„Canossa“ als Ausgangspunkt für die „Entzauberung der Welt“ (Stefan Weinfurter)

„Canossa“ war ein Ereignis, aber es steht auch als historische Chiffre. Diese bezeichnet den Beginn und den Weg der „Entzauberung der Welt“. So hat Max Weber den Rationalisierungsprozess umschrieben, bei dem die Einheit von religiöser und „staatlicher“ Ordnung sich auflöst. Dieser Vorgang birgt zwangsläufig neue regulative Ideen in sich, die den Wertekodex einer Gesellschaft zutiefst beeinflussen. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit stechen im Umfeld von „Canossa“ als Leitideen heraus. Sie förderten eine zunehmende Strenge in der Anwendung von Normen und Regeln. Gesetze und Vorschriften erhielten eine andere Verbindlichkeit als zuvor. Und es zeigten sich erste Ansätze dazu, den „staatlichen“ Bereich durch eigene Gesetze zu regeln, etwa durch den zwanghaften Rückgriff auf römisches Recht. …

Von hier (Canossa) gingen die ersten Impulse dafür aus, weltliche Lebensordnungen zu konzipieren, die Kirche als eigene Institution zu definieren und wissenschaftliche Methoden der Wahrheitssuche zu entwickeln. Erstaunlich rasch brachte es das „Licht der Vernunft“ so weit, dass man an der Pariser Universität schon im 13. Jahrhundert wagen konnte, Gottes Existenz zu leugnen. Man konnte sich die Welt bereits gottlos vorstellen, auch wenn diese Auffassung auf Betreiben der Amtskirche sogleich wieder mit Nachdruck ausgelöscht wurde. Doch der Stein war ins Rollen gebracht und zog seine Bahn über manche Unebenheiten bis hin zur Aufklärung. Für die „Entzauberung der Welt“ benötigten man einen langen Atem. Ihr Ausgangspunkt aber lag in „Canossa“.

Quelle: Canossa. Die Entzauberung der Welt.

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