Es gibt einen ständigen Wettlauf zwischen der Erarbeitung von Wissen und der Verdichtung zu handlicher Form durch Theorien (Herbert A. Simon)

Aus einigen Disziplinen .. wissen wir, dass auch die Talentiertesten zur Erlangung der Meisterschaft in ihrem Fach ungefähr ein Jahrzehnt benötigen. Außer für Bobby Fischer, der den Großmeistertitel neun Jahre und einige Monate nach seinen ersten Spielen erlangte, gibt es keinen Bericht, dass jemand dieses Niveau in weniger als einem Jahrzehnt erreicht hätte. Mit Ausnahme von Mozart wissen wir von keinem Komponisten, der vor Ablauf eines Jahrzehnts ernsthaften Studiums und Übens erstklassige Musik geschaffen hätte; und selbst in Mozarts Fall gelten die zwischen dem siebten und zehnten Jahr nach seinen ersten Versuchen entstandenen Stücke eher als Juvenilia denn als das Werk eines Großmeisters.

Tritt in der Geschichte einer Disziplin die Lage ein, dass das zu professioneller Kunstfertigkeit nötige Wissen nicht mehr innerhalb eines Jahrzehnts erworben werden kann, so sind verschiedene Anpassungsentwicklungen möglich. Gewöhnlich wird die Spezialisierung zunehmen, und die Ausübenden werden bei ihrer Arbeit zunehmend Gebrauch von Büchern und anderen Hilfsmitteln machen …

Andererseits wäre die Annahme nicht richtig, dass jeglicher Fortschritt des menschlichen Wissens die Information vermehre, die von den Fachleuten gemeistert werden muss. Im Gegenteil, manche der wichtigsten Fortschritte in der Wissenschaft bestehen in der Entdeckung und Überprüfung starker neuer Theorien, die es erlauben, große Mengen von Fakten in einigen wenigen allgemeinen Grundsätzen zusammenzufassen. Es gibt einen ständigen Wettlauf zwischen der Erarbeitung von Wissen und der Verdichtung zu handlicher Form durch Theorien. Insofern kann man nicht ohne weiteres sagen, dass der Chemiker heute mehr zu lernen hätte als vor einem halben Jahrhundert, bevor die allgemeinen Gesetze der Quantenmechanik bekannt wurden. Ohne weiteres kann man sagen, dass er soviel wissen muss wie ein fleißiger Mensch in zehn Jahren lernen kann.

Quelle: Die Wissenschaft vom Künstlichen

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