Über Mythologien

Von Ralf Keuper

Seit einigen Jahrtausenden helfen Mythen den Menschen dabei, die Stellung ihrer Kultur, ihres Stammes oder Volkes im Kosmos einzuordnen. Schöpfungsmythen sind in Naturvölkern weit verbreitet, wie bei den Hopis oder in der Traumzeit der australischen Aborigines. Unter den europäischen Mythologien sticht besonders die der alten Griechen hervor. Viele Mythen und Sagen wurden fester Bestandteil der Literatur eines Kulturraumes, wie die Epen Homers.

Was den Beitrag der Mythen für die Sinnstiftung heutiger Gesellschaften anbelangt, gehen die Meinungen z.T. weit auseinander. Für Karl R. Popper dienen Mythen dazu, geschlossene, totalitäre Gesellschaften zu errichten, die Einflüssen von außerhalb ablehnend bis feindlich gegenüberstehen, da sie die Ordnung der Gemeinschaft und ihre auf den Überlieferungen beruhenden Überzeugungen herausfordern. Kurzum, Mythen tendieren dazu, gegen rationale Kritik unempfindlich zu sein. In diesem Punkt stimmt Jürgen Habermas mit Popper weitgehend überein. Kulturelle Überlieferungen müssen ihre z.T. verborgenen Geltungsansprüche einem öffentlichen Diskurs zugänglich machen. Leszek Kolakoswki räumte ein, dass Mythen mit modernen Zivilisationen zusammengehen können, sofern sie

die jeweiligen Situationen nicht präjudizieren, sondern sie situationsbezogen zu interpretieren gestatten. (in: Leben trotz Geschichte)

Für Karl Kerényi und Joseph Campbell besteht der Wert der Mythen für die heutige Zeit, in der die Religionen an Akzeptanz verlieren, zumindest in der westlichen Welt, in ihrer Fähigkeit Orientierung zu geben und Sinn zu stiften. Dabei kommt den Mythen ihr universeller Charakter zu Gute, d.h. ihre Geschichten kreisen meistens um dieselben Gegenstände und Fragen, wie bei den Schöpfungsmythen oder den Heldensagen.
Kerényi fasste das Wesen der Mythen in die Worte:

Das Zurückgehen auf den Ursprung und Urzeit ist der Grundzug jeder Mythologie. .. Alle Institutionen mythologischer Zeitalter schöpfen ihre Verklärung und Begründung, das heißt ihre Heiligung durch ein Ursprungsmythologem, aus dem gemeinsamen göttlichen Ursprung des Lebens, dessen Formen sie sind. (in: Humanistische Seelenforschung)

Aussagen wie diese lassen (zwangsläufig) großen Interpretationsspielraum und laden zur Ideologisierung ein. Nicht selten geraten Mythenforscher daher auch auf Abwege wie Mircea Eliade.

Alles in allem ist mir die Sicht von Kolakowski am nächsten.

Weitere Informationen:

Hans Blumenberg: Keine Politik ohne Mythos

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2 Kommentare zu Über Mythologien

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

  2. Das ist ein sehr interessanter Artikel! Popper, aber auch der späte Cassirer machen sicher nicht zu Unrecht auf die großen Gefahren des Mythos aufmerksam. Denn der Mythos argumentiert nicht, er setzt. Das muss allerdings nicht zwangsläufig bedeuten, dass der Mythos dogamtisch ist. Hans Blumenberg schreibt sogar von einer "Antithetik von Mythos und Dogma", so heißt es: "Der Mythos hat freche und satirische Übersteigerungen seiner Widersprüche hervorgerufen. Eine Buchreligion erzeugt das Gegenteil: den Übergang zur abstrakten Begrifflichkeit als Vermeidungsform der historisch-anschaulich entstandenen Schwierigkeiten." (Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos, S. 241) Das Dogma bestehe in "Festgeschriebenheit", der Mythos jedoch kennzeichne sich wesentlich durch "variable Schriftentbundenheit".

    Philip Ohnruh

    http://www.phil-o.de

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