Soziale Austauschtheorien als Erklärung für menschliches Verhalten in Gesellschaften

Von Ralf Keuper

Die Theorie des sozialen Austauschs, als deren Hauptvertreter Peter M. Blau und George Caspar Homans genannt werden können, erlebte in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre eigentliche Blütezeit. 
Insbesondere Peter M. Blau griff dabei auf die Erkenntnisse der Anthropologie zurück, wie sie u.a. von Marcel Mauss (Die Gabe), James Frazer (Der goldene Zweig)  oder Claude Lévi-Strauss veröffentlicht wurden. Demnach lassen sich schon in den archaischen Gesellschaften erste Formen des sozialen Austauschs beobachten. Anders als der ökonomische Austausch von Gütern und Dienstleistungen, der erst mit Aufkommen der Marktwirtschaft zu dem beherrschenden Transaktionsmechanismus avancierte, beinhaltet der soziale Austausch, nach heutigem Sprachgebrauch, eher „weiche“ Faktoren, wie soziale Anerkennung, Status, Rechte, Information, Motivation etc. In archaischen Gesellschaften beispielsweise konnte eine Person ihren überlegenen sozialen Rang einer anderen gegenüber dadurch geltend machen, indem sie den Empfänger mit Geschenken überhäufte. Der Empfänger bzw. der Beschenkte stand dann vor der Herausforderunng, sich für die erhaltenen Gaben in mindestens demselben Umfang zu revanchieren, wollte er nicht in der sozialen Rangordnung zurückfallen. Daraus wird u.a.  auch deutlich, dass es den sozialen Austausch in Reinform nicht gibt, da auch immer ökonomische Faktoren in die Bewertung der Transaktion durch die Tauschpartner miteinfließen und vice versa.

In seinem Hauptwerk Exchange and Power in Social Life charakterisiert Peter M. Blau den sozialen Austausch wie folgt:

Social Exchange can be observed everywhere once we are sensitized by this conception to it, not only in market relations but also in friendship and even in love, as we have seen, as well as in many social relations between these extremes in intimacy. […] The institutionalized form the exchange of gits frequently assumes in simpler societies highlights the two general functions of soical as distinct from strictly economic, exchange, namely, to establish bond of friendship and to establish subordination over others.

Insofern bilden die sozialen Austauschprozesse den „Kitt“ einer Gesellschaft. Über die sozialen Austauschprozesse erhalten die Interaktionen der Mitglieder einen Rahmen. Mit dem Eintritt in eine soziale Austaschbeziehung schlägt, überspitzt formuliert, die Geburtsstunde des Menschen als einem anerkannten Mitglied der Gesellschaft. Wichtiger Bestandteil zur Aufrechterhaltung einer sozialen Austauschbeziehung ist die Reziprozität, d.h. es werden für Leistungen entsprechende Gegenleistungen erwartet, ohne dass diese im vorhinein genau spezifiziert werden. Blau bezeichnet diesen Zusammenhang dann auch als den Startmechanismus einer sozialen Interaktion. 

Bedingt dadurch, dass die „Vertragsinhalte“ in sozialen Austauschbeziehungen nicht genau bezeichnet werden und im Ermessen des Interaktionspartners liegen, stehen am Anfang einer Tauschbeziehung eher kleine „Investitionen“, die bei einem erfolgreichen Verlauf ausgedehnt werden können. Wesentlich hierfür ist das Maß an Vertrauen, dass der Tauschpartner in sein Gegenüber setzen kann. Insofern ist das Vertrauen von entscheidender Bedeutung für die Aufnahme sowie die Fortführung einer sozialen Tauschbeziehung. 

Für Blau liegt der Unterschied zwischem einer „klassischen“ ökonomischen und einer sozialen Austauschbeziehung im hier dargestellten Sinne u.a. darin, dass bei letzterer Faktoren mit deutlichem Bezug zu ethischem Verhalten prägend sind.

Nach Blau entzieht sich die Bewertung einer sozialen Austauschbeziehung damit weitgehend einer Betrachtung nach monetär messbaren Kosten-Nutzen-Aspekten.

Wenngleich eine exakte Messung der Belohnungen und Kosten, die aus sozialen Austauschbeziehungen resultieren, nicht möglich ist und das Verhalten der Interaktionspartner dem Maximierungsprinzip zumindest auf den ersten Blick, nicht zu unterliegen scheint, spielen Kosten-Nutzen Betrachtungen hierbei sehr wohl eine Rolle. 

Belohnungen, die im Rahmen einer sozialen Austauschbeziehung gewährt werden können, sind soziale Anerkennung (z.B. persönliche Hilfestellungen, Motivation, persönliche Fürsprache), Status (z.B. Entscheidungsbefugnisse), Rechte (z.B. Konzessionen, Landnutzung), Schutz (z.B vor physischen Übergriffen) sowie die Gewährung des Zutritts zu Kreisen, die hohe soziale Belohungen garantieren (vgl. das Symbolische Kapital von Pierre Bourdieu). Zu den Kosten, die im Verlauf einer sozialen Austauschbeziehung anfallen, zählen die entgangenen Möglichkeiten durch die Unterordnung unter die Normen einer bestimmten Gruppe und damit ein möglicher Verlust, wenn auf die „falsche“ Gruppe mit ihrem Anführer gesetzt wurde (vgl. The Social Psychology of Groups von Thibaut & Kelley). Als Konsequenz daraus ergibt sich, dass für einen Interaktionspartner bei der Auswahl der zur Verfügung stehenden Tauschpartner die  Attraktivität der Gruppe und deren Anführer von herausragender Bedeutung ist, was zu offenen oder verdeckten Konflikten führen kann.

Neben den interpersonellen sind es für Blau auch die intrapersonellen Konflikte, die eine soziale Austauschbeziehung schwer belasten können. Durch die Anerkennung des höheren Ranges eines Übergordneten und die Eingliederung in die seiner Führung unterliegenden Gruppe, gibt das Individuum einen Großteil seiner Autonomie ab. Das wiegt um so schwerer, je weniger Alternativen dem Individuum zur Verfügung. stehen. In archaischen, ihrem Ursprung nach geschlossenen Gesellschaft ist deren Anzahl sehr überschaubar. Damit kann von Wahlfreiheit, wie sie für eine offenen Gesellschaft kennzeichnend ist, kaum die Rede sein.

Trotz der genannten Einschränkungen hat die Theorie des sozialen Austauschs m.E. noch nicht ausgedient, da sie vieles zur Erklärung von Mechanismen beitragen kann, die für ein Fortbestehen einer Gesellschaft von ebenso großer Bedeutung sind wie rein ökonomische Faktoren, nicht zuletzt auch deshalb, da beide Tauschformen einander bedingen bzw. miteinander verwoben sind.

Weitere Informationen:

Gift Giving and the ‘Embedded’ Economy in the Ancient World

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