150 Jahre Wiener Ringstraße – der Boulevard als Gesamtkunstwerk

Von Ralf Keuper
Die Wiener Ringstraße ist in gewisser Hinsicht ein Gesamtkunstwerk, wie es in dieser Form wohl einmalig in der Welt ist. Der Ringstraßenstil war über mehrere Jahrzehnte hinweg prägend für die Architektur im Habsburger Reich. Nirgendwo sonst auf der Welt befinden sich auf so engem Raum so viele Kultureinrichtungen wie Theater und Museen. Hinzu kommen noch die Universität, das Wiener Rathaus, das Parlament und zahlreiche Kaffeehäuser, unter denen das Café Landtmann das Bekannteste ist. 
Eine Filmdokumentation hat sich diesem Boulevard in drei Teilen genährt, wobei der erste Teil bereits einen guten Überblick vermittelt. In diesem Jahr feiert die Ringstraße ihren 150. Geburtstag. 

Kaum jemand hat die Atmosphäre der Ringstraße und des 1. Bezirks literarisch so einzufangen gewusst, wie Stefan Zweig in seiner autobiografischen Schrift Die Welt von Gestern:

Diese Kunst der Angleichung, der zarten und musikalischen Übergänge, sie ward schon offenbar im äußern Gebilde der Stadt. In Jahrhunderten langsam gewachsen, aus innerem Kreise organisch entfaltet, war sie volkreich genug mit ihren zwei Millionen, um allen Luxus und alle Vielfalt einer Großstadt zu gewähren, und doch nicht so überdimensional, um abgelöst zu sein von der Natur wie London oder New York. Die letzten Häuser der Stadt spiegelten sich im mächtigen Strome der Donau oder sahen hinaus über die weite Ebene oder lösten sich auf in Gärten und Felder oder klommen in sachten Hügeln die letzten grün umwaldeten Ausläufer der Alpen hinauf; man fühlte kaum, wo die Natur, wo die Stadt begann, eines löste sich ins andere ohne Widerstand und Widerspruch. Innen wiederum spürte man, daß wie ein Baum, der Ring an Ring ansetzt, die Stadt gewachsen war; und statt der alten Festungswälle umschloß den innersten, den kostbarsten Kern die Ringstraße mit ihren festlichen Häusern. Innen sprachen die alten Paläste des Hofs und des Adels versteinerte Geschichte; hier bei den Lichnowskys hatte Beethoven gespielt, hier bei den Esterházys war Haydn zu Gast gewesen, da in der alten Universität war Haydns ›Schöpfung‹ zum erstenmal erklungen, die Hofburg hatte Generationen von Kaisern, Schönbrunn Napoleon gesehen, im Stefansdom hatten die vereinigten Fürsten der Christenheit im Dankgebet für die Errettung vor den Türken gekniet, die Universität hatte unzählige der Leuchten der Wissenschaft in ihren Mauern gesehen.

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