Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung

Von Ralf Keuper

In der Studie Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung Hintergründe und Beispiele untersucht Silja Graupe den Einfluss, den bloße Behauptungen und die Sprache in der ökonomischen Bildung haben:

Die Studie geht der Frage nach, ob und auf welche Weise Studierende in der ökonomischen Bildung möglicherweise indoktriniert werden. Hierfür untersucht sie anhand von Beispielen den potenziellen Einfluss der ökonomischen Standardbildung an Hochschulen auf grundlegende Denk- und Handlungsweisen. Wie können Studierende zur unkritischen Übernahme nicht nur von Wissen, sondern auch von grundlegenden Weltanschauungen, Wertungen und Selbstbildern verleitet werden?

Zur Methodik bzw. zum Hintergrund der Studie:

Die Studie lässt sich von der kognitionswissenschaftlichen Einsicht leiten, dass ein Großteil menschlicher Wahrnehmungs- und Denkweisen normalerweise unbewusst bleibt. Das überwiegend unbewusste Denken und Handeln prägt den Menschen fundamental, ohne dass er es im Einzelnen wahrnimmt und reflektiert oder gar kontrollieren kann. Es ist stattdessen von gedanklichen Deutungsrahmen, in der Fachsprache der Kognitionswissenschaften frames genannt, geprägt, die ohne unser Bewusstsein Sprache und Erfahrungen miteinander koppeln.

Weiterhin:

Die Studie untersucht an ausgewählten Textbeispielen, wie die ökonomische Standardbildung diese Verarbeitung und Aktivierung beeinflussen kann. Sie bemüht sich hierbei auch um einen interdisziplinären Austausch mit der Ideengeschichte und der Erkenntnistheorie. So soll aus unterschiedlichen Perspektiven sichtbar gemacht werden, welche Stilmittel bzw. rhetorische Figuren, die kaum zu erkennen sind, in den ökonomischen Standardlehrbüchern wirken und Wahrnehmung verändern können.

In Heimliche Manipulateure? in der FAZ vom 1.08.17 kommentiert Jan Grossrath die Studie und ihre wesentlichen Ergebnisse:

Es fehle fast vollständig eine Vermittlung ideengeschichtlicher und geistesgeschichtlicher Zusammenhänge und eine in diesem Sinne einordnende Erklärung der Grenzen und des Sinnes eines mathematisch-objektiven, modellierten Denkens. Eine „Thematisierung sozioökonomischer Zusammenhänge“ suchte Graupe in ihrer kritischen Lektüre der einflussreichsten Werke der „weltweit standardisierten ökonomischen Bildung an Hochschulen“ vergebens. Immer wieder fand sie stattdessen eine Plausibilisierung der Aussagen durch anekdotische Beispiele aus dem Alltag anstatt empirischer Belege.

Trotzdem, so Grossrath, sei die Studie nicht als Kritik an der abstrakt modellierten neoklassische Mikroökonomie zu verstehen, sondern als deren Verteidigung.

Graupe selbst schreibt:

Die neoklassische Theorie verlangt von Ökonom_ innen, ein erfahrungsunabhängiges, also objektives Wissen anzustreben, das keinerlei Spuren des Wissenden (persönlicher oder kultureller Art) mehr trägt und nur noch ein Wissen innerhalb rein formaler, weltferner Strukturen fokussiert. Dieses Wissen stellt ein Ergebnis bewusster, meist mathematischer Denkprozesse dar, die ein hohes Maß an Kontrolle und Können des Verstandes verlangen; einer unbewusst bleibenden Transformation persönlicher Identität bedürfen diese Denkprozesse aber nicht.

Daraus folgt für Graupe:

Es wird aber auch deutlich, dass die neoklassische Theorie aufgrund ihrer Distanzierung zur menschlichen Erfahrung wenig helfen kann, sich über Beeinflussungsformen in der ökonomischen Bildung aufzuklären. Hierfür bräuchte es die Befähigung zu bewussten erfahrungsabhängigen Erkenntnisweisen, welche diese Distanzierung systematisch abbauen und zugleich das vormals Unbewusste auf die Ebene reflektierter Erkenntnis heben können

Zum Ziel der ökonomischen Bildung in der Zukunft:

Zukünftig gilt es, solche Formen der (Selbst-)Aufklärung durch die Erstellung weiterer beispielhafter Analysen und überblicksartiger Zusammenstellungen etc. zu stärken.

So weit so gut. Die Kritik an der Neoklassik und der ihr bewusst und unbewusst zugrunde liegenden Annahmen ist nicht neu. Einer der ersten war der Philosoph und Popper-Schüler Hans Albert, der bei der Gelegenheit vom „Modell-Platonismus“ sprach (Vgl. dazu: Model Platonism: Neoclassical economic thought in critical light und Über Modellplatonismus und andere Gebrechen der Ökonomie). Was die Verwendung der Mathematik in den Wirtschaftswissenschaften betrifft, bescheinigen „echte“ Mathematiker und Physiker den Modellen der Ökonomen eine recht überschaubare Erklärungskraft, wie Lee Smolin.

In einem Leserbrief in der FAZ (An den Alphatieren kommt niemand vorbei) vom 4.04.17 nahm Urich Weißer den wissenschaftliche Gehalt des sog. Homo Oeconomicus aufs Korn:

Als Nutzen gilt jeweils das, wonach sie streben. Der Satz „Alle Verbraucher streben nach Nutzenmaximierung“ ist entsprechend Karl Popper .. kein wissenschaftlicher Satz, weil keine Beobachtung angeben werden kann, die diesen Satz falsizifizieren könnte. Es steht logisch auf derselben Stufe wie „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist“. Aus den offensichtlich unzutreffenden oder immer zutreffenden und daher belanglosen Obersätzen werden in der Wirtschaftstheorie kunstvolle Schlüsse gezogen, die aber lediglich auf ihre interne Widerspruchslosigkeit geprüft werden und nicht auf ihre Relevanz.

Da ist noch einiges an Aufklärungsarbeit zu tun.

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