Einige Anmerkungen zur Künstlichen Intelligenz

Von Ralf Keuper

Nachdem es vor Jahren um die Forschungen zur Künstlichen Intelligenz merklich ruhiger geworden war, da viele Versprechen sich als zu ambitioniert oder zu verfrüht erwiesen, verspüren die KI und ihre Protagonisten seit einiger Zeit wieder Aufwind. Sichtbares Merkmal dieser Entwicklung ist die wachsende Zahl von Veröffentlichungen, allein während der letzten Wochen, die von neuen Verfahren und Technologien berichten, die einige Versprechen aus der Vergangenheit einlösen sollen. Schon prescht Ray Kurzweil erneut mit einer Prognose vor, wonach die Künstliche Intelligenz im Jahr 2029 mit der menschlichen gleich ziehen werde.

Nicht jeder teilt Kurzweils Optimismus. Ohnehin drängt sich der Eindruck auf, als hätten wir es hier mit dem Phänomen zu tun, das Karl Popper einmal als “Schuldschein-Materialismus” bezeichnete. Dieser argumentiert in etwa so:

Wir können die Bewusstseinsvorgänge im Gehirn zwar noch nicht völlig auf materielle Ursachen zurückführen, es ist jedoch nur noch eine Frage der Zeit, bis uns der endgültige Nachweis gelingt.

So läuft das schon seit Jahrzehnten. Einer der “Väter” der Künstlichen Intelligenz war übrigens der geniale Mathematiker Alan Turing.  Der Wissenschaftshistoriker George Dyson erwähnt in seinem erhellenden Buch Turings Kathedrale. Die Ursprünge des digitalen Zeitalters neben Turing auch andere Forscher, die sich bereits vor Jahrzehnten intensiv mit der Frage Künstlicher Intelligenz beschäftigten, wie Nils Aall Barricelli.

In der Vergangenheit haben sich einige namhafte Wissenschaftler kritisch mit den z.T. doch recht vollmundigen Vorhersagen der Vertreter der Künstlichen Intelligenz auseinandergesetzt wie Noam Chomsky in einem Interview und Roger Penrose in seinem Buch Computerdenken.

Hubert Dreyfus fasste seine Skepsis in die Worte:

Meine Vermutung lautet nach wie vor, dass die KI-Verfahren sich in isolierten Bereichen bewähren werden, aber dort versagen müssen, wo es um das Verstehen natürlicher Sprachen, das Erkennen gesprochener Texte, das Verstehen von Geschichten und um Lernen geht – also um Bereiche, deren Struktur die Struktur unserer alltäglichen physikalischen und gesellschaftlichen Welt widerspiegelt. (in: Die Grenzen künstlicher Intelligenz. Was Computer nicht können)

Adrian Kreye erwähnt in einem aktuellen Beitrag in der SZ vom 2.01.2015 (Maschinen, die erwachsen spielen) weitere kritische Stimmen prominenter Forscher, wie Jaron Lanier, der seine Haltung kürzlich in dem Beitrag The Myth Of AI zusammengefasst hat und den ehemaligen Direktor des Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory am MIT, Rodney Brooks, der seine kritische Sicht in dem Blog-Beitrag artificial intelligence is a tool, not a threat formuliert hat. Die Welt lässt in Die Datei, die Datei hat immer recht den Mathematiker Nick Bostrom zu Wort kommen, der in seinem Buch das Szenario der Machtübernahme der Supercomputer entwirft.

Auf der anderen Seite sind die aktuellen Erfolgsmeldungen aus dem weiten Feld der Künstlichen Intelligenz schon beeindruckend, wovon die Beiträge Tech 2015: Deep Learning And Machine Intelligence Will Eat The World und #9: Creating sentient machines with ‘deep learning’ AI technology einen Eindruck vermitteln. Es handelt sich also keineswegs nur um Hirngespinste.

Die verschiedenen Verfahren der Künstlichen Intelligenz werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die (Arbeits-)Welt z.T. gravierend verändern, was keineswegs bedeuten muss und m.E. wird, dass die KI oder Supercomputer die völlige Kontrolle übernehmen werden. Viele Versprechen werden auch künftig leer bleiben.

In seiner Rede Über das Ewig Kindliche hob Michael Ende die Bedeutung des Spiels, des Humors, der Phantasie und der Schönheit/Ästhetik hervor, die wesentlich für das Überleben der menschlichen Spezies sind. Intelligenz alleine reicht dafür nicht nicht aus. Ende sagt darin:

Ich glaube, dass in jedem Menschen, der noch nicht ganz banal, noch nicht ganz unschöpferisch geworden ist, dieses Kind lebt. Ich glaube, dass die großen Philosophen und Denker nichts anderes getan haben, als sich die uralten Kinderfragen neu zu stellen: Woher komme ich? Warum bin ich auf der Welt? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Ich glaube, dass die Werke der großen Dichter, Künstler und Musiker dem Spiel des ewigen und göttlichen Kindes in ihnen entstammen; dieses Kind, das ganz unabhängig vom äußeren Alter in uns lebt, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig; dieses Kind in uns, das nie die Fähigkeit verliert zu staunen, zu fragen, sich zu begeistern; dieses Kind in uns, das so verletzlich ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft; dieses Kind in uns, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet. (in: Das Michael Ende Lesebuch)

Auch Margaret A. Boden, die in ihrem lesenswerten Buch Die Flügel des Geistes. Kreativität und Künstliche Intelligenz eine Fülle von Argumenten und Belegen anführt, die zeigen, dass Computer der menschlichen Kreativität sehr nahe kommen können und für uns noch einige Überraschungen und Durchbrüche bringen werden, schreibt:

Künftige Computer werden Kreativität bis zu seinem gewissen Grad leisten; es lässt sich auch die Meinung vertreten, dass manche das schon jetzt tun. .. Doch es wäre unrealistisch anzunehmen, ein Computer-Modell könne die Leistung eines Chopin oder Schiller erreichen. Voraussichtlich würde es sogar die Möglichkeiten des Computers übersteigen, an Witz und Lebensklugheit eines Briefs heranzureichen, die ein Schulmädchen an ihre Busenfreundin schreibt. Das Warten auf Shakespeare per Computer ist ein Warten auf Godot.

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