Die neue Lust am eigenen Denken | Gerald Hüther im Gespräch

Von Ralf Keuper
Für den bekannten Hirnforscher Gerald Hüther haben die bildgebenden Verfahren das Weltbild vieler seiner Berufskollegen erschüttert. Bis in die 1980er Jahre war es Konsens, dass sich das Gehirn ab einem bestimmten Lebensalter seines Trägers nicht mehr verändern lässt. Heute weiss man, dass das Gehirn bis ins hohe Alter neue Verbindungen, neue Verschaltungsmuster herstellen kann. Was ich mit Hingabe und Freude verrichten, lernen kann, führt zu einer Aktivierung der emotionalen Zentren im Gehirn und damit zur Bildung neuer Verschaltungsmuster. Lernen ist daher keine Anstrengung. Das Gehirn ist auch kein Muskel, der trainiert werden muss, und auch kein Computer. Wichtig ist vielmehr, welches Gefühl eine Tätigkeit in einem erzeugt. 

Ebenso überholt ist die Vorstellung, genetische Programme würden uns steuern oder es gäbe egoistische Gene. Die Hirnprozesse können nicht von Genen gesteuert werden, zumal ihre Anzahl mit 30.000 beim Menschen dafür zu gering ist.

In den letzten Jahren hat sich die Vorstellung durchgesetzt bzw. verbreitet, wonach das Gehirn als sich selbst organisierendes System interpretiert wird. Das widerspricht der deterministischen Sichtweise einiger Hirn- und Genforscher. 
Nach Meinung von Hüther glauben wir oft das, was uns nützt, oder von dem wir glauben, das es uns nützt. Davon betroffen sind auch Universitätsprofessoren. 
Die Diskussion um den Freien Willen hält Hüther für verfehlt. Statt die Milisekunden zu messen, die einer bewussten Entscheidung vorausgehen, wäre seiner Ansicht nach angemessener, den Willen existenziell zu interpretieren, wofür Viktor Frankl und seine Erlebnisse im KZ Auschwitz exemplarisch sind. 
Das Gehirn kann nicht getrennt von dem betrachtet werden, wozu es in Beziehung steht, vor allem mit dem eigenen Körper. 
Das Problem unserer Zeit, so Hüther, ist, dass wir uns gegenseitig die Lust am Denken vermiesen. Wie schaffen wir es, dass wir die Lust am Denken verlieren? Was könnten wir dagegen unternehmen? Auf alle Fälle sollten wir uns nicht gegenseitig wie Objekte betrachten. so Hüther. 
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