4 Antworten

  1. 1234fuenf
    Januar 28, 2013

    Das Interessante an Luhmanns entscheidungstheoretischen Überlegungen scheint mir zu sein, dass sie selbst eine Reflexion der Selbstreflexivwerdung der Moderne darstellen und damit dem gewählten Arbeitsprogramm gerecht werden. Dass nämlich alle Beschreibungen immer nur unter Voraussetzung anderer Beschreibungen möglich sind und dass jede Beschreibung auch sich selbst zu Gegestand haben und machen kann. Und eben diese Sichtweise kann auch in entscheidungstheoretischen Konzeptionen nicht ausßer Acht gelassen werden.

    Zum Aspekt der Selbstreflexivwerdung der Moderne empfehle ich:
    Helmut Wiesenthal: Rationalität und Unsicherheit in der Zweiten Moderne
    http://www.afs-ev.de/div-pap/ratio_und_unsicherheit.pdf

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  2. Ralf Keuper
    Januar 28, 2013

    Vielen Dank für den Kommentar. Vor allem der Hinweis, dass jede Beschreibung sich selbst zum Gegenstand haben und machen kann, erscheint mir wichtig. Eine Tatsache, die im Alltag immer wieder untergeht.
    Besten Dank auch für den Lesetip. Der Autor war mir bis zur Lektüre von "Deutschland im Schavan-Test: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?" auf Carta heute morgen noch nicht bekannt. http://carta.info/53568/deutschland-im-schavan-test-in-welcher-gesellschaft-leben-wir-eigentlich/

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  3. 1234fuenf
    Januar 28, 2013

    Der Hinweis auf den Wiesenthal-Artikel ist in diesem Zusammenhang übrigens sehr gut, weil er auf ein interessantes Entscheidungsproblem aufmerksam macht. Mit jeder Entscheidung, ob ein Doktortitel aberkannt wird oder nicht, vollzieht sich ein Erfahrungsbildungsprozess darüber, wie in weiteren Fällen zu entscheiden wäre. Nun ist es in diesen Plagiatsaffären so, dass eigentlich nicht jeder Fall anders beurteilt werden kann, weil sonst nicht klar wäre, wozu es Regeln gibt. Regeln sollen für eine Vielzahl unterschiedlicher Probleme realtiv allgemeine Leitlinien für eine Entscheidung liefern. Man sieht aber langsam, dass der Erfahrungsbildungsprozess immer aufdringlicher die Beobachtung in der Erscheinung treten lässt, dass beinahe jeder Fall verschieden behandelt werden muss. Das heißt entscheidungstheoretisch, dass Regeln selbst wiederum in Regeln eingeteilt werden müssen, dies allerings nach einem Schema, das durch diesen Prozess überhaupt erst entstehen kann.
    Man erkennt: Unsicherheit ist notwendige Voraussetzung dafür, dass man noch entscheiden kann und will, weil Sicherheit strukturell gar nicht mehr zu erwarten ist.

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  4. Ralf Keuper
    Januar 28, 2013

    An dem Fall Schavan, wie Wiesenthal ihn interpretiert, wird auch deutlich, wie Teilsysteme der Gesellschaft auf andere Einfluss zu nehmen versuchen, obwohl die Regeln jeweils andere sind bzw. sein sollten. Werden diese nun, wenn auch nur teilweise, außer Kraft gesetzt, kann dies nicht ohne Folgen für andere Bereiche sein. Es sei denn, die nötige Diskussion wird durch ein Basta! oder allgemeines Totschweigen abgewürgt oder aber in einen größeren Zusammenhang gestellt, nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel. Die Rückkehr zur Tagesordnung wird heute jedoch immer schwieriger, da die digitale Öffentlichkeit die Themen auch dann vorantreibt oder wieder aufnimmt, wenn andere, vor allem auch die klassischen Medien, sie bereits vergessen haben bzw. vergessen wollen.

    Das Thema Entscheidung unter Unsicherheit hat Luhmann am Beispiel der Banken einmal sehr aufschlussreich verdeutlicht:

    "Im Operationsbereich der Banken wird das Wirtschaftsrisiko auf der Ebene der Beobachtung zweiter
    Ordnung selbstreferentiell. Das heißt vor allem: dass es für Banken nur Risikokommunikation und keine Sicherheit gibt. Selbst ihr organisationseigenes Risikomanagement reicht nicht aus, um ihnen Sicherheit zu gewähren; es dient nur dem bestmöglichen Umgang mit Unsicherheit. Und ihr Geschäft mit Risiken ist folglich ein Geschäft der Transformation von Risiken in Risiken anderen Zuschnitts oder anderer Risikoträger, aber nicht ein Geschäft der Transformation von Risiko in Sicherheit. … " (in: Soziologie des Risikos)

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