“Metternich. Stratege und Visionär. Eine Biografie” von Wolfram Siemann

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Metternich. Stratege und Visionär. Eine Biografie beabsichtigt Wolfram Siemann das Bild des Staatsmannes, das sich über die letzten 150 Jahre verfestigt hat, zu korrigieren. Metternich taucht darin als ein in europäischen Dimensionen denkender und handelnder Staatsmann auf. Die französische Revolution erlebte Metternich in seiner Studienzeit in Straßburg aus nächster Nähe. Was sich dort ereignete, war in seinen Augen ein Rück- und kein Fortschritt. Metternich war sich der Schwächen des Ancien Régime durchaus bewusst; jedoch war er der Ansicht, dass kein radikaler Wechsel, sondern ein eher schrittweiser Wandel, behutsame Reformen auf lange Sicht die bessere Lösung für die bestehenden gesellschaftlichen Probleme seien. Die Erfahrungen aus seiner Studienzeit sollten den Staatsmann zeitlebens prägen:

Die Prägungen, die Metternich während seiner Studienzeit am Ende des Anicen Régime erhielt, standen mithin im Horizont der europäischen Aufklärung. Sie machten Metternich zum Exponenten einer Generation, die sich noch als Teil einer europäischen Community verstand. Der Adel war dabei neben den Schriftgelehrten der prädestinierte Stand, denn er wurde am spätesten nationalisiert. Die “Generation Metternich” beherzigte die hier dargestellten Werte. Diese um 1770 Geborenen vereinte die Idee der alteuropäischen Rechtsordnung, welche nicht als feudalistisches Repressivsystem begriffen wurde, sondern als eine Ordnung, in der auch den Mindermächtigen ein Recht zukam. Im Horizont der späten Reichspublizistik werden sie auch der “Generation Pütter” zugeordnet. Es lohnt sich zu erwägen, ob die erwähnte “Generation Bonaparte” ihr nicht durch einen Zeithorizont, sondern auch durch eine verwandte Verständnisfähigkeit verbunden war, obwohl ihr selbst das kaum bewusst gewesen sein mag. .. Diese Art, europäisch oder gar universell zu denken, teilte der Minister auch mit seinen späteren britischen Gesinnungsgenossen, welche durch die gleiche Generationserfahrung geprägt waren, unter ihnen Politiker wie Wellington oder Castlereagh. Auf dem Fundament einer gleichgerichteten Revolutionserfahrung und -abwehr sowie gemeinsamer europäischer Normen betrieb Metternich ab 1815 seine vermeintlich “restaurative” Politik. Man vergisst leicht, dass dahinter ein kosmopolitischer Impetus stand.

Weitere Informationen / Rezensionen:

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