Die Philosophie und der Nationalsozialismus (Sonderausgabe philosophie Magazin)

Von Ralf Keuper
Die Sonderausgabe Die Philosophie und der Nationalsozialismus des philosophie Magazins beschäftigt sich mit der Rolle führender deutscher Intellektueller bei der Verbreitung und Bekämpfung des nationalsozialistischen Gedankenguts. 
Es überrascht nicht, dass die überwältigende Mehrheit der Universitätsprofessoren dem NS-Regime mit einer devoten Haltung begegnete. Von offenem Widerstand oder Ablehnung des nationalsozialistischen Gedankenguts findet sich bei den Professoren, die nicht emigrieren mussten, keine Spur. Eine der wenigen Ausnahmen ist Karl Jaspers, der es aber wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau unterließ, offene Kritik am NS-Regime zu üben. Bei ihm handelt es sich um einen der wenigen Fälle innerer Emigration. 
Als besonders wandlungsfähig erwies sich Joachim Ritter, Gründer der nach ihm benannten Ritter-Schule, neben der Gadamer-Schule das einflussreichste „Denkkollektiv“ (Ludwik Fleck) in der deutschen universitären Philosophie der Nachkriegszeit. 
Vor der Machtübernahme der Nazis war Ritter dem Marxismus zugewandt, was dazu führte, dass ausgerechnet der später vor den Nazis geflohene Ernst Cassirer ein gutes Wort für Ritter einlegen musste, um die Ablehnung der Habilitation zu verhindern. Auch sonst ließ Ritter kaum eine Gelegenheit aus, um seine Verbundenheit mit dem NS-Regime unter Beweis zu stellen. 
Noch Ende 2013 glaubte eine Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach Ritter als einen der Vordenker der Europäisierung und Modernisierung präsentieren zu können. 
Aber auch der Begründer der anderen wirkungsmächtigen Denkschule der Nachkriegszeit, Hans-Georg Gadamer, hatte sich schnell den neuen Verhältnissen angepasst. Am 11. November 1933 unterzeichnete Gadamer, wie viele andere auch, das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Im Oktober 1935, so liest man auf Wikipedia weiter, nahm Gadamer freiwillig am Dozentenlager des NS-Dozentenbundes teil. Daneben übernahm er die Vertretung von zwei Lehrstühlen, die zuvor von jüdischen Professoren geräumt werden mussten. Im August 1933 wurde Gadamer Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Während des zweiten Weltkriegs war Gadamer Mitarbeiter am NS-Projekt Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften
Ich erwähne diesen Sachverhalt nur deshalb in dieser Breite, da selbst Hans-Jörg Sandkühler in dem im Heft abgedruckten Interview Gadamer für nur wenig belastet hält. Die Redaktion des philosophie Magazins sieht das scheinbar anders. Zusammen mit Joachim Ritter, Otto Friedrich Bollnow, Hans Freyer und Arnold Gehlen führt es Gadamer, zu Recht wie ich finde, unter den Belasteten Biografien. Informativ bzw. aufschlussreich in dem Zusammenhang ist Hans-Georg Gadamer und die Stauungen des Unbewussten
Kein anderer Philosoph ist so von den Nazis für ihre Ideologie vereinnahmt worden, wie Friedrich Nietzsche. In der Tat bietet Nietzsches Werk einige Passagen, die sich mit der NS-Ideologie kompatibel machen lassen. Diese Aufgabe übernahm nur allzu breitwillig Alfred Baeumler. Volker Gerhard fasst das in dem Interview mit dem philosophie Magazin in die Worte: 

Nietzsche wird durch Übersehen, durch Weglassen und durch maßloses Betonen auf die nationalsozialistische Ideologie zurechtgebogen

Großen Raum nimmt der „Fall Heidegger ein“. Hervorzuheben ist der Beitrag Heideggers verborgene Wahrheiten und die „Schwarzen Hefte“ von Sidonie Kellerer, die sich in einigen Schriften intensiv mit Heidegger und seiner Rolle während der NS-Zeit beschäftigt hat. In dem erwähnten Beitrag räumt sie mit einigen Mythen und Legenden auf, die unter den Heideggerianern weit verbreitet sind, wie etwa seine Haltung zur Technik. Bestimmendes Motiv Heideggers ist die geschichtliche Machtmission, für die er bei seinen Lesern wirbt. Bedroht wird diese für Heidegger vor allem durch das „internationale Judentum“. 
Zum Schluss schreibt Kellerer:

Heideggers stets indirekte, gewollt ambivalente Sprache ist vor dem Hintergrund seiner Überzeugung zu verstehen, er müsse als Philosoph die geschichtliche „Wesensart“ der Deutschen gegen das machenschaftliche Unwesen verteidigen. Seine Philosophie ist „unsichtbar“, weil es gilt, den verschlagenen Feind in die Irre zu führen. Noch 1949 wird Heidegger Ernst Jünger gegenüber offenbaren, dass der jüdische unsichtbare Krieg noch immer im Gange ist. So schreibt er ihm von der „fortbestehenden, aber inzwischen schlauer gewordenen Rachsucht …, wir müssen im eigentlichen unangreifbar bleiben“, und in diesem Sinne wiederholt er litaneihaft seine Botschaft: „Jedes Zugeständnis an Verständlichkeit ist schon Zerstörung“.

