Die Kunst des Vergessens

Von Ralf Keuper

Ohne die Fähigkeit, etwas zu vergessen, könnten wir unseren Alltag kaum noch bewältigen. Dennoch ist das Vergessen – vor allem wenn es als Vergesslichkeit interpretiert wird – eher negativ belegt; nicht immer zu Unrecht, denkt man an das Vergessen nach dem 2. Weltkrieg, was das Mit-Wissen weiter Teile der Bevölkerung an den Machenschaften des NS-Regimes betrifft (Vgl. dazu: Holocaust – Die Lüge von den ahnungslosen Deutschen).

Dennoch: Vergessen zu können ist überlebenswichtig, wie das Beispiel von Solomon Schereschewski zeigt, der als der Mann, der nichts vergessen konnte, in die Geschichte einging, wie in dem lesenswerten Beitrag Die Kunst des Vergessens (dem auch das nachfolgende Video entnommen ist) zu erfahren ist.

Ebenfalls lesenswert ist der Beitrag Die Kunst, zu vergessen. Daraus ein Zitat von Jorge Luis Borges:

«Denken heisst, einen Unterschied zu vergessen, zu generalisieren.»

Sehens- und hörenswert das Gespräch Die Kunst des Vergessens im digitalen Zeitalter mit Viktor Mayer-Schönberger

Literarisch bzw. litearturwissenschaftlich hat sich Harald Weinrich mit dem Thema in seinem Buch Lethe – Kunst und Kritik des Vergessen, das u.a. von Patrick Bahners besprochen wurde (Vgl. dazu: Lethe. Kunst und Kritik des Vergessen), auseinandergesetzt. 

In dem Kapitel Der Preis des Vergessens aus seinem Buch Schrödingers Katze auf dem Mandelbrotbaum schreibt Ernst Peter Fischer mit Bezug auf Maxwells Dämon:

Im Gegensatz zu der traditionell vertretenen Ansicht .. entstehen die thermodynamischen Verluste nicht, wenn Information verarbeitet (aufgenommen und genutzt) wird. Der einzige Schritt, bei dem sich ein elementarer Verlust nicht vermeiden lässt, ist die Zerstörung von Information – das Vergessen. Man halte sich vor Augen, was der Dämon alles leisten muss: Es muss ja nicht nur ein oder zwei Atome im Kasten messen und sortieren, sondern gigantische Mengen von Atomen ansehen und prüfen, und das heisst, dass er ein ebenso gigantisches Gedächtnis – Speicherplatz – benötigt, was ihn sicher bald größer als die ganze Anlage – und damit völlig wertlos macht. Der Dämon muss also neben seiner Aufgabe der Informationsgewinnung die noch viel wichtigere Aufgabe der Informationsvernichtung betreiben. Er muss seinen Speicher unentwegt löschen, und dafür zahlt er das, was man poetisch den “Preis des Vergessens” nennen könnte.

Die neue Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) räumt den Nutzern ein Recht auf Vergessenwerden ein.

Weitere Informationen:

So vergisst das Gehirn mit Absicht

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