Goethe und seine Farbenlehre – schöner irren

Von Ralf Keuper

Seine Farbenlehre hielt Johann Wolfgang von Goethe für seine größte Leistung. Auf kein anderes Werk war er so stolz, wie auf seine Theorie, durch die er das Wesen der Farbe erklären wollte.

Seinem Sekretär Johann Peter Eckermann diktierte er:

Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. […] Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute […].

Mit seinen Veröffentlichungen zielte er in besondere Weise auf Newton und dessen naturwissentliche Sicht auf die Farbwahrnehmung, die Goethe widerlegen wollte.

In ihrer Bewertung der Farbenlehre wichen zahlreiche namhafte Wissenschaftler von der Selbsteinschätzung Goethes deutlich ab. Seine Kritik an Newton gilt allgemein als gegenstandslos.

Warum Goethes Farbenlehre dennoch diskutiert wird, versucht Wikipedia zu erklären:

Geistesgeschichtlich und wissenschaftshistorisch bedeutsam ist die Farbenlehre bis heute deshalb, weil sie Goethes ganzheitlichen Ansatz der Naturbetrachtung und seine Beobachtungsgabe dokumentiert. Sie belegt seine Bevorzugung der Anschauung gegenüber der Abstraktion. Aus dieser Anschauung und dem subjektiven Empfinden leitete er auch die psychologischen Wirkungen der Farben auf den Menschen ab und entwickelte damit eine Art Farbenpsychologie.

Der Vorzug eines ganzheitlichen Ansatzes besteht darin, dass er nie ganz richtig, aber auch nie ganz falsch ist. Davon profitiert allem Anschein nach die Farbenlehre Goethes bis heute 😉

An Versuchen, die Farbenlehre Goethes zu retten bzw. in einem hellen Licht erstrahlen zu lassen, fehlt es bis zum heutigen Tag nicht. Wenn sie schon nach strengen wissenschaftlichen Maßstäben beim besten Willen nicht haltbar ist, so kann sie doch noch immer als glänzende Polemik, wie in Goethes Farbenlehre. Schöner irren, verklärt werden. Der vorläufig letzte Rettungsversuch stammt von Olaf l. Müller und seinem Buch „Mehr Licht“. Goehte mit Newton im Streit um die Farben.

Ein Wissenschaftler, der in dem Zusammenhang erwähnt werden muss, ist Joseph von Fraunhofer, auf den u.a. die Fraunhoferschen Linien zurückgehen.

Wenn man von den nicht mehr zu leugnenden Defiziten der Farbenlehre Goethes absieht, bleibt die Beschäftigung mit dem Wesen der Farbe weiterhin wichtig, insbesondere in der Kunstgeschichte, wie wohl nicht nur John Gage , der Goethe mehrfach lobend erwähnt, meint:

Der Farbe kommt für den Kunsthistoriker, wie mir scheint, besondere Bedeutung zu, weil sie ihn dazu zwingt, sich mit zahlreichen anderen Bereichen menschlicher Erfahrung auseinanderzusetzen. Da sie nahezu immer sich selbst ist und nur zu selten eine Darstellung ihrer selbst, und weil sie das Zeug ist, aus dem Darstellungen gemacht sind, muss die Farbe in Kunsterzeugnissen konkret erlebt werden. Folglich bietet sie ein Korrektiv zu dem regen Zweig unseres Fachs, der sich in jüngster Zeit ungeachtet der Tatsache, dass „der Blick“ zum modischen Thema erhoben wurde, bemüht hat, das, was das Auge wahrnimmt, aus seinem Diskurs auszusparen und statt dessen den „Text“ in den Mittelpunkt zu rücken. Mit anderen Worten: Die Farbe sollte die Kunstgeschichte wieder zur Würdigung des Sichtbare hinführen, und schon allein aufgrund dessen gebührt ihr ein Platz an oberster Stelle auf jeder zukünftigen kunsthistorischen Tagesordnung (in: Die Sprache der Farbe: Bedeutungswandel der Farbe in der bildenden Kunst)

Weitere Informationen:

Olaf L. Müller wirft ein neues Licht auf den Streit zwischen Newton und Goethe um die Farben

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