Das, so muss man gestehen, hat er mit Bravour durchgehalten 😉
Als Gegner Heideggers taucht in dem Heft auch Karl Löwith auf. In einer Sendung des SWF im Jahr 1959 anlässlich des 70. Geburtstags von Heidegger sprach Löwith eine Eloge in das Mikrophon. Ich mag mich täuschen, aber: Kritik hört sich irgendwie anders an. Ein merkwürdiger, befremdlicher Elitismus eines Kathederphilosophen kommt einem da entgegen. Schwülstig und devot. Ein Interpret auf dem Holzweg. 
Keinesfalls unerwähnt bleiben sollen die Intellektuellen, die sich schon frühzeitig äußerst kritisch mit der NS-Ideologie auseinandergesetzt haben, wie Ernst Bloch und Karl Kraus. Auch Thomas Manns Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft wird erwähnt. Diese jedoch bildet einen merkwürdigen Kontrast zu seinem einige Jahre später erschienenen Essay Bruder Hitler. Zum Kreis der Gegner zählen weiterhin Albert Einstein, Helmut Plessner, Simone Weil, Kurt Huber, Jean Cavaillès und Ernst Cassirer

Lesenswert sind auch John Deweys kritische Gedanken zur typisch deutschen Pflichtauffassung, wie sie vor allem auf Kant zurückgeht. 

Beachtenswert ist auch das Interview mit Barbara Zehnpfennig über Hitlers Weltanschauung. Gegenstand ihrer Forschung ist Hitlers Buch Mein Kampf. Zwar sei das Werk aus literarischer und wissenschaftlicher Sicht unbedeutend; dennoch gewährt es tiefe Einblicke in die Gedankenwelt Hitlers. In Mein Kampf entwirft Hitler bereits sein Programm bis bzw. für die Machtübernahme. Sein Weltbild war zu jenem Zeitpunkt bereits gefestigt bzw. geschlossen, die wesentlichen Fragen beantwortet. Obgleich Hitler kein gebildeter Mann gewesen sei, wäre es grundfalsch, ihn nicht für intelligent zu halten. Das war er sehr wohl. 
Ich behaupte sogar, dass Hitler mit einer hohen Intelligenz ausgestattet war, einem untrüglichen Instinkt für Machkonstellationen, einem ausgeprägten Sinn für Dramaturgie und den richtigen Augenblick. Dass seine Gegner ihn intellektuell weit unterschätzt haben, kam ihm sehr entgegen. Oben drauf kam noch sein Machtwille. Ähnlich äußert sich Sebastian Haffner in seinen Anmerkungen zu Hitler. Kurzum: Hitler war alles mögliche, nur eines ganz bestimmt nicht: dumm. 
Hitler hatte ein sicheres Gespür für Menschen, die seinen Zwecken dienlich waren, ebenso für jene, die ungefährlich waren sowie für Personen, die ihm in die Quere kommen konnten. Ein Alfred Rosenberg reichte für seinen Bedarf völlig aus; ein Heidegger war da überflüssig, und ohnehin zu unverständlich, zu professoral, wohl auch zu eigensinnig und nicht primitiv, anti-rational genug. 

Wer sich für die Verstrickung der Philosophie im Nationalsozialismus interessiert, kann aus der Sonderausgabe viele neue und wichtige Erkenntnisse gewinnen. 

Update

Über twitter erreicht mich eben der Hinweis, dass Adorno und die Kritische Theorie in dem Heft nicht erwähnt werden. Bei der Gelegenheit: In dem Heft wird auch Erich Rothacker erwähnt, der während der NS-Zeit Abteilungsleiter in Göbbels‘ Propagandaministerium war und darüber hinaus eine nationalsozialistischer Rassentheorie entwarf. Pikantes „Detail“ dabei: Ab 1947 war Rothacker ordentlicher Professor an der Universität Bonn. Während dieser Zeit war er Doktorvater von Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel. Der „junge“ Habermas bezeichnete „Sein und Zeit“ übrigens einmal „als das bedeutendste philosophische Ereignis seit Hegels Phänomenologie…“ Auch sonst fällt bzw. fiel die Kritik von Habermas an Heidegger recht moderat aus. Scheinbar gilt für ihn noch immer, dass mit Heidegger gegen Heidegger zu denken sei … 

Weitere Informationen:

Philosophie im Nationalsozialismus

Nationalsozialismus und Philosophie

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