Friedrich Wilhelm Schelling – Philosoph zwischen Idealismus und Romantik

Von Ralf Keuper

Nach Aussage einiger Zeitgenossen war Friedrich Wilhelm Schelling ein zutiefst widersprüchlicher Charakter. In Vorlesungen ausgesprochen offen und lebhaft, war er privat verschlossen. Zuneigung  konnte schnell in Abneigung umschlagen, wie bei seiner Freundschaft mit Hegel, den er während ihrer gemeinsamen Schulzeit am Tübinger Stift kennenlernte. Dort drückte in etwa zur selben Zeit auch Hölderlin die Schulbank.

Schelling ging es in seiner Philosophie, wie es in einem Audiobeitrag aus der Reihe Die Philosophische Hintertreppe heisst, um das Absolute, das Unbedingte, das Ewige in uns – die intellektuelle Anschauung. In uns allen wohnt demnach ein Vermögen, das uns den Rückzug in unser innerstes Selbst gestattet. Das, was wir dort erblicken, ist mehr als wir selbst – das Absolute, das Göttliche.

Wer die Wirklichkeit im Ganzen begreifen will, muss sich in deren Grund versetzten. Hierfür muss der Philosophierende alles gleichsam aus dem Blickpunkt Gottes betrachten.  Alles Getrennte ist im Grunde Eines.

Schelling verwarf den Gott der Kirche und sprach stattdessen vom unendlichen Leben. Größeren Einfluss hatte Schelling mit seiner Naturphilosophie. Erst die Polaritäten verleihen der Natur Wirklichkeit. Das Werden in der Natur geht auf den Geist zu, weshalb das höchste Naturprodukt der Geist ist. Der Geist überschreitet die Natur und bringt das, was in ihr angelegt ist,  zur Vollendung. Im Geist waltet für Schelling die schaffende Gottheit. In allen Naturgeschehen ist die Gottheit anwesend, die Natur ist der verborgene Gott.  Erst die Vernunft ist das vollkommene Ebenbild Gottes. Die Geschichte als Ganzes ist eine allmähliche Offenbarung des Absoluten, was an Hegels Weltgeist erinnert. Durch Natur und Geist vollzieht sich der Prozess  der Verwirklichung Gottes, an dessen Ende die Kunst steht.

Schelling begreift die Kunst unter dem Gesichtspunkt der werdenden Gottheit. Für ihn ist sie die einzige und ewige Offenbarung der Gottheit, da in ihr die getrennten Linien der Natur und des Geistes zusammenlaufen. Im Kunstwerk kommen Natur und Geist, Notwendigkeit und Freiheit zur Versöhnung. Deswegen ist die Kunst das Höchste. In ihr öffnet sich nach Schelling das Allerheiligste.

Wenn alles Wirkliche als eine Selbstoffenbarung Gottes aufgefasst werden kann, wie sieht Gott dann aus?

Gott muss auf jeden Fall über den Gegensatz von Natur und Geist stehen. Gott ist der Punkt der Einheit, in dem alle Gegensätze der Wirklichkeit ihren gemeinsamen Ursprung und ihr gemeinsames Ziel haben. In der Natur, hier argumentiert er ähnlich wie Johann Georg Hamann, gibt es auch das Irrationale und Zufällige. Die Gottheit thront jedoch über einer Welt von Schrecken. Das menschliche Dasein ist ein Leben der Widerwärtigkeit und Angst; darin ähnelt seine Position der von Kierkegaard. Selbst die Freiheit erwächst aus dem Irrationalen. Jede Persönlichkeit basiert daher auf einem dunklen Geheimnis. Der Mensch kann sich in seiner Freiheit gegen seinen Ursprung richten bzw. entscheiden.

Nur derjeinige ist für Schelling auf den Grund seiner selbst gekommen, der  alle Hoffnung fahren lässt:

Wer wahrhaft philsophieren will muss alle Hoffnung alles Verlangens aller Sehnsucht los sein. Er muss nichts wollen nichts wissen, sich ganz bloß und arm fühlen, alles dahin geben, um alles zu gewinnen. Schwer ist dieser Schritt, schwer gleichsam noch vom letzten Ufer zu scheiden.

Das erinnert an die Mystik Meister Eckhardts ebenso wie an die fernöstlichen Philosophien des Taoismus und Zen-Buddhismus.

Der Philosoph Rudolf Eucken fand für Schelling einige anerkennende Worte:

Auch in dem Ganzen der Lebensarbeit ist er größer in der Anregung und Stimmung als in der Leistung und Gliederung; er belebt alle Gebiete, die er ergreift, aber er verfährt bei seiner sprudelnden Genialität zu hastig und summarisch, um völlig ausgereifte Werke zu schaffen. Jedoch hat sein Zug ins Große und Ganze, seine offene, frische und weite Art, die Beweglichkeit seines Geistes, sein Vermögen glänzender Darstellung die Gedankenwelt vielfach bereichert und den geistigen Gesichtskreis erweitert. Er hat viel Starres in Fluss gebracht, viel Zerstreutes zusammengeführt, viel Schroffheit sonstiger Gegensätze, wenn nicht aufgehoben, so doch gemildert, namentlich hat er Sinnliches und Geistiges, Anschauung und Gedankenarbeit enger und fruchtbarer verbunden, als es vor ihm geschehen war. (in: Die Lebensanschauungen der großen Denker)

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