generalisieren, sie beschränkt ihren Gegenstand auf Tätigkeiten, die zu einem bestimmten Nutzen unternommen werden, nämlich zum Nutzen des homo oeconomicus; sie zieht niemals das Kräftespiel der Energie in Betracht, das von keinem partikularen Zweck begrenzt wird: das Spiel der lebenden Materie insgesamt, das von der Bewegung des Sonnenlichts abhängt, dessen Wirkung sie ist. Für die lebende Materie insgesamt ist die Energie auf dem Erdball immer überschüssig, hier muss immer in den Begriffen des Luxus gedacht werden, jeder Unterschied ist immer nur ein Unterschied in der Art der Verschwendung von Reichtümern.

In dem Kapitel Der Krieg als katastrophische Verausgabung der überschüssigen Energie geht Bataille noch einen Schritt weiter:

Diese Überschüsse an lebendiger Kraft, die selbst noch in den armseligsten Wirtschaftsformen zu örtlichen Stauungen führen, sind nämlich die gefährlichsten Faktoren des Untergangs. Daher suchte man zu allen Zeiten, wenn auch unbewusst, fieberhaft nach Möglichkeiten der Entstauung. Die antiken Gesellschaften fanden diese Möglichkeit in den Festen; manche errichteten erstaunliche Monumente, die keinerlei Nutzen hatten; wir verwenden den Überschuss zur Vermehrung der „Dienstleistungen“, die das Leben einebnen, und wir neigen dazu, einen Teil davon in der zunehmenden Freizeit zu absorbieren. Aber diese Ablenkungsmöglichkeiten sind immer unzureichend gewesen: es blieb trotz allem ein gewisses Maß überschießenden Potentials übrig, das zu allen Zeiten Menschenmassen und große Mengen von nützlichen Gütern den Zerstörungen der Kriege ausgesetzt hat.

Die Ausdehnung des Wachstums erfordere, so Bataille, die Umkehrung aller ökonomischen Grundsätze:

Der Übergang von den Perspektiven einer beschränkten zu denen einer allgemeinen Ökonomie wäre in der Tat eine kopernikanische Wende: die Umkehrung des Denkens und der Moral. Wenn von vornherein ein pauschal abzuschätzender Teil der Reichtümer dem Verlust preisgegeben werden muss oder einer unproduktiven Verwendung, die keinen Profit ermöglicht, dann es es notwendig und sogar unvermeidlich, dass Waren ohne Gegenleistung abgetreten werden.

Moderne Gesellschaften bedürften eines Spielraums für nicht profitbringende Operationen. Versuche, die kosmische Energie mit den Mitteln unsere Gesetze und Theorien einzuhegen, gehen am Ziel vorbei. Bateille gibt den Rat:

Weh dem, der darauf beharrt, einer Bewegung, die ihn überschreitet, Herr werden zu können mit dem engstirnigen Vorstellungen eines Mechanikers, der ein Rad wechselt.

In dem lesenswerten Beitrag Der Nutzen der Verschwendung aus dem Jahr 1975 ging Marianne Kesting der Frage nach der Aktualität des Werkes, das im Jahr 1967 erschien, nach. Im Jahr 2010 führte Gerhard Mersmann in Ein seltsam anmutender Paradigmenwechsel in der Ökonomie einen weiteren Aktualitätscheck durch. Verstand man in den 1970er Jahren unter Verschwendung die typischen Merkmale der Wegwerfgesellschaft ist seit der Finanzkrise ein neues Phänomen hinzugekommen. Momentan ist das Geld auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten, wovon in den letzten Jahren vor allem Startups profitiert haben und noch z.T. profitieren. Neue Technologien, wie die Blockchain und Künstliche Intelligenz, versprechen großes (Wachstums-)Potenzial.

Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft hätte es, wenn sich die Künstliche Intelligenz tatsächlich so in unserem Alltag durchsetzten sollte, wie derzeit prognostiziert? Wo bliebe dann die überschüssige Energie, von der Bataille spricht? Wie kann sie sich entstauen, ohne große Krisen herbeizuführen?

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2 Kommentare zu Die Aufhebung der Ökonomie (Georges Bataille)

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