Sind „Berufsbilder“ noch zeitgemäß?

Von Ralf Keuper
In einem Interview mit der SZ von diesem Wochenende („Das gefährdet die Identität des Menschen“) äußert der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Robert Shiller, seine Sorge darüber, dass die fortschreitende Digitalisierung und die Verbreitung von Verfahren künstlicher Intelligenz im Arbeitsalltag den Beruf in seiner Funktion als Stabilitätsanker im Leben der Menschen überflüssig machen könnte. 
Früher war es doch so: Wer einen bestimmten Beruf gewählt hat, zum Beispiel Lehrer oder Übersetzer, der konnte davon ausgehen, dass er diesen Beruf sein ganzes Leben lang ausüben kann. Man musste sich keine Sorgen machen. Aber braucht man in 20 Jahren all die Lehrer und Übersetzer noch? Oder gibt es stattdessen dafür digitale Maschinen? Wenn erlerntes Wissen massenhaft entwertet wird, gefährdet das die Identität des Menschen. Denn sein ganzes Selbstwertgefühl beruht ja darauf, dass er etwas kann. Dieses Selbstwertgefühl ist nun gefährdet.
Wir lassen es mal dahin gestellt, ob das Bild vom Beruf, wie es Shiller zeichnet, den Realitäten in den „goldenen Zeiten“ entsprochen hat, und ob der Beruf die einzige Quelle des Selbstwertgefühls ist. Bezogen auf das Wissen erscheinen mir die Gedanken eines anderen Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften, Herbert A. Simon, inspirierender:

Der Wunsch nach Flexibilität wird (oder sollte) uns zu Investitionen in Strukturen mit mehrfacher Verwendbarkeit dirigieren und zur Investition in ein Wissen, das fundamental genug ist, um nicht so bald aus der Mode zu kommen – ein Wissen, das selbst die Grundlage für eine fortlaufende Adaption an die sich verändernde Umwelt sein könnte (in: Die Wissenschaft vom Künstlichen)

Auch die Lösung, die Shiller anbietet, vermag mich nicht zu überzeugen. So schwebt ihm die Einrichtung einer privaten Versicherung gegen Berufsunfähigkeit als Folge der Auflösung des ausgeübten Berufes und der Entwertung des damit verbundenen Wissenstands vor. 

Das soll es sein?
Da erscheint mit die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, wie es selbst Milton Friedman (als negative Einkommenssteuer) anregte, weitaus besser geeignet.

Ob man nun im Gegenzug die Digitalisierung als Chance im Sinne von Stephan Dörner begreifen kann bzw. muss, ist damit nicht automatisch gesagt. Jedoch wirft sein Beitrag Die Digitalisierung macht uns arbeitslos – zum Glück! [Kolumne] ein anderes Licht auf das Thema.

Auch in der Vergangenheit sind zahlreiche Berufe verschwunden, wie sich u.a. dem Artikel Sterbende und ausgestorbene Berufe entnehmen lässt. 


Update

Richard Sennett äußert in einem aktuellen Interview ähnliche Bedenken wie Shiller. 

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