Die abduktive Wende des Denkens

Man könnte in Weiterführung von Apels Ansatz sagen: Der “abductive turn” ist die semiotische Pointe der sprachpragmatischen Wende bzw. des “pragmatic-hermeneutic turn” in der Wissenschaftstheorie. Die Rolle des Forschers – und insbesondere des Semiotikers – ist nicht mehr nur die des regelanwendenden Richters, der die Erfahrung auf den Kantischen “Zeugenstand der Vernunft” ruft, sondern die eines regelsuchenden Detektivs, der mit Hilfe seines “Spürsinns” den relevanten Aspekt einer Beobachtung findet und sie in einen beweiskräftigen Begründungszusammenhang integriert. Die abduktive Wende ist durch die epistemologische Einsicht ausgezeichnet, daß der größte Teil unseres Wissens aus Mutmaßungen besteht, mithin hypothetisch und vorläufig ist und daß unsere Hypothesen daher notwendigerweise zuerst einer experimentellen Prüfung unterzogen werden müssen, bevor sie mit Wahrheitsanspruch behauptet werden können. Bis dahin haben unsere Theorien ausschließlich operationeIlen und vorläufigen Charakter. Die Aufgabe des Interpreten besteht darin, die Vorläufigkeit seiner Interpretation auszuhalten. Daß abduktives Schlußfolgern überhaupt gelingen kann, ist Peirce zufolge das größte Wunder des Universums (CP 8.238). Er vermutet, der Mensch verfüge über einen instinktiven Spürsinn, der es ihm gestattet, die “geheimen Gesetze” seiner Lebenswelt zu erahnen (vgl. Peirce 1929: 282). Dieser Instinkt basiert auf einer teils angeborenen, teils entwickelten Affinität zum natürlichen und kulturellen Kontext (CP 1.120). Obwohl die logische Sicherheit einer Abduktion gering ist, “da sie nur Vermutungen anbietet” (CP 5.171), behauptet Peirce, daß sie ein logischer (wenn auch weitgehend undeterminierter) Prozeß sei (vgl. CP 5.188f). Abduktives Schließen folgt bestimmten Leitprinzipien, d.h. einer “Economy of Research” (CP 7.220), die Peirce jedoch nicht als Forschungsmethode, sondern als Forschungsstrategie begreift, die einen Ausgleich zwischen den Momenten “instinktive Einsicht” und “Antizipation einer gültigen logischen Form” schaffen soll. Die abduktive Forschungsstrategie beinhaltet neben der “innovativen” Formulierung neuer Hypothesen eine Selektionsprozedur, um die Anzahl der zulässigen Hypothesen mit möglichst geringem Aufwand an Zeit und Arbeit zu verringern. Diese Prozedur garantiert zwar nicht die Wahrheit der plausiblen Hypothese, aber doch die Effektivität der Untersuchung, die, so die Hoffnung, “in the long run” Zur Wahrheit führen wird. Das Ökonomiekriterium basiert auf Galileos Idee des “lumen naturale”, wonach die natürlichere, instinktiv näherliegende Hypothese bei der Prüfung bevorzugt werden soll. Dies führt Peirce zur Formulierung von drei forschungslogischen Leitprinzipien zur Beurteilung von “guten”, d.h. plausiblen Hypothesen: sie müssen evident, einfach und effektiv prüfbar sein.

Quelle: Abduktion und ihre Anwendung

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