Ist die technische Zivilisation zum Verfall bestimmt? (Jan Patočka)

Zwar ist es wahr, dass diese Zivilisation das große innere Problem des Menschen – und zugleich ihr eigenes Problem – nicht gelöst hat, nämlich das Problem, nicht bloß zu leben, sondern echt menschlich zu leben, wie es die Geschichte mehr als einmal als Möglichkeit aufgezeigt hat. Die technische Zivilisation hat die Lösung dieses Problems sogar noch erschwert, denn in ihr ist die Möglichkeit einer Beziehung des Menschen zu sich selbst und damit zugleich zur Welt insgesamt und ihrem wesentlichen Geheimnis nicht vorgesehen. Ihre Konzepte verflachen das Denken, sie gewöhnen das Denken im tiefen, grundsätzlichen Sinne ab. Die technische Zivilisation bietet da Surrogate, wo wird des Echten bedürfen. .. Sie erschafft das Konzept einer Kraft, die allbherrschend ist, sie mobilisiert die gesamte Wirklichkeit zur Freisetzung der gebundenen Kräfte, zu einer sich in Konflikten von planetarischem Ausmaßen verwirklichenden Herrschaft der “Kraft”. Der Mensch ist so äußerlich zugrunde gerichtet und innerlich verelendet, er ist um sein “Selbst” gebracht, um sein durch nichts ersetzbares Ich, er wird identifiziert mit der Rolle, die er spielt.

Auf der anderen Seite ist es aber ebenso wahr, dass diese Zivilisation ermöglicht, was keine vor ihr bieten konnte: ein Leben ohne Gewalt und in weitgehender Chancengleichheit. Nicht dass diese Zielstellung je ganz eingelöst worden wäre. Doch erst die technische Wissenschaft hat dem Menschen die Mittel an die Hand gegeben, die äußere Not zu bekämpfen. Nicht dass sich dieser Kampf gegen die äußere Not auf gesellschaftlichem Wege und mit den Mitteln, welche die technische Zivilisation zur Verfügung stellt, gewinnen ließe. Auch der Kampf gegen die “äußere” Not ist ein “innerer” Kampf. Aber die entscheidende Chance, die sich mit unserer Zivilisation eröffnet, besteht in der sich erstmals in der Geschichte bietenden “Möglichkeit”, die Herrschaft der Kontingenz abzulösen durch die Herrschaft derer, die verstehen, worum es in der Geschichte geht.

Quelle: Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte

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