Archipelisches Denken (Édouard Glissant)

Von Ralf Keuper
Der aus der Karibik stammende Schriftsteller, Philosoph und Essayist Édouard Glissant wurde einer breiteren Öffentlichkeit besonders durch sein Konzept der Kreolisierung bekannt. Eingebürgert hat sich dafür auch der Begriff des „Archipelischen Denkens“. 
Was sich dahinter verbirgt hat Marsha Pierce in Die Welt als Archipel einprägsam formuliert:

Für Glissant ist die Insel eine Metapher für die Neuformulierung unseres Raumdenkens – sie steht sinngemäß für das Verständnis von Raum als etwas Grenzenlosem. Konzeptionell ist die Insel also nicht eine fixe, losgelöste, isolierte Einheit, sondern steht vielmehr in zweifachen Abweichungs- und Umkehrungsprozessen: Sie streckt sich unbegrenzt in verschiedene Beziehungsrichtungen nach außen aus, zugleich kehrt sie sich zur Hinterfragung des eigenen Selbst und der Selbsterkenntnis nach innen. Das ist Glissants Vorstellung von archipelischem Denken: die Fähigkeit, die Insel zu sehen und sich zugleich ihrer Verbindung zu etwas wesentlich Größerem bewusst zu sein, der Beziehung zu einer Gruppe von Inseln, als Bindeglied zu einem Archipel. Es handelt sich um eine Philosophie, bei der man sich simultan des Hier und Dort, des Nah und Fern intensiv bewusst ist und sich damit verbunden fühlt. Archipelisches Denken öffnet uns alle Meere und jeden Ort. Wir können uns beispielsweise in Lexika definierte Inseln wie Barbados, Tobago, St. Lucia, Jamaica und Kuba als Teil des karibischen Archipels vorstellen, wir können aber auch ihre Beziehungen zu einem weiträumigeren, theoretischen Archipel betrachten, das Uganda, Deutschland, Neuseeland, Thailand, Argentinien, Hawaii, China und Kanada einschließt.

Konträr zur archipelischen verhielt sich für Glissant die kontinentale Art des Denkens:

Glissant unterscheidet zwischen einer myopischen, kurzsichtigen, beziehungsweise kontinentalen Art des Denkens, wie er es nennt, das sich „seiner selbst sicher“ ist, und einem archipelischen Denken, das ein „zitterndes Denken“ darstellt, das sich „seiner selbst nicht sicher“ ist. Was er dabei aufzeigt, ist die Fähigkeit des archipelischen Denkens, eine dynamische Existenz zu schaffen, in der die Antwort auf die Frage, wer wir sind, zu keinem Zeitpunkt absolut, abgeschlossen, gewiss oder „sicher“ ist. Es wird vielmehr durch das zufällige Zusammentreffen disparater Elemente ständig neu geschaffen, stets geformt in Beziehungen zu unseren Nachbarn – in unseren Interaktionen mit anderen Inseln.

Das archipelische Denken hat für Glissant noch weitere Vorzüge:

Archipelisches Denken ermöglicht das unvorhersehbare Entstehen von Identitäten, die äußerst ausgreifend und verflochten sind – wie ein Wurzelwerk. Mit Glissants Worten: „Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass, wenn ich meine eigene Identität ändern kann, indem ich sie mit einer anderen austausche, dies nicht bedeutet, dass ich als identifizierbare Person verschwinden werde. Es bedeutet nicht, dass mich ein großes Loch verschluckt. Es bedeutet nicht, dass ich in der Luft hänge. Es bedeutet nicht, dass ich mich in ein unverständliches Fantasiegebilde auflösen werde. Wir sollten uns an die Vorstellung gewöhnen, dass die Identitäten von Menschen in unserer heutigen Zeit tatsächlich Beziehungsidentitäten sind – ich nenne sie rhizomatische Identitäten, also die Wurzel, die sich in den Boden gräbt und zugleich ihre Zweige nach allen Seiten zu anderen Wurzeln ausstreckt.“

Die Besonderheit von Glissants Denken und Schreiben fasste der Tagesspiegel anlässlich des Todes des Schriftstellers vor gut vier Jahren in folgende Worte:

Glissants Texte zielen nicht auf ein abgeschlossenes Denksystem. Das Offene seines Werks fordert den Leser heraus, weil es ungewöhnliche Verbindungslinien aufzeigt. Eine pittoreske oder naturalistische Karibikliteratur war seine Sache nicht, vielmehr unterhielt er eine fließende Beziehung zum Text à la William Faulkner, dem er einen Essay widmete. Damit setzt er der das Fremde vermessen wollenden europäischen Tradition eine karibische Poetik der Vielstimmigkeit und der Gleichzeitigkeit verschiedener Zweitebenen entgegen. Die Undurchdringlichkeit des Anderen, das Nicht-Erklärbare, ist etwas Positives, so lautet eine seiner Thesen gegen die falsche Klarheit universalistischer Modelle im aktuellen Dokumentarfilm „Édouard Glissant: Un monde en relation“ des New Yorker Regisseurs Manthia Diawara. 

Der Band Kreolisierung revisited: Debatten um ein weltweites Kulturkonzept beschäftigt sich kritisch mit Aktualität der Kreolisierung nach Glissant u.a. . 
Wer sich darüber hinaus für die Besonderheiten der Karibik interessiert, sei auf das Buch Der Baum des Reisenden. Eine Fahrt durch die Karibik von Patrick Leigh Fermor hingewiesen. 
Weitere Informationen:

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