Moderne Erziehung: Zwischen Trivialisierung und Unterwerfung

Von Ralf Keuper
Die Frage, ob und inwieweit die Erziehung dazu beiträgt, die Entfaltung der Persönlichkeit zu fördern oder zu verhindern, beschäftigt die Gelehrten seit Jahrtausenden; erinnert sei nur an die Gedanken von Sokrates zu dem Thema. Später beschäftigen sich vor allem Literaten mit dem modernen Erziehungswesen, unter dem sie häufig selber gelitten haben, wie Hermann Hesse in seinen Erzählungen und Romanen, vor allem wohl in Unterm Rad; weiterhin Robert Musil in Die Verwirrung des Zöglings Törleß. Unter den Philosophen sticht Jacques Rousseau mit seinem Hauptwerk Emile oder über die Erziehung hervor. 
In dem Essay Erziehung als Trivialisierung von Zöglingen. Unterwerfungsrituale in der Schule untersucht Steven Sello die Höhen und Tiefen der modernen Erziehung unter Rückgriff auf die Theorien und Schriften von Niklas Luhmann und Michel Foucault
Seine These: 

Die leitende Fragestellung für diesen Essay ist, inwiefern ein spezifisches Sozialisations- oder Erziehungsprogramm erforderlich ist, um einer Organisation beizutreten und die jeweiligen Organisationsprogramme auszuführen. Daran anknüpfend stelle ich die These auf, dass schulische Sozialisation durch das jahrelange Absolvieren von Zwangs- und Unterwerfungsritualen vor allem die Fähigkeit trainiert, Mitglied in einer der typischen Organisationen der Gesellschaft zu sein.

Weiterhin: 

Die Fragestellung, die ich dabei verfolge, lautet: Ist ein spezifisches Sozialisations- oder Erziehungsprogramm erforderlich, um als Person per „freiwilliger Entscheidung“ einer Organisation beizutreten und die Erwartungen zu erfüllen, die an die Mitgliedschaftsrolle geknüpft sind? Die schulische Sozialisation, so meine These, trainiert vor allem und in erster Linie die Fähigkeit, Mitglied einer Organisation zu sein – oder, noch weiter zugespitzt: Durch das jahrelange Absolvieren von Zwangs- und Unterwerfungsritualen wird die Fähigkeit zur „freiwilligen Unterwerfung“ antrainiert, mithin die Fähigkeit Mitglied in einer der typischen Organisationen der Gesellschaft zu sein. Ein anderes Wort für „freiwillige Unterwerfung“ ist Selbstzwang, welcher durch Disziplintechniken erzeugt wird. Darauf komme ich weiter unten zu sprechen.

Und: 

Im Anschluss an diese Überlegungen lässt sich das Argument formulieren, dass das Erziehungssystem die gesellschaftliche Funktion hat, Personen als Bündel von Erwartungen, das heißt als Pakete vorhersehbarer Handlungen bzw. vorhersehbarer Entscheidungen, zu verschnüren.

Ein wesentliches Merkmal der Erziehung besteht für Luhmann in der Trivialisierung:

Triviale Maschinen sind solche, „die auf einen bestimmten Input mit Hilfe einer eingebauten Funktion (der ‚Maschine‘) einen bestimmten Output produzieren“ (Luhmann 2002: 77). Mit Luhmann kann man sagen, dass „Erziehung zu richtigem Wissen und richtigem Verhalten zu einer Trivialisierung der Zöglinge führt“ (ebd.). Das zeigt sich besonders in der Prüfungssituation: „Der Lehrer bzw. Prüfer stellt eine Frage, obwohl er die Antwort schon weiß“ (ebd.: 78). …

Selbstverständlich, darauf weist auch Luhmann hin, werden Menschen deshalb nicht zu trivialen Maschinen, aber sie lernen zu erkennen, wann es angebracht ist, sich wie ein triviales System zu verhalten (ebd.: 78). Typischerweise gelingt es trotz Konditionierung „die innere Souveränität“ der Wahl zu behalten (ebd.).

Im Vergleich dazu die Position von Michael Foucault:

Michel Foucault hat sich eingehend damit beschäftigt, wie Zustände – also Haltungen, Verhaltensweisen und Bereitschaften von Schüler_innen – erzeugt werden, die nichts mit dem Unterrichtsinhalt zu tun haben, sondern mit der Art des Unterrichtens und mit Verhaltensregeln im Schulalltag. Mit Foucault wird es möglich die dahinterliegenden Strukturen zu erkennen und einen Blick auf die nicht-offiziellen Aufgaben und Funktionen von Schule zu werfen (Kupfer 2010: 67). 

In seinem Forschungsansatz der Genealogie der Macht geht es Foucault darum, die Machtpraktiken freizulegen, auf denen das beruht, was in einer Gesellschaft für wahr gehalten, als richtig erachtet und als erstrebenswert angesehen wird. Das gesellschaftliche Wissen wird von Foucault als Macht-Wissen analysiert (Rosa et al. 2007: 285). Die Schule spielt dabei eine wichtige Rolle, da sie als Institution zur Verbreitung einer neuen Macht-Wissen-Konstellation beitrug, die bis heute die Gesellschaft prägt (Kupfer 2010: 69).

