Heidegger vor und nach den „Schwarzen Heften“ – Eine kurze Bestandsaufnahme

Von Ralf Keuper

In den letzten Monaten haben sich zahlreiche Artikel mit der Bedeutung der „Schwarzen Hefte“ für die weitere Rezeption von Martin Heidegger und seiner Philosophie auseinandergesetzt. Im Anschluss nun eine (subjektive) Auswahl von Beiträgen, aus der Zeit vor und nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte.

Es versteht von selbst, dass die Auswahl keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Persönlich halte ich die Philosophie Heideggers für kompromittiert.

Beiträge, die sich lange vor der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte kritisch mit der Person und der Philosophie Heideggers auseinandergesetzt haben:

Beiträge, wonach die Philosophie Heideggers auch nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte noch einige Gültigkeit hat bzw. in denen die Autoren die Ansicht vertreten, dass die Heidegger-Forschung neu betrieben werden muss:

Beiträge, die im Kern dafür plädieren, dass die Trennung von Werk und Person, von Ideologie und Philosophie nicht (mehr) aufrecht erhalten werden können (Eine Position, die ich inhaltlich teile) 

Beiträge, die sich kritisch mit der Rolle der Familie Heidegger im Zuge der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte sowie der Herausgabe des Nachlasses beschäftigen:

Robert Musil:

Lange vor den Diktatoren hat unsere Zeit die geistige Diktatorenverehrung hervorgebracht. Siehe George. Dann auch Kraus und Freud, Adler und Jung. Nimm noch Klages und Heidegger hinzu. Das Gemeinsame ist wohl ein Bedürfnis nach Herrschaft und Führerschaft, nach dem Wesen des Heilands.

Thomas Meyer in der SZ vom 21./22.03.2015

Nein, Heidegger hat sich gerade dort unter Kontrolle, wo er Perversitäten mit der Lockerheit des Denkers ausspricht. Denn sie stehen übergangslos neben den sich unerschüttert gebenden Einsichten. „Anders wäre inmitten der rasenden Vernichtungsmöglichkeiten von allem die nur in einer einzigen Niederschrift verwahrte Bemühung des Denkens auf das Äußerste gefährdet“. Die „Anmerkungen“ sind vielmehr der vollständige Zusammenfall und Zusammenbruch von Autobiografie und Denken.

Marion Heinz in einem Interview mit der ZEIT:

Es kann ja nicht sein, dass man Heidegger für unverzichtbar hält, bloß weil wir jemanden brauchen, der uns auf die Gefahren unserer Zeit aufmerksam macht. Die ernsthafte Auseinandersetzung über den Wert von Heideggers Denken und darüber, was nun, nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte, von der weithin behaupteten Weltgeltung bleibt, steht erst am Anfang.

Otto Pöggeler:

Hätte ein Philosoph aber nicht Anlaß, sich darauf zu besinnen, ob es Menschenrechte gebe – ein zu verteidigendes Recht auf Leben, auf Glaubensfreiheit und so fort?

Karl Popper:

I appeal to the philosophers of all countries to unite and never again mention Heidegger or talk to another philosopher who defends Heidegger. This man was a devil. I mean, he behaved like a devil to his beloved teacher, and he has a devilish influence on Germany. … One has to read Heidegger in the original to see what a swindler he was.

Leszek Kolakowski:

Was immer die Erklärung ist, man kann überzeugt sein, dass jede religiöse oder soziale Bewegung, mag sie auch den aggressivsten Anti-Intellektualismus predigen, begeisterte Unterstützung durch einige Intellektuelle finden wird, die in der bürgerlichen Zivilisation des Westens groß geworden sind und deren Werte ostentativ verwerfen, um sich der Herrlichkeit gesunder Barbarei zu beugen (in: Leben trotz Geschichte)

Jeanne Hersch

Er kann jemandem durch sein Talent in Erfindung von Ausdrucksweisen philosophische Erfahrung verschaffen. Er kann auch verführen. Ich bin überzeugt, daß Heidegger Macht lieber hat als Wahrheit für Freiheit. … Wenn ich sage, daß Heidegger die Macht lieber hat als die philosophische Wahrheit, sage ich etwas ganz Schlimmes. Verstehen Sie das?

Raymond Klibansky:

Es handelt sich vielleicht um einen der schwerwiegendsten Fälle, weil er als Philosoph, dessen eigenwilliges Denken die Grundlagen des modernen Denkens umstürzen wollte, großen Einfluss hatte. 1929 erlebte ich seinen Vortrag „Was ist Metaphyisk?“ mit. Ich war über die Mischung von wirklicher und scheinbarer Tiefe und über die Ungeniertheit verblüfft, mit der er am Ende dem griechischen Text des Phaidros von Platon antat, um seine These über Philosophie und Existenz zu untermauern.(in: Gespräche mit Georges Leroux)

 Max Rychner:

Heidegger finde ich seit 22 Jahren immer wieder greulich und werde nun wohl dabei bleiben. Er ist die Gegenwelt zu Goethe und allem, was ich liebe … Ein nicht abreissender Strom von Franzosen pilgert zu ihm; er spricht sein Abraxas mit ihnen und sie steigen, wie mir diese Woche zwei Zeugen versicherten, sogleich ein auf ihn; aber die Sprache ist nur eines der Verständigungsmittel. Sie wittern einander und fühlen sich einig von den Dunkelzonen des Sonngeflechts her.

Max Müller:

Das Denken ist nur dann Denken im Heideggerschen Sinne, wenn es in der Antwortlosigkeit verharrt. Für mich steckt darin dann doch ein gewisser…“Nihilismus“. Dieser führt dazu, daß der so antwortlos Denkende dann auch im Politischen der Verantwortung ausweicht. Das wollte Heidegger nicht und hat es letzten Endes doch getan.

Wenn schon „Einblick in das was ist“, dann auch in Heideggers Feigheit, verantwortlich zu sein

Ernst Tugendhat

Ich bin aufgewachsen in einem Umkreis von jüdischen Emigranten, die Heidegger-Schüler waren und die so getan haben, als könnte man sein Werk von seiner Person trennen …

Der C. H. Beck Verlag hat mir nahegelegt, ein Buch über „Sein und Zeit“ zu schreiben. Aber das täte ihm zu viel Ehre an. Nicht nur die Art, wie er sich in der Nazizeit verhalten hat, sondern auch, wie er sich geäußert hat nach 1945 – schrecklich. Ich glaube, dass er etwas Verlogenes hatte. Menschlich-politisch allemal, aber auch im Philosophischen.

Alfred Grosser

Also ich würde sagen, bei Heidegger ist ein Antisemitismus auch mit seiner Philosophie verbunden, bei Grass ist sein Waffen-SS-Dabeisein nicht verbunden mit seinen Büchern.

Gordon A. Craig:

Zu der Flut neuer Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung in den ersten Tagen nach Hitlers Machtantritt, den sogenannten „Märzgefallenen – gehörte auch die Mehrzahl der Lehrstuhlinhaber und Intellektuellen, und diese Leute trieben den professoralen Stil in dem Bemühen, das neue Regime zu rechtfertigen und es als in Deutschlands Geschichte und kultureller Tradition wurzelnd darzustellen, auf neue Höhen der Komplexität. Bei dieser Übung spielte der Philosoph Martin Heidegger eine Starrolle, indem er verkündete, Hitler und das deutsche Volk seien durch Fügung aneinander gebunden und „geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags, der das Schicksal des deutschen Volkes in das Gepräge seiner Geschichte zwingt“. … Alfred Rosenberg, der Philosoph der Bewegung wetterte gegen Leute, die „auf rein logischem Wege (fortschreiten), indem sie von Axiomen des Verstandes weiter und weiter schließen“. Man musste den „ganzen blutlosen intellektualistischen Schutthaufen rein schematischer Systeme loswerden“. Damit war Hitler sehr einverstanden. Seiner Ansicht nach war es nicht Pflicht guter Deutscher, Situationen zu analysieren und dann überlegt zu handeln. Sie sollten „fühlen“, „die Stimme des Blutes hören“, den „Schicksalsrausch“ empfinden (ein von Heidegger geprägter Begriff) und dann mit „Härte und „Fanatismus“ handeln, wie ihr Führer es befahl. (in: Über die Deutschen)

Thomas Mann:

Der Dichter der „Buddenbrooks“ nennt zum Beispiel im April 1944 Heidegger einen „Nazi par existence“, also gerade nicht „par excellence“, sondern qua seines Soseins. Des weiteren bezichtigt er ihn der Eigenschaft, ein „krimineller Sprachschänder“ zu sein, was gleich an Heideggers Wort von der „Jemeinigkeit“ exemplifiziert wird. „Jemeinigkeit! Zuerst hielt ich es für einen Berolinismus, der mit ,gemein‘ zu tun habe. Und das hat es denn ja auch.“

Peter Schneider:

Vom Eingang zur völlig überfüllten Halle des Audimax aus gesehen wirkte der kleine Mann noch kleiner. Ich hörte seinen getragenen, pausenreichen Singsang, aber ich verstand ihn nicht, wollte ihn auch nicht verstehen. Ich mochte die andachtsvolle Stille nicht, mochte seine substantivierten Verben und Adverbien nicht, mochte die priesterliche Tonart seines Vortrags nicht. Ich hatte das Gefühl, dass von mir, von jedem Zuhörer ein Unterwerfungsakt gefordert war; dass man sich kniefällig dem Neusprech dieses deutschen Geistesfürsten nähern musste, um zu dem erlesenen Kreis derer zu gehören, die mit leuchtenden Augen behaupteten, ihn zu verstehen.

Obwohl ich – vor allem, weil er sich nie nach uns, seinem vorbeischlurfenden Nachbarn, umgedreht hatte – für jeden Einwand gegen Heidegger aufgeschlossen war, habe ich während meiner Studienzeit in Freiburg niemanden getroffen, der mich auf Heideggers Freiburger Rektoratsrede von 1933 und seine begeisterte Begrüßung des Naziregimes aufmerksam gemacht hätte. Ich fand nur Heidegger-Jünger, frisch Erweckte, die bereit waren, ihm auf seinen „Holzwegen“ zu folgen. (in: Rebellion und Wahn. Mein ’68)

Heidegger in der Literatur und Musik:

Weitere Beiträge:

Der unbewältigte Heidegger

Heidegger, die Nazis und der aussichtslose Krieg

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