Über die biologisch-ökonomische Denkart (Rudolf Eucken)

Da dieser Lebenstypus (der naturalistische, RK) alle Selbständigkeit des Geisteslebens verwirft, so kann geistige Betätigung ihm nur zusammen mit dem sinnlichen Dasein, als ein Stück oder Anhang von diesem bestehen. Daher hat jene sich ganz und gar dem Naturleben anzuschmiegen, nie kann sie eine Bewegung von sich aus erzeugen, nie eigene Wege verfolgen; die Seele hat hier keinen Eigenbesitz, sie empfängt alles aus der Umgebung und bleibt streng an sie gebunden. So erzeugt das Denken hier nicht selbständige Begriffe, sondern alle Begriffe werden bloße Abkürzungen sinnlicher Eindrücke, so gibt es keine reingeistigen Güter, sondern den Kern allen Glücks bildet der, wenn auch verfeinerte, sinnliche Genuss. Es bestimmt sich das aber genauer von dem Naturbilde her, das die mechanische Theorie entwirft und mit Hilfe der Abstammungslehre der Gegenwart eindringlich vorhält. Hier löst die Natur sich ganz und gar in ein Nebeneinander einzelner Kräfte auf, die in der Enge des Daseins hart zusammenstoßen und sich in unablässigem Kampf gegeneinander behaupten müssen. Dieser Kampf aber wird ein Quell des Fortschritts, indem er alles für die Selbsterhaltung Nützliche entwickelt, befestigt und sammelt; es entsteht damit eine biologisch-ökonomische Denkart, die alle bisherige Schätzung der Güter umkehrt.

Nun entschwindet alles an sich Wertvolle aus der Welt, es muss jetzt als ein unklarer, ja sinnloser Begriff erscheinen; der allbeherrschende Wert wird das Nützliche, das, was die Lebewesen im Kampf ums Dasein fördert. So wird hier im Wahren nicht ein Wesen der Dinge erstrebt, sondern wahr heißen lediglich Vorstellungen und Gedankenmassen, welche die beste Anpassung der Menschheit an die Lebensbedingungen vollziehen und eben damit Individuen zusammenhalten; hier spricht zum Menschen nicht mehr ein Gutes aus überlegener Hoheit, sondern gut heisst, was innerhalb unserer Erfahrung der Erhaltung des Lebens dient; auch das Schöne ordnet sich dem Nützlichen ein und behauptet sich lediglich durch seine Leistung für die Lebenserhaltung.

Quelle: Grundlinien einer neuen Lebensanschauung

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