Die Richter-Kontroverse in den Geschichtswissenschaften

Von Ralf Keuper

Mit ihrem viel beachteten Buch Demokratie. Eine deutsche Affäre hat die Historikerin Hedwig Richter der Diskussion um die demokratische Tradition in Deutschland eine neue Richtung gegeben. Das Buch verschaffte Richter eine Aufmerksamkeit, welche für Historiker:innen eher unüblich ist. In mehreren Interviews und Fernsehauftritten hat Hedwig Richter ihre Thesen einem breiteren Publikum vorgestellt[1]Hedwig Richter: „Diese Demokratie ist stabil“. Nach Ansicht von Richter ist die Demokratie in Deutschland in erster Linie eine Angelegenheit der Eliten gewesen. Beispielhaft dafür ist Wilhelm von Humboldt:

Wilhelm von Humboldt, der sich mit anderen Reformern für die Gründung einer Berliner Universität einsetzte, erläuterte im Zusammenhang mit den geforderten Partizipationsrechten, dass der Staat “die Bürger in den Stand setzen muss, sich selbst zu erziehen”. Freiheit und Disziplinierung gehören im Projekt der Demokratie untrennbar zusammen. Demokratie ist immer auch ein Erziehungsprojekt – ein zutiefst bürgerliches Projekt zur Selbstdisziplinierung.

Ein Projekt “von oben” war die Demokratie nicht:

Es wäre ein Missverständnis, sich diese freiheitliche Disziplinierung als heimtückischen Masterplan von oben vorzustellen. Vielmehr legten das Zusammenspiel von neuen Ideen, ökonomischen Entwicklungen, dem Aufblühen der Empathie und einem neuen Körperregime die Implementierung dieser frühen Formen demokratischer Mitbestimmung nahe.

Das Steuerzensuswahlrecht in Preußen, das die Verknüpfung von Stimmrecht und Steueraufkommen einführte, ist für Richter progressiv.

Es schrieb das Wahlrecht dem Individuum zu und nicht einer Familie, einem Rittergut oder Adelstitel, es zählte nur die Leistung des Individuums für den Staat und schließlich setzte es dynamische, egalisierende Kraft des Kapitalismus ins Herz des Staatsgeschehens.

Es seien Reformen und weniger Revolutionen gewesen, welche der Demokratisierung zum Erfolg verhalfen.

Gewiss haben Revolutionen Reformen immer wieder angetrieben, doch sieh haben Reformen oft genug auch gehemmt. Zudem hatten sich Reformen als Prinzip schon vor der Revolution durchgesetzt. Die Reformer zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereiteten den Boden, um die Gesellschaft aus den “feudalen” Fesseln zu lösen, wie es zeitgeschichtlich hieß.

Ein wichtiger Meilenstein war die Entdeckung des Körpers.

Der Körper wurde normiert, seine Bedürfnisse gemessen, und dabei ging es auch um sein objektivierbares Schutzbedürfnis – das essentiell für die Würde des Individuums war.

Selbst im Nationalsozialismus lebte die Demokratie in gewisser Hinsicht weiter.

Die Vision der “Volksgemeinschaft” stand für eine Volksherrschaft mit einer zugespitzten Form der Rousseau’schen Konsensforderung – ohne Freiheit. Damit bediente das NS-Regime die dunkle Seite der Demokratie. Denn neben dem Potential zur aufklärerischen Herrschaft der Freien und Gleichen birgt Demokratie als Kehrseite die Möglichkeit von Demagogie, Populismus und der Tyrannei der Mehrheit”.

Deutschland sei ein besonders gutes Beispiel für die “lernende Demokratie”, so Richter.  Die Deutschen hätten bereits im 19. Jahrhundert in einer Art Lern- und Selbsterziehungsprojekt wesentliche demokratische Verfahren eingeübt. Im 20. Jahrhundert hätten Wohlstand, Bildung, Lernbereitschaft und das über den Nationalismus transportierte Gefühl der Gleichheit und Solidarität bei gleichzeitiger Unterstützung durch die Elite die Demokratisierungsprozesse stabilisiert.

