Die schweigende Mehrheit (Jean Baudrillard)

Bombardiert mit Stimuli, Botschaften und Tests sind die Massen nur noch eine undurchdringliche, blinde Schicht, ähnlich wie die Gasbildungen auf den Sternen, die man nur dank der Analyse ihres Lichtspektrums kennt, – eines Spektrums von Strahlen, das den Statistiken und Sondierungen äquivalent ist -, aber genau das ist es ja: Es kann sich gar nicht mehr um einen Ausdruck oder eine Repräsentation handeln, sondern allenfalls noch um eine Simulation eines auf immer umausdrücklichen und unausgedrückten Sozialen. Das ist der Sinn ihres Schweigens. Dieses Schweigen, das nicht spricht, es ist ein Schweigen, das verbietet, in seinem Namen zu sprechen. Und in diesem Sinne ist es auch alles andere als eine Form der Entfremdung; es ist eine absolute Waffe.

Niemand kann behaupten, er repräsentiere die schweigende Mehrheit: Das ist ihre Rache. Die Massen sind keine Instanz, auf die man sich berufen könnte wie einst auf die Klasse oder das Volk. Zurückgezogen in ihr Schweigen, sind sie kein Subjekt (vor allem kein Subjekt der Geschichte) mehr, folglich können sie auch die politische “Spiegelstufe” und den Zyklus der imaginären Repräsentation nicht mehr durchlaufen. Allmählich wird sichtbar, welche Macht daraus resultiert: Da die Massen kein Subjekt mehr sind, können sie auch nicht mehr entfremdet sein – weder in ihrer eigenen Sprache (sie haben keine eigene) noch in irgendeiner anderen, die vorgibt, in ihrem Namen zu sprechen. Das ist das Ende der revolutionären Hoffnungen. Denn diese haben immer auf die Möglichkeit spekuliert, die Masse könnte sich genau wie die Arbeiterklasse als solche selbst aufheben.

Quelle: Die schweigende Mehrheit, in: Freibeuter, Februar 1999

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