Auch die umfassendste Bildung bietet keinen Schutz gegen extremistische Ansichten

Von Ralf Keuper

Dass auch Menschen mit ungewöhnlich hohem Bildungsstand den Verlockungen extremistischer Bewegungen nur allzu oft erliegen, dürfte nicht erst seit der berühmt-berüchtigten Rektoratsrede Martin Heideggers allgemein bekannt sein. 
Leszek Kolakowski kommt bei dem Versuch zu ergründen, woher die Bereitwilligkeit Intellektueller, sich einem totalitären, betont anti-intellektuellen Denken zu unterwerfen, stammt, zu dem Resumee:

Was immer die Erklärung ist, man kann überzeugt sein, dass jede religiöse oder soziale Bewegung, mag sie auch den aggressivsten Anti-Intellektualismus predigen, begeisterte Unterstützung durch einige Intellektuelle finden wird, die in der bürgerlichen Zivilisation des Westens groß geworden sind und deren Werte ostentativ verwerfen, um sich der Herrlichkeit gesunder Barbarei zu beugen. (in: Intellektuelle contra Intellekt)

Trotzdem überrascht es immer wieder, wenn Fälle von Institutionen oder Berufsgruppen bekannt werden, die man für relativ immun extremistischen Ansichten gegenüber gehalten hatte. Ein solcher Fall wurde in dieser Woche bekannt, als die Süddeutsche Zeitung über die Habilitationsschrift von Alexander Korb berichtete (Die innere Spaltung vom 01.10.2014), in welcher dieser die deutsche Presseszene der 50er Jahre behandelt. Darin kann Korb anhand zahlreicher Quellen die enge Verstrickung des ehemaligen SZ-Chefredakteurs, Hermann Proebst, und des langjährigen SZ-Innenpolitikchefs, Hans Schuster, in die nationalsozialistische Propaganda belegen. 
Damit sind zwei weitere führende Köpfe der SZ der Nachkriegszeit belastet. Erst im letzten Jahr kam zum Vorschein, dass einer der Gründer der SZ, Franz Josef Schöningh, weitaus intensiver mit dem nationalsozialistischem Regime kollaboriert hatte, als bis dahin bekannt war. Weder bei Proebst, noch bei Schuster und ganz gewiss auch nicht bei Schöningh handelte es sich um Personen, die aufgrund ihres Bildungsniveaus als besonders empfänglich für anti-intellektuelles Denken gelten konnten. 
Hermann Proebst beispielsweise  wurde von seinen SZ-Kollegen als „human, gescheit, belesen, gebildet, historisch interessiert, musikliebend und gesesellschaftsfreudig“ (ebd.) beschrieben. Der perfekte Bildungsbürger. 
Harry Graf Kessler hielt in seinen Tagebüchern die geistige Stimmung, in der sich weite Teile des deutschen Bürgertums im Jahr 1932 befanden, fest:

Kurz, diese ganze Schicht des intellektuellen Deutschlands, das in der mehr goethischen, romantischen Periode seine Wurzeln hat, ist ganz Nazi-verseucht, ohne zu wissen warum (in: Harry Graf Kessler. Tagebücher. Tagebücher 1918-1937)

Woher seine Abneigung der goethischen, romantischen Periode gegenüber stammte, vertraute Graf Kessler seinem Tagebuch an, als er die Rede des Psychologen Wilhelm Wundt auf der Goethe-Tagung im Jahr 1927 Revue passieren ließ: 

Seine (Wundts) nicht sehr tiefe Rede verstärkte aber doch in mir die Zweifel am Wert der „deutschen Weltanschauung“ und „deutschen Philosophie“, die schließlich mit einem übersteigerten Indivdualismus, Historismus, Nationalismus, mit der Überbewertung des Organischen gegenüber dem Vernünftigen zum Weltkrieg und zu allem Elend und Barbarismus unserer Zeit geführt haben. 

Noch heute beschäftigt nicht nur Forscher die Frage, warum ausgerechnet die für ihr kunst- und bildungsbeflissenes Bürgertum bekannte Stadt München zur Hauptstadt der Bewegung wurde. 

In einem Interview mit Wolf Jobst Siedler und Frank A. Meyer erzählte Joachim C. Fest, dass in seinem Elternhaus die Werke von Thomas Mann, wie Die Buddenbrooks, nicht geduldet wurden. Für den Vater Joachims Fests („Thomas Mann kommt mir nicht ins Haus“) war Thomas Mann durch seine Betrachtungen eines Unpolitischen ein Gegner der Republik und der Demokratie. Später hat Thomas Mann u.a. durch seine Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft öffentlich Partei für die Demokratie ergriffen. Trotzdem bleibt ein verstörendes Ereignis, das Wolf Lepenies in Thomas Mann und sein „Bruder Hitler“ schildert. Lepenies nimmt darin Bezug auf den Essay „Bruder Hitler„, den Mann 1938 im amerikanischen Exil niederschrieb. 

Joachim Fest legte noch kurz bevor er verstarb sein bürgerliches Bekenntnis in dem Buch Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend ab. 
Nicht selten sind es die „Normalbürger“ ohne hohe Bildung, die der Vernunft am nächsten stehen. Die Gruppe der Intellektuellen, die den Versuchungen der Unfreiheit widerstanden, bezeichnete Ralf Dahrendorf treffend als die Erasmier.

Weitere Informationen:

Leszek Kolakowski: Intellektuelle contra Intellekt

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