Bei aller Erklärungskraft der Systemtheorie, sind einige Defizite nicht zu übersehen: 

Systemtheoretisch ausgedrückt findet Ermöglichung dadurch statt, dass sich Personen gemäß bekannten Erwartungen verhalten. Je mehr dies in geregelter Weise geschieht, je genauer Verhalten antizipiert werden kann, desto mehr Personen können kooperieren, das heißt für soziale Systeme ist höhere Komplexität möglich. Dies geschieht dadurch, dass auf der Ebene der Personen Ungewissheit reduziert wird. Dazu, warum Befehle bei Personen Gehorsam finden und wie Personen (psychisch) damit zu Recht kommen, kann die Theorie sozialer Systeme allerdings nicht viel beitragen.

Foucault dagegen sah die Fähigkeit zur Integration nicht so entspannt wie Luhmann, insbesondere mit Blick auf die Konsequenzen für das „disziplinierte Subjekt“. 

Deutlich wird allerdings auch der hohe Preis, den die Gesellschaft und die Subjekte für diese Art von Integration bezahlen. Nach Foucaults Einschätzung erzeugt die Schule „Zustände des Gehorsams, der Angst, der Demütigung und der Abstumpfung“ (Kupfer 2010: 78). Das bewirkt „konformes, ritualisiertes und unkreatives Handeln“ (ebd.) – und zwar systematisch.

Als Alternative zu einer Erziehung durch Zwang schlägt Sello vor: 

Notwendig wäre dafür ein mentaler Wandel von Institutionen, die bisher vor allem den Aspekt der Unvollständigkeit und Hilfsbedürftigkeit betonen, also von einer Unzulänglichkeit von Kindern ausgehen. Das heißt nicht einen romantisch verklärten Blick auf Kinder als von Natur aus gute und weise Menschen einzuführen. Es genügt davon auszugehen, dass Kinder von sich aus einen starken Antrieb haben, sich die Werte, das Wissen und die Fähigkeiten der Kultur, in die sie hineinwachsen, anzueignen.

Nun hat es in der jüngeren Vergangenheit nicht an Versuchen gefehlt, die Vorstellungen einer Erziehung ohne Zwang umzusetzen, wie in der Laborschule Bielefeld unter Hartmut von Hentig
Über die Grenzen der Systemtheorie im Bereich Erziehung schreibt Eckhard Meinberg:

Das Menschenbild der Systemtheorie kann sich ebenso wenig wie alle anderen, die mit der „sozialwissenschaftlichen Wende“ in die moderne Erziehungswissenschaft eingeschleust wurden, von bestimmten konventionellen Auffassungen über das Menschsein emanzipieren. Mit den anderen teilt es z.B. die Eindimensionalität, die durch die Dominanz des Systembegriffs entsteht und die u.a. auch den Ausschluss der praktisch-moralischen Rationalität betreibt. Der ganze Bereich der Normativen wird ausgesperrt. Der Systemmensch, der sich in großer Könnerschaft auf Reduktionssteigerungen verlegen muss, klammert den moralischen Sektor aus; nichts gilt ihm die Geltung, sein Herz bleibt kalt. Er nimmt hin, was ist, utopische Höhenflüge sind seine Sache nicht, im Funktionalen geht er auf und setzt unbedingte Neutralität voraus (in: Das Menschenbild der modernen Erziehungswissenschaft). 

Über die Grenzen des Strukturalismus und dessen Gemeinsamkeiten mit Luhmanns Systemtheorie merkt Meinberg an:

Hier soll nur eine Gemeinsamkeit mit Luhmann notiert werden: die Abkehr vom Humanismus und die Liquidierung des „bürgerlichen“ Subjekts. Lévi Strauss spricht vom „Tode des Subjekts“, der französische Psychologe Lacan meint: „Der Mensch, das Subjekt, sie verschwinden“, und Foucault bekennt sich zu diesem Glauben: „Man entdeckt, dass das, was den Menschen möglich macht, ein Ensemble von Strukturen ist, die er denken und beschreiben konnte, deren Subjekt, deren souveränes Bewusstsein er jedoch nicht ist“. Diese Reduktion des Menschen auf die ihn umgebenden Strukturen scheint mir charakteristisch für das gegenwärtige Denken, sowie ein ihr inhärentes Bild vom Menschen, das die zeitgenössische Erziehungswissenschaft zwar noch nicht auf breiter Ebene erreicht hat, aber in Luhmanns Systemtheorie erkennbar wird (ebd.).

Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, ob Theorien und Ansätze, die das Subjekt verneinen, wirklich dafür geeignet sind, konformistischem und unkreativem Verhalten vorzubeugen und die Erziehung und die dafür zuständigen Institutionen so zu verändern, dass sich die Zöglinge die Welt eigenständig aneignen können.
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