Die Neigung, die grossen Staatshandlungen gutzuheissen und zu bewundern (Johan Huizinga)

Handlungen gegenüber, die durch den Staat oder im Namen des Staates verrichtet werden, verschwindet beim großen Publikum immer mehr jede sittliche Beurteilung. Ausgenommen natürlich den Fall, wenn der handelnde fremde Staat oder die handelnde Partei im eigenen Staat zum vornherein als Feind betrachtet wird. Doch die Neigung, die grossen Staatshandlungen gutzuheissen und zu bewundern, gilt nicht allein für den eigenen Staat. Die Anbetung des Erfolgs, die schon wirtschaftliche Verfehlungen gegenüber die Verurteilung zu mildern pflegt, ist imstande, im politischen Urteil die Missbilligung beinahe vollständig zu verdrängen. Dies geht so weit, dass viele bereit sind, selbst ein politisches Ergebnis, das sich auf Lehrsätze beruft, die man verabscheut, in dem Masse gutzuheißen, als das verfolgte Ziel dabei erreicht scheint. Ohne imstande zu sein, die Art des Zieles, des Strebens und der Mittel oder den Grad wirklicher Realisierung des Ideals zu beurteilen, freut sich der Zuschauer an äußeren Zeichen des Erfolgs, die für den Zeitungsleser und Reisenden in seinem Beobachtungsbereich liegen. So wird er ein politisches System, das er anfänglich verachten, dann fürchten zu müssen glaubte, allmählich mit Ehrerbietung zu begrüssen beginnen und endlich als heilsam anerkennen und bewundern.

Quelle: Im Schatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Leidens unserer Zeit (1935)

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