„Spiegel, Schwert und Edelstein. Strukturen des japanischen Lebens“ von Kurt Singer

Von Ralf Keuper

Nur sehr wenige westliche Autoren sind dem Rätsel der japanischen Kultur und der Mentalität der Bewohner Nippons so nahe gekommen wie Kurt Singer.

Sein Buch Spiegel, Schwert und Edelstein. Strukturen des japanischen Lebens hat mittlerweile den Rang eines Klassikers. Für Donald Richie war es das beste Buch, das er jemals über Japan gelesen hatte. Damit steht Singer in einer Tradition, die im Westen mit Engelbert Kaempfer begann, dessen Buch The History of Japan, das 1727 erschien, das Fach der Japanologie begründet hat.

Das Verhältnis der Japaner zum Ich oder zum Selbst, wie auch zur Seele, ist grundverschieden von der Art, wie Bewohner westlicher Länder für gewöhnlich  zu diesen Begriffen stehen:

Die Japaner verstehen sich vorzüglich darauf, den Flug verschiedener Vögel zu beobachten, den Ton verschiedener Regenarten, die Bedeutung eines bestimmten leichten Zuckens der Lippen oder eine kaum merkbare Veränderung des Blickes wahrzunehmen. Doch sich den eigenen Geist und die eigene Seele als eine klar erkenntliche, organisch gegliederte Einheit zu denken, ist der Vorstellung des Japaners ganz und gar fremd. Die buddhistische Lehre hat ihn darin bestärkt, die Existenz einer Seele oder eines Ichs zu leugnen. Gemütszustände, Gefühle, Willensregungen werden als bloße Geschehnisse empfunden, die weder völlig objektiv noch subjektiv sind. Wo das Denken des Japaners sich auf ein individuelles oder kollektives Selbst richtet, neigt er weniger zu Erkenntnis als zu Lob oder Herabsetzung, das erstere meist, wenn es um das nationale Selbst geht, das letztere, wenn es die eigene Person betrifft. (ebd.)

Bemerkenswert ist das Verhältnis der Japaner zum „Geist“, der in der deutschen Philosophie spätestens seit Hegel geradezu monströse Ausmaße angenommen hat. Demgegenüber sind die Japaner der Naturphilosophie treu geblieben, für die Geist und Natur keine Gegensätze sind, womit sie sich in naher Verwandtschaft zu Friedrich Wilhelm Schelling, Johann Georg Hamann, Johann Wolfgang von Goethe und Giordano Bruno befinden.

Das Verhältnis der Japaner zu Denk- und Glaubensrichtungen, die für den Europäer im stärksten Widerspruch zueinander stehen, ist erstaunlich entspannt und unverkrampft. Es oberflächlich zu nennen, würde der japanischen Mentalität nicht gerecht.

Der Widerspruch ist für die Kultur Japans auch noch in anderen Bereichen prägend, wie im Umgang mit dem Licht bzw. der Sonne. Exemplarisch dafür ist auch Lob des Schattens – Entwurf einer japanischen Ästhetik von Tanizaki Jun’ichirō.

Dieser Beitrag wurde unter Ästhetik und Kunst, Soziologie abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.