Muss der Versailler Vertrag von 1919 neu bewertet werden?

Von Ralf Keuper
Nicht nur in Deutschland herrscht in vielen Kreisen der Konsens, dass der Versailler Vertrag von 1919 mit den darin festgelegten Reparationszahlungen eine schwere Hypothek für die Weimarer Republik war, die wesentlich zu ihrem Scheitern beigetragen hat. Die festgeschriebenen Zahlungen waren für die deutsche Wirtschaft einfach zu hoch, weshalb sie in den 1920er Jahren nie richtig Tritt fassen konnte; ein Umstand, der Adolf Hitler in die Arme spielte. 
Für besonderes Aufsehen sorgte damals John Maynard Keynes mit seinem Erfahrungsbericht Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags von Versailles. Die Neuauflage vor wenigen Jahren sorgte in den Feuilletons für rege Tätigkeit:
Da kommt Margaret McMillan, eine Urenkelin von Lloyd George, in ihrem Buch Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte, das bereits vor fünfzehn Jahren erschien und erst jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, zu einer anderen Bewertung des Versailler Vertrages. In seiner Besprechung schreibt Ignaz Miller

Der britische Ökonom John Maynard Keynes, der als Vertreter des Schatzamtes der britischen Delegation in Versailles angehört hatte, begnügte sich für sein berühmt gewordenes – und blitzartig ins Deutsche übersetzte – Pamphlet „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ mit Zahlenmaterial, das die deutsche Propaganda in der niederländischen Presse verbreitete. Entsprechend gering war die deutsche Zahlungskraft. Das Deutsche Reich holte jedoch beispielsweise aus dem besetzten Frankreich von 1940 bis 1944 über 600 Milliarden Francs heraus. Also in knapp vier Jahren ein Mehrfaches der gesamten deutschen, auf viele Jahrzehnte angelegten Reparationsverpflichtungen. Dies wird bis heute gerne übersehen.

Notiz am Rande: Nach dem Deutsch-französischen Krieg legte das Deutsche Kaiserreich dem besiegten Frankreich Reparationszahlungen auf, die so hoch ausfielen, dass in Deutschland ein Börsen- bzw. Gründerkrach die Folge war. Auf Wikipedia heisst es dazu: 

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 beschleunigten die umfangreichen Reparationen, die Frankreich an das Deutsche Reich leisten musste, die wirtschaftliche Blüte der Gründerjahre. Ein Teil wurde als Reichskriegsschatz im „Juliusturm“ der Zitadelle Spandau bis 1918 gehortet. Insgesamt musste Frankreich 5 Milliarden Goldfranc an das Deutsche Reich zahlen.

Insofern verständlich, dass vor allem die Franzosen auf hohen Reparationszahlungen bestanden. Die Reparationszahlungen haben den deutschen Staat übrigens noch sehr lange, bis in das Jahr 2010 beschäftigt, wie die Zeit in Deutschland begleicht letzte Schulden aus Erstem Weltkrieg festhielt: 

Mit dem zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung am Sonntag werden letzte Zinszahlungen in Höhe von fast 200 Millionen Euro für Staatsanleihen fällig, die in den zwanziger Jahren aufgelegt wurden, um die Entschädigungszahlungen Deutschlands nach dem Krieg zu finanzieren.

Ob der Versailler Vertrag neu bewertet werden muss, vermag ich abschließend nicht zu beurteilen. Eine der Lehren aus dem Vertrag war jedenfalls, dass die Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg es unterließen, Deutschland mit Reparationszahlungen die Chance zu nehmen, schnell wieder auf die Beine zu kommen, obwohl der Anlass dazu damals weitaus berechtigter gewesen wäre als 1919. 
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