Meisterschaft in der Kunst: Der östliche und der westliche Weg

… Die Entschlossenheit allerdings mit der die Meister, die eine Ausbildung im alten Stil durchgemacht haben, sich in ihrer Kunstübung einrichten, sich ganz darauf konzentrieren, sie ohne Rücksicht auf etwas anderes zum Lebensinhalt machen, ist bei westlich orientierten Künstlern kaum je zu beobachten. Und zumindest diese in sich ruhende Geisteshaltung ist in meinen Augen etwas höchst Beneidenswertes. Zwar behaupte ich nicht, es fehle westlich geprägten Künstlern an Enthusiasmus in Bezug auf ihre Kunstausübung. Doch trifft man häufig auf Geltungssucht und Geldgier, und was ihre Breitschaft angeht, ohne Rücksicht auf Ruhm und Einkommen, die Welt um sich herum vergessend, den Weg der Kunst einzuschlagen, reichen sie nicht an die >geinin<, die Meister alter Schule, heran. Sie sind zwar unzweifelhaft klug, aufmerksam, konzentriert, unentwegt auf zeitgemäße Neuerungen erpicht, raffiniert; sie führen Diskussionen über verschiedenste Schwierigkeiten, um ihre Stellung zu wahren – mit einem Wort, sie sind >smart<.
Im Gegensatz zu ihnen haben die Meister des Ostens eine recht eingleisige, einfältig-direkte, tollpatschige Art. Sie verharren auf Jarhzehnte in ihrem eigenen Bezirk und feilen unermüdlich an ihren Fertigkeiten. Sie sind naiv wie Kinder und trotz ihres Könnens ungeschickt im Argumentieren. Sie äußern sich nicht über Kunstauffassungen, sondern verlassen sich auf ihre Fähigkeiten – besonnen, vorsichtig, je nach Umständen sogar unterwürfig. .. Westliche Schauspieler und Musiker scheinen sich, je weiter sie in die erste Liga aufrücken, nach allen Richtungen abzusichern. Sie bemühen sich, nur ja nicht die einmal erreichte Stellung und Bekanntheit zu verspielen. Irgendwie erwecken sie den Eindruck von Personen, die ständig auf der Hut sind und keine herzliche Vertrautheit aufkommen lassen.

Quelle: “Lob der Meisterschaft” von Tanizaki Jun’ichiro,

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