Einige Anmerkungen zur Ontologie

Von Ralf Keuper
Seit der Antike hat die Ontologie einen festen Platz in der Philosophie. Bereits zu jener Zeit konkurrierten unterschiedliche Interpretationen des „Seins“.  In der Philosophiegeschichte stehen hierfür die Positionen von Parmenides und Heraklit.
Die Haltung von Parmenides beschreibt Wilhelm Weischedel. Entscheidend war für Parmenides die Suche nach dem Sein. Weischedel zitiert Parmenides mit den Worten:

So bleibt nur Kunde von dem Wege, dass das Sein „ist“ .

Daraus, so Weischedel, leitet sich die wesentliche philosophische Aussage des Parmenides ab:

Das Sein ist

Erläuternd fügt Weischedel hinzu:

Das klingt freilich recht formal. Gemeint ist aber mehr. Gemeint ist unter dem Begriff des Seins das, was bleibt, wenn das zweideutige Seiende, also die Dinge, ins Nichts hinabsinken. Gemeint ist das, was dann, wenn das uneigentliche Seiende, an das sich die Meinung hält, untergeht, das das Eigentliche Bestand hat. Gemeint ist das, was die einzige und alleinige, die wahre Wirklichkeit ist. (in: Die philosophische Hintertreppe)

Für Parmenides war das Sein nur als Ganzes denkbar. Dieses wiederum war nicht durch Gegensätze oder Konflikte gekennzeichnet. In ihm waltet das unteilbare Eine, das mit allem zusammenhängt. Ferner gilt, dass das Sein nicht vergänglich und in Bewegung, sondern statisch, in sich ruhend, und ewig ist. 
Anders als Parmenides, steht für Heraklit das Werden, die ständige Verwandlung im Vordergrund. Das Sein verharrt daher nicht in Unbeweglichkeit, sondern ist stets im Fluss. „Panta rhei – Alles fließt“ ist wohl eine der berühmtesten Aussagen der Philosophie. 
Trotzdem, so Weischedel, gibt es zwischen Parmenides und Heraklit Überschneidungen:

Er (Heraklit) entdeckt vielmehr, dass im Bezogensein der Gegensätze aufeinander eine tiefere, diese haltende Einheit sichtbar wird. Er ist also nicht, wie die Tradition will, einfachhin der Philosoph des Werdens gegenüber Parmenides als dem Philosophen des Seins. Auch er dringt hinter die Ebene des Werdens zurück in die des Seins (ebd.)

Nach Ansicht einiger Philosophen hat sich an dem Stand der Diskussion über die Jahrhunderte kaum etwas geändert. Erst mit Martin Heidegger habe die Ontologie die alten Kategorien überwunden. Es schlug die Stunde der Fundamentalontologie
Auf den ersten Seiten in seinem Hauptwerk Sein und Zeit gibt Heidegger den Weg vor:

Das „Gefragte“ der auszuarbeitenden Frage ist das Sein, das, was Seiendes als Seiendes bestimmt, das, woraufhin Seiendes, mag es wie immer erörtert werden, je schon verstanden ist. Das Sein des Seienden „ist“ nicht selbst ein Seiendes. Der erste philosophische Schritt im Verständnis des Seinsproblems besteht darin, .. „keine Geschichte erzählen“, d.h. Seiendes als Seiendes durch Rückführung auf ein anderes Seiendes in seiner Herkunft zu bestimmen, gleich als hätte Sein den Charakter eines möglichen Seienden. Sein als das Gefragte fordert daher eine eigene Aufweisungsart, die sich von der Entdeckung des Seienden wesenhaft unterscheidet. Sonach wird auch das Erfragte, der Sinn von Sein, eine eigene Begrifflichkeit verlangen, die sich weder wesenhaft abhebt gegen die Begriffe, in denen Seiendes seine bedeutungsmäßige Bestimmung erreicht. 

Das ist noch halbwegs verständlich. Auf den folgenden Seiten verschwimmen die Grenzen, die Heidegger in dem Zitat noch zieht, immer mehr. Er wird immer unklarer, was von ihm auch so beabsichtigt war. Wie so oft, erschließt sich die Gedankenwelt eines Philosophen erst durch das Werk eines seiner Schüler, wie in diesem Fall von Max Müller in dessen Buch Existenzphilosophie (dazu auch: Martin Heidegger. Briefe an Max Müller und andere Dokumente). Das transzendentale Sein eines (transzendenten) Gottes fällt für Heidegger nicht mehr in das Ressort der Philosophie. 
An Heideggers Fundamentalontologie ist von mehreren Seiten Kritik geübt worden, wie von Johannes Hirschberger:

Wahrheit ist nicht mehr die sich mit dem Seienden deckende Aussage, sondern das sich lichtende Sein selbst. Darin bestehe zugleich die Freiheit. Sie ist Geschehenlassen des Sich-entbergens und Sich-sammelns des Seins. Frage: Ist dann der Mensch frei oder das Sein? Ist die Person noch Person, wenn sie reiner Ausstand ist und nicht Selbstand? (in: Kleine Philosophiegeschichte)

