Morgenland und Abendland: Zwischen Euphrat und Tigris

Von Ralf Keuper

Die sehenswerte arte-Dokumentation Zwischen Euphrat und Tigris aus der Serie Morgenland und Abendland macht die enge Verbindung und den intensiven kulturellen Austausch zwischen dem Morgen- und dem Abendland sichtbar. Das Zentrum der damaligen zivilisierten Welt war die Region zwischen Euphrat und Tigris, die weitgehend mit Mesopotamien und dem sog. Fruchtbaren Halbmond identisch ist. Der Film berichtet auch über die Entdeckung der Tempelanlage von Göbekli Tepe, die vor mehr als 10.000 Jahren errichtet wurde, und die mit der bis dahin als gesichert geltenden Ansicht aufräumte, die ersten Siedlungen seien erst sehr viel später entstanden. Die Forscher konnten dort Anlagen freilegen, die auf eine hohe Kunstfertigkeit der Handwerker oder Künstler schließen lassen, was wiederum auf eine komplexe arbeitsteilige Gesellschaft hin deutet. 

Der Kulturtransfer verlief über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende von Ost nach West, bis die Griechen eine eigene Kultur entwickelten, die für uns im Westen noch heute in vielen Bereichen des täglichen Lebens maßgeblich ist. Was der Film allerdings nicht oder nur unzureichend erwähnt, ist, dass die älteste Schrift, die Vinča-Zeichen, in Südosteuropa, der sog. Donauzivilisation, entstand, wie Harald Haarmann in Die Geschichte der Schrift betont. Mesopotamien folgte später.

Haarmann schreibt:

Bis heute ist der Mythos lebendig geblieben, wonach die älteste Schrift der Menschheit in Mesopotamien entstanden sei: das altsumerische Schriftsystem, das piktografische Symbole verwendet. In der Tat stammen die ältesten unscheinbaren Tontäfelchen mit Warenlisten und Aufrechnungen in Mesopotamien aus der Zeit um 3.200 v. Chr.

In den letzten Jahrzehnten sind nun aber weitaus ältere Schriftfunde bekannt geworden, und die stammen aus Ägypten und Europa.

Haarmanns These ist in der Wissenschaft nicht unumstritten, zeigt aber, dass die Entwicklung der Zivilisation vielschichtiger verlaufen ist, als bisher angenommen. Unbestreitbar aber ist der große Einfluss, den das Morgenland auf die Kultur im Abendland für lange Zeit ausgeübt hat.

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