„Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert“ von James Webb

Von Ralf Keuper

Die Vernunft hat derzeit keinen leichten Stand – Schlagwörter bzw. Begriffe wie Fake News, Verschwörungstheorien oder Postfaktisch sind dafür Indizien. Angesichts dessen könnte man zu dem Schluss kommen, dass wir in einem Zeitalter des Irrationalen leben. Die Vernunft befindet sich auf der Flucht – so argumentiert James Webb in seinem Buch Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert.

Ausgangsthese:

Im gegenwärtigen Jahrhundert existieren sowohl physische als auch intellektuelle Konflikte, die es hinsichtlich des vergossenen Blutes und er verspritzten Tinte mit jenen der vergangenen Jahrhunderte aufnehmen können. Die Historiker der Zukunft werden entscheiden müssen, ob sich die Bedeutung der offensichtlicheren Ausbrüche dieser Konflikte in sich selbst erschöpft, oder ob sie Aspekte eines größeren Prozesses sind, der sie alle miteinander in Beziehung bringt. Das vorliegende Buch unternimmt den Versuch, dem Urteil der Geschichte vorzugreifen, indem es die Behauptung aufstellt, dass eine der größten Schlachten, die im zwanzigsten Jahrhundert geschlagen wurden, die zwischen den Mächten des Rationalismus und jenen der Vernunftlosigkeit war. Das Schlachtfeld ist nicht klar umgrenzt, die Waffen sind unhandlich, und der Ausgang ist unsicher.

In der Tat war es so, dass sich nach dem 1.Weltkrieg ein Denkart durchzusetzen begann, die den Rationalismus ablehnte, wie bei Heidegger oder, noch extremer, bei Alfred Rosenberg.

Gordon Craig schreibt dazu:

Zu der Flut neuer Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung in den ersten Tagen nach Hitlers Machtantritt, den sogenannten „Märzgefallenen – gehörte auch die Mehrzahl der Lehrstuhlinhaber und Intellektuellen, und diese Leute trieben den professoralen Stil in dem Bemühen, das neue Regime zu rechtfertigen und es als in Deutschlands Geschichte und kultureller Tradition wurzelnd darzustellen, auf neue Höhen der Komplexität. Bei dieser Übung spielte der Philosoph Martin Heidegger eine Starrolle, indem er verkündete, Hitler und das deutsche Volk seien durch Fügung aneinander gebunden und „geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags, der das Schicksal des deutschen Volkes in das Gepräge seiner Geschichte zwingt“. … Alfred Rosenberg, der Philosoph der Bewegung wetterte gegen Leute, die „auf rein logischem Wege (fortschreiten), indem sie von Axiomen des Verstandes weiter und weiter schließen“. Man musste den „ganzen blutlosen intellektualistischen Schutthaufen rein schematischer Systeme loswerden“. Damit war Hitler sehr einverstanden. Seiner Ansicht nach war es nicht Pflicht guter Deutscher, Situationen zu analysieren und dann überlegt zu handeln. Sie sollten „fühlen“, „die Stimme des Blutes hören“, den „Schicksalsrausch“ empfinden (ein von Heidegger geprägter Begriff) und dann mit „Härte und „Fanatismus“ handeln, wie ihr Führer es befahl. (in: Über die Deutschen)

Bei seiner Ansprache während der Bücherverbrennung 1933 sagte Joseph Göbbels:

Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist zu Ende gegangen, und die deutsche Revolution hat dem deutschen Wesen wieder die Gasse freigemacht. Diese Revolution kam nicht von oben, sie ist von unten hervorgebrochen. Sie ist deshalb im besten Sinne des Wortes der Vollzug des Volkswillens.

Für Webb befand sich die Vernunft im 20. Jahrhundert auf der ständigen Flucht:

Unsere gegenwärtige Lage ist zum Teil das Ergebnis einer historischen Entwicklung, die ich „die Flucht vor der Vernunft“ genannt habe und die sich während des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Gedanken- und Gesellschaftsmodelle entwickelt hat, die aus dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts hervorgingen. Sozialer und ökonomischer Wandel erzeugten Angst sowohl in den Klassen, die von den weitreichenden Veränderungen in der Gesellschaft profitierten, als auch in jenen, die zu der Verlierern gehörten.

Dennoch ist die Bestimmung des genauen Zeitpunkts schwierig:

Die Flucht vor der Vernunft lässt sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen. Aber man kann sagen, dass von der Niederlage Napoleons bis zum gewaltigen Ausbruch von 1848 der neue Irrationalismus seine ersten Siege feierte. Die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erlebte dann einen schrittweisen Anstieg des Irrationalen, bis es in den Jahren um 1890 zu einer deutlich wahrnehmbaren Hysterie wurde. Es ist sicher, dass es solche Prozesse auch schon früher gegeben hatte und dass sie noch immer ablaufen. Was die Psychologen damals einfach als „Angst“ bezeichneten, ist nun als „Zukunftsschock“ bekannt, der von seinem Entdecker definiert wird, als „das schwindelerregende Gefühl, das durch das vorzeitige Eintreten der Zukunft hervorgerufen wird“. Dieser Ausdruck zeitgenössischer Angst kann genauso für die Bewusstseinskrise des 19. Jahrhunderts wie für die unserer Tage stehen.

Das Treiben auf den Finanzmärkten ist für den Wirtschaftsnobelpreisträger Robert S. Shiller Beispiel für den Irrationalen Überschwang, der in der Finanzkrise 2007/2008 seinen (vorläufigen) Höhepunkt erreichte. Momentan bewegt sich der Kurswert der Digitalen Währung Bitcoin in astronomische Höhen, obwohl über die Währung kaum Transaktionen abgewickelt werden. Einige Beobachter sehen deutliche Parallelen zur Tulpenmanie im 17. Jahrhundert (Vgl. dazu: Bitcoin und Krypto: Tulpenmanie reloaded).

Weitere Informationen:

Wir treffen viele harmlose Spinner – Seelen ohne Rückfahrkarten: Der Historiker James Webb führt durch die Welt des Irrationalen

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