Hirschberger bringt m.E. die Problematik der Heideggerschen Fundamentalonotologie gut zum Ausdruck. Freiheit des einzelnen, im Sinne von Verantwortlichkeit, Ethik, Transzendenz, kann es für Heidegger nicht geben bzw. kann kein Maßstab für das Handeln sein. Freiheit hängt allein von der Gnade des „Seins“ ab. So gesehen überrascht die Anfälligkeit Heideggers für die NS-Ideologie nicht mehr. Wer immer sich als oberster „Hirte des Seins“ für höhere Aufgaben empfiehlt und das mit großem rhetorischen Geschick zu begründen, zu suggerieren vermag, wie ein Führer, kann, muss sich dabei nicht, auf die Fundamentalontologie Heideggers berufen, die in ihrem Kern totalitär ist und auch nicht anders sein kann. Das Sein ersetzt das Gewissen. 
Das verbindet Heidegger übrigens mit Ernst Jünger und dessen „Totaler Mobilmachung“ in der Schrift Der Arbeiter. In seinen Tagebüchern sinniert Jünger häufig über die „titanischen Kräfte“, die den Weltlauf bestimmen würden, für die der einzelne letztlich nur ein willenloses Werkzeug ist. 

So schreibt Jünger in Der Arbeiter:

Denn das unverlierbare Erbteil des Einzelnen ist es, dass er der Ewigkeit angehört, und in seinen höchsten und unzweifelhaftesten Augenblicken ist er sich dessen völlig bewusst. Es ist seine Aufgabe, dass er dies in der Zeit zum Ausdruck bringt. In diesem Sinne wird sein Leben zu einem Gleichnis der Gestalt. 

Dem einzelnen bleibt nichts, als dem „Ruf des Seins“ zu folgen, um so zu einem „Gleichnis der Gestalt“ zu werden. Diese Sicht ist mit jedem totalitären Herrschaftssystem kompatibel. 

Ganz anders die philosophische Grundhaltung von Heideggers Antipoden, Ernst Cassirer, die Ernst Wolfgang Orth charakterisiert, indem er u.a. Cassirer zitiert:

„Das Sein ist hier nirgends anders als im Tun erfassbar“. Damit verbindet Cassirer das Kantische und das Vicosche Motiv, d.h. er erkennt die ursprüngliche Einheit beider. Deshalb wird von ihm auch zunehmend statt von Vernunft und Verstand von Geist gesprochen – als dem Namen für den Träger und Akteur alles Weltverständnisses. Das Sein, die Wirklichkeit, die Welt – welcher Art immer – sind gemäß dieser Auffassung Kulturphänomene, Ergebnisse geistiger Aktivität. Es geht dabei gerade um einen gehaltlicheren Weltbegriff. „Die Philosophie der symbolischen Formen richtet ihren Blick nicht ausschließlich und nicht in erster Linie auf das rein wissenschaftliche, exakte Weltbegreifen, sondern auf alle Richtungen des Weltverstehens. Sie sucht dieses letztere in seiner Vielgestaltigkeit, in der Gesamtheit und in der inneren Unterschiedenheit seiner Äußerungen zu erfassen. Und immer zeigt sich, dass das Verstehen der Welt kein bloßes Aufnehmen, keine Wiederholung eines gegebenen Gefüges der Wirklichkeit ist, sondern dass es eine freie Aktivität des Geistes in sich schließt. Es gibt kein echtes Weltverständnis, das nicht in der Weise auf bestimmten Grundrichtungen, nicht sowohl der Betrachtung, als vielmehr der geistigen Formung, beruht (in: Ernst Cassirer. Symbol, Technik, Sprache)

Die nach meinem Dafürhalten interessantesten Gedanken zur Ontologie der „jüngeren“ Zeit stammen von Nicolai Hartmann. In Neue Wege der Ontologie schreibt Hartmann:

Der Weg der neuen Ontologie stellt sich so als Kategorialanalyse dar – ein Verfahren, das weder in Induktion noch in Deduktion aufgeht, weder aus rein aposteriorischer noch aus rein apriorischer Erkenntnis bestritten wird. Es setzt die ganze Breite der Erfahrung voraus, sowohl der des Alltags und des praktischen Lebens, als auch der wissenschaftlichen. Ja, man kann hinzufügen, es setzt auch die philosophische Erfahrung voraus, diejenige nämlich, welche in dem geschichtlichen Gange menschlicher Denkarbeit als eine lange Reihe von Versuchen, Fehlschlägen und Selbstkorrekturen verzeichnet ist. Diese ganze Summe gemachter Erfahrungen bildet die Ausgangsebene des Gegebenen, wobei die Einschläge kritischen Wissens um ihre eigenen Unsicherheitsexponenten durchaus mit einzurechnen sind und in gewisser Hinsicht das Wichtigste bilden.

Von Kritik im Sinne Hartmanns liest man bei Heidegger und seinen Schülern, wie Gadamer, erstaunlich wenig. Wenn, dann nur im ästhetischen Sinn oder mit stark kulturpessimistischem Unterton. 
Wiederum anders die Haltung von Karl Japsers der Ontologie gegenüber, die er unter der Überschrift Existenzerhellung ist keine Ontologie zusammenfasste: 

Da aber Existenz nicht als Objekt und nicht als objektiviertes Subjekt sein kann, sondern Ursprung bleibt, der in Subjektivität und Objektivität nur appellierend zu erhellen ist, so würde Existenzerhellung vereitelt, wenn sie sich als ontologische Lehre entwickelte.(in: Karl Jaspers: Philosophie II. Existenzerhellung)

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