Der moderne Mensch und die Automation (Franz Klüber)

Von Ralf Keuper

Die Auswirkungen der Automation werden momentan kontrovers diskutiert; sorgt sie dafür, dass der Mensch als Arbeitskraft überflüssig wird, oder aber führt die Automation sogar für noch mehr Beschäftigung?

Der „Vater“ des Begriffs Automation ist John Diebold, der im Jahr 1952 sein Buch Automation veröffentliche, ein Klassiker der Managementliteratur.

Although he was only 26 when he wrote his first book, Automation, published by Van Nostrand in 1952 based on his studies at the Harvard Business School, independent research and ever-persistent curiosity about the whole field of technology, he originated many of the concepts of data processing and utilization that are accepted today in both automation and management. This book was reissued unchanged on its 30th anniversary as a “management classic” by the American Management Association. He is credited with coining the word automation in its present meaning, and had much to do with introducing it to general usage. (Quelle: Wikipedia)

Im Jahr 1957 beschäftige sich Franz Klüber, zum damaligen Zeitpunkt Professor für katholische Soziallehre, in Der moderne Mensch und die Automation. Zum Problem der ethischen Bewältigung des technischen Fortschritts mit den Folgen der Automation für die Gesellschaft und das Individuum. Es ist nicht überraschend, wenn ein kulturpessimistischer Unterton den Aufsatz durchzieht; jedoch wäre es zu einfach, die Gedanken wegen ihres Alters und ihrer Provenienz aus heutiger Sicht als realitätsfremd abzutun. Einige Aussagen regen noch immer zum Nachdenken an.

Es ist ganz offensichtlich, daß er (der Mensch, RK) große intellektuelle Begabungen entwickelt und gewaltige Leistungen vollbracht hat. Indem er aber in dieser Weise auf die Welt zuging und eine bisher nicht gekannte intellektuell-technische Aktivität entfaltete, sind zwar bestimmte menschliche Begabungen stärker und intensiver geworden, andere aber schwächer und stumpfer. Es sind Haltungen und Kräfte, die zum vollen Menschen gehören, verlorengegangen. .. Damit soll folgendes gesagt sein: Zum vollen Menschtum gehört zwar die Aktivität des Zugehens auf die Welt und die Dinge, ihre Beherrschung und Hinordnung auf menschliche Sinngebungen. So verbindet sich der Geist des Menschen mit dem Gegenständlichen der Natur, es entsteht jenes vielschichtige Ganze, das wir Kultur nennen. Je mehr der Mensch solchermaßen Macht über die Natur gewinnt, um so größer sind die Möglichkeiten der Befriedigung von Lebensbedürfnissen, um so reicher und freier kann das Dasein werden. Diese Aktivität muß aber eingefügt bleiben in das Ganze der Person, muß ihr unterworfen und von ihr getragen bleiben. Wenn der Mensch sich an die Dinge verliert, kommt es dahin, daß nicht er der Herrscher der Natur ist, sondern daß er von den Dingen beherrscht wird. Diese Gefahr kann nur gebannt werden, wenn er immer wieder zu sich selbst zurückkehrt und sich sammelt zum Schweigen, zur Ruhe und zur Besinnung. Wahre Kultur beginnt nicht mit dem Zugehen auf die Dinge, sondern mit dem Zurücktreten vor ihnen. Nicht aus der Hast und dem Gedränge, sondern erst aus dem Abstand läßt sich der Sinn der Vorgänge und Apparaturen erkennen, ist Wertvolles von Wertlosem zu unterscheiden. So sichert sich der Mensch die Freiheit und bleibt davor bewahrt, von den Dingen überwältigt zu werden.

Ähnlich wie Hannah Arendt in Vita Activa und zuvor Rudolf Eucken und dessen Schüler Max Scheler in ihren Schriften, stellt Klüber ein ungesundes Übergewicht aktiven Verhaltens der Menschen fest:

Innerhalb der abendländischen Welt ist seit einem halben Jahrtausend das aktive Verhalten beständig gewachsen, es bestimmt das Leben des modernen Menschen, der sich immer mehr an das ausliefert, was um ihn her vor sich geht. Im gleichen Maße verliert er die Kraft zur Besinnung auf sich selbst und damit auch die Fähigkeit, in sich zu stehen, das Ganze zu überblicken und zu beurteilen, zum Sinn der Dinge durchzudringen und Ordnung hineinzubringen. Es liegt auf dieser Linie, daß das rational-technische Wissen des Menschen immer breiter wird und ständig neue Gebiete ergreift, während das Verstehen, das Erfahren von Wesen und Sinn der wissensmäßig beherrschten Sachverhalte schwächer wird. Schon Max Scheler hat auf diese Entwicklung hingewiesen und darauf aufmerksam gemacht, daß das auf die Beherrschung der Welt gerichtete Leistungswissen, mit dem man „etwas anfangen kann“, zunehmend an Geltung gewinne, während das um den Sinn des Seins und um menschliches Selbstverständnis bemühte Bildungswissen in den Hintergrund trete.

Was echte Kultur von hohem Lebensstandard unterscheidet:

Die gültige Repräsentation dieses falsch verstandenen hohen Lebensstandards ist weithin immer noch eine sogenannte „bessere Gesellschaft“, deren Lebensstil an jener Scheinwelt und Halbwelt im Raum etwa von Monaco und Nizza orientiert ist. Dem Menschen als geistbegabtem Wesen aber steht es zu, die Begriffe hoch und niedrig nicht quantitativ, sondern qualitativ zu verstehen, als Symbole geistiger Beziehungen und Wertordnungen. Unter diesem Gesichtspunkt ist hoher Lebensstandard etwas ganz anderes. Es ist der Lebensstil desjenigen, der Kultur hat: Das ist der Mensch, der in sich selbst steht und mit sich umzugehen weiß; der die durch die Technik bereitgestellten Mittel in seinen Dienst nimmt und ihnen den rechten Platz zuweist.

Merkmale der künftigen Elite:

Eine solche Elite, die ihren Lebensstil vorbildlich und strahlkräftig zu leben weiß, könnte den Menschen aus der Verlorenheit an die Logik von technischer Macht und Apparatur zurückholen und jene Fehlelite ablösen, die sich uns heute noch weithin präsentiert in dem Protzentum charakterloser Parvenüs, in den Skandalen abgeglittener Exmonarchen, in den Launen und Süchten hysterischer Filmstars — die Prototypen der Vermassung und deshalb die bewunderten Vorbilder derer, die Stand und Halt verloren haben. Es wäre eine Aufgabe von Publizistik und Pädagogik, mit der Anerkennung echter Elite dieser Perversion von Elite mit merklicher Ironie und Verachtung zu begegnen.

Damit befand sich Klüber übrigens auf einer Linie mit dem Bankier Siegmund Warburg („High Financier“), von dem der Satz stammt:

Ich hoffe noch auf eine neue Aristokratie, eine neue Elite, zu deren Eigenschaften die Verachtung von Luxus und Ansammlung materieller Güter, die Achtung vor dem Inhalt anstelle des Scheins, der Vorzug der Qualität vor der Quantität, schließlich edle Gesinnung und unabhängiges Urteil gehören müssen (in: Siegmund Warburg. Das Leben eines großen Bankiers von Jacques Attali).

Zur Rolle der Medien:

Wir wissen, welche Rolle Rundfunk, Film, Presse und Fernsehen in der Technik der Massenbeherrschung autoritärer Staaten spielen. Zu diesen schon vorhandenen Mitteln könnte die Automation noch Wesentliches hinzufügen. Inzwischen ist die machine à gouverner bekannt geworden, ein Elektronen-Kalkulator, welcher der Regierung die zu ergreifenden Maßnahmen angibt, durch die in einer bestimmten Situation ein bestimmtes politisches Ziel mit höchstmöglicher Wahrscheinlichkeit erreicht werden kann. In den Vereinigten Staaten wird diese Konstruktion in Teilbereichen der Politik schon mit Erfolg praktiziert: So wurde beispielsweise 1950 die Frage des politischen Reagierens auf die Ereignisse in Korea mit Hilfe eines Elektronen-Kalkulators entschieden, der auf Grund seiner Berechnungen Teilmobilisation vorschlug.

Mit Blick auf das Thema Nudging und die aktuelle Diskussion um den Einfluss der sozialen Medien auf die politische Meinungsbildung gar nicht mal so weit weg.

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