Demokratie, so Richter, war daher immer schon eine deutsche Affäre.

Dass Deutschland zumeist ein recht gewöhnlicher Fall der Demokratiegeschichte war, mag manche enttäuschen, und manchen mag dieses Ereignis angesichts des Zivilisationsbruchs des Holocaust als unangemessen erscheinen. Doch gerade die Einsicht, dass es einen langen deutschen Weg in die NS-Diktatur und den Holocaust ebenso wenig gibt, wie eine demokratische Sondergeschichte, ist eine wichtige Lektion.

Nicht alle jedoch stimmen mit der theoretischen Herangehensweise und den daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen überein. Aus dem Kreis der Fachkollegen kommt z.T. harsche Kritik, wie in den Rezensionen von Christian Jansen auf h soz kult und Andreas Wirsching in sehepunkte.

Die Aussagen Richters zur Demokratie im Nationalsozialismus stösst bei Andreas Wirsching auf scharfe Kritik:

Die Absenz jeder Begriffsschärfe, wozu hier auch eine mangelnde Auseinandersetzung mit Jacob Talmons These von der “totalitären Demokratie” gehört, verleitet die Autorin zu Formulierungen wie der vom “Nationalsozialismus und seiner totalen Demokratie, wie die Faschisten es nannten” (18). Der stupende Mangel an Quellen- und Literaturkenntnis sowie entsprechendem Problembewusstsein verrät sich auch dann, wenn vom Nationalsozialismus als einer “Simplifizierung von Volksherrschaft”[2]Andreas Wirsching: Rezension von: Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München: C.H.Beck 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 3 [15.03.2021], … Continue reading

Christian Jansen beschließt seine Rezension mit den Worten:

Das Genre des populären historischen Überblicks, der mehr auf Talkshows und Bestsellerlisten als auf ein Fachpublikum zielt, ist normalerweise von alten Männern besetzt. Insofern ist Richters Erfolg ein Zeichen der Demokratisierung. Ich hätte mir nur gewünscht, dass dieser Durchbruch mit einem überzeugend historisch argumentierenden Buch ohne die zahllosen, hier nur knapp umrissenen inhaltlichen und handwerklichen Fehler[2] gelungen wäre. Und die Juror:innen der Bestenlisten und Buchpreise sollten wieder genauer und kritischer lesen![3]Christian Jansen: Rezension zu: Richter, Hedwig: Demokratie. Eine deutsche Affäre. München  2020. ISBN 978-3-406-75479-1, In: H-Soz-Kult, … Continue reading

Patrick Bahners hält die Kritik an Hedwig Richter für maßlos.

Richter ist eine demokratische Historikerin in der erkenntnistheoretischen Tradition des amerikanischen Pragmatismus, wenn sie einfach mal ausprobiert, was man am Kaiserreich durch die Linse des Begriffs der Ambiguitätstoleranz zu sehen bekommt. Wirsching hingegen fehlt es offenkundig leider an dieser Toleranz als einer intellektuellen Tugend, am Sinn für die dialektischen und ironischen Momente der Geschichte[4]Eine umgekehrte Dolchstoßlegende.

Richter liefert in der Tat eine andere Sicht auf die Dinge. An vielen Stellen argumentiert sie plausibel, an manchen wirkt es doch ein wenig konstruiert. Die Aussagen zum Nationalsozialismus sind insofern erklärungsbedürftig, da nicht erläutert wird, warum andere Demokratien nicht den gleichen Weg eingeschlagen haben wie Deutschland. Dass die Elite der Treiber der Demokratisierung war, steht zumindest ein Stück weit in Widerspruch zu den Forschungen von Wolfgang Mommsen:

In mancher Hinsicht wird man die Rolle der unterbürgerlichen Schichten während der Revolution 1848/49 tatsächlich tragisch nennen können, wenn man dies viel mißbrauchte Wort überhaupt verwenden will: Sie waren es, welche die Barrikaden besetzten, welche mit ihren Aktionen die Monarchen zwangen, in konstitutionelle Reformen und die Wahl einer Nationalversammlung einzuwilligen; sie waren es, die bei den revolutionären Aufständen unter den Folgen der zahlreichen Kriege gelitten hatten; aber an ihrer bedrängten Lage änderte sich so gut wie nichts[5]Die Revolution von 1848/49 in europäischer Perspektive (Wolfgang J. Mommsen).

Im Kaiserreich unter Wilhelm II waren die Rechte und Einflussmöglichkeiten des Parlaments und der Regierung sehr begrenzt, wie John Röhl in Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik darlegt.

Wie im Dritten Reich, so waren im wilhelminischen System aber alle diese Leute von der Gunst und vom Zugang zum Staatsoberhaupt abhängig, das sich Ratschläge auch in der Außen- und Rüstungspolitik allzuoft von seinen Flügeladjutanten, Kabinettschefs udn Günstligen holte und auf seine “verantwortlichen Ratgeber” nicht hörte.

Weiterhin:

Und wenn auch keiner behaupten würde, seine Machtfülle sei der des Eisernen Kanzlers oder des “Führers” gleichzustellen, so ist es doch absurd, den komplexen Entscheidungsprozess in diesem “heroisch-aristokratischen Kriegerstaat” verstehen zu wollen, ohne die Rolle des Monarchen zu berücksichtigen, der sowohl in der Theorie als auch in der Praxis seinen politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt darstellte, der im militärischen Bereich die absolute Kommandogewalt besaß und das Recht hatte, sämtliche Personalentscheidungen selbst zu treffen.

Nachdenkens- und lesenswert die Einschätzung von Ralf Dahrendorf:

Deutschlands Weg in die Modernität war aus mancherlei Gründen lang. Die Verwerfungen von industriellen Wirtschaftsstrukturen und traditionalen Sozialstrukturen in der deutschen Gesellschaft erwiesen sich als lebensfähig und sogar überraschend widerstandsfähig. Der beharrliche Traditionalismus bestimmter Gruppen und Schichten entschärfte die möglichen Wirkungen der formellen Gleichheitsrechte, die schrittweise in Recht, Politik und Gesellschaft in Deutschland einzogen; objektiv vorhandene Chancen wurden subjektiv nicht wahrgenommen. Es gab Schichten, die mit diesem Zustand halber Modernität ein Interesse verband. Ihnen half die auch sonst symptomatische deutsche Ideologie der klassenlosen Gemeinschaft, mit der Erhaltung der eigenen Position auch den Weg der Gesellschaft in die Modernität aufzuhalten. So blieben die Gleichheitsrechte lange Zeit unvollkommen; deshalb sind die Chancen der Teilnahme noch heute unterschiedlicher, als es der allgemeine Status des Staatsbürgers erlaubt; so hat es die deutsche Gesellschaft den Liberalen schwer gemacht, ihre Konzeption einer rationalen Politik zum Prinzip der Verfassung zu erheben (in: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland).

Weitere Informationen:

Eckart Conze erinnert an die Reichsgründung vor 150 Jahren – „in weiter Ferne, so nah“

Wie mächtig war der Kaiser? Kaiser Wilhelm II. zwischen Königsmechanismus und Polykratie von 1908 bis 1914

References

References
1 Hedwig Richter: „Diese Demokratie ist stabil“
2 Andreas Wirsching: Rezension von: Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München: C.H.Beck 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 3 [15.03.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/03/34995.html
3 Christian Jansen: Rezension zu: Richter, Hedwig: Demokratie. Eine deutsche Affäre. München  2020ISBN 978-3-406-75479-1, In: H-Soz-Kult, 09.02.2021, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-49883>.
4 Eine umgekehrte Dolchstoßlegende
5 Die Revolution von 1848/49 in europäischer Perspektive (Wolfgang J. Mommsen
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