Leszek Kolakowski: Intellektuelle contra Intellekt

Von Ralf Keuper

In seinem Aufsatz Intellektuelle contra Intellekt geht der Philosoph Leszek Kolakowski näher auf das zwiespältige Verhältnis der Intellektuellen zum Intellekt ein, das in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche besonders deutlich hervortritt. Obwohl man eigentlich davon ausgehen könnte, dass Intellektuelle gegenüber betont anti-intellektuell auftretenden Strömungen weitgehend immun sind, zumindest mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung, zeigt sich immer wieder, dass auch sie den Verführungen der Despoten allzu bereitwillig erliegen. Prominentes Beispiel ist Martin Heidegger

Kolakowski beschreibt dieses wiederkehrende Phänomen:

Was immer die Erklärung ist, man kann überzeugt sein, dass jede religiöse oder soziale Bewegung, mag sie auch den aggressivsten Anti-Intellektualismus predigen, begeisterte Unterstützung durch einige Intellektuelle finden wird, die in der bürgerlichen Zivilisation des Westens groß geworden sind und deren Werte ostentativ verwerfen, um sich der Herrlichkeit gesunder Barbarei zu beugen. 

Um das Dilemma fassen zu können, greift Kolakowski auf die Unterscheidung von Wahr und Gültig zurück. Wahr ist, was sich mit Hilfe der allgemeinen Regeln der deduktiven und probabilistischen Logik als solches erweisen lässt, gültig ist dagegen nur, was sich unter Berufung auf die Tradition Geltung verschafft: 

Diese Unterscheidung jedoch kann niemals alle Zweifel daran beseitigen, was in unserer Kultur zu welchem Bereich gehört. Der Glaube an die Allgemeingültigkeit gewisser kultureller Muster (eingeschlossene Denkmuster) läuft dem Bedürfnis nach “totalem Engagement” oder “globaler Zugehörigkeit” zu einer bestimmten Kultur oder Subkultur oder militanten Gruppe entgegen. .. Vorbehaltloses Engagement fällt schwer, wenn wir uns bewusst sind, mit unseren Feinden einige grundlegende Werte gemein zu haben – selbst intellektuelle. 

Machen sich Intellektuelle zu Fürsprechern des “Totalen Engagements” und stellen die Gültigkeit über die Wahrheit, ersetzten sie also die Kriterien der Wahrheit durch (totales) Engagement, dann verstoßen sie gegen die Idee der Universalität der Vernunft:

Die Idee, dass die Menschheit sich von ihrem geistigen Erbe “befreien” und die “qualitativ andere” Wissenschaft oder Logik begründen solle, ist der Wegbereiter eines bildungsfeindlichen Despotismus. 

Quelle: Leszek Kolakowski: Leben trotz Geschichte 
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