Tag- und Nachtwissenschaft (Francois Jacob)

Die Tagwissenschaft ist ein denkerischer Versuch, bei dem die Beweisschritte wie ein Räderwerk ineinandergreifen und die Erkenntnisse die Kraft der Gewissheit haben. Solche majestätische Lehrgebäude sind bewundernswert wie ein Bild Leonardos oder eine Fuge Bachs. Man ergeht sich darin wie in einem französischen Garten. Ihrer Vorgehensweise bewusst, stolz auf ihre Vergangenheit, der Zukunft sicher, schreitet die Tagwissenschaft ruhm- und glanzumwoben voran.

Die Nachtwissenschaft hingegen ist ein blindes Irren. Sie zögert, stolpert, stößt an, kommt ins Schwitzen, schreckt auf. An allem zweifelnd, sucht sie sich, befragt sich, setzt unaufhörlich neu an. Sie ist eine Art Werkstätte des Möglichen, in welcher der künftige Baustoff der Wissenschaft ausgearbeitet wird. In der die Hypothesen bloße Ahnungen, dunkle Vorgefühle bleiben. In der die Phänomene erst Einzelerscheinungen sind, unter sich durch nichts verbunden. In der die Entwürfe für Versuchsreihen noch nicht richtig gereift sind. In der das Denken verschlungene Wege geht, windungsreiche Sträßchen, die sich meist als Sackgassen herausstellen. Dem Zufall ausgeliefert, irrt das Denken durch ein Labyrinth, in einer Flut von Hinweisen, auf der Suche nach einem Zeichen, einem Wink, einem unerwarteten Begegnis. Es kreist wie ein Gefangener in einer Zelle, sucht einen Ausgang, einen Lichtschein. Ohne je zum Einhalt zu kommen, schöpft es Hoffnung und wird wieder enttäuscht, gerät von äußerster Erregung erneut in tiefe Melancholie. Nichts lässt darauf schließen, dass die Nachtwissenschaft je das Tagstadium erreichen, dass der Gefangene je aus dem Schatten treten wird. Und geschieht es doch, dann ganz unwillkürlich: ein Zufall. Unvermutet, gleichsam eine Urerzeugung. Irgendwo, irgendwann, wie wenn der Blitz einschlägt. Der Geist wird in diesem Falle nicht durch die Logik geleitet, sondern durch Instinkt, Intuition. Durch das Bedürfnis klar zu sehen. Lebensgier. In dem nicht abreißenden inneren Dialog, unter den unzähligen Vermutungen, Vergleichen, Kombinationen, Assoziationen, die das Denken unaufhörlich beschäftigen, zerreißt zuweilen ein Feuerschein das Dunkel. Taucht plötzlich einen Horizont in blendendes, erschreckendes Licht, stärker als tausend Sonnen. Nach dem ersten Schock beginnt ein hartes Ringen mit den Denkgewohnheiten. Mit dem Begriffskomplex, der unsere Gedankengänge festlegt. Noch rechtfertigt nichts die Annahme, dass die neue Hypothese über ihre Urform des grobschlächtigen Entwurfs hinauskommen und ausgefeilt, vervollkommnet werden wird. Ob sie der Überprüfung durch die Logik standhalten wird. Ob sie von der Tagwissenschaft aufgenommen werden wird.

Quelle: Die innere Statue. Autobiografie des Genbiologen und Nobelpreisträgers

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