Wie die Blockchain staatliche Institutionen überflüssig machen will

Von Ralf Keuper

Der Traum libertärer Denker, eine Welt ganz bzw. fast ganz ohne staatliche Institutionen errichten zu können, scheint mit der Blockchain-Technologie in Erfüllung zu gehen. Wohl noch nie ist in eine Technologie so viel hineininterpretiert worden, wie in die Blockchain – jedenfalls nicht über so einen kurzen Zeitraum. Eine vergleichbare Resonanz auszulösen, hat selbst die Künstliche Intelligenz länger gebraucht.

Eine prägnante Definition der Blockchain liefert Johannes Kuhn in Erst Bitcoin, dann die Welt.

Die Blockchain ist ein digitaler Kontoauszug für Transaktionen zwischen Computern, der jede Veränderung genau erfasst, sie dezentral und transparent auf viele Rechner verteilt speichert. Damit ist die Information nicht (oder nur mit ungeheurem Aufwand) manipulierbar und verifiziert.

Folge davon ist, dass, im Idealfall, für die sichere Abwicklung von Transaktionen, wie Zahlungen, kein Mittelsmann, keine Institution, wie eine Bank, mehr nötig ist.  Aber das ist noch nicht alles: Mit sog. Smart Contracts können auch Verträge automatisch abgewickelt werden, ohne dass noch menschliches Eingreifen nötig wäre. Smart Contracts könnten also für alle Vertragsbeziehungen verwendet werden. Damit würden nicht nur Juristen überflüssig, sondern auch staatliche Institutionen, da die Überwachung der Einhaltung der Regeln von Algorithmen übernommen wird. In Thomas Hobbes und die Blockchain entwerfen, Dr. Philipp Müller, Niels Proske und Manfred Klein ein Szenario, in dem die Blockchain staatliche Aufgaben übernommen hat. Mit der Blockchain-Technologie sei es, prinzipiell, möglich, die Staatsfunktionen, wie sie Thomas Hobbes und Max Weber formuliert haben, dezentral, ohne Richtinstanz, zu organisieren, ohne dass dabei das Vertrauen in die Regeln verloren ginge. Die Autoren definieren die Blockchain wie folgt:

Man kann sich eine Blockchain als eine verteilte Datenbank vorstellen, in der Werte und Werteverschiebungen mit einem Zeitstempel versehen und nachvollziehbar dokumentiert werden. Über die Dokumentation werden die Transaktionen transparent und können bis zu ihrem Ursprung nachvollzogen werden. Die Kernidee ist, dass dieses Register eben nicht durch eine zentrale intermediäre Organisation (den Staat oder zum Beispiel eine Bank) betrieben wird, sondern dezentral, redundant auf vielen oder gar allen Computern der Teilnehmer.

Aus dieser Beschreibung geht noch deutlicher, als aus der von Kuhn hervor, weshalb der Einfluss der Blockchain nicht allein auf die Banken beschränkt ist. So könnte die Blockchain nach Ansicht der Autoren in Entwicklungsländern bei der Durchsetzung von Verfügungsrechten für die nötige Rechtssicherheit sorgen. In den entwickelten Ländern könnte die Blockchain für mehr Transparenz und sinkende Kosten, u.a. durch beschleunigte Verfahren, sorgen.

Mit ihren Gedanken deutlich weiter gehen die Vertreter der sog. Cryptoecnomics, wie z.B. in dem Paper Economics of Blockchain. In dem betont dezentralen Ansatz der Blockchain sehen die Autoren die spontane Ordnung, wie sie F.A. von Hayek für Märkte entworfen hat, verwirklicht. Mit der Blochchain-Technologie sei es nun möglich, das Projekt dezentral organisierter Märkte, die in der Summe über mehr Wissen verfügen, als zentrale Steuerungsinstanzen, wie staatliche Organisationen, Realität werden zu lassen. Die Blockchain vollziehe ein Entwicklung nach, die in der Natur bereits Standard ist; der Übergang von Zentralisierung hin zu Dezentralisierung.

Es fällt auf, dass die Vertreter der Blockchain-Technologie Anleihen bei zahlreichen geistigen Strömungen, wie dem Neo-Liberalismus, der Staatstheorie und dem Biologismus machen, so dass der Eindruck des Eklektizismus entsteht. Man nimmt sich, was man braucht, um seine Thesen zu belegen.

Die Behauptung, die Evolution verlaufe in Richtung zunehmender Komplexität, wurde in der Vergangenheit u.a. von Stephen Jay Gould in Illusion Fortschritt in Zweifel gezogen.

Mittlerweile sorgen die Ereignisse um das Projekt The DAO, einer Art Investmentfirma oder Investmentfonds, der ganz auf die Blockchain (Ethereum), Smart Contracts und Digitale Währungen (Ether) setzt, für einige Ernüchterung. Es stellte sich heraus, dass es durchaus regelkonform sein kann, das Projekt um 50 Millionen Dollar zu erleichtern. Enttäuschten Anhängern oder Anlegern wurde u.a. entgegnet, es sei ihre eigene Schuld, da die Algorithmen korrekt gearbeitet hätten. Wenn man den Algorithmus verstehen würde, dann wäre man vor Überraschungen sicher. Dem wiederum halten andere entgegen, dass es ja wohl nicht Sinn der Sache sein kann, die Regeln genau verstehen zu müssen, also quasi ein Informatikstudium oder eine vergleichbare Ausbildung absolviert zu haben, um an Projekten wie The DAO teilnehmen zu können. Solch eine Firma brauche niemand. Dann doch lieber die gute alte Bank, die staatliche reguliert ist und von Aufsichtsbehörden überwacht wird; kurzum: Bei der staatliche Institutionen für das nötigen Vertrauen sorgen. Leicht ernüchert stellte selbst Coindesk fest: The DAO Shows Blockchain Can’t Code Away Social Problems. Bailey Reutzel schreibt darin:

Just putting a problem on a blockchain or into a decentralized system doesn’t necessarily provide a solution. If the process is still complex and convoluted, the system continues to have the same problems that our current, more centralized systems have.

In der aktuellen GDI-Impuls-Ausgabe äußert Frances Coppola ihre Zweifel an der Tauglichkeit der Blockchain und von Smart Contracts:

Blockchain-gestützte Smart Contracts stossen schnell an ihre Grenzen, wenn sie es mit der komplexen Lebenswirklichkeit zu tun bekommen, die Verträge zwischen Menschen auszeichnen.

Wie kann eine Technologie die juristische Argumentation, den Diskurs, wie er u.a. von Jürgen Habermas und Robert Alexy untersucht wurde, abbilden?

Ralf Dahrendorf sprach einmal davon, dass es nicht um die Freiheit von Institutionen gehe, sondern um die Freiheit durch Institutionen. Und auch Karl R. Popper war davon überzeugt, dass eine funktionierende offene Gesellschaft auf staatliche Institutionen angewiesen ist. Ähnlich äußerte sich John Rawls.

Institutionen haben – bei allen Nachteilen – den Vorteil, dass man sie kritisieren und verbessern kann, wenngleich die Anpassungen längst nicht immer in der gewünschten Schnelligkeit passieren. Wie die Beispiele von The DAO und die Flash Crashs zeigen, können Schnelligkeit und Effizienz zum Problem werden, wenn daraus eine Kettenreaktion mit negativen Konsequenzen für Beteiligte und Unbeteiligte folgt.

Weitere Informationen:

Hacker statt Juristen? Probleme bei Smart-Contract-Projekt „The DAO“ weiter ungelöst

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2 Kommentare zu Wie die Blockchain staatliche Institutionen überflüssig machen will

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