Die Freiheit und das Gehirn (Detlef B. Linke)

Es besteht die Tendenz, dass wir unsere „kulturelle Software“ weitgehend nach den Ergebnissen der Hardware-Interpretationen der Hirnforschung richten, als ob von der Hardware auf die Software zu schließen wäre. Schließlich hatte Kant schon ein hermetisches Verfahren zur Sicherung der Freiheit etabliert, das durch die Zunahme der Kenntnisse der Neurobiologie zwar vermehrt Stürmen ausgeliefert ist, grundsätzlich an seiner hermetischen Struktur aber noch nicht dadurch als beeinträchtigt empfunden werden muss. Ob man sich in diese hermetische Struktur begeben will, hängt eher davon ab, ob man der Meinung ist, dass diese Struktur in der Historie bei allen Prüfungen des ethischen Verhaltens auf vorteilhafte Weise hilfreich war. …

Es wäre eine Verkümmerungsform menschlicher Existenz, sich darauf beschränken zu wollen, alle emotionalen, kognitiven und geistigen Vorgänge nur auf ihre Ichhaftigkeit und Meinhaftigkeit hin zu prüfen und mir eingemeinden zu wollen. Selbstverständlich ist es ein wunderbarer Traum von der schönen Seele, wenn der Mensch an seiner Persönlichkeit arbeiten kann, die unberührt von den Störungen und Reizen der Außenwelt ihre Innenarchitektur gestalten darf. Für das Zusammenleben der Menschen scheint es jedoch von größerer Bedeutung zu sein, unter den Belastungen der Interaktion ein erträgliches Leben zu führen, das für ie Erzeugung einer befriedigenden inneren Seelenökonomie nicht auf die Ausgrenzung anders Konstruierter und sich anders Konstruierender abheben muss. Dies bedeutet, dass wir in der Gefahr stehen, dass dass Konzept der Ichhaftigkeit das Konzept der Freiheit verschluckt.

Quelle: Die Freiheit und das Gehirn. Eine neurophilosophische Ethik

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