Frankfurter Schule und Wiener Kreis: Ein ambivalentes Verhältnis

Von Ralf Keuper
In seinem Buch Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus geht Hans-Joachim Dahms auf die verbindenden und trennenden Elemente zwischen der Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ein:
Die Programme und Lehren der beiden Gruppen enthalten alles in allem also zunächst eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten und dann sozusagen komplementäre Defizite. Bei der Frankfurter Schule war der Bereich der Naturwissenschaften und Mathematik faktisch ausgeblendet, beim Wiener Kreis der sozialwissenschaftliche und historische Bereich unterentwickelt. Eine solche Konstellation ist, von ihren Entwicklungschancen her betrachtet, ambivalent. … 
Im ganzen ergibt der Vergleich von politischer Haltung und Aktivität der Frankfurter Schule mit dem Wiener Kreis vor 1933, grob gesagt, folgende Bilanz: hier (in Frankfurt) eine ausgebautere sozialwissenschaftliche Theorie, dort (in Wien) eine intensivere Beteiligung an praktischer sozialistischer Politik bei den meisten Mitgliedern des Wiener Kreises.

Eine – zumal im Vergleich mit anderen deutschsprachigen philosophischen Strömungen ins Auge fallende – Gemeinsamkeit zwischen Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ist schließlich das beiden gemeinsame Schicksal der politisch und „rassisch“ motivierten Emigration, in die sie vom Nationalsozialismus bzw. vom Austrofaschismus gezwungen wurden; und dies – im Unterschied zu allen anderen deutschsprachigen philosophischen Schulen (wie dem Neukantianismus, der Phänomenologie und der Lebensphilosophie) – fast ohne Ausnahme. Dies halte ich für keine zu unterschätzende Gemeinsamkeit, zumal den Nationalsozialisten bzw. den Austrofaschisten die Lehren der beiden Gruppen jeweils als zersetzend und kulturbolschewistisch galten.  

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