Lässt der Untergang des römischen Reiches Rückschlüsse für die Gegenwart zu?

Von Ralf Keuper

Die Ursache für den Untergang des römischen Imperiums liegt für Alexander Demandt, wie für viele andere Althistoriker auch, in der Tatsache begründet, dass es Rom nicht gelang, die Einwanderer, wie vor allem die Goten, zu integrieren. Stattdessen übernahmen die Immigranten die Kontrolle im Reich und verdrängten die einheimische Bevölkerung. Rom war mit der Eingliederung einer so großen Zahl von Einwanderern überfordert. Demandt sieht nun einige Parallelen zu der heutigen Situation in Deutschland, wie er sie in Untergang des Römischen Reichs: Das Ende der alten Ordnung formuliert.

Das Problem an historischen Vergleichen dieser Art ist, wie Demandt sicher weiß, dass man gezwungen ist, ganz Etappen der Geschichte, ganze Zeitschichten (Reinhart Koselleck) zu überspringen. Die römische Gesellschaft von damals hat kaum bis gar keine Gemeinsamkeiten mit der heutigen in Deutschland, und auch die Einwanderer können nicht mit den Flüchtlingen von heute gleich gesetzt werden, so verlockend das auch sein mag. 

Leider unterlässt es Demandt darauf hinzuweisen, worin sich die Situation von damals grundsätzlich von der gegenwärtigen unterscheidet und wo die Grenzen der Übertragungsmöglichkeiten sind. Stattdessen erweckt er den Eindruck, dass er eine historische Gesetzmäßigkeit beschreibt. Ein Problem, das Karl Popper einmal als das Elend des Historizismus bezeichnet hat. Statt des Untergangs des römischen Reiches hätte er auch die Invasion Wilhelm des Eroberers als Bezugspunkt wählen können. Die Aussagekraft wäre in etwa gleich, nämlich null. 
Wir haben es in Deutschland, so berechtigt die Kritik an der gegenwärtigen Politik auch ist, mit einer modernen Zivilgesellschaft zu tun und nicht mit einer Gesellschaft, die von spätrömischer Dekadenz heimgesucht wird. 
Die Bundeszentrale für politische Bildung hebt folgende Perspektiven der Zivilgesellschaft hervor: 
  • Die habituelle oder handlungsorientierte Perspektive auf Zivilgesellschaft bezieht sich auf einen bestimmten Typus sozialen Handelns, nämlich auf den zivilen Umgang miteinander, gewaltfrei und kompromissorientiert: eine Gesellschaft, die sich durch Zivilität auszeichnet. 
  • Dass ihre Mitglieder „zivil“ miteinander umgehen, wird unterstützt durch politische Rahmenbedingungen, die ebenfalls durch „Zivilität“ geprägt sind. Hierzu zählen die verfassungsrechtlich garantierten Menschen- und Grundrechte ebenso wie die Gleichheit vor dem Gesetz sowie die Ermöglichung menschenwürdiger Lebensumstände etwa im Sinne der Sicherung eines Existenzminimums (Rucht 2010a: 88). Zivilgesellschaft ist insofern Ausdruck einer politischen Kultur, die sich durch Gewaltfreiheit, Toleranz und Kompromissbereitschaft auszeichnet. 
  • Die dritte Perspektive auf Zivilgesellschaft ist akteurszentriert. Das heißt, dass hier der Fokus auf konkret handelnden Personen und Organisationen liegt, die selbstorganisiert tätig werden. Dies geschieht nicht in traditionellen Familienstrukturen und auch nicht im Rahmen von privatwirtschaftlichen Unternehmen oder staatlichen Behörden, sondern primär in einem gesellschaftlichen Bereich jenseits von Markt, Staat und Privatsphäre und damit im Kontext von Vereinen, Verbänden, Stiftungen Netzwerken, informellen Zirkel, sozialen Beziehungen und Bewegungen sowie Nichtregierungsorganisationen (NGOs).
Daran sollten wir, bei allen Mängeln, festhalten. Ein mehr oder weniger unreflektierter Rückgriff auf die Antike trägt jedenfalls nicht zur besseren Orientierung bei. 
Dieser Beitrag wurde unter Geschichtswissenschaften, Politik und Wirtschaft abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.