Einige Bemerkungen zur „Weltgeltung“ Heideggers

Von Ralf Keuper

Bei nüchterner Betrachtung fällt auf, dass Heidegger abseits der Feuilletons und einiger philosophischer Zirkel kaum relevant ist. Die dominierenden Denkschulen der letzten Jahrzehnte auf internationaler Ebene waren und sind eindeutig die von Heidegger so verachteten liberalen, wie vor allem der Neoliberalismus nach F.A. von Hayek, Milton Friedman, Ludwig von Mises, Karl Popper u.a. Hinzu kommt noch der Keynesianismus. Diese Theorien haben eine weitaus größere Bedeutung erlangt, als Heideggers Philosophie. Während also die einen nicht nur auf der theoretischen Ebene, sondern auch in der Praxis eine hohe Geltung erlangt haben, beschränkt sich Heideggers Einfluss auf die bereits erwähnten Rezeptions- und Zitationszirkel. In den letzten Jahrzehnten neu hinzu gekommen sind die Hirnforschung, Informatik und die Künstliche Intelligenz, die ebenfalls eine deutlich höhere Relevanz für den öffentlichen Diskurs haben, als Heidegger mit seiner Seinsphilosophie und der daraus abgeleiteten Technikkritik. Dieser Befund gilt übrigens auch für die Kritische Theorie von Horkheimer/Adorno bis zu Habermas. 
Die ökonomische Bedeutung von Heideggers Philosophie beschränkt sich weitestgehend auf den universitären Lehrbetrieb, Verlage und einige Publizisten, vor allem aus den Reihen der sog. „Konservativen Revolution“, aber auch auf die Kritiker. Für einzelne Personen oder auch Gruppen ist die Beschäftigung mit Heidegger daher häufig ein lukratives Geschäftsmodell. Für Wirtschaft und Gesellschaft sind die Auswirkungen dagegen irrelevant. Insofern lebt der Mythos Heidegger von der Kritik, ja auch der Polemik, die gegen ihn erhoben wird. Sie sorgen dafür, dass das Geschäft nicht vollständig zum Erliegen kommt. So gesehen ist die Herausgabe der Schwarzen Hefte ein echter Glücksfall – sowohl für die Heideggerianer wie auch für die Kritiker. 
Dennoch bleibt der Eindruck bestehen, dass kaum eine Philosophie der letzten Jahrzehnte in jeder Beziehung so überschätzt wurde wie die von Heidegger. So ohne durchgreifende Wirkung auf die „Realität“, das „Seyn“ waren bisher nur wenige philosophische Schulen. Der Eindruck drängt sich auf, dass diese Philosophie künstlich am Leben gehalten wird („Riding the dead horse“). Verglichen mit Denkschulen wie dem Liberalismus, dem Kritischen Rationalismus und dem Pragmatismus etwa, ist ihr Einfluss geradezu marginal. Lediglich aus philosophiehistorischer Sicht ist Heideggers Denken noch von Interesse. Und selbst da wird seine Philosophie ihr Dasein, ihre Existenz auf ewig in der Schmuddelecke fristen. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, dass der Geltungsverlust von Heideggers Philosophie in den nächsten Jahren anhalten bzw. noch offensichtlicher wird. Beschleunigt wird diese Entwicklung noch dadurch, dass die Generation derjenigen, die mit Heidegger noch persönlichen Kontakt oder zu dessen näherem Umfeld hatten, in den nächsten Jahren, in wenigen Jahrzehnten abtreten wird, mit Konsequenzen für dieses Denkkollektiv, wie sie u.a. von Thomas S. Kuhn ausführlich beschrieben wurden